Ottakring Polje

MIGRANTEN Nicht immer geht es auf der „Balkanstraße“ im 16. Bezirk
friedlich zu. Eine Einführung in kleine Codes und große Gesten.
JOSEPH GEPP

Wes Geistes Kind die Serbendemonstration gegen die Unabhängigkeit
des Kosovo am vergangenen Sonntag am Heldenplatz war, blieb
unübersehbar: Die drei Finger, die viele der Serben in die Höhe
reckten, waren schon im Zweiten Weltkrieg geläufig – als Gruß der
Tschetniks. Dass ein orthodoxer Pope das Vaterunser betete, erinnerte
ebenfalls an so manche Militärweihe der vergangenen Balkankriege. Als
zwei Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel über dem Heldenplatz
ein kreuzförmiges Muster bildeten, deutete der Geistliche nach oben:
„Seht hinauf, da ist das Kreuz!“ Dass religiöse Überhöhung und
Politik eine ungesunde Mischung bilden, scheinen nur wenige der
serbischen Demonstranten verinnerlicht zu haben.

Anschließend zog man zur Ottakringer Straße zwischen den 16. und
17. Wiener Gemeindebezirk. Dort schlugen die Randalierer die Fenster
eines albanischen Lokals namens Espresso Alba ein. Die Albaner
schworen Rache. Derartige Gewaltausbrüche bleiben jedoch sonst
Einzelfälle auf der „Balkanstraße“, wie die Exjugoslawen die
Ottakringer Straße nennen. Die ungeliebten Albaner lassen sich dort
ebenso wenig blicken wie Türken, Araber und andere Nationalitäten.
Dafür besuchen Vertreter sämtlicher jugoslawischer
Nachfolgenationalitäten die Bars und Discos im 16. Bezirk. Die
Ottakringer Straße gilt als Amüsiermeile der Wiener Exjugoslawen
schlechthin (siehe „Balkan nach Maß“, Seite 68). Die
Neonationalitäten sind untereinander befreundet, manchmal sogar
verschwägert. „Ich kenne andere Serben, Bosnier und Kroaten“, sagt
Gloria, eine serbische Besucherin im Palazzo. „Nur Albaner mag ich
nicht.“ Im Palazzo oder Café Chic wird man von den Kellnern in
serbokroatischer Sprache angesprochen; die jeweilige Nationalität von
Lokalbesitzern und Gästen deutet sich lediglich in kleinen Symbolen
an: Ein Rosenkranz hinter dem BMW-Mittelspiegel weist beispielsweise
einen kroatischen Fahrer aus, ein Kreuz über dem Türstock einen
ebensolchen Lokalbesitzer. Serben tragen bevorzugt einen fünfzackigen
Stern um den Hals, das Symbol ihres geliebten hauptstädtischen
Fußballklubs Roter Stern Belgrad.

Es ist freilich eine Kultur, die vom Milieu und der Exil-Situation
der Exjugoslawen in Wien entscheidend mitgeprägt wurde. „Es ist eine
ländlich geprägte und oft sehr konservative Alltagskultur, die von
Exjugoslawien nach Wien gekommen ist“, erklärt Dino SÇosÇe,
Herausgeber der Zeitung Bum. Viele der Migranten sind
Kriegsflüchtlinge und – häufiger – Gastarbeiter und deren Kinder. Sie
kommen mehrheitlich aus ländlichen Regionen und sind oft
nationalistischer orientiert als der Bevölkerungsschnitt ihrer
Heimatländer. Der Turbo Folk, schnell gespielte und elektronisch
adaptierte Schlagermusik, gilt als Ausdruck dieses Milieus. „Die
Alltagskultur der exjugoslawischen Städte ist ganz anders, viel
avancierter. Aber sie hat es kaum nach Wien geschafft“, sagt SÇosÇe.
Gibt es kein Beispiel für das städtische Selbstverständnis
Exjugoslawiens in Wien? „Mir fällt nur ein einziges Lokal ein, das
vom Ambiente und der Musik her diese Kultur repräsentiert: das
MarsÇal im 16. Bezirk.“ Das Pub befindet sich in der Herbststraße und
spielt bekannten jugoslawischen Rock à la Bijelo Dugme, zu Deutsch
„Weißer Knopf“, ehemals Band des bosnischen Sängers Goran Bregovic´.
Dass die ideologische Ausrichtung eine andere ist als jene des Turbo
Folk, zeigt schon der Name des Lokals: MarsÇal bezieht sich auf den
militärischen Rang des ersten jugoslawischen Staatschefs, Jossip Broz
Tito.

Erschienen im Falter 9/08

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Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Migranten

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