Monatsarchiv: August 2008

Petite Paris

WELT IN WIEN (3) Ganz schön pompös: Wie eine Seitengasse des 12. Pariser Arrondissements nicht ganz zufällig nach Wien-Wieden kam. JOSEPH GEPP

Über die steilen Mansarden und schmalen Balkone, die typisch für die französische Hauptstadt sind, war an dieser Stelle schon die Rede. Wer sich in Paris aufhält, kann aber gar nicht festmachen, worin sich der ganz eigene Stil dieser Stadt ausdrückt. Es sieht ja alles gleich aus. Wenn sich dagegen ein Haus à la française nach Wien verirrt, bildet es unter tausenden eine Ausnahme – und sein Stil lässt sich sofort beschreiben: meterhohe Fenster, davor die obligaten kleinen Balkongitter aus verschnörkeltem Gusseisen, oft mit vergoldeten Blumenornamenten darüber. Das Dach, das bei Wiener Häusern nur über seinen Nutzwert definiert zu sein scheint, dient in Frankreich der Repräsentation: Große runde Fenster zieren seine Schrägen, selbst die Rauchfänge ragen wie stolze Masten aus dem Häusermeer. Und eine weitere Pariser Eigenheit: Das eiserne Tor vor jedem großen Haus ist oft das auffälligste Element am ganzen Arrangement. Tausend Verästelungen, Verstrebungen und Ornamente. Die Schwelle in ein anderes Reich. Dagegen dient das Wiener Tor nur zum Durchfahren.

Paris in Wien liegt an der Technikerstraße, benannt nach der nahegelegenen TU am Karlsplatz, auf der Wieden. Dort steht die französische Botschaft. Die Anmutung ist also kein Zufall. Als Georges-Paul Chedanne das Haus im Jahr 1901 konzipierte, kritisierte man laut Botschaft, dass es „nicht zu seinem habsburgischen Umfeld“ passe.

Doch nicht nur dieses Gebäude macht die Technikerstraße so pariserisch. Die Gründerzeitzeile auf der gegenüberliegenden Straßenseite, diesmal wienerisch, ist prachtvoll wie kaum eine außerhalb der Ringstraße – schließlich war es immer schon Statussymbol, im Botschafterviertel zu wohnen. Und wer in Richtung Schwarzenbergplatz blickt, bleibt an einer weiteren pompös-gründerzeitlichen Kolonnade hängen. Breite Toreinfahrten, dicke Balustradenreihen und imperiale Blickachsen kennzeichnen Paris – und die Technikerstraße. Von ihren beiden Fahrspuren liegt eine tiefer als die andere, dazwischen verläuft ein altes Eisengitter. Dieses Geländer müsste noch steinern und möglichst mit irgendwelchen Statuen verziert sein, es wäre ein idealtypisches Seitengässchen im zentrumsnahen Paris, beispielsweise im 12. Arrondissement, in der Nähe der Place de la Nation.

Die Wiener Entsprechung zum Place de la Nation – auf dem eine üppige Frauenstatue die französische Nation symbolisiert – wäre in diesem Fall der Schwarzenbergplatz. Dort steht das im Sowjetstil gehaltene Russendenkmal mit seinen schroffen Formen und kyrillischen Lettern. Und schon ist man in Nowosibirsk.

Die Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Bukarest

Erschienen im Falter 31/08

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Weit im Norden

WELT IN WIEN (2) Bäume, Änderungsschneidereien und New-Age-Puffs. Die Stuwerstraße ist ein Stück Berliner Arbeiter-Kiez. JOSEPH GEPP

Bäume am Straßenrand können eine Stadt prägen. Im Herbst oder bei Wind landen ihre Blätter auf den Straßen, die dadurch immer etwas ungepflegter wirken als ihre baumlosen Pendants. Wenn die Blätter oben bleiben, dann überdachen Bäume die Stadt, und ihre Schatten liefern sich wilde Schlachten mit dem vereinzelt durchdringenden Sonnenlicht. Wer in unteren Etagen wohnt, muss für den Blick ins Blattgrüne weniger Licht in Kauf nehmen. Und Bäume verbreitern Straßen: Wenn zwischen Gehsteigkante und Fahrbahn ein Baum steht, dann braucht er Platz. In Alleen stehen parkende Autos quer, in baumlosen Straßen parallel zur Gehsteigkante. Wer in einer Allee lebt, wird die Straßenschlucht nicht als beengend empfinden.

Wien ist im Allgemeinen eine Stadt ohne Bäume am Straßenrand. Dafür sind die Straßen zu schmal und zu wenig gerade. In gründerzeitlichen, aus Zinshausblocks zusammenkomponierten Berliner Arbeitervierteln hingegen – etwa Kreuzberg, Schöneberg oder Neukölln – findet man die Alleen häufiger. Oder im Wiener Stuwerviertel, das aussieht, als hätte man ein Stück Schöneberg (vielleicht die Stelle, wo der Flughafen Tempelhof steht) herausgeschnitten und eins zu eins nach Wien übertragen.

Seine Hauptstraße, die Stuwerstraße, ist Berliner Kiez schlechthin – und das nicht nur wegen der Bäume und querstehenden Autos: Aneinandergereihte schmucklose Häuserfassaden und Geschäftsschilder wie „Änderungsschneiderei“ oder „Videoteka“ vermitteln eine fast dörfliche Atmosphäre. Ein Kind fährt mit einem Dreirad zwischen parkenden Autos umher, zwei ältere Männer genehmigen sich in einem Schanigarten ein vormittägliches Bier. In der Nähe liegt eine serbische Fleischerei, vor der sich der dicke Chef im blutverschmierten Kittel lachend mit einem Kunden unterhält. Vielleicht macht die isolierte Lage das Viertel so dörflich: Im Westen und Osten liegen Lasalle- und Ausstellungsstraße, im Norden die Donau, im Süden der Moloch Praterstern. Berlin wirkt ja auch nicht wie eine homogene Stadt, sondern eher wie eine Ansammlung isolierter Orte mit jeweils starkem Eigenleben.

Dabei steht die Stuwerstraße im Bewusstsein der Wiener gar nicht für Dorfatmosphäre, sondern für illegale Prostitution. Auch das ist unübersehbar: Ein Herz aus rotem Buntpapier klebt hinter der Scheibe einer Eingangstür, daneben formen ungeschickt ausgeschnittene Lettern „Top 1“. Nebenan verrät eine Aufschrift über einem Schaufenster ungewollt etwas über die jüngere Geschichte der Straße und ihrer Umgebung: Die hellen Stellen auf einem Blechschild deuten noch auf das Wort „Friseur“ hin. Darüber steht „Salon Angelika“, doch auch dieser Schriftzug blättert schon ab. Und darüber wiederum: „Royal Thai Massage Energetik Institut“. Sogar das Puff schmückt sich heute schon mit den Reizwörtern von New Age und fernöstlicher Ganzheitlichkeit. Aber so was gibt es in Berlin sicher auch.

Die „Falter“-Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Paris

Erschienen im Falter 30/08

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Am alten Bahndamm

WELT IN WIEN (1) Manche Wiener Straßen schauen aus, als lägen sie ganz woanders. Zum Beispiel in Belgrad. JOSEPH GEPP

Wenn der Tag heiß ist, dann flimmert die Luft über den herankommenden Zügen. Bevor sie im Bahnhof einfahren, knarren die Weichen leise. Die Straße neben dem Bahndamm fällt leicht ab, aus den Fugen ihrer Kopfsteinpflaster wächst Gras. Links steht ein Gebäude, das aussieht wie eine Fabrik, die ihre produktivsten Tage lang hinter sich hat. Wenn ein Zug vorbeifährt, vibrieren die maschendrahtverstärkten Fenster ein wenig. Ein zweites Haus, verfallen, Industriestil aus dem 19. Jahrhundert, steht rechts auf der anderen Seite der Bahntrasse. Keinen Meter liegt es von den Schienen entfernt. Sein Putz bröckelt. Aus einem der eingeschlagenen Fenster wächst Efeu, breitet sich über die Fassade aus und reicht bis nach unten an den Rand der Gleise.

Bestimmte Städte haben bestimmte Merkmale. Steile Dachmansarden und schmale französische Balkone kennzeichnen Paris. Belebte gotische Gässchen, die so gewunden sind, dass der Blick nie weiter als 20 Meter reicht, sind Barcelona. Gründerzeitzeilen sind Wien. Und die Obere Viaduktgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, keine zehn Gehminuten von der Innenstadt entfernt, ist Belgrad.

Obere Viaduktgasse wie Belgrad sind heruntergekommen, aber nicht hässlich. Das vorstädtisch wirkende Gässchen ist nur postindustriell, und das macht es sogar idyllisch. Die Fabrik ist gar keine Fabrik, sondern – wie sich beim Nachfragen herausstellt – eine Parkgarage. Die erste, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt errichtet wurde, wie der exjugoslawische Aufpasser stolz erzählt. Er kassiert die Benutzungsgebühren händisch, eine automatische Schranke existiert nicht. „Eine Stunde Parken – ATS 24,-“ steht auf einem Transparent über den drahtverstärkten Fenstern.

Was ist Belgrad? Alte Straßen, die sich hinunterwinden in Richtung Donau und Save. Heruntergekommene gründerzeitliche Wohnhäuser. Fabrikshallen und Verkehrsinfrastruktur, die man nicht mehr braucht, weil sie zu groß konzipiert wurden für ein klein gewordenes Land. Zwecklos nach langem Gebrauch.

Neben der Oberen Viaduktgasse, wo heute die Schnellbahn verkehrt, fuhr einst die Stadtbahn. Ein paar Häuser weiter unten beginnen ihre Bögen, auf die sich der Straßenname bezieht. Hier oben allerdings gleichen sich Straßen- und Bahnniveau an, der Zug ist schon auf halbem Weg in die unterirdische Station Landstraße. Auf den steinernen Sockeln, die die Trasse von der Straße trennen, rosten die Stromkästen. Grau sind die Fassaden, unrepräsentativ die Häuser in der Oberen Viaduktgasse. Sie bildet eine Art Grenze zwischen der Bahntrasse und dem Rest des Bezirks. Wo Züge donnern, dort will man nicht leben. Gegenüber, auf der anderen Seite des Bahndamms, liegt die Untere Viaduktgasse. Sie schaut nicht viel anders aus.

Die neue „Falter“-Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Berlin

Erschienen im Falter 29/08

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Der Zauberwald

NATUR Abgelegene Lacken, versteckte Lager, nackte Menschen. Die Lobau ist die große Auwildnis am Rand von Wien. Wen zog und zieht der Dschungel an? Eine Spurensuche. JOSEPH GEPP

Dieses Lager scheint schon lange kein Mensch mehr betreten zu haben. Ein kleiner Trampelpfad führt ins Gestrüpp. Man steigt über einen umgestürzten Baum und umrundet ein Brennnesselbeet. Der Pfad mäandert durchs Dickicht und verliert sich alle paar Meter, um ein Stück weiter neu zu beginnen. Er endet bei einer ausgebleichten Zeltplane am Waldboden, beschwert mit Steinen, bedeckt von herabgefallenen Ästen und Blättern. Daneben eine zweite Plane, unter der Speiseölkanister, Einmachgläser, Konservendosen und vom Regenwasser aufgeweichte Toastpackungen hervorlugen. Weit und breit ist niemand zu sehen. Nichts deutet darauf hin, in letzter Zeit jemand hier war. Wer hat sich hier auf einen längeren Aufenthalt eingestellt? Eine Pfadfindergruppe, die eines ihrer Zelte vergessen hat? Das Bundesheer, als es noch hier trainierte? Oder jemand, der vor irgendetwas auf der Flucht war?

Groß, wild und streckenweise fast undurchdringlich ist die Lobau, die Auwildnis am Rand von Wien. Das Lager ein zweites Mal zu finden, wäre schwierig. Von der Dechantlacke, einem idyllischen Teich am Rand der Au, führen viele Wege ins Waldinnere. Kleinere Wege zweigen von ihnen ab, sie führen zu noch kleineren Trampelpfaden. Einer davon, kaum sichtbar, weist den Weg zum Lager. Wer auch immer hier war, er konnte sich fast sicher sein, niemanden sonst zu treffen.

Die Lobau ist dort, wo auf Stadtplänen oft das Wort „Wien“ steht, weil sie so groß und leer ist. Seit 1996 Teil des Nationalparks Donau-Auen, umfasst sie 2300 Hektar, das entspricht etwa der Größe von Simmering. Vor der Donauregulierung 1875 war sie eine Insel zwischen mäandernden Donauarmen. Wer die markierten Pfade verlässt und sich in die Wildnis vorwagt, dem scheint es bald unvorstellbar, sich in der Nähe einer Millionenstadt zu befinden. Das Läuten des Handys scheint hier wie der akustische Angriff aus einer fremden Welt. Das permanente Schwirren, Zirpen, Flattern, Plätschern, Zwitschern und Blätterrauschen formt einen monotonen Einheitston. Sumpfige Pfade führen zu ausgetrockneten Flussarmen und großflächigen, wild wuchernden Wiesen. Je weiter man vordringt, desto weniger Menschen trifft man. Bis einem irgendwann gar keiner mehr begegnet. Dann beginnt man auf den Weg zu achten, um auch wieder zurückzufinden. Zeitungen berichteten in den 70er-Jahren von einem 16-jährigen Schweizer Lehrling namens Markus Degen. Er hatte sich in der Lobau verirrt. Erst nach drei Tagen hörte die Besatzung eines russischen Donaudampfers seine Hilferufe.

„Die Wildnis steht für etwas Irreguläres und zieht irreguläre Existenzen an“, sagt der Lobau-Experte Fritz Keller, der sich in seinem Buch „Die Nackerten von Wien“ mit der Sozialgeschichte der Au beschäftigt hat. „Im Dschungel kann man sich verstecken. Jugendbewegungen und politische Aktivisten nutzten das für ihre Zwecke. Gesellschaftliche Experimente konnten hier ungestört durchgeführt werden.“ Die Wildnis war Refugium für all jene, die das System nicht brauchte – oder die vom System ungestört bleiben wollten: Räuberbanden im Mittelalter, Arbeitslose in der Zwischenkriegszeit, Sozialisten und Schutzbündler im Ständestaat, flüchtige Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg, rechte Politsekten. Menschen, denen die Zivilisation zur Gefahr wurde, fanden ebenso in die Lobau wie Zivilisationsüberdrüssige. Wie etwa die Nudisten, die sich hierher zurückzogen, als das Nacktbaden noch streng verboten war.

Bis heute prägen die Nackten das Bild der Lobau. Sie sitzen rund um die Dechantlacke, spielen Volleyball, jausnen. Eine Großfamilie breitet ganze Billa-Sackerln voll Essen auf einem Campingtisch aus. Ein dicker Wiener küsst eine dünne Thai-Frau. Tiefer im Wald haben Nudisten gar ständige Lager aufgeschlagen: Weitab von den stark frequentierten Plätzen baumeln zwischen Bäumen zwei verwaiste Hängematten, daneben lehnt ein Sonnenschirm. Die Besitzer scheinen an jedem warmen Wochenende wiederzukommen. An der Panozzalacke sitzen verstreut Ausflügler auf kleinen Schilfmatten und lesen. Sie verkörpern einen anderen Typ Lobauaner als jene an der Dechantlacke: Ihre Fahrräder liegen unabgesperrt neben ihnen im Schilf. Vollbärte und Birkenstock-Schlapfen lassen auf eine Sozialisation im Kampf gegen die Kraftwerke Zwentendorf und Hainburg schließen.

Die Nackten von der Lobau haben eine lange Geschichte. „Angefangen hat es mit den Reaktionären, deren Körperbewusstsein oft rassistisch gemeint war. Dann kam die Aussteiger- und Reformbewegung. Und dann, in der Ersten Republik, kamen die Linken“, erklärt Fritz Keller. Die Linken zogen sich nicht nur in die Lobau zurück, um ungestört zu baden. Als Sozialisten und Kommunisten nach dem Bürgerkrieg 1934 in die Illegalität gedrängt worden waren, traf man sich auch in der Lobau, um Blitzaktionen und Kundgebungen zu koordinieren. Jenny Strasser, heute 95 Jahre alt, nahm als Aktivistin des sozialdemokratischen Schutzbundes an derartigen Aktionen teil. Zugeteilt sei sie, damals 23, dem parteieigenen „Nachrichtendienst“ gewesen, erzählt sie. Er befasste sich mit dem Ausspionieren der Behörden des austrofaschistischen Ständestaats. „Wir trafen uns auf der Hirscheninsel, fast jeden Tag im Sommer, das waren oft viele hundert Leute, 90 Prozent davon Rote“, erzählt Strasser, die heute in einem Pensionistenheim in Währing lebt. „Die Nazis trafen sich woanders, in der Kuchelau.“ Die Kuchelau liegt in Döbling am Nordrand der Stadt, die Hirscheninsel im Süden der Lobau musste später der Donauinsel weichen. „An heißen Tagen haben wir uns bei der Stadlauer Brücke in die Donau geworfen und vom Strom bis zur Lobau tragen lassen. Dort haben wir russische Kampflieder gesungen, viel diskutiert und unsere Aktionen geplant.“ Wie sahen diese Blitzaktionen aus? Jenny Strasser redet klaren Blickes und voller Begeisterung: „Sie dauerten meistens nur fünf Minuten. Verschiedene Aktivisten kamen über verschiedene Straßen an einem bestimmten Platz, zum Beispiel am Nestroyplatz, zusammen. Alles war vorab abgesprochen. Dann hielt einer eine schnelle Rede, zwei rollten ein Transparent aus, Flugzettel wurden ausgeteilt. Wenn die Polizei gekommen ist, waren wir schon wieder weg, in verschiedene Richtungen. Auch das war vorher ausgemacht.“ Schon ihre Eltern seien Sozialisten gewesen, erzählt die alte Frau, und sie selbst habe den „Scheiß-Dollfuß“ nie gemocht: „Wir haben dann in der Lobau darüber geredet, was man gegen dieses System tun kann. Zwei Leute gingen zum Beispiel auf Spionagetour, immer ein Mann und eine Frau, damit man sich bei Polizeikontrollen als Liebespaar ausgeben konnte. Einmal haben wir dabei gesehen, wie spätnachts sackweise Briefe vom Postamt zur Polizeistation gebracht wurden. Die Polizei wollte sie also vorher lesen. Am nächsten Tag stand das dann in der damals noch nicht verbotenen Arbeiterzeitung.“ In der Lobau traf sich das ganze linke Spektrum, auch Kommunisten hatten sich unter die Schutzbund-Funktionäre gemischt. „Die Kommunisten waren aber unzuverlässig. Sie ließen gemeinsam vereinbarte Aktionen regelmäßig platzen. Und wenn wir in der Lobau diskutierten, dann waren sie viel zu dogmatisch. Die sagten dann immer: Bei Lenin, Seite 26, vierte Zeile von unten, steht das oder das.“ Am 12. März 1938, als die Nazis einmarschierten, stand Jenny Strasser am Praterstern. Bald darauf floh sie mit ihrem Mann in die Schweiz und nach Frankreich. Nach Kriegsende 1945 hat sie die Lobau nie mehr betreten.

Die Nationalsozialisten errichteten in der Lobau einen großen Hafen zur Lagerung und Verteilung von Erdöl, der bis heute existiert. Noch immer stehen die Betonbunker im Wald, die den Wachmannschaften bei Bombenangriffen als Unterstand dienten. Heute bedeckt sie meterhohes Gestrüpp. Zum Bau des Ölhafens wurden Zwangsarbeiter herangezogen. „Das waren hauptsächlich russische Kriegsgefangene und ungarische Juden“, sagt Robert Eichert, Lokalhistoriker und grüner Bezirksrat im 22. Bezirk. Die nationalsozialistischen Machthaber wollten die Lobau in einen wichtigen Knotenpunkt verwandeln: Neben dem Ölhafen wurde – ebenfalls mit Zwangsarbeitern – mit dem Bau eines großen Schifffahrtskanals begonnen. Er sollte, von der Lobau ausgehend, die Donau mit der Oder im heutigen Polen verbinden. 1943 wurde das Projekt kriegsbedingt eingestellt. Die wenigen tatsächlich gebauten Kilometer reichen über die Lobau bis an den Rand des Marchfelds. Heute dienen die überwachsenen, rechteckigen Seen als abgelegene Bade- und Angelplätze. „Wer vom Donau-Oder-Kanal in die Au wandert, der findet noch die Grundmauern der Baracken, wo die Zwangsarbeiter einquartiert waren“, sagt Eichert. „Bei den kleinen ist ein Luftschutzbunker dabei. Das waren die Behausungen der Wachen. Bei den großen fehlt der Bunker. Dort waren die Zwangsarbeiter. Mehrmals zerstörten Luftangriffe den Stacheldraht, dann sind viele der Gefangenen in den Wald geflohen.“

Die Dichte der Au bot Schutz, und Einheimische versorgten die ausgehungerten geflohenen Zwangsarbeiter manchmal mit Lebensmitteln. Der menschenleere Wald wurde zu ihrem Versteck, wie er vorher jenes der Schutzbündler gewesen war. Rechte wie Linke, Gefangene wie Aussteiger entdeckten im Lauf der Zeit die Au für sich. Der Historiker Friedrich Heller schreibt von Räuberbanden und Kirchenabtrünnigen, die schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Lobau ihre Stützpunkte hatten. Viel später, nach dem Ersten Weltkrieg, waren es Arbeitslose, die in den Wald zogen. Die „Ausgesteuerten“ – jene, die das Recht auf staatliche Stütze verloren hatten – bauten am Aurand Hütten und versuchten sich in der Landwirtschaft. Wenn ein Schiff die Donau passierte, dann schöpften sie das angesammelte Fett von der schmutzigen Wasseroberfläche ab, sammelten es in Fässern und verkauften es für wenig Geld an Fuhrleute, die es an Seifensieder weiterreichten. Im Jahr 1926 propagierten linksorientierte Zeitungen das Konzept der „Kolonien in der Heimat“. Das Land war verarmt, Zehntausende wollten aus Perspektivlosigkeit auswandern – stattdessen sollte man doch brachliegendes Land in Österreich urbar machen, lautete die Idee. Die Kampagne hatte Erfolg: Im Jahr darauf wies die Gemeinde den Arbeitslosen 104 Hektar am Biberhaufenweg, am Rand der Lobau, zu. Dort bauten die Ausgesteuerten kleine Holzhütten. In einem nahegelegenen Gasthaus wurde im Wäschetopf Einbrennsuppe für die Pioniere zubereitet. Zu legalen Siedlungen gesellten sich illegale, zu den Österreichern kamen Roma und Sinti. Am Biberhaufenweg, wo heute ein adrettes vorstädtisches Schrebergartenviertel liegt, entstanden solcherart die „Wiener Favelas“, wie sie der Historiker Fritz Keller bezeichnet. Alte Fotos erwecken tatsächlich diesen Eindruck: improvisierte Wellblechhütten, Wohnwägen, Autowracks. Dem Elendsviertel war ein langes Leben beschert: Laut Friedrich Heller stand der „Slum von Wien“ noch bis Anfang der 70er-Jahre.

Später ersetzten Wochenendhäuschen die Armensiedlungen, und vom Elend ist heute nichts mehr zu sehen. Menschen, die im zivilen Leben Hausmeister oder Biologielehrer sein könnten, aalen sich nackt in der Sonne. Donaustädter polieren Autos und lassen ihre Hunde im Wasser pritscheln. Die Abgeschiedenheit des Waldes wirkt heute nur noch idyllisch. Das größte Medienecho der vergangenen Jahre habe es gegeben, als eine Joggerin vor drei Jahren von einem Biber gebissen worden sei, erzählt Gottfried Haubenberger von der Lobauer Forstverwaltung. Der Biber sei davor aus seinem Rudel verstoßen worden. „Schwerst indigniert und erbost hat er dann der älteren Dame in die Fingersehne gebissen“, erzählt der Forstmeister.

Nicht immer ging es so harmlos zu. In den 20er-Jahren wollte ein verarmter Offizier der k. u. k. Armee, von der Lobau ausgehend, einen eigenen Staat gründen. Peter Waller, vermutlich psychisch labil, gestorben 1971, scharrte in einem Zeltlager ein paar Anhänger um sich und gründete die „Asen“, eine rechte Polit-Sekte. Ihre Kunstsprache „Hewua“ hätte sich über kurz oder lang über die ganze Welt ausbreiten sollen. Die Kampftruppe der Sekte trug bunte Fantasieuniformen hieß auf Hewua „Wardanieri“. Waller selbst verlieh sich den erfundenen Titel „Wodosch“. Ein Buchumschlag aus dem Jahr 1929 skizziert das projektierte Reich des selbsternannten Stifters einer neuen Weltordnung: das „deutsche Morgenland“ Ostniederösterreich und Burgenland rund um die Hauptstadt „Ormanjelo“, ein Zeltlager in den Donau-Auen. Zeitungen bescheinigten Waller in den 20er-Jahren die rhetorischen und manipulativen Fähigkeiten von Benito Mussolini. Ormanjelo sollte für Peter Waller, den „Wodosch aller Asen“, allerdings nur der Anfang sein: Im Mai 1928 zogen ein paar hundert Wardanieri gen Süden. Im heutigen Äthiopien wollten sie ein von Waller proklamiertes neues gelobtes Reich gründen. Tage später hatte sich der zerlumpte und halbverhungerte Zug Asen auf einige Dutzend Menschen reduziert. Die Wardanieri waren bis zur italienischen Grenze gekommen. Der Zöllner ließ sie nicht passieren.

Auf in die Lobau!
Seit 1996 ist die Lobau Teil des Nationalparks Donauauen mit Badeseen, Bibern und Wasserwald. So kommt man hin. Panozzalacke: Linie 91A bis Lobgrundstraße; Dechantweg: Linie 91A bis Roter Hiasl. Hier ist auch das Nationalparkhaus (Tel. 4000-49495, Mi-So 10-18 Uhr). Das Forstamt der Stadt Wien bietet Führungen und Exkursionen an (Tel. 02249/23 53), das Nationalparkboot fährt täglich um 9 Uhr vom Donaukanal in die Lobau (Anlegestelle: 2., Salztorbrücke; Anmeldung: Tel. 4000-49480).

Erschienen im Falter 29/08

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Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Stadtleben, Wien

Alles privat?

AFFÄRE Die Pratervorplatzfirma Explore 5D hat Insolvenz angemeldet. Was mit den betroffenen Kleinunternehmen passieren soll, ist unklar. JOSEPH GEPP

Nach fünf Jahren Praterdebatte kann die Stimmung schon manchmal heiß werden. Josef Hafner, Geschäftsführer der Wiener Bühnenausstattungsfirma Gerriets, klingt zornig: Heilfroh sei er gewesen, als sein Betrieb den Auftrag zur Ausgestaltung des neuen Pratervorplatzes bekam. „Es war von der Stadt. Es war ein großes Projekt. Und es sollte schnell gehen wegen der EM. Wir haben deshalb gute Kunden benachteiligt. Und jetzt sagt die Stadt: Ihr müssts halt schauen, wies zu eurem Geld kommts.“

„Wenn der Auftrag von der Stadt kommt, dann verzichtet man halt auf die branchenüblichen Sicherheiten“, sagt auch Markus Tripolt von der Fassadenmalfirma vol:vox. Dieser Verzicht fällt den Subunternehmern nun auf den Kopf: Rund 15 von ihnen hat die Planungsfirma Explore 5D mit Aufträgen beim Bau des umstrittenen neuen Pratervorplatzes (siehe Falter 18/08) bedacht. Nun wurde das Ausgleichsverfahren gegen die Firma eröffnet. Der Totalunternehmer ist pleite. Und die kleinen Firmen, die beim Bau mithalfen, bangen um ihre Existenz.

Und die Stadt? Die will – vorläufig – von den Nöten der Firmen wenig wissen. „Zu den Firmen stehen wir in keinem Vertragsverhältnis“, schreibt Georg Wurz, Geschäftsführer der stadteigenen Riesenradplatz Errichtungs GmbH, in einem knapp gehaltenen Mail an die Unternehmer. Das stimmt zwar, aber vieles lässt darauf schließen, dass die Stadt trotzdem Verantwortung für die kritische Situation trägt: Rund die Hälfte der Baukosten von 32 Millionen Euro kommt aus dem Gemeindebudget. Die Grundfläche ist Stadteigentum. Das Projekt wurde auf einer städtischen Pressekonferenz erstmals vorgestellt. Und vor allem: Die nun zahlungsunfähige Explore 5D – eine Firma, deren bisherige Projekte allesamt in Konkurs gegangen waren – wurde ohne Ausschreibung zum Totalunternehmer, per Entscheidung von Vizebürgermeisterin Grete Laska. Eine Leasingtocher der Volksbankgruppe fungierte als offizieller Auftraggeber.

„Der neue Zugangsbereich zum Prater stellt bereits in der Bauphase einen nicht unwesentlichen wirtschaftlichen Faktor dar“, hatte die SPÖ Wien noch im Oktober 2007 stolz bekannt gegeben. Jetzt scheitert die Betreiberfirma – und die Subunternehmer stehen mit leeren Händen da. 40 Prozent der Auftragssummen innerhalb zweier Jahre hat ihnen Explore 5D angeboten. „Das ist zu wenig. Für die meisten von uns wäre das existenzgefährdend“, sagt Markus Tripolt. Er und die anderen Geschäftsführer fordern nun einen runden Tisch mit allen Beteiligten. Grete Laska hat immerhin einem „Informationsgespräch“ zugestimmt, das nach Redaktionsschluss des Falter stattfinden soll. „Die Stadt putzt sich ab und lässt die Unternehmer im Regen stehen“, sagt Sabine Gretner, Planungssprecherin der Wiener Grünen, die nun einen Misstrauensantrag gegen Laska einbringen wollen. „Wir würden einfach gern wissen, wo das ganze Geld von der Gemeinde hingekommen ist.“

Erschienen im Falter 26/08

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Prater

Zonengrenze

REPORTAGE Ohne massiven Polizeieinsatz hätten Türken und Kroaten einander letzten Freitag in Ottakring möglicherweise die Schädel eingeschlagen. So schnell kann Spaß in Gewalt übergehen. JOSEPH GEPP

Gerade noch, Minuten zuvor, waren sie Freunde gewesen, hatten gemeinsam auf Tischen getanzt und ihre Fahnen lachend zusammengeknüpft, hatten aus derselben Bierflasche getrunken und ein schönes Fest gefeiert. Jetzt fragt ein Bursche, kaum älter als zehn Jahre: „Hast du Flasche?“ Mehr als genug davon liegen auf der Ottakringer Straße herum. Der Kleine hebt eine auf, nimmt Anlauf und schleudert sie mit aller Kraft in Richtung Yppenplatz, wo die Türken stehen. Gleich darauf springt er in einen Torbogen, um dem Flaschenhagel von der anderen Seite auszuweichen. Der Bursche trifft sein Ziel nicht, denn ein Kordon aus 50 Polizisten steht ihm gegenüber. Dahinter liegen 20 Meter umkämpftes Niemandsland, auf dessen anderer Seite sich wiederum Polizisten befinden, die die Türken zurückhalten. Die Flasche zerschellt im Zwischenraum. Ihre Scherben prallen an den Schutzhelmen der Polizisten ab. „Scheiß Islam. Hurensöhne“, schreien die jungen Kroaten. Alte Feindschaften kommen wieder hoch.

Einige Minuten haben gereicht, um in der letztwöchigen Freitagnacht ein friedliches und freundschaftliches Fest in eine Gewaltorgie zu verwandeln. Es war ein spannendes Spiel. Als die kroatische Mannschaft in der 119. Minute ein Tor schießt, hält die ganze Ottakringer Straße – mittlerweile als „inoffizielle Fanzone“ bekannt – den Atem an. Dort stehen vornehmlich Kroaten. Große Menschentrauben verfolgen das Match auf kleinen Fernsehschirmen, das Bier wird heute auf der Straße gezapft, junge Österreicher mischen sich unter die euphorisierten Fans. Eine Minute bleibt jetzt bis zum Abpfiff. Der Einzug ins Halbfinale scheint sicher. Aber während die Fußballfans im rot-weißen Schachbrettmuster schon über den Sieg jubeln und erste Feuerwerke den Himmel erhellen, schießen die Türken den Ausgleich. Es folgt das Elfmeterschießen, und am Ende steht fest, womit nur wenige gerechnet haben: 3:1 für den Außenseiter Türkei. Kroatien ist draußen.

Die Polizei hat wohl mit Zusammenstößen nach dem Spiel gerechnet. Obwohl beteuert wird, dass es voraussichtlich zu keinen Ausschreitungen kommen werde, sperrt sie schon untertags das Viertel fein säuberlich entlang ethnischer Grenzen ab. Provisorische Checkpoints werden errichtet: Ottakringer Straße und Veronikagasse für die Kroaten, Brunnengasse und Yppenplatz für die Türken. Dazwischen stehen Polizisten an Metallbarrieren und unterziehen jeden Fan-T-Shirt-Träger nichtdeutscher Muttersprache einer peniblen Gesichtskontrolle.

Die Nationalitäten finden trotzdem zueinander. Zwar dominieren die Kroaten ebenso eindeutig die Ottakringer Straße wie die Türken den Yppenplatz, aber während des Spiels mischen sich die Gruppen. Wer zu diesem Zeitpunkt sieht, wie sie miteinander jubeln und einander herzen, könnte sich keine Ausschreitungen vorstellen. Doch die letzten Minuten des Spiels scheinen für manches patriotische Herz zu viel: Nach dem Match stürmen Kroaten in Richtung türkische Zone. Drüben, in der Brunnengasse, sind die Türken mittlerweile unter sich – und feiern. Alte Frauen mit Kopftüchern jubeln und umarmen Fremde; Trommler und Flötenspieler marschieren in spontanen Prozessionen durch die Straßen; Kinder recken ihre roten Stirnbänder mit aufgesticktem Halbmond in die Höhe. Wie zum Schutz des fröhlichen Treibens hat sich eine Hundertschaft junger Männer am Rand der türkischen Zone versammelt. Ihnen gegenüber stehen die Kroaten. Die Polizei verhindert einen Zusammenprall.

Dann fliegen Flaschen und Pflastersteine in beide Richtungen. Ein Wohnungsfenster, aus dem eine türkische Fahne hängt, zersplittert. „Tötet die Türken“, schreien Kroaten. Ein Kellner kommt aus einem kroatischen Lokal, stellt sich der Menge entgegen und schreit: „Reißt euch zusammen! Was sollen die Leute von euch denken.“ Er appelliert an ihr nationales Selbstwertgefühl: „Ihr seid Kroaten!“ Doch seine Rufe hallen ebenso ins Leere wie die vieler anderer, die missbilligend den Kopf schütteln oder entnervt das Feld räumen. In dieser Nacht gehört die Straße den Gewaltbereiten. Wenn die Polizei sie abdrängt, ziehen sie in der nächsten Gasse gegen den Gegner. Um sich vor den Flaschen zu schützen, drücken sich Passanten, Fotografen und Schaulustige in Toreinfahrten oder flüchten sich in Lokale. Die Polizisten stürmen geschlossen nach vorne und verbreitern so die Trennzone zwischen den Gruppen. Mit ihren schweren Stiefeln zertreten sie dabei die herumliegenden Flaschen. Passanten werden zur Seite gestoßen. Autoscheiben gehen zu Bruch. Als in der Menge ein paar Feuerwerkskörper explodieren, bricht kurz Panik aus.

Länger als eine Stunde versuchen die Kroaten, zu den Türken durchzudringen. Ebenso lang fliegen Flaschen und Steine vom türkisch dominierten Yppenplatz in Richtung Ottakringer Straße. Ein türkischer Fan, der es auf die andere Seite geschafft hat, läuft zwischen Kroaten und Polizei durch und schwenkt dabei seine Fahne. Der Flaschenhagel, der darauf folgt, trifft die Polizei, denn der Provokateur hat sich in ein Haus geflüchtet. Im Großen und Ganzen gelingt es der Exekutive, die Fangruppen voneinander zu trennen. Nur einzelnen Beamten scheint die Situation über den Kopf zu wachsen. Einer tritt grundlos auf ein Auto ein. Vier andere stürzen sich auf einen kroatischen Fan, zerren ihn in eine uneinsehbare Ecke und fesseln seine Handgelenke mit Kabelbinder. Als er zum Polizeiwagen geführt wird, fließt Blut über seine Unterarme.

Die Bilanz des Abends: drei Leichtverletzte, zwölf Festnahmen, 31 Krankenhaustransporte. Ausschreitungen gab es nicht nur in Wien, sondern auch in der bosnisch-herzegowinischen Stadt Mostar. Auch dort lebten alte Feinschaften auf: Nicht Türken standen den Kroaten gegenüber, sondern muslimische Bosniaken, die sich aufgrund ihrer Religion und Geschichte der Türkei verbunden fühlen. In Wien hatte die Polizei mit 4600 Polizisten auf der Straße den bisher größten Einsatz der EM zu bewältigen. Die gewalttätigen Fans waren nicht extra aus den Heimatländern angereist, sondern vornehmlich Türken und Kroaten aus Wien. Keine Hooligans, schlicht Einwanderer der zweiten oder dritten Generation. Es waren nur wenige, aber sie drückten dem Abend ihren Stempel auf. Ein unsportliches Ereignis.

Erschienen im Falter 26/08

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Volim te Hrvatsko

REPORTAGE Am Wochenende war Wien kroatischer als alle kroatischen Städte zusammen. Wie es aussieht, wenn der Balkan in die Stadt kommt. JOSEPH GEPP

Seit Monaten redet man nun über die EM, über Hooligandateien und Polizeikontrollen, inszenierte Begeisterung und tatsächliche Aussichtslosigkeit, Paninipickerl, Europhorie und teures Bier. Und dann, vergangenen Freitag, 16.16 Uhr, piepte das Handy eines kroatischen Freundes: „Schick diese SMS an alle Kroaten in deinem Telefonbuch! Treffpunkt aller Fans am Sonntag, 14 Uhr, vor der kroatischen Kirche. Marsch durch den ersten Bezirk bis zum Praterstern. Weiterschicken!“ Abseits offizieller Zonen und außerhalb des Beschallungsradius der großen Uefa-Schirme will man sich also treffen. Wo die kroatische Party stattfindet, das suchen sich die Fans selbst aus.

Wenn Kroaten nach Wien kommen, dann haben sie vor allem zwei Bezugspunkte. Erstens das Grätzl um die Ottakringer Straße, die „Balkanstraße“, wo viele ihr Lager bei Onkeln, Neffen oder Cousinen aufschlagen. Little Zagreb wird dann noch kroatischer, als es schon ist, wenn nicht gerade EM stattfindet. Zweitens die Kirche am Hof, wo jeden Sonntag – fast unbemerkt von der österreichischen Öffentlichkeit – kroatische Messen gelesen werden. Vor vollem Haus. Kroatien ist ein Land, in dem Nationalspieler dem Fernsehen erklären, welches Gebet sie vor dem Match sprechen. Familie und Kirche sind Fixpunkte der meisten Kroaten und kroatischer Fußballfans. Dementsprechend sieht das Programm aus: Samstagabend zog man zu tausenden johlend und Fahnen schwenkend nach Ottakring, um sich dort auf die Lokale zu verteilen und auf der Straße zu feiern. Am darauf folgenden Sonntag, Spieltag, 14 Uhr, trifft man sich am Hof.

Was dort stattfindet, hat die Zweite Republik mit einiger Wahrscheinlichkeit noch nicht erlebt. Die begeisterte und euphorisierte Menschenmenge zieht sich von der Kirche über die Tuchlauben und den Graben bis zum Stephansplatz. 50.000 kroatische Fußballfans sollen laut Polizei in der Stadt sein. Ein Meer im rot-weißen Schachbrettmuster. Die Fans stehen auf Schanigartentischen und tanzen, blasen in Tröten, schwenken Fahnen und klettern auf Fassaden, um Transparente aufzuhängen. Sie versprühen bengalische Feuer und vergießen Lacken von Bier. Sie singen Lieder, zu hunderten, in atemberaubender Lautstärke. „Kroatien, die goldene Kraft deines Weizens, die blauen Augen deiner See.“ Der Weizen steht für die Binnenregion Slawonien, die blauen Augen für die Adriaküste. „Volim te Hrvatsko“, skandieren sie. „Ich liebe dich, Kroatien.“ Zwei oder drei Tage halten sich die meisten von ihnen in Wien auf, gekommen sind sie aus Zagreb, aus der Küstenregion Dalmatien und aus Bosnien-Herzegowina. „Wir sind so viele, ihr kommt nicht an gegen uns“, singen sie. Das klingt kämpferisch, aber die Stimmung ist friedlich. So heiter, dass selbst die Polizisten sich anstecken lassen. Die Fans herzen und umarmen sie, man tanzt mit ihnen Polonaise. Am Stephansplatz grinsen die Aida-Verkäuferinnen, als 30 Kroaten den Balkon der Konditorei stürmen und eine Fahne des FC Rijeka hissen. Zwei alte Wienerinnen lächeln amüsiert, als sie sich ihren Weg unter einer kroatischen Fahne hindurch bahnen. Sie hat die Fläche einer kleinen Wohnung und wird von einigen Dutzend Menschen in die Höhe gehalten. Das Sonnenlicht zeichnet den Fans darunter rote und blaue Schatten ins Gesicht. Die alten Damen finden das witzig. Wien zeigt sich heute von seiner toleranten Seite.

Mittendrin einige Polen, Türken und Deutsche, die erst später mehr werden sollen. Und eine verschwindend geringe Anzahl österreichischer Fans. Sie verlieren sich allesamt im balkanischen Taumel. Was sie an Tröten, Gesängen, Flaggen und bunter Schminke aufzubieten haben, kommt gegen die Kroaten nicht an. Es ist keine Manifestation gegen Österreich, die hier stattfindet, dafür scheint der Gegner aus dem Norden den Kroaten zu unwichtig. Es ist auch nicht der Geist des Jugoslawienkriegs, der sich hier zeigt. Ein paar antiserbische Lieder und ein paar Rechtsradikale mit faschistischen Symbolen auf Poloshirts können dem Gesamteindruck nichts anhaben: ein betrunkener, spaßiger Patriotismus, vorgeführt von einer jungen Nation, die sich für Fußball wahrhaft begeistert. Man stülpt sogar Babys und Hunden das Schachbrettmuster über. Man grüßt Türken mit Hupkonzerten und Österreicher mit Schulterklopfen. Wir sind da, wir mögen euch, und besser sind wir sowieso, scheinen die Kroaten zu sagen.

Vergangenen Sonntag wurde die sonst vergleichsweise beschauliche Innenstadt so zu einer großen, wilden und besoffenen Partymeile. Im Café Alt-Wien, wo sonst bei Rotwein und Zigaretten über Gott und die Welt schwadroniert wird, sitzt Petar, ein Fußballfan aus Zagreb. Er passt gar nicht ins Café, so wie er die Beine über die Sessellehne hängt, sich den Schweiß von der roten Stirn streift und Bier für alle bestellt. Voll Stolz erzählt er von einem Ereignis in der Tiefgarage: Zwei Tage lang habe er sein Auto dort stehen gehabt, 60 Euro hätte er dafür zahlen sollen. Zu viel für das Abstellen eines Fahrzeugs, wie Petar meint. Also ging er nochmals zum Automaten, löste ein weiteres Ticket und verließ mit jenem um fünf Euro die Garage. Er lacht schelmisch und schallend und rechnet sich aus, wie viel Bier er um 55 Euro trinken kann. „You cannot fuck a Balcanian“, resümiert Petar in holprigem Englisch. Seine Sitznachbarin lächelt und meint: „An solchen kleinen Dingen ist Jugoslawien zerfallen.“

Derart friedlich und leicht anarchistisch ist die Stimmung in Wien an diesen beiden außergewöhnlichen Tagen. Als Petar das Café verlässt, löst sich die Menschenmenge langsam auf. Sie zieht in die Leopoldstadt. Es ist 16 Uhr, zwei Stunden bis zum Anpfiff. Der Alkoholpegel steigt. Zehntausende Menschen wanken jetzt jubelnd in Richtung Stadion. Es wird ein friedlicher und spannender Abend werden.

Erschienen im Falter 24/08

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