Das letzte Angebot

MÄRKTE Ihre große Zeit ist schon lange vorbei. Wegen des Umbaus
von Wien Mitte schließt die Landstraßer Markthalle jetzt endgültig.
Nur vier Standler weigern sich zu gehen. Ein Schlussverkauf.
JOSEPH GEPP
Fotos von Heribert Corn

Damals, 1927, war die Welt noch in Ordnung, sagt der Blick von
Frau Schultes. Sie selbst war da zwar noch nicht einmal geboren, aber
das Foto, das sie in der Hand hält, spricht Bände. Sie hat es immer
bei sich, in einem abgegriffenen Kuvert, hinter der Theke ihres
Blumenstands. In zittriger Schrift hat sie die Jahreszahl an den
oberen Bildrand gekritzelt. Das Foto zeigt einen Mann mit Gamaschen
an den Beinen und einer Melone auf dem Kopf. Voller Stolz präsentiert
er seinen Marktstand, inmitten des gewerblichen Treibens. Dieser Mann
sei ihr Vater gewesen, erzählt Christina Schultes. 1927 habe er
seinen Marktstand eröffnet. Vierzig Jahre später, 1967, habe sie ihn
dann übernommen. Seitdem stehe sie hier. Wann, wenn nicht heute, soll
die Erinnerung an all diese Jahrzehnte in ihr hochkommen. Frau
Schultes verkauft am 31. Jänner 2008 zum letzten Mal ihre
Blumensträuße. Vor langer Zeit schon habe ihre Tochter den Marktstand
übernommen, aber sie sei immer noch da, aushilfsweise eben. Bis heute
Abend. Dann geht sie endgültig in Pension. Und mit ihr die
Landstraßer Markthalle.

markthalleschultes
Frau Schultes

Märkte erfüllen verschiedene Funktionen. Manche dienen der
Parallelgesellschaft als kulinarisches und soziales Refugium, andere
der jungen Stadtelite zur kulturellen Selbstvergewisserung. Die
Landstraßer Markthalle konnte keine der beiden Funktionen richtig
erfüllen. Dazu war der Betonblock, in den man sie in den
Siebzigerjahren verbannte, zu gesichtslos und abweisend. Dass das
Angebot an Fleisch und Grünzeug eines der reichhaltigsten und
hochwertigsten der Stadt war, konnte auf diese Art im Bewusstsein der
Wiener nicht Fuß fassen. Der Naschmarkt ist schick, der
Karmelitermarkt speziell, der Brunnenmarkt multikulti. Die
Landstraßer Markthalle ist einfach nur da. Hauptsächlich für jene
alten Damen, denen das Supermarkt-Fleisch zwischen Styroporschale und
Frischhaltefolie bis heute unheimlich geblieben ist. Einen wertvollen
Standort wie jenen neben dem Bahnhof Wien-Mitte für etwas so
Anachronistisches wie diese Markthalle zu verschwenden, ist – aus
betriebswirtschaftlicher Perspektive – ziemlich unvernünftig.

markthallestil
Die Reste

Aus diesem Grund sperrt die Halle zu. Die Mietverträge der
Standler wurden von der Gemeinde mit Wirkung ab 31. Jänner 2008
gekündigt. Nur vier von ihnen – drei Fleischhauer und ein Imbissstand
– widersetzten sich und klagten gegen die Kündigung der Verträge. Sie
bleiben vorerst in dem Waschbetonbau. Wenn er schließlich leer ist,
wird die BAI, die Investment-Gesellschaft der Bank Austria, dem Bau
eine moderne Glasverschalung verpassen und ihn in den neu zu
errichtenden Bahnhof integrieren. Medien und Lokalpolitiker
spekulieren derzeit vage über einen „Fleisch-Corner“ als Teil des
neuen Wien-Mitte-Einkaufszentrums, der den Marktverkäufern einen
ersatzweisen Platz geben soll. Ob das nach jahrelanger Bauzeit
wirklich der Fall sein wird, ist derzeit nicht abzusehen. „Selbst,
wenn es diesen Fleisch-Corner gibt: In der alten Halle haben wir
Kühl- und Zerlegeräume, im neuen Einkaufszentrum wird es das nicht
geben. Was soll das denn werden außer eine bessere
Feinkostabteilung?“, sagt Maria Barski, 51. Vor mehr als dreißig
Jahren kam sie aus „Nidaschlääsien“, wie sie mit polnischem Akzent
sagt, nach Wien, studierte hier Politikwissenschaft, schrieb eine
Diplomarbeit über die österreichisch-polnischen Beziehungen der
Zwischenkriegszeit – um danach das Metier zu wechseln und ihren
Fleischstand zu eröffnen. „Ich kann ja jetzt nicht noch einmal ganz
von vorne anfangen.“ Sie gehört zu jenen Standlern, die geklagt
haben. Vor ihrer Theke hängt ein Zettel, auf den sie vorsorglich
„Geöffnet bis 30. April“ geschrieben hat. Als Ablöse habe man ihr
zwar den Wert eines „guten, neuen Mercedes“ angeboten – aber für eine
größere Investition reiche diese Summe nicht. Und so suchen sich die
Standler andere Auswege, sagt Maria Barski: Manche, wie Frau
Schultes, gehen in Pension. Andere sind ohnehin bankrott. Und sie
versuche eben, zu bleiben.

markthalleabverkauf
Schlussverkauf

Von jenen, die gehen, haben die meisten den letzten Tag gar nicht
mehr abgewartet. Nur wenige der Nischen sind noch besetzt. Die
traditionelle Aufteilung des Marktes – im oberen Stockwerk Fleisch,
unten alles andere – lässt sich nur mehr erahnen. Bei jenen
Standlern, die noch da sind, leeren sich die Vitrinen, schaffen Platz
für kleine Flohmärkte voll abgenutzter Gebrauchsgegenstände. Ein
eingerolltes Plakat, auf dem groß „Eier, Geflügel, Wild“ steht, liegt
auf einem Ständer. Preis: drei Euro. Frau Schultes hat ihren
Aschenbecher auf einen Tisch vor ihren Stand gestellt, versehen mit
einem Preis: ein Euro. „Wir müssen noch viel verkaufen“, sagt Adnan,
ein türkischer Standler, und lächelt. Er verkauft nur das, was er
schon seit 15 Jahren verkauft: Fleisch. Die Vitrine, hinter der er
steht, wirkt allerdings zu voll, als dass sie innerhalb eines Tages
leergekauft werden könnte. Morgen übersiedelt er in ein
Geschäftslokal in die Invalidenstraße, bis dahin sollte die Ware weg
sein, sagt er.

Die leeren Marktnischen, die abgetretenen Fliesenränder, die
funktionslos gewordenen Kühlräume erzählen von jahrelanger
Betriebsamkeit. Wo vorher ein türkischer Standler war, kleben noch
zwei Poster an der Wand, eines von der Hagia Sophia in Istanbul,
eines von Pilgern in Mekka. Darüber hängt der Schädel eines
Ziegenbocks. Einige Meter weiter ist noch ein Stand offen: Bobbi
Stankovic hat ebenfalls geklagt. Noch „mindestens ein Jahr“ werde er
hier sein, erklärt er trotzig und beschwert sich, dass die Medien
berichten, die Markthalle würde zusperren. „Erst haben sie uns mit
den Medien umgebracht, dann haben sie uns die Verträge gekündigt“,
sagt er.

markthallestankovic
Herr Stankovic

Dann beklagt er die Politik. Dass Michael Häupl den
Wien-Mitte-Komplex als „Ratzenstadl“ bezeichnet hat, ist ihm sauer
aufgestoßen. Bobbi Stankovic, vor dreißig Jahren aus einem Belgrader
Vorort nach Wien gekommen, wird weiterverkaufen. Er hat ja seine
Stammkunden, meint er. Die würden schon kommen. Trotz leerer Nischen
und ausgeräumter Kühltruhen.

Erschienen im Falter 6/08

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Konsum, Stadtleben, Wien

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