Von Gott und Transdanubien

KIRCHEDer gelernte Schlosser Johann Randa leitet die kleine
Herz-Jesu- Kirche in Stadlau. Drei Tage im Leben eines Wiener
Vorstadtpfarrers.
JOSEPH GEPP

Die Erfolge der Kirche passieren im Kleinen. Johann Randa wirkt
mächtig angesichts der Horde quirliger Siebenjähriger, die sich ihm
gegenüber auf einer Kirchenbank ausgebreitet hat. „So, liebe Kinder“,
beginnt er. Die Vokale zieht er in die Länge, die Worte spricht er
langsam, lädt sie auf mit Emotionen – nach Güte und
Vertrauenswürdigkeit sollen sie klingen. Die Kinder richten die
Blicke nach oben. Sie sind in dem Alter, in dem man noch gespannt
zuhört. Sie sollen am heutigen Mittwoch zum ersten Mal das Sakrament
der Beichte empfangen. „Es geht nicht so sehr darum, dass ihr mir
eure Sünden erzählt“, sagt Pater Randa. „Es geht darum, dass Gott
euch liebt. Und dass er für euch da ist.“ Und dann: „Also: Wer traut
sich?“ Sieben Hände schießen gleichzeitig und pfeilschnell in die
Höhe. Randa scheint von der Durchschlagskraft seines Appells
überrascht. Ein Volksschüler mit Stehfrisur und blauem T-Shirt, der
seinen Kompagnons noch schnell einen verwegenen Blick über die
Schulter zuwirft, folgt dem Priester in die Sakristei. Dort hat Pater
Randa ein Tischchen bereitgestellt, auf dem eine brennende Kerze
steht, daneben zwei Sessel. Ein eher informeller Rahmen. Er will die
Kinder ja nicht einschüchtern.

Nicht einschüchtern. Vertrauen wecken. Die katholische Kirche ist
in eine Konkurrenzsituation geraten. Sie muss werben, muss
überzeugen. Sie will zeigen, dass sie Zweck hat. Dass die
Mitgliedschaft eine Art geistigen Mehrwert für das einzelne Mitglied
bringt. Sie will Bindungen schaffen und möglichst früh damit
beginnen. Und das fällt einer Institution, die jahrhundertelang eine
Selbstverständlichkeit war, nicht gerade leicht.

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Johann Randa
Foto von Heribert Corn

Johann Randa, 58, verrichtet seine Arbeit unter erschwerten
Bedingungen. Die kleine Pfarre des Donaustädter Bezirksteils Stadlau,
der er vorsteht, liegt in einem schwierigen Viertel. Stadlau
oszilliert irgendwo zwischen Stadt und Land, hat gewissermaßen von
beidem das jeweils Schlechte abbekommen. Aneinandergereihte,
einstöckige Bauernhäuser wie im Marchfeld gehen fließend über in
graue Gemeindebauten wie in der Großfeldsiedlung. Im Beisl gegenüber
der Kirche kippen alte Männer um neun Uhr morgens ihr erstes Bier und
knallen Schnapskarten auf den Tisch. Im Pfarrzentrum unterhalten sich
Jugendliche in schlechtem Deutsch über ihre Tischtennissiege. Viele
von ihnen werden um ihre Chancen hart kämpfen müssen. Stadlau hat von
der Stadt die Zusammenhaltslosigkeit, von der Provinz die Langeweile
geerbt. Pater Randa sagt, dass der Anteil an Muslimen und sonstigen
Andersgläubigen recht hoch sei. Er gehört zu jenen Priestern, von
denen man sonst nicht viel hört. Er ist weder schwul noch pädophil
noch extrem reaktionär. Er hat keine versteckte Freundin und hält
keine brennenden Predigten. Johann Randa tut angesichts schwieriger
Umstände sein Bestes. Und das tut er nicht allzu schlecht.

Da sei diese Frau gewesen, erzählt Pater Randa, während er durch
seine Kirche und das angeschlossene Jugendzentrum führt. Jung, um die
dreißig und völlig verzweifelt wegen eines Seitensprungs, mit dem sie
nicht mehr umgehen konnte. Irgendwann hätte dann ihr behandelnder
Psychotherapeut bei ihm angerufen. „Er hat zu mir gesagt: Ich habe
mit dieser Frau jetzt ihr ganzes Leben durchgesprochen. Die Ursachen
der Probleme liegen vor ihr auf dem Tisch. Jetzt bist du gefragt, wo
es um Versöhnung und Vergebung geht, dass du ihr wieder Mut und
Hoffnung gibst.“ Randa traf die Frau und half ihr, wieder Mut zu
fassen. Oder dieser Schützling vor 14 Jahren, als Randa noch als
katholischer Jugendheimleiter in Klagenfurt arbeitete. „Ein
schwieriger Bursch, der war oft bsoffn und manchmal brutal.“ Viele
Jahre später habe er ein E-Mail von ihm erhalten. Randa geht hinauf
in seine Wohnung, ein Zimmer plus Küche und Bettnische, bescheiden
eingerichtet und ordentlich gehalten, im zweiten Stock eines grauen
Sechzigerjahre-Zweckbaus neben der Kirche. Er kramt den Zettel mit
dem ausgedruckten Mail aus einer Lade. „Mein Leben war eine Berg- und
Talfahrt“, steht da. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass mein
Bruder jemandem das Leben genommen hat.“ Und: „Ich habe dich immer
eher als Freund und weniger als Priester betrachtet.“ Dann ein paar
Dankesworte für den Beistand während der schwierigen Jugendjahre.
Randa hat den Brief aufgehoben. Solche Dinge seien schöne Erlebnisse,
sagt er. Und es sei doch interessant, dass der Boom der
Psychotherapeuten genau in dem Moment begonnen habe, als die Anzahl
der Beichten so stark zurückging.

Seit sechs Jahren lebt er in diesem schlichten Zimmer. Nach dem
Studium und seiner Zeit in Klagenfurt ging Johann Randa für sieben
Jahre nach Graz, dann in die Donaustadt. Er teilt sich die Wohnung
mit zwei anderen Geistlichen, die – wie er – dem Salesianerorden Don
Boscos angehören. Don Giovanni Bosco, der den Orden vor 149 Jahren
gründete, ist der Arbeiterheld unter den Heiligen. Das rasant
industrialisierte Norditalien der 1880er-Jahre hatte andere Probleme
als Martyrium und Fegefeuer. Bosco kämpfte für gerechte
Arbeitsverträge und Ausbildungsmöglichkeiten für Lehrlinge. Johann
Randa versuchte dasselbe, im Kleinen, im Österreich der Siebziger-
und Achtzigerjahre: Er kommt aus Amstetten, Niederösterreich,
aufgewachsen ist er in einer Eisenbahnerfamilie im
Eisenbahnerwohnblock, inmitten von „Familienproblemen, Brutalität und
Scheidungen“, wie er sagt. „Ich war nie der große Intellektuelle,
immer eher der aktiv tätige Typ.“

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Die kleine Herz-Jesu-Kirche in Stadlau
Foto von Heribert Corn

Er hätte Schlosser werden sollen, machte eine Lehre und begann in
der Fabrik zu arbeiten. „Dort erklärten sie mir: Man sagt nicht, Grüß
Gott‘! Das heißt morgens, Guten Morgen‘, mittags, Mahlzeit‘ und,
Guten Tag‘ am Nachmittag und am Abend.“ Doch die Salesianer von
Amstetten hatten es Johann Randa angetan. Sie motivierten ihn zum
Nachholen der Matura, zum Theologiestudium, zur Priesterlaufbahn. Der
Orden betreibt bis heute Kindergärten, Berufsschulen und
Jugendzentren in ganz Europa. Es ist dieser Geist, der auch Johann
Randa sozialisierte. „Ich war in der Schule nie der Draufgänger, nie
der Raufertyp. Deshalb mochten sie mich nicht. Ich habe an mir selber
erlebt, wie es ist, an den Rand gedrängt zu werden“, erzählt er. „Und
dann, als ich selbst die Möglichkeit dazu hatte, fragte ich mich: Wie
kann man den anderen helfen?“ Er habe nie ein Gotteserlebnis gehabt,
sagt er. Wenn man Johann Randa reden lässt, landet er bald beim Thema
Jugendarbeit und Sozialdienst – theologische Fragen und Dogmen
beschäftigen ihn dagegen eher am Rande. Es ist keine subjektive
Kirche, die sich in ihm manifestiert. Kein innerliches Ringen mit
Gott, keine verzweifelte Suche nach Sinn, keine großen Konflikte
zeichnen sich hinter seiner Oberfläche ab. Pater Randa ist gesellig,
organisiert, freundlich und sozial. Er wirkt stabil und ausgeglichen.
Gewiss, er habe Konflikte gehabt, es habe Krisen gegeben, auch mit
dem Zölibat, sagt er. Aber das sei lange her. In einem großen,
akkurat voll geschriebenen Kalender trägt er heute alle seine Termine
ein: Pfarrgemeinderatssitzung, Gottesdienst für die Geburtstagskinder
des Monats, Beichtstunde, Artikel fürs Pfarrblatt. Dazwischen spricht
er mit Menschen, die ein Anliegen haben, und spendet Trost für
Angehörige, die unter einem familiären Todesfall leiden.

Manchmal läutet sein abgegriffenes Handy, und dann redet Johann
Randa über das Zurechtstutzen der Bäume vor der Kirche oder darüber,
wann der Installateur endlich kommt. Seinen priesterlichen Ornat
wirft er nur dann über, wenn es sein muss. Sonst trägt er Jeans und
ein kariertes Sakko über einem grauen Pullover – schlicht und
ordentlich, wie seine Pfarre, seine Wohnung, seine durchgeplanten
Tagesabläufe. Nur ein kupfernes Kreuz am Revers weist den
Gottesdiener aus. „Es gibt keine größere Liebe, als wer sein Leben
für seine Freunde hingibt“, zitiert er das Bibelzitat, das er sein
„Lebensmotto“ nennt. Die zugehörige Verszahl fällt ihm nicht gleich
ein. Johannes, Kapitel 15, Vers 13, glaubt er. Wenn Pater Randa etwas
sagt, hat man nicht das Gefühl, angelogen zu werden.

Sonntag, zehn Uhr morgens. Stadlau zeigt sich von seiner
ländlichen Seite: Die Menschen strömen in die Kirche. Sie wurde in
der Zwischenkriegszeit errichtet, aber ihr renoviertes Inneres wirkt
wie die Aula einer Volksschule, mit Steinfliesenboden und gelb
gestrichenen Wänden, Kinderzeichnungen und einem Beichtstuhl, dessen
Licht rot leuchtet, wenn er besetzt ist. Zu den wochentäglichen
Messen würde oft nur eine Handvoll Menschen kommen, sagt Randa.
Sonntags ist das Haus voll. Vor allem alte Leute und junge Familien
gehen dann in die Messe und hören Randas Predigten. Er hat die Hände
erhoben und lächelt. Eine ganze „Lebenseinstellung“ entstehe aus der
christlichen Idee der Auferstehung, sagt er. „Unser Leben soll
gelingen, obwohl uns der Tod bewusst ist – es ist ein Leben mit dem
Tod trotz dem Tod.“ Er spricht mit theatralischer Mimik, in einfachen
Worten und mit einigen Mostviertler Dialekteinsprengseln. „Eine
Gesellschaft wie die unsere, die nicht mehr religiös ist, kennt viele
Formen des Tötens. Wer an ein höheres Leben glaubt, an Gott, der geht
mit dem Leben anders um als unsere Gesellschaft. Abtreibung und
Euthanasie – das heißt, dass wir das Leben am Anfang und am Ende
missachten.“

Das Leben am Anfang und am Ende, das ist Pater Randas eigentliches
Refugium. Hier ist die Kirche noch kraftvoll. Am Anfang des Lebens –
bei den Kindern und Jugendlichen – bemüht sie sich um Bindungen, will
sie vom Sinngehalt des Katholizismus überzeugen. Hier kommen Randa
die noch immer ländlichen Elemente der Stadlau entgegen: Die Eltern
gehen mit ihren Kindern noch in die Messe, schicken sie noch in die
Jungschar. Das Ende des Lebens dagegen – die Alten – kommt ganz von
alleine zur Kirche. Wenn Menschen im Alter Hoffnung und Beistand
notwendig haben, ist die Kirche oft als einzige Institution zur Hilfe
bereit. Auf der Autofahrt zur HTL Donaustadt, wo Randa eine
Schulmesse lesen wird, erzählt er von einem Ehepaar, das vor
Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten ist. Nun sei das Paar alt und
krank – und hätte um einen Termin gebeten wegen eines
Wiedereintritts.

Dienstag, 9 Uhr früh, zweite Schulstunde. Im Konferenzzimmer der
HTL liest Randa die Messe vor einem Haufen Technikschüler, die ihr
weitgehendes Desinteresse an Religion teils offen zeigen und teils
hinter bemühter Aufmerksamkeit verbergen. Vor dem Fenster liegt eine
Industrieruine aus dem 19. Jahrhundert, vereinzelte Strommasten,
dahinter verläuft die Südosttangente. „Wir mögen das Singen und die
Gemeinschaft“, begründet ein 17-Jähriger ironisch sein Erscheinen.
Der wahre Grund liegt vor der Tür: eine Liste, auf der sich die
Schüler eintragen müssen, damit ihnen die Teilnahme an der Schulmesse
keine Fehlstunde einbringt. Gelfrisuren und lange Haare,
Kapuzenpullover und Sportjacken, fast ausschließlich junge Männer,
finden sich nach und nach im Konferenzraum ein. Nur wenige zeigen an
den Worten des Priesters Interesse. Nur wenige lauschen dem „Herr,
erbarme Dich“-Singsang und dem Gitarrenspiel der assistierenden
Religionslehrer, die der Messe ein bisschen feierliche Stimmung
verleihen wollen. Die meisten dösen still vor sich hin oder
unterhalten sich leise. Johann Randa lächelt. Nichts scheint ihm
ferner zu liegen als der Gedanke, sich jemals entmutigen zu lassen,
jemals verunsichert zu sein. Seine Sanftheit rennt an gegen die Härte
der Welt, immer wieder, ohne jemals an diesem Vorgang zu zweifeln.
Auf einem Schultisch zündet er eine goldumfasste Kerze an, ein
hölzernes Kreuz lehnt dahinter an einer Projektionswand. Dann liest
er die Messe. „Der Weg zu Gott beginnt bei der Neugier. Forscht immer
weiter, bleibt niemals stehen, auch im Religiösen“, sagt er zu den
Schülern. Die Messe beginnt und endet. Johann Randa sagt, es sei
schön gewesen, hier zu sein. Dann drängen die Schüler zur Liste. Die
Religionslehrer zupfen immer noch an ihren Gitarren.

Erschienen im Falter 12/08

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Religion, Reportagen

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