Der Teufel trägt Prater

AFFÄRE Ein umstrittenes Bauwerk, ein Auftrag ohne Ausschreibung –
und jetzt Probleme mit der Bauordnung. Beim neuen Pratereingang hat
die Stadt Wien vorgeführt, wie man es nicht macht. Chronik eines
kommunalen Scheiterns.
JOSEPH GEPP

Fotos von Gianmaria Gava

Am besten hat es wohl die Neue Zürcher Zeitung getroffen:
Stilistisch, schrieb sie, läge die Gestaltung des neuen Praterentrees
irgendwo zwischen Las Vegas und Disneyland. Aber es sind auch andere
Assoziationen, die beim Blick auf das gerade eröffnete Areal
hochkommen: die Villa eines neureichen Russen am noblen Stadtrand von
Moskau zum Beispiel. Oder die Neverland Ranch. Oder das
Einkaufszentrum von Parndorf.

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Über Geschmack lässt sich streiten. Als am vergangenen Freitag ein
Teil des neuen Pratervorplatzes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht
wurde, war die heftigste Kritik an der eigenwilligen Gestaltung schon
abgeklungen. Lauter tönte sie vor einem halben Jahr, als die ersten
Pläne präsentiert wurden. „Das gewählte Dekor aus dritter und vierter
Hand ist nur mehr peinlich und spricht städtebaulichen und mindestens
architektonischen Standards Hohn“, sagte beispielsweise Franziska
Mayr-Keber von der Architektenkammer. Vier Gebäude sind es,
Stahlbeton, 19.000 Quadratmeter Baufläche, und gemeinsam bilden sie
den neuen Pratereingang – eine wilde Mischung aus verschiedenen
pseudohistorischen Stilen, die sich vage auf Barock, Biedermeier und
Jugendstil beziehen (siehe Architekturkritik, Seite 72). Die Wände
zieren aufgemalte Fenster, die Türbögen ebensolche Ornamente. Die
gezeichneten Büsten von Falco und österreichischen KlassikGrößen
wirken wie professionelle Graffiti. Ganz ruhig, ohne große Zeremonie,
wurde der umstrittene Bau nun eröffnet. „Es geht ja um die
Attraktionen innerhalb der Gebäude, und die haben noch gar nicht
eröffnet“, begründet Eva Gaßner, Sprecherin der verantwortlichen
SPÖ-Stadträtin Grete Laska, den stillen Einstand. Aber es ist nicht
nur die Gestaltung, die am neuen Pratereingang Missfallen erregt.

Verantwortlich dafür, dass der Praterkitsch nun wieder
Tagesgespräch wurde, ist Sabine Gretner, 35, Planungssprecherin der
Wiener Grünen. An einem Abend vor zwei Wochen schlich die engagierte
Oppositionelle auf das Baustellengelände. In der Hand trug sie Pläne
und ein Messgerät. „Ich weiß halt, wie man sich auf Baustellen
verhält“, sagt Gretner, die selbst jahrelang als Architektin
gearbeitet hat. Die Höhe der einzelnen Gebäudeteile war ihr von
draußen ein wenig zu groß erschienen, nun schritt sie mit einem
Vermessungsexperten zur Tat – und maß nach. Das Ergebnis, sagt sie,
entspreche nicht den Vorgaben des Wiener Flächenwidmungsplans: 9,5
statt der vorgeschriebenen 7,5 Meter beträgt beispielsweise die Höhe
eines Bauteils, 16,2 statt der erlaubten zwölf sind es bei einem
anderen. Würde ein Privater wagen, vier Meter zu hoch zu bauen, dann
hätte das wohl einen sofortigen Baustopp und eine Geldstrafe zur
Folge. Nun haben die Wiener Grünen Anzeige wegen Missachtung der
Wiener Bauordnung erstattet. Doch Herbert Cech, Leiter der Wiener
Baupolizei, sagt: „Das Vorgehen ist rechtens. Im Fall des
Riesenradplatzes wurde eine Ausnahmebewilligung erteilt.“

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Unwesentliche Abweichungen“ von der Bauordnung sind laut Gesetz
Bezirksangelegenheit und werden in den zuständigen Bauausschüssen
behandelt. Im Bezirksamt der Leopoldstadt stand der Platz allerdings
nie auf der Agenda. Es „wurde keine Überschreitung der maximal
zulässigen Gebäudehöhe beantragt“, heißt es dazu in der Anzeige an
die Baupolizei. Wie kann es also eine Abweichung geben? Die Lösung
liegt im Paragraf 71 der Bauordnung. Er befasst sich mit
„provisorischen Bauvorhaben“, die jederzeit abgebaut werden können.
Angewandt wird der Paragraf etwa auf Autodrome im Prater oder
Badehütten am Gänsehäufel – und nun auf einen Stahlbetonbau mit der
Grundfläche eines Wohnhauses. Der Unterschied zwischen einem Autodrom
und dem Vorbau liege nur darin, dass der Vorbau „fester betoniert“
sei, sagt Baupolizeileiter Cech.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Gemeinde im Prater auf solch
elegante Lösungen zurückgreift. Es begann im Jahr 2003, als sie den
französischen Themenparkspezialisten Emmanuel Mongon engagierte. Sein
Masterplan sollte dem weltbekannten Vergnügungspark, der irgendwo
zwischen Streichelzoo und Reeperbahn oszilliert, ein einheitliches
Konzept geben. Ob das gelang, darüber teilen sich die Meinungen:
„Alles, was in den letzten Jahren im Prater passiert ist, ist auf
Emmanuel Mongon zurückzuführen“, zeigt sich Georg Wurz,
Geschäftsführer der stadteigenen Stadt Wien Marketing und Prater
Service GmbH, überzeugt. ÖVP-Mandatar Günther Kenesei hingegen
kritisierte, dass nach drei Jahren Arbeit nicht viel mehr als ein
„Pappmascheemodell und ein paar halbgefüllte Aktenordner“
übriggeblieben seien. Kritiker behaupten außerdem, dass die Gemeinde
den Vertrag mit dem Spezialisten nicht ordentlich ausgehandelt hatte.
Nachträglich gab ihnen das Wiener Kontrollamt Recht: In einem Bericht
vom Mai 2006 kritisierten die Prüfer, dass der Plan mehr als zwei
Jahre zu spät, 2006 statt 2004, abgegeben worden sei – ohne eine
Strafklausel für den Planer. „Es wurde verabsäumt, den Vertrag
entsprechend zu pönalisieren.“ 31.000 Euro an Reisespesen und
Flugtickets zahlte die Stadt zudem extra, obwohl sie laut Vertrag im
Honorar von 1,4 Millionen Euro inkludiert hätten sein sollen. Ein
kleines Modell des neuen Praters ohne Farbe und Beleuchtung belief
sich laut Kontrollamt auf 59.000 Euro. Dazu kommt eine allgemeine
Kritik der Behörde am Geschäftsgebaren der Gemeinde: „Es war zu
bemängeln, dass ordnungsgemäß verwaltete und damit nachprüfbare
Investitionsrechnungen (…) dem Kontrollamt nicht vorgelegt wurden.“

Georg Wurz von Wien-Marketing hält diese Kritik für nicht
gerechtfertigt. Er findet die Kosten der Expertise angebracht –
immerhin habe es ja sich um „Grundsatzplanung“ gehandelt, meint er,
und an Details wie die Reisespesen könne er sich jetzt nicht mehr
erinnern. Außerdem basiere auch der neue Vorbau ja auf einer Idee des
Spezialisten, rechtfertigt Wurz das Engagement. Als jener allerdings
im Sommer 2007 präsentiert wurde, sorgte das neuerlich für Kritik:
„Explore 5D“ heißt die Firma, die den Auftrag zur Neugestaltung bekam
(siehe Kasten). Ihre bisherigen Projekte sprechen nicht gerade für
den Erfolg der Firma: Ein von Firmengründer Gerhard Frank
konzipierter Themenpark namens „Anderswelt“ in Heidenreichstein im
Waldviertel musste nach zwei Jahren Konkurs anmelden. Einem
Wasserpark im Salzkammergut blühte vor einem halben Jahr dasselbe
Schicksal. Eine Dracula-Welt im rumänischen Siebenbürgen kam wegen
Protesten gar nicht erst zustande. Die Homepage von Explore 5D
verliert über all das kein Wort, lediglich der Prater wird breit
präsentiert und per Webcam können die tagtäglichen Baufortschritte
mitverfolgt werden.

Warum vergibt man den Auftrag an eine Firma, die sich nicht eben
durch Erfolge auszeichnete? Noch dazu ohne Ausschreibung? Es stimme
zwar, dass Explore 5D keine Referenzen vorzuweisen habe, antwortet
Georg Wurz. Aber: „Die Firma war die einzige, die ein brauchbares
Projekt vorlegte. Wir brauchen ja keinen Architekten, der sich hier
verwirklicht. Wir brauchen einen Dramaturgen. Und rechtlich hatten
wir ja keine Verpflichtung zur Ausschreibung.“

Das stimmt formell. Zwar muss ein öffentliches Unternehmen wie die
Gemeinde Wien sein Vorhaben ab einem Grenzwert von 211.000 Euro an
Planungskosten europaweit ausschreiben – aber im Fall Pratervorplatz
war der Auftraggeber offiziell nicht die Stadt Wien oder ein
stadteigener Betrieb, sondern eine Tochterfirma der Immoconsult, eine
Leasinggesellschaft, die für die Finanzierung des Projekts zuständig
ist. Da die verantwortliche Wien-Tochter Riesenradplatz
Errichtungsgesellschaft mbH den Auftrag nicht vergab, muss auch nicht
öffentlich ausgeschrieben werden – argumentieren zumindest Georg Wurz
und die Gemeinde.

Das ist eine sehr strittige Frage“, meint hingegen ein Wiener
Vergaberechtsexperte, der aus beruflichen Gründen ungenannt bleiben
möchte. „Funktional gesehen handelt es sich schon um einen
öffentlichen Auftrag.“ Warum? „Erstens wird das Projekt durch
öffentliche Gelder finanziert.“ Knapp die Hälfte des Budgets von
bislang 32 Millionen Euro schießt die Gemeinde zu. „Und zweitens geht
das Projekt auf den Willen und die Initiative der Gemeinde zurück.“
Nun prüft erneut das Kontrollamt, ob die Entscheidung gegen die
Ausschreibung rechtmäßig war. „Die Gemeinde Wien versteckt sich gerne
hinter Leasing- und Public-Private-Partnership-Konstruktionen, um das
Vergaberecht zu umgehen“, meint der Experte. Bei einem ähnlichen Fall
vor drei Monaten stoppte das Bundesvergabeamt den Plan der ÖBB, den
neuen Wiener Hauptbahnhof ohne vorherige Ausschreibung errichten zu
lassen.

Ein mögliches Hasardspiel mit der Bauordnung, ein zweifelhafter
Vertrag mit einem Experten, eine Auftragsvergabe ohne Ausschreibung
und ein umstrittenes Bauwerk – was sind die Gründe für all diese
Verwicklungen, diese undurchsichtigen Entscheidungen, diese
Missgeschicke? Die verantwortliche Stadträtin Grete Laska ist für den
Falter lediglich per Mail zu erreichen. Auf die Frage nach den
Misserfolgen der letzten Jahre antwortet sie: „Als Misserfolg würde
ich bezeichnen, dass manche Medien immer noch von einem Gegeneinander
im Prater ausgehen, das es längst nicht mehr gibt, und die positive
Akzeptanz des Publikums kaum zur Kenntnis nehmen.“ Eine
aufschlussreichere Antwort liefert Gerhard Frank, Gründer und Chef
der Firma Explore 5D. Auch er steht für ein Interview nicht zur
Verfügung: Im Landstraßer Büro der Planungsfirma heißt es, die für
die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Stelle sei ausgetauscht worden.
Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass der Gründer noch vor
wenigen Monaten dem Wirtschaftsmagazin Trend ein ungewöhnlich offenes
Interview gab. Es handelte von seiner Freundschaft zu zwei
Spitzenkräften im Wiener Rathaus, Grete Laska und Michael Häupl. „Die
Gretl hat gesagt, da ist der Masterplan. Ich will, dass ihr das
umsetzts“, zitiert das Magazin den Firmenchef. Und auch Michael
Häupl, so Frank, sei ein alter Bekannter aus Studientagen im
Biologieinstitut: „Ich habe über Frösche gearbeitet, er über Lurche,
da lernt man sich kennen.“ Und: „Ich habe alle anghaut, auch den
Michl, und gesagt: Wenns was habts, denkts an mich.“

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Hereinspaziert!
Sechzig Meter ist der neue Pratervorplatz breit, neben
Souvenirgeschäften und einem Info-Point eröffneten auch zwei
Restaurants in der neuen Anlage: Italienische Küche bietet das
„Salamucci“ neben dem Riesenrad, Edel-Hausmannskost das
gegenüberliegende „Eisvogel“, das von Ex-Steirereck-Koch Herbert
Schmidt geleitet wird (siehe S. 77). Den hinteren Bereich werden die
Attraktionen „Flyboard“ und „Miraculum“ einnehmen, daneben sperrt ab
Oktober eine Großdisco auf.

Stadt der Gaukler

PRATER Wie der Planer des neuen Pratereingangs gleichzeitig zum
Betreiber gemacht wird.
Mario Scalet und Horst Blume

Der Satz ging in der Feierstimmung fast unter. Nur wenige Gäste
dachten an eine andere Baustelle, als Stadträtin Grete Laska bei
einer Hoteleröffnung im Jänner meinte: „Wir haben in Wien echte
historische Fassaden. Wir müssen sie nicht nachbauen.“ Genau das
haben ihr im vergangenen Jahr Architekten und Praterunternehmer
vorgeworfen.

„Wien um 1900“ lautet das Motto des neuen Pratereingangs.
Kritisiert wurde nicht nur die Gestaltung, sondern auch die Vergabe
des 32-Millionen-Euro-Projekts. Die Firma „Explore 5D“ bekam den
Auftrag ohne Ausschreibung – von einer als Bauherr agierenden
Leasinggesellschaft der Volksbanken-Gruppe. Dass es unüblich ist,
dass eine Finanzierungsgesellschaft die Entscheidung über eine
stadtplanerische Gestaltung trifft, kommentierten die
Verantwortlichen nicht.

Jetzt gibt es erneut Kritik. Die Riesenradplatz
Errichtungs-Gesellschaft, eine Tochterfirma der Gemeinde, hat auch
bei der Vergabe der Pachten einschlägig entschieden: Ein Restaurant,
ein Eissalon, ein Veranstaltungsbereich und zwei neue Attraktionen
gingen an die Calafatti Marketing- und Betriebs GmbH. Und die wurde
von Architekt und Explore-5D-Geschäftsführer Martin Valtiner
gegründet. Explore 5D wurde laut Georg Wurz, Geschäftsführer der
Errichtungsgesellschaft, Anfang 2007 mit dem Bau beauftragt.
Valtiners Firma Calafatti wurde am 9. Februar 2007 ins Firmenbuch
eingetragen. Er scheint schon sehr früh gewusst zu haben, dass er
auch Pächter sein wird.

„Wir haben zuerst mit Betrieben gesprochen, die schon vorher am
Riesenradplatz ein Geschäft hatten“, sagt die Sprecherin der
Errichtungsgesellschaft, Karin Mahdalik. Warum dann Calafatti? Das
Unternehmen hatte keine Geschäfte – und bekam trotzdem die besten
Flächen. Ausweg war, dass ein halbes Jahr nach der Gründung der Firma
Hans-Peter Petritsch, Betreiber des Riesenrads, bei Calafatti
einstieg. Damit war dieser Anspruch erfüllt.

Pikant an der Rollenverteilung ist, dass Valtiner mit Calafatti
vom Planer zum (Mit-)Betreiber der Geschäfte wurde. „Calafatti hat
mit Explore 5D nichts zu tun“, beschwichtigt Petritsch. Die
Beteiligung Valtiners an beiden Unternehmen sei „Zufall“. „Man hat
mit uns und anderen Unternehmen verhandelt. Wir waren die beste
Lösung.“ Und: Betreiber sei Calafatti ohnehin nicht, lediglich
Pächter.

Stimmt: Gastronomie und Fahrgeschäfte werden von zwei anderen
Firmen betrieben. Aber die gehören beide zu 100 Prozent Calafatti.
Geschäftsführer sind Petritsch und Valtiner. An den Fahrgeschäften
verdient die Explore 5D erneut mit – sie liefert die Technik.
Verbindungen zwischen den Unternehmen will Petritsch nicht erkennen:
„Blödsinn. Da könnte jeder andere Name auch stehen.“ Valtiner selbst
war zu keiner Stellungnahme bereit.

Wurz räumt ein, zumindest bei der Vergabe der Gastro-Betriebe nur
mit Calaffati gesprochen zu haben – und widerspricht damit Petritsch,
der vorgibt, einer von mehreren Interessenten gewesen zu sein.

„Wir hatten keine anderen Interessenten. Wir müssen das nicht
formal ausschreiben“, sagt Wurz. Die Gesellschafterstruktur sei ihm
bei der Vergabe „egal“ gewesen. „Das war nicht
Verhandlungsgegenstand.“

Vergaberechtlich dürfte das Vorgehen auf diese Weise gedeckt sein.
Dennoch bleibt die Optik schief – nicht nur bei der Gestaltung.

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Schlimt, Kliele, Schokoschka

ARCHITEKTUR Das Praterentree zeigt den seltsamen Bauhumor der
Wiener Sozialdemokratie.
JAN TABOR

Blass, offensichtlich unter einem erheblichen ästhetischen Schock
stehend, erschien Wolf D. Prix auf dem Fernsehschirm und rang um ein
passendes Wort. Um den richtigen Begriff für das, was im Hintergrund
zu sehen war. Und was er für die Zuschauer der ORF-Nachrichten
anlässlich der bevorstehenden Eröffnung fachmännisch kommentieren
sollte: den neuen Eingang in den Volksprater. Das Prater-Schönbrunn.

Dem eloquenten, um avantgardistischen Sarkasmus nie verlegenen
Architekturprofessor hatte es die Sprache verschlagen. Verlegen und
doch pflichtbewusst murmelte er, dass es ja in Wien so viele junge
talentierte Architekten gäbe, die spielend und auf höchstem Niveau
mit so einem interessanten Thema wie einem zeitgemäßen
Vergnügungspark fertig geworden wären. Hätte man sie bloß beauftragt.
Dann stieß er erleichtert, mit seiner Wortwahl aber nicht restlos
einverstanden, das Wort doch noch heraus: Kitsch.

Nicht dass Prix Angst hätte, diese sonderbare Manifestation des
sozialdemokratischen Bauhumors als Kitsch zu bezeichnen. Aber Kitsch
scheint er dort im neuen Prater für keinen zutreffenden Begriff
gehalten zu haben. Ein anderer wollte ihm nicht einfallen. Konnte ihm
nicht einfallen. Es gibt noch keinen Begriff dafür, was man hier,
gleich hinter der geräumigen Shell-Tankstelle, zu sehen bekommt. Für
das, was man hier, unter dem Riesenrad, dem Wahrzeichen Wiens und der
Erinnerung daran, dass in einem Vergnügungspark auch architektonisch
spannende Novitäten möglich waren, erleben muss.

Kitsch greift zu kurz für diese billigen Betonbunker, die den
harten Kern des neuen Entree-Ensembles bilden, mit billigen
theaterartigen Kulissen aus buntbemaltem Gips, mit Styropor behängt.
Hoffentlich sind die Farben nicht allzu billig gewesen und überstehen
ein paar saure Regen. Einen passenderen Ausdruck für diese Wiener Art
des Bauens als historisierendes Blödeln gibt es noch nicht.

Unschwer hingegen ist die kulturhistorische Folie zu erkennen: die
legendäre internationale Musik- und Theaterausstellung „Alt-Wien“ von
1892. Mit der Pappendeckel-Rekonstruktion des Hohen Marktes wurde
damals zum ersten Mal die Sehnsucht nach Wien als ein History-Land
oder, wie es Adolf Loos einst ausdrückte, als ein Potemkin’sches Dorf
geweckt. Wie lebendig dieser Retrotraum in Wien ist, kann man nun im
Prater erleben.

Damit kann auch ein Schuldiger an dem Praterdesaster genannt
werden: Wolfgang Kos, Direktor des Wien-Museums. Seine erfolgreiche,
wiewohl kritisch gemeinte Großausstellung „Alt-Wien“ hat vielleicht
den Weg geebnet für die langgeplante Neugestaltung.

Man redet sich auf einen französischen Masterplaner aus, der die
Idee für das Entree gehabt haben soll. Das dürfte ein Gerücht sein.
Denn dies hier ist keine französische Arbeit. Das ist pures Wien. Es
sei denn, der Mann aus Frankreich verfüge über exzellente Kenntnisse
einiger Konstanten der ranzig gewordenen Wiener Kultur.

Zum Beispiel die Informationsstelle gleich am Anfang, noch vor dem
Tor, die eine Nachbildung der Jugendstilbrücke über den Hohen Graben
sein könnte. Sie ist mit der Großaufschrift „Habe die Ehre“ versehen.
An der Torbrücke: „Hereinspaziert!“ Auf der anderen Seite, für den
Abschied, der altwienerische Gruß „Servus“. Dann die Aufschrift
„Schlimt Kiele Schokoschka Malercompagnie“. Was drinnen tatsächlich
sein soll, ist noch nicht erkennbar. Nur Beton, eine Betonstiege
gleich im Schaufenster. Wir werden sehen. Das alte Autodrom aus den
Sechzigerjahren hat eine neue Verpackung (wegen der stilistischen
Einheit des Platzes) bekommen, ebenfalls in dem Schönbrunner Stil,
wie die Arbeiter hier die Kulissen bezeichnen. Der Schönbrunner Stil
ist eine Mischung aus erlesenen Architekturreminiszenzen von Wischer
von Erlach, Otto Fagner, Joseph Holbricht, Hans Ollein und anderen.
Er ist nicht als Kitsch zu bezeichnen. Er ist etwas Neues, bisweilen
Unbekanntes. Gänzlich würdelos.

Normaler Kitsch enthält zumindest Spuren irgendeiner Würde. Spuren
einer – letztlich vergeblichen – geistigen Anstrengung, etwas über
die gegenwärtige Welt auszusagen. Und sei es weit über die Grenzen
jeglicher Verlogenheit hinaus. Nichts davon da. Das ist pures
Unvermögen, selbst falsche Emotionen zu kreieren.

Die Neugestaltung des Praters sagt nichts über die heutige Welt
aus und viel über den kulturellen Zustand der Stadt Wien. Demnach ist
Wien eine geistig völlig ausgelaugte Stadt. Leere. Ein buntes Vakuum.

Einer süßen Illusion soll man sich nicht ergeben: dass die
Gestaltung des neuen Pratereingangs eine einmalige Entgleisung ist.
Sie ist nur die konsequente Fortsetzung dessen, was man vom Hof des
Rathauses kennt. Das ehrgeizige Ziel, die Designer-Outlet-City
Parndorf und die neue Albertina zu übertreffen, wurde erreicht.

Erschienen im Falter 18/08

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