Am alten Bahndamm

WELT IN WIEN (1) Manche Wiener Straßen schauen aus, als lägen sie ganz woanders. Zum Beispiel in Belgrad. JOSEPH GEPP

Wenn der Tag heiß ist, dann flimmert die Luft über den herankommenden Zügen. Bevor sie im Bahnhof einfahren, knarren die Weichen leise. Die Straße neben dem Bahndamm fällt leicht ab, aus den Fugen ihrer Kopfsteinpflaster wächst Gras. Links steht ein Gebäude, das aussieht wie eine Fabrik, die ihre produktivsten Tage lang hinter sich hat. Wenn ein Zug vorbeifährt, vibrieren die maschendrahtverstärkten Fenster ein wenig. Ein zweites Haus, verfallen, Industriestil aus dem 19. Jahrhundert, steht rechts auf der anderen Seite der Bahntrasse. Keinen Meter liegt es von den Schienen entfernt. Sein Putz bröckelt. Aus einem der eingeschlagenen Fenster wächst Efeu, breitet sich über die Fassade aus und reicht bis nach unten an den Rand der Gleise.

Bestimmte Städte haben bestimmte Merkmale. Steile Dachmansarden und schmale französische Balkone kennzeichnen Paris. Belebte gotische Gässchen, die so gewunden sind, dass der Blick nie weiter als 20 Meter reicht, sind Barcelona. Gründerzeitzeilen sind Wien. Und die Obere Viaduktgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, keine zehn Gehminuten von der Innenstadt entfernt, ist Belgrad.

Obere Viaduktgasse wie Belgrad sind heruntergekommen, aber nicht hässlich. Das vorstädtisch wirkende Gässchen ist nur postindustriell, und das macht es sogar idyllisch. Die Fabrik ist gar keine Fabrik, sondern – wie sich beim Nachfragen herausstellt – eine Parkgarage. Die erste, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt errichtet wurde, wie der exjugoslawische Aufpasser stolz erzählt. Er kassiert die Benutzungsgebühren händisch, eine automatische Schranke existiert nicht. „Eine Stunde Parken – ATS 24,-“ steht auf einem Transparent über den drahtverstärkten Fenstern.

Was ist Belgrad? Alte Straßen, die sich hinunterwinden in Richtung Donau und Save. Heruntergekommene gründerzeitliche Wohnhäuser. Fabrikshallen und Verkehrsinfrastruktur, die man nicht mehr braucht, weil sie zu groß konzipiert wurden für ein klein gewordenes Land. Zwecklos nach langem Gebrauch.

Neben der Oberen Viaduktgasse, wo heute die Schnellbahn verkehrt, fuhr einst die Stadtbahn. Ein paar Häuser weiter unten beginnen ihre Bögen, auf die sich der Straßenname bezieht. Hier oben allerdings gleichen sich Straßen- und Bahnniveau an, der Zug ist schon auf halbem Weg in die unterirdische Station Landstraße. Auf den steinernen Sockeln, die die Trasse von der Straße trennen, rosten die Stromkästen. Grau sind die Fassaden, unrepräsentativ die Häuser in der Oberen Viaduktgasse. Sie bildet eine Art Grenze zwischen der Bahntrasse und dem Rest des Bezirks. Wo Züge donnern, dort will man nicht leben. Gegenüber, auf der anderen Seite des Bahndamms, liegt die Untere Viaduktgasse. Sie schaut nicht viel anders aus.

Die neue „Falter“-Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Berlin

Erschienen im Falter 29/08

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