Lonely Vienna

TOURISMUS Der Autor des „Lonely Planet“-Reiseführers für Kolumbien
hat das Land nie betreten. Was steht eigentlich im Lonely Planet für
Wien?
JOSEPH GEPP

Wie würde Ihr perfekter Tag in Wien ausschauen? Neal Bedford hat
eine genaue Vorstellung davon: Es wäre ein warmer Septembersamstag.
Er würde mit einem späten Frühstück mit Paradeiseromelette und
türkischem Tee im Kent beginnen, danach ein Einkaufsbummel am
Brunnenmarkt, schließlich eine Fahrradtour in den Wienerwald
inklusive Jause beim Heurigen (wine tavern) oder im Gasthaus (inn).
Abends folgt ein gedrängtes Ausgehprogramm zwischen Museumsquartier,
Flex und Schleifmühlgasse. Und die Heimfahrt am Rad durch die
menschenleere nächtliche Innenstadt eignet sich hervorragend, um die
historische Prunkarchitektur an sich vorbeiziehen zu lassen.

Was Neal Bedford schreibt, hat Gewicht. Tausende werden seinem
Beispiel folgen, werden versuchen, den Tag mehr oder weniger so zu
erleben, wie er ihn erlebte. Der 37-jährige Neuseeländer ist Autor
des „Lonely Planet Vienna“. Was „Lonely Planet“ empfiehlt – seien es
entspannende Tagesabläufe, originelle Herbergen oder verwinkelte
Plätzchen -, dem folgen seit mehr als dreißig Jahren Backpacker auf
der Suche nach Authentizität und der besonderen Erfahrung. Off the
beaten tracks, abseits abgetretener Pfade, lautet das Leitmotiv. Das
Verlagsprogramm reicht von fernöstlichen Inselgruppen über
amerikanische Nationalparks bis zu marokkanischen Wüstenstädten – und
wer ein paar Sätze in der Landessprache lernen will, kann etwa unter
Pidgin, Quechua oder Suaheli wählen.

Alles begann 1973 auf einer Bank im Londoner Regent’s Park, wo
sich Tony und Maureen Wheeler, eine Irin und ein Australier,
begegneten. Sie verliebten sich, heirateten und reisten kurz darauf
für sechs Monate per Überlandroute nach Sydney. Dort angekommen – mit
angeblich nur noch 27 Cent in der Tasche -, schrieb das Paar ein
Handbuch über die Reiseroute. „South-East Asia on a Shoestring“ ist
bis heute ein Bestseller im Programm. Und der Beginn in einer Reihe
vieler.

Jetzt hat Thomas Kohnstamm, „Lonely Planet“-Autor für Kolumbien,
dem Mythos Kratzer zugefügt. Kürzlich verriet der US-Amerikaner einer
australischen Zeitung, dass er das Land niemals betreten habe.,
Lonely Planet‘ zahlte mir einfach nicht genug dafür“, behauptet er.
Stattdessen hätte ihn eine Praktikantin aus dem kolumbianischen
Konsulat in San Francisco mit den nötigen Informationen versorgt.
Kohnstamm warf dem Verlag vor, nicht ausreichend für die Spesen
aufzukommen; er selbst hätte sich sogar als Drogenkurier verdingen
müssen, um seine Arbeit als Autor zu finanzieren. „Lonely Planet“
wies die Vorwürfe zurück. Auf Anfrage will das Londoner Büro des
Konzerns die Autorenhonorare nicht bekanntgeben, aber sie seien unter
„den höchsten der Branche“. Bedford selbst verrät ebenfalls keine
exakten Löhne. Aber: „Reich wird man nicht als Reiseführerschreiber.“
Bei einigen seiner Bücher sei er knapp dem Minus entgangen, sagt er.

Hat er Wien betreten? Vor Jahren verbrachte der Autor ein
Au-pair-Jahr in der Stadt, es folgten weitere Aufenthalte. Und er hat
den Geist der Stadt – im Guten wie im Schlechten – ganz gut erfasst.
Kleine Infokästen behandeln Hundekot, Würstelstand und Kronen
Zeitung. Fünf Tipps für den alternativ Reisenden empfehlen Arsenal,
Zentralfriedhof, Brunnenmarkt, eine Fahrradtour durch die Stadt und
Museumsquartier. Dieser interessanten und unkonventionellen Auswahl
stehen allerdings reichlich konventionelle Herbergen und Lokale
gegenüber, die empfohlen werden: Hotel König von Ungarn und Sacher
zeigen, wie sehr sich „Lonely Planet“ gewandelt hat – in den
Siebzigerjahren empfahl man noch Plätze für den problemlosen Kauf von
hochwertigem Cannabis in Afrika. Heute liest man mit den Hinweisen
auf etwa Flex, U4 oder Roxy Erwartbares und Akzeptables.

Und weil der wahre Rucksackreisende neben essen und schlafen auch
mit Einheimischen in Kontakt treten möchte, empfiehlt Neal Bedford
eingangs auch fünf Hot Conversation Topics. Für das zwanglose
Gespräch, schreibt der Autor, eigne sich jammern über Wien und die
Wiener besonders. Oder reden über H.C. Strache, Hundekot, die
„Goldene Adele“ oder die Grünen. Wann hat Sie eigentlich das letzte
Mal ein amerikanischer Tourist auf die „Goldene Adele“ angesprochen?
Er kann nur „Lonely Planet“ gelesen haben.

Erschienen im Falter 17/08

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