Balkan nach Maß

UNTERHALTUNG Die Amüsiermeile der Wiener Exjugoslawen liegt an der
Ottakringer Straße. Ein paar hundert Meter weiter, in der Ottakringer
Brauerei, feiern die Österreicher beim Ost-Festival das, was sie für
Osteuropa halten.
JOSEPH GEPP und FLORIAN OBKIRCHER

Metternich meinte, der Balkan würde am Rennweg beginnen. Aber das
ist mehr als 150 Jahre her. In dieser milden Samstagnacht beginnt er
auf der Ottakringer Straße – und er ist unübersehbar: Schwarze BMWs
halten im Konvoi vor grellbeleuchteten Lokalen mit Namen wie Flash,
Labyrinth oder Palazzo. Der Beat lässt die Spiegelfenster der Discos
vibrieren. Er hämmert aus Autos und Lokalfoyers, in denen
tiefdekolletierte junge Frauen in weißen Hot Pants sitzen. Das Spiel
der Kontaktanbahnung arbeitet hier mit betontem Desinteresse. Die
Frauen schauen gelangweilt, die Männer finster. Sie tragen ihre engen
weißen Hemden bis unter die Brust aufgeknöpft; sie wirken dabei, als
würden sie allesamt Millionenverträge abschließen, wenn sie nicht
gerade samstagabends ausspannen. Man mischt Red Bull mit Wodka.
Aufgegelte dunkle Stehfrisuren und wasserstoffblondierte Mähnen,
polierte Lackschuhe und blitzende Gürtel mit Edelsteinimitat: Hier
gibt sich das junge – und betont schicke – Südosteuropa ein
Stelldichein. Und nichts scheint uninteressanter als die
Neonationalität des Einzelnen. Bei House und Turbo-Folk werden Zagreb
und Belgrad zu Tanzpartnern, Dubrovnik und Banja Luka zu
Trinkfreunden, Christentum und Islam zu Verbündeten im Kampf für den
gemeinsamen Hedonismus. Sieht man einmal vom Kosovo ab, dann ist die
samstägliche Ottakringer Straße die Miniaturversion von dem, was
Jugoslawien einmal hätte sein sollen.

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Im Palazzo. Foto von Julia Fuchs

„Früher hatte jede Nationalität ihre eigenen Lokale. Die Serben
zum Beispiel gingen hauptsächlich ins Labyrinth, die bosnischen
Muslime bevorzugt ins Flash. Das war kurz nach dem Balkankrieg“,
erklärt Marija, eine junge kroatische Besucherin im Palazzo,
samstäglicher Hot Spot der ausgehfreudigen Südosteuropäer. „Im Lauf
der Zeit hat sich das aber aufgeweicht. Dieser Prozess begann
ungefähr Ende der Neunzigerjahre. Heute gehen viele Serben in
bosnische oder kroatische Lokale – oder umgekehrt. Andere Clubs
werden von Türken oder Albanern frequentiert.“ Nur eine Nationalität
fehlt auf der samstäglichen Amüsiermeile in Wien-Ottakring fast
vollständig: Österreicher ohne Migrationshintergrund. „95 Prozent
meiner Gäste sind Exjugoslawen“, sagt Dalibor Toco, Chef des Palazzo.
Autochthones Partyvolk dagegen zeigt sich im 16. Bezirk höchstens
einige hundert Meter weiter, in der Ottakringer Brauerei, einem
beliebten städtischen Veranstaltungsort. Das Publikum hier ist
allerdings älter, dezenter gekleidet – es ist eine Lebensphase, in
der man von Unterhaltung oft mehr will, als bei hämmerndem Beat
tapsige Flirtaktionen zu wagen.

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Im Ost-Klub. Foto von Julia Fuchs

Die Veranstalter wissen, welche Zielgruppe sie erwartet. Am
kommenden Wochenende feiert beispielsweise der Ost-Klub sein erstes
großes Festival in den Sälen der Brauerei. Für das bevorstehende
„Balkan-Fest des Jahres“, wie es die Betreiber stolz anpreisen, ist
das Stammlokal am Schwarzenbergplatz zu klein. Angeboten wird – der
musikalischen Ausrichtung des Clubs gemäß – Musik aus Osteuropa: Der
„Gypsy-Balkan-Russen-Wahnsinn“ lautet der Untertitel des Festes.
„Russische Klänge und Balkangrooves feiern unaufhaltsam ihren
Siegeszug durch die Clubs und Festivals in aller Welt“, begründet die
Club-Homepage die Musikauswahl. Neun Bands, ein DJ-Floor und
osteuropäische Delikatessen werde es geben, verspricht
Ost-Klub-Manager Marcus Westenberger. Hauptacts sind Oi Va Voi aus
der Ukraine und Fatima Spar aus Österreich. „Diese Musik drückt eine
galgenhumorige Lebensfreude aus. Das hat mir schon immer gefallen“,
sagt Westenberger. Heulende Huzulenstimmen und Tuba- und
Kontrabassklänge ostslowakischer Romagruppen werden sich dann mit
elektronischen Beats vermischen. Regelmäßig von der Bühne skandierte
„Wodka!“-Rufe werden die richtige Stimmung schaffen. „Die Leute
reagieren euphorisch, wenn sie Balkansound hören. Dagegen sind
normale Elektronikpartys eher langweilig“, sagt Ulf Lindemann alias
DJ Dunkelbunt, der neben vielen anderen beim Ost-Festival die
Plattenspieler bedienen wird.

Es begann im Jahr 2003, als Stefan Hantel, genannt Shantel,
deutscher Produzent und DJ mit ukrainischen Wurzeln, in Frankfurt
eine Platte veröffentlichte, auf der er Elektrobeats mit
traditionellen osteuropäischen Klängen mischte. Viele hielten
„Bucovina Club“ damals für ein singuläres Ereignis. Doch das Album
wurde zum Erfolg und die Musikrichtung zum Genre. „So eine
Trenddynamik ist neu, das hat es – von Kontinentaleuropa ausgehend –
noch nicht gegeben“, erklärte Hantel vier Jahre nach der
Veröffentlichung seines Albums der Zeit-Online. Die Welle erreichte
bald auch Österreich: Was früher etwa Balaton Combo oder
Tschuschenkapelle als eher augenzwinkernde Variante des Austropop
betrieben, füllt heute Clubs und wird vom jungen kulturinteressierten
Stadtmenschen bereitwillig konsumiert. Lokale wie Wirr, Szene und Aux
Gazelles bieten regelmäßig Balkanabende, der Ost-Klub neben dem
Russendenkmal hat das Genre vor vier Jahren gar zum Programm erhoben.
Neben DJ Dunkelbunt repräsentieren in Wien vor allem Bands wie
Russkaja und Dela Dap die Szene. Selbst in den USA feiern inzwischen
Bands Erfolge, deren Mitglieder den Osten Europas oft nur vom
Hörensagen oder von sporadischen Rucksackreisen kennen – etwa A Hawk
And A Hacksaw aus New Mexico oder Gogol Bordello aus New York. Auch
wenn Eugene Hütz, Leadsänger von Gogol Bordello, die „westliche
Sehnsucht nach dem angeblich Wahrhaftigen und Ursprünglichen“ im
Standard-Interview als „widerlichen fucking Yuppie-Shit“ bezeichnete
– der „Gypsypunk“ hat den gebürtigen Ukrainer reich und berühmt
gemacht.

Mit dem wahren Osteuropa hat die Musik von Gogol Bordello freilich
kaum noch zu tun. „Das Osteuropäische wird in zeitgenössische Formen
gegossen. Man kann schließlich keinen Volksbarden in einen Club
stellen“, sagt Roman Horak, Kulturwissenschaftler an der Universität
für angewandte Kunst. „Es gab in der Popkultur schon immer ein tiefes
Verlangen nach Authentizität. Das ist ein Anspruch, der beim
Balkanpop allerdings nicht eingelöst werden kann.“ Das vermeintlich
Authentische erreicht den westlichen Hörer nur in einer stark
adaptierten Fassung: „Bei der echten Balkanmusik läuft vieles im
11/8-Takt ab. Shantel hat begonnen, sie zu sampeln und gnadenlos zu
verviervierteln. Auf diese Art wurde sie Dancefloor-tauglich“, sagt
Daniel Hantigk, Chef des auf Balkanmusik spezialisierten Wiener
Labels Chat Chapeau. Es ist aber nicht die Tanzbarkeit alleine, die
dazu führt, dass selbst Bands aus dem amerikanischen Mittelwesten
plötzlich Balkanpop machen: Osteuropäische Musik verbreitet eine
Aura, ein Lebensgefühl. Es stellt sich beispielsweise ein, wenn Emir
Kusturica in seinen Filmen die wilden Hochzeiten der Roma am
serbischen Donauufer nachzeichnet. Oder wenn der
Bolschoi-Kosaken-Chor mit Schwermut und Leidenschaft „Kalinka“
intoniert. Der slawische Besiedelungsraum ist fast so heterogen wie
jener des restlichen Europas, er reicht von der Halbinsel Kamtschatka
bis an die Oder und vom Franz-Joseph-Land bis Mazedonien – aber beim
Balkansound spielt das nur eine untergeordnete Rolle. Der Osten: Das
ist Wodka, Sliwowitz und unbändige Lebensfülle. „Die Musik lebt und
kreist um sich selbst. Wer da mit dem Authentischen anfängt, den
finde ich immer etwas arm“, sagt DJ Dunkelbunt.

In Österreich haben Russkaja das Spiel mit den Klischees
perfektioniert. Einem breiten Publikum wurde die Band als
Stimmungsmacher für die donnerstägliche TV-Show von Stermann und
Grissemann bekannt, wo sie zwischen Gags und Gästen kleine Happen
intoniert, die nach Wodkagelage und Eismeerbad klingen sollen.
„Russische Power“ nennt die Gruppe ihre „Philosophie“. Titus Vadon,
Schlagzeuger und Sänger der Band, hat sich einen russischen Akzent
zurechtgelegt, obwohl er kein Russe ist. Früher war er Teil des
Balaton Combo und trug einen ungarischen Schnauzer, obwohl er seit
seiner Kindheit in Wien lebt. „Der Schnauzbart ist genauso
Showelement wie der russische Akzent. Von Russkaja erwarten die Leute
das einfach“, sagt er. Wem das zu viel der Inszenierung ist, der kann
immer noch auf Interpreten zurückgreifen, die tatsächlich aus
Osteuropa kommen: Die zwölfköpfige Roma-Blaskapelle Fanfare
CiocaÇrlia aus Ostrumänien geht ebenso regelmäßig auf Tournee durch
westeuropäische Konzerthallen wie der Bosnier Goran Bregovic´ – und
selbst Emir Kusturica höchstselbst tritt mit seiner Band Zabranjeno
PusÇenje, hierzulande besser bekannt als No Smoking Orchestra, auf
dem ganzen Kontinent auf. Wenn Kusturica in Wien gastiert, ist die
große Halle des Wuk mehrere Abende hintereinander ausverkauft. Diese
Musiker singen und spielen für Völkerverständigung, manchmal
melancholisch und getragen, manchmal schnell und aufpeitschend.

In Westeuropa kennt man sie oftmals besser als in ihren
Heimatländern. „Bregovic´ macht seine Ethnomusik ausschließlich für
den Westen. In Bosnien hört man das kaum“, sagt der Bosnier Dino
SÇosÇe, 32, Herausgeber der serbokroatischsprachigen Wiener Zeitung
Bum und Moderator der gleichnamigen Okto-Sendung. „Das, was sich die
Österreicher hier zusammengezimmert haben, hat mit dem Balkan wenig
zu tun. Keiner meiner bosnischen Freunde kennt beispielsweise
Shantel.“ Der authentische Osten – er findet auf der Ottakringer
Straße statt. Beispielsweise im Palazzo: „Jeden Abend kommt der
schwarze Benz und bringt dich in die Disco“, dröhnt es dort auf
Serbokroatisch aus den Boxen. Die Musikrichtung nennt sich
Turbo-Folk. In schnell gespielten Schlagern werden die gute Welt und
das schnelle Geld besungen. In den dazugehörigen Videos tanzen junge
und plastisch perfektionierte Frauen zu Technobeats auf den Flügeln
von Abfangjägern. „Wie die Zillertaler Schürzenjäger, nur etwas
primitiver“, beschreibt Dino SÇosÇe diese Musik. Die Stars des Genres
tragen Namen wie Seka Aleksic´, Dragana Mirkovic´ oder Ceca
RazÇnatovic´. Ihre Musik gilt oft als Ausdruck von Nationalismus,
ihnen selbst werden mitunter Verbindungen zur Balkanmafia nachgesagt.
Turbo-Folk-Stern Ceca RazÇnatovic´ beispielsweise, eine der reichsten
und bekanntesten Frauen Serbiens, ist Witwe des ermordeten
mutmaßlichen Kriegsverbrechers ZÇeljko Arkan, genannt der „Tiger“ und
Kommandant der gleichnamigen Milizeinheit im Balkankrieg. Die
Sängerin weilte bis vor kurzem auf Zypern, weil man ihr in Serbien
Steuerhinterziehung vorwarf.

Aber Zypern ist weit weg. An diesem Abend gastiert in Ottakring
die Band Playboy im Café Chic, unweit des Palazzo. Playboy covert
ausschließlich Turbo-Folk-Hits. Arbeitsvisa für sechs Monate in
Österreich ermöglichen das Gastspiel der dreiköpfigen Gruppe. Die
Zuhörerschaft ist älter und gesetzter als im Palazzo; Muskelpakete
und Modeschmuck prägen trotzdem die Szenerie. Die Band spielt vor
einem riesigen Transparent, auf dem das Playboy-Häschen prangt. „Ich
habe Kopfschmerzen vom Wein, kein Aspirin in Sicht, gestern Abend war
ich mit dir betrunken, die Bettwäsche liegt am Boden des verrauchten
Zimmers.“ Ein Keyboard neben der Sängerin imitiert den Klang eines
Dudelsacks aus Ziegenhaut, mit dem sich die balkanischen Hirten einst
die Zeit vertrieben. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Sehnsucht nach
Wahrhaftigem und Ursprünglichem scheint hier niemand zu spüren. Das
Café Chic könnte ebenso gut in Zagreb und Belgrad, Dubrovnik und
Banja Luka stehen. Das Lebensgefühl scheint sich desto schneller
einzustellen, je weniger man über etwaige Zuschreibungen nachdenkt:
Von Russkaja, Gogol Bordello oder DJ Dunkelbunt hat man hier noch nie
etwas gehört. Genauso wenig wie von der Ottakringer Brauerei, wo die
Österreicher nächste Woche jenes Gefühl feiern werden, das sie für
osteuropäisch halten.

Erschienen im Falter 9/08

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Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Migranten

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