Blogger vom Hocker

INTERNET Immer mehr Journalisten inszenieren sich in Videoblogs.
Will man den Schreibern wirklich beim Sprechen zusehen?
JOSEPH GEPP

Einen Gedanken im falschen Moment auszusprechen, kann zum Skandal
werden. „Ich würde gerne mal die Frage stellen, ob es nicht zu viele
besserwisserische deutsche Rentner gibt, die den Ausländern hier das
Leben zur Hölle machen – und vielen anderen Deutschen auch.“ Das
sagte Jens Jessen, Feuilletonchef der Zeit, kurz nachdem ein junger
Türke und ein Grieche in der Münchner U-Bahn-Station Arabellapark
einen 76-jährigen deutschen Pensionisten krankenhausreif geprügelt
hatten. Der ehemalige Schuldirektor hatte die Jugendlichen dazu
aufgefordert, das Rauchen im Zug zu unterlassen. Er wurde mit einem
Schädelbruch ins Spital gebracht.

Freilich: Im Nachhinein wurde der Fall von Politikern auf übliche
Weise instrumentalisiert. Und es ist legitim zu fragen, ob viele
Pensionisten nicht mehr Toleranz an den Tag legen sollten. Aber in
dieser Situation und in dieser Form wurde Jessens Aussage zum
Skandal. „Unüberlegt“, „eine Schande“ und „auf Stürmer-Niveau“ sei
sie gewesen, ein „Linksfaschist“, ein „verstockter
Altachtundsechziger“ oder gar ein „charakterloser Wurm“ sei Jessen
selbst. Das ist nur ein kleiner Auszug der Reaktionen, die auf der
Homepage der Zeit veröffentlicht wurden.

Wer Jessens Artikel kennt, wundert sich über derart hingeworfene
Aussagen. Aber, wie es der kanadische Kommunikationswissenschaftler
Marshall McLuhan ausdrückte, das Medium ist die Botschaft: Jessens
Botschaft erschien nicht in der Zeit, sondern war Teil seines
Videoblogs auf der Homepage der Zeitung. Sie ging nicht den üblichen
redaktionellen Instanzenweg, wurde weder redigiert noch von Kollegen
auf Ausgewogenheit und Angebrachtheit überprüft. Jens Jessen sitzt in
seiner Bürokoje, dreht sich zur Webcam, spricht ein wenig über
Migranten, Rassismus, Spießer und Rentner, und setzt dann seine
Arbeit fort. Ganz locker und spontan, gleichsam zwischendurch. Dieses
Zwischendurch ist Jessen jetzt zum Verhängnis geworden. Und er ist
beileibe nicht der Einzige, dem das passieren könnte.

Videoblogs, kurz Vlogs genannt, werden unter Journalisten
zunehmend populär. Zeit-Onlinechef Gero von Randow hat ebenso eines
wie Spiegel-Schreiber Henryk M. Broder und sein Exkollege Matthias
Matussek. Tagesspiegel-Redakteur Harald Martenstein parodiert in
seinem audiovisuellen Tagebuch Matussek und schwadroniert über das
Phänomen Videoblog. In Österreich räsoniert der bekannte Falter- und
Profil-Schreiber Robert Misik über Allah und die Welt,
Standard-Redakteur Thomas Rottenberg hat sein Vlog inzwischen wegen
technischer Unausgereiftheiten wieder eingestellt. Die Bilder der
Journalisten sind durchgängig unscharf, die Schwenks ungeschickt, die
Worte manchmal unbeholfen. In geschriebener Form haben sich Weblogs –
das „log“ steht für Logbuch – in den vergangenen Jahren rasend
ausgebreitet. Doch seit einiger Zeit lässt das Interesse an ihnen
nach. „Das ist ein rein mathematisches Phänomen. Es gibt so viele
Blogs, dass man sich nicht mehr so sehr mit ihnen beschäftigt.
Videoblogs hingegen sind neu und werden viel stärker beachtet“, sagt
Norbert Bolz, Medienwissenschaftler an der TU Berlin. Die Vlogs
vermehren sich also und zeigen inzwischen Anzeichen einer
Professionalisierung: Wer Jessen sehen will, sieht zuerst einen
Werbespot. Robert Misik liefert gar selbstgebastelte Kleinbeiträge,
in denen aktuelle Bilder und Archivfotos das Gesagte illustrieren.
Eine Signation mit Bildern der Darsteller in Denkerpose und passender
Musik im Hintergrund gehört inzwischen zur Grundausstattung der
kleinen, elitären Vloggerszene.

Einen „Verlust intellektueller Selbstkontrolle“ nannte die NZZ
Jens Jessens audiovisuellen Ausfall zum Thema Jugendkriminalität, vom
„erbrochenen Wort“ sprach der Spiegel-Online. Beim Vlog wagen sich
Printjournalisten auf ein Terrain mit Gesetzen, die sie nicht kennen.
Das gesprochene Wort ist schwerer im Zaum zu halten als das
geschriebene. Dazu kommt, wie es Vlogger Misik ausdrückt, das
„radikalisierte Quotendenken“ des audiovisuellen Mediums: „Kein
Zeitungsschreiber weiß, wie viele Menschen genau seinen Artikel
lesen. Man kennt nur die Verbreitung der ganzen Zeitung. Im Internet
dagegen sieht man jederzeit die exakte Klickzahl. Das stärkt den
Wettbewerb und kann aus diesem Grund auch zu inhaltlicher
Überzogenheit führen.“ Mit anderen Worten: Wer vor der Kamera vor
sich hin räsoniert, kann schnell Gefahr laufen, den Faden zu
verlieren oder zu übertreiben – vor allem, wenn die TV-Erfahrung
fehlt. Oft entstehen Vlogs am Schreibtisch oder im privaten
Wohnzimmer der Journalisten. Sie sind für eine kleine Öffentlichkeit
geschaffen, kein TV-Coach zwingt den Interneträsonierern seine Regeln
auf. Das Resultat wirkt, je nach Sichtweise, dilettantisch oder
authentisch. In seinen eigenen Beiträgen versucht Misik den Mangel an
Professionalität auszugleichen, indem er auch beim Vloggen eine Art
redaktionellen Instanzenweg einführt: „Ich schreibe meine Texte
vorab. Meistens bekommen sie dann Freunde zum Gegenlesen.“ Rainer
Schüller, Chef vom Dienst bei standard.at, kontrolliert den Beitrag
dann nochmals, bevor er im Internet auf Sendung geht.

Dort breiten sich TV-Elemente aus. Knapp zwei Drittel der
Österreicher haben mittlerweile einen Internetzugang zuhause, die
Hälfte davon ist Breitband. Das schafft die Möglichkeit, das Internet
zum Fernsehen zu nutzen. Neben standard.at sind etwa ORF und Kronen
Zeitung dem Trend gefolgt und bieten TV-Spots auf ihren Websites an.

Norbert Bolz nennt das Weblog, sei es geschrieben oder gesprochen,
das „Medium der Laien“: Es ist gemeinhin subjektiv, authentisch und
fühlt sich journalistischen Kriterien wie Objektivität und
Ausgewogenheit nicht verpflichtet. Dieser Form wollen journalistische
Profis gerecht werden, wenn sie sich aufs Feld der Videoblogs wagen.
Das zeigt sich beispielsweise darin, dass sich Martenstein für seine
kaputte Dusche entschuldigt, bevor er einen Vortrag über Migranten
beginnt – und in den Sprechpausen genüsslich an seinem Kaffee nippt.
„Die Profis versuchen sich an einer Form, die von Laien für Laien
geschaffen wurde. Sie trauen ihren eigenen gedruckten Medien nicht
ausreichend Deutungsmacht zu“, sagt Bolz. „Authentizität ist dabei
der Spitzenwert, nicht Objektivität.“

Bei Jens Jessen ging der Versuch nach hinten los. Sonst bekannt
für seine akkuraten Beobachtungen und seine messerscharfe Deduktion,
wollte er plötzlich mit einem schnellen Wort, einer kurzen Pointe,
einer leicht onkelhaften Überzogenheit reüssieren. Es ist ihm nicht
gelungen. „Die Lust ist mir gründlich vergangen“, erklärte er später.
Diesmal schriftlich.

Erschienen im Falter 5/08

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