Letzte Worte

NATIONALSOZIALMUS Wieso auf einem Gemeindebau am Alsergrund noch
immer ein Zitat von Adolf Hitler prangt.
JOSEPH GEPP

Es gab Zeiten, da waren Gemeindebauten Ausdruck eines
Standesbewusstseins. Der Thuryhof am Alsergrund ist so einer: lange
Reihen uniformer Torbögen, ein Kinosaal und Balkonumfassungen, die
ein wenig wie Schießscharten wirken. „Erbaut aus Mitteln der
Wohnbausteuer“ in den Jahren 1925/26. Wehrhaft und egalitär, so
sollte es sein, das Rote Wien. Doch später kamen Christlichsoziale
und Nationalsozialisten, und der Traum war vorerst vorbei.

Am Thuryhof hat jedoch nicht nur die Sozialdemokratie ihre Spuren
hinterlassen: Über einem Torbogen blickt ein überlebensgroßer Krieger
stramm und finster in die Weite. Das Standbild stammt vermutlich aus
nationalsozialistischer Zeit. Auf einer darunter angebrachten Tafel
prangt – in Kurrentschrift – ein Zitat: „Wir bitten Dich Herrgott,
lass uns niemals wankend werden und feige sein, lass uns niemals die
Pflicht vergessen, die wir übernommen haben.“ Urheber des rührenden
Vierzeilers: Adolf Hitler. Sein Name wurde weggeschliffen, unter den
Worten verweisen helle Stellen noch immer auf den Platz, wo die
Buchstaben standen. Der Spruch ist Teil einer Rede, die der
Reichskanzler am 4. März 1933, am Tag vor der Reichstagswahl, in
Kaliningrad, damals Königsberg, hielt. Der Völkische Beobachter
druckte sie am nächsten Tag im Volltext, das Zitat kommt darin vor,
„stürmischer Applaus“ steht dahinter in Klammern.

hitlerzitat
Foto von Heribert Corn

„So etwas kann man nicht einfach unkommentiert stehen lassen“,
sagt Stefan Freytag, stellvertretender Bezirksobmann und Obmann der
Grünen am Alsergrund. Schon vor knapp vier Jahren hätten die
Bezirksgrünen einen Antrag auf „zeithistorisch-künstlerische
Neugestaltung der Tafel“ gestellt. „Man sollte den Spruch mit einer
zweiten Tafel ergänzen“, sagt Freytag. „Das wäre besser, als sie ganz
zu entfernen. Was mich stört, ist das Unkommentierte.“ Die
Bezirksversammlung nahm den Antrag damals an, der Fall ging an die
Alsergrunder Kulturkommission – und wurde ad acta gelegt, nachdem SPÖ
und FPÖ die Herkunft des Zitats angezweifelt hatten. „Die
Urheberschaft der Worte ist einwandfrei bewiesen. Sie stehen ja im
Völkischen Beobachter“, sagt Erich Eder, grüner Bezirksrat und
Initiator des Antrags. Dass sich die Umrisse des Namens noch immer
auf der Metalltafel abzeichnen, bezieht er in diese Beweisführung gar
nicht ein.

Siegi Lindenmayr, mit der Causa befasster SPÖ-Gemeinderat,
zweifelt den Ursprung des Zitats trotzdem an: Zwar verlangt auch die
SPÖ inzwischen eine „aufklärende Informationstafel“. Aber, so
Lindenmayr: Das Zitat stamme aus dem Radiohörspiel eines
unpolitischen Schriftstellers von 1932, das später von
„nationalsozialistischen Propagandaschreibern inhaltlich manipuliert“
wurde. Es handelt sich also um ein Denkmal, dessen historischer
Kontext verloren gegangen ist – nur die verblichenen Umrisse des
Namens unter dem Zitat sprechen Bände: „Ein schöneres Sinnbild für
den Umgang mit der Geschichte in der Zweiten Republik kann es gar
nicht geben“, sagt Erich Eder, „der Name wurde diskret entfernt, der
Inhalt blieb oft derselbe.“ Jetzt prangt ein neuer Satz über dem
Hitlerspruch: „Es kann nicht sein, dass 2008 noch immer ein Zitat von
Adolf Hitler unkommentiert auf einem Gemeindebau steht!“ Mit
Nylonschnur, dicken Buchstaben und Plastikfolie haben die
Bezirksgrünen ein kleines Plakat gebastelt und es über die metallenen
Buchstaben gespannt. Ganz so dauerhaft wie die dahinterstehenden
Hitlerworte dürfte das Transparent allerdings nicht sein.

Erschienen im Falter 11/08

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Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien

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