Stadtränder

Insel der Seligen

In den verschlungenen Straßen der Leopoldstadt hat ein neues Lokal
eröffnet: Café Vicktoria, Czerningasse. Ein Haus weiter hinten steht
ein Puff (Kontakt-Café), etwas weiter vorne ein Sexshop. Das weckt
den Verdacht, dass es sich beim neuen Lokal ebenso um ein
einschlägiges Etablissement handeln könnte. Aber nein – nicht das
Café Vicktoria: Jenes ist nämlich – das verkündet die Tafel vor der
Tür, gleich unter dem Wort „Neueröffnung“ – „österreichisch geführt“.
Das wirft natürlich die Frage auf, was „österreichisch geführt“
impliziert. Keine alten Männer, die ihren sexuellen Gelüsten
nachgehen? Keine jungen, die – mit Pitbull an der Leine und
neonbuntem Käppi am Kopf – ihre dubiosen Geschäfte betreiben? Das
Café Vicktoria als Insel der Harmonie im Bezirk des Bösen? Frei von
alledem, was die Stadt schon viel zu lange unsicher macht? Irgendwas
wird sich der neue Besitzer schon gedacht haben. Vergangenen Sonntag
jedenfalls wurde das „österreichisch geführt“ gelöscht und durch eine
Aufzählung angebotener Biermarken ersetzt. Ausschließlich
österreichische natürlich. Ist ja fast dasselbe. (Falter 11/08)


Tote Palme

Ein belangloser Film erklärt uns derzeit, dass so manch
überschätzter Austrostar erst nach seinem Tod richtig berühmt wird.
Die Leidenschaft fürs Posthume gilt ja gemeinhin als österreichisches
Charakteristikum, und man könnte fast sagen, dass alleine das Sterben
hierzulande schon eine gewisse Berühmtheit rechtfertigt. Wer das
nicht glaubt, der möge ins Palmenhaus des Schlosses Schönbrunn
schauen: Dort ist eine nach Österreichs vorletzter Kaiserin benannte
Palme zu groß geworden. Bisher völlig unbekannt, erfreut sie sich
jetzt, nach ihrer Abholzung, plötzlich irrsinniger und medial massiv
geförderter Berühmtheit. „Die Stunden der Sisi-Palme sind gezählt“,
berichtet der ORF pathetisch, die „Krone“ schreibt von trauernden
Kondolenzgästen – „schweren Herzens“. Gipfel der Bizarrerie: Die
Trümmer des Baums sollen laut Bundesgärten versteigert werden. In so
manchem Haushalt muss also der Stein von der Berliner Mauer bald dem
Stück Holz von der Sisi-Palme weichen. Und wie reagiert das zum
Trauern angehaltene Volk? „Man sollte die Gstaude häckseln“, schrieb
ein ORF-On-Poster. Ein anderer: „Am besten verheizen.“ Auch so können
Worte der Vernunft klingen. (Falter 8/08)

Weltstadt am Brett

Nun soll also die „World Edition“ des Brettspiels Monopoly
erscheinen. Der Name sagt schon, was sie vom Vorgänger respektive
dessen österreichischem Pendant DKT unterscheidet: Monopoly lässt
zeitgeistgemäß die nationalen Schranken fallen. In aller Welt soll
künftig gekauft und vermietet werden. Vielleicht sogar in Wien. Denn
unter 68 Bewerbern sollen jene zwanzig Städte, die es ins Spiel
schaffen, per Onlinevoting ermittelt werden. Das fordert die hohe
Stadtpolitik: „Wien darf am Monopoly-Spielbrett einfach nicht
fehlen“, sagt Vizebürgermeisterin Brauner und fordert Wien-Freunde
zur Beteiligung auf. Schließlich geht’s darum, den Weltstadt-Status
quasi in offiziöse Sphären zu heben. Fragt sich nur, ob sich Wien
gegen mächtige Konkurrenz wie London, New York oder Tokio durchsetzen
wird können. Böse Zungen könnten sogar behaupten, dass es zwanzig
Städte auf der Welt gibt, die dem Ausdruck „Weltstadt“ eher gerecht
werden als Wien. Daher die „Falter“-Wahlempfehlung: Lassen wir
London, New York oder Tokio galant den Vortritt! Mariahilfer Straße,
Kärntner Straße und Cobenzlgasse tun’s schließlich auch. (Falter 5/08)


Den lieben Kunden

Die Feiertage sind ja Gott sei Dank bereits vorüber, ein kleiner
Nachtrag sei angesichts eines besonders frechen Falls von
Weihnachtsgüte dennoch gestattet: Wer zu den Feiertagen dem Coffee
Day auf der Ringstraße gegenüber der Universität einen Besuch
abstattete, wurde mit einer großzügigen Aufmerksamkeit bedacht. Ein
Sackerl mit Kaffee und Tee gab’s für jeden Kunden gratis dazu. Ein
Blick aufs Ablaufdatum rückt allerdings die unerwartete Großzügigkeit
in ein anderes Licht. Beim Tee ist es heruntergekratzt worden, beim
Kaffee gerade noch auszumachen: Juli 2006! Kein Einzelfall, wie ein
Blick auf die anderen Packungen zeigt, die – zum Verschenken bereit –
auf dem Tresen stehen. Allesamt sind sie seit bald eineinhalb Jahren
abgelaufen. Einzig am Verkaufstisch nebenan finden sich dieselben
Produkte mit gültigem Ablaufdatum. Auf Nachfrage erklärt der
Geschäftsführer, die Ware sei frisch, man habe sie nur in alte
Packungen eingefüllt. Na, dann ist ja alles wunderbar. Er scheint
nicht bedacht zu haben, dass jemand auf die bizarre Idee kommen
könnte, einen Blick aufs Ablaufdatum zu werfen. (Falter 1-2/08)

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