Stadt mit Juden

HOLOCAUST Das rege jüdische Leben von Rudolfsheim-Fünfhaus ist
heute fast vergessen. Nun soll es ins Gedächtnis der Stadt
zurückkehren.
JOSEPH GEPP

Als Judith Pühringer und Michael Kofler vor drei Jahren gemeinsam
in den 15. Bezirk zogen und in der Herklotzgasse 21 eine
Bürogemeinschaft gründeten, ahnten sie nicht, wo sie da gelandet
waren. Ein hübsch eingerichteter Arbeitsplatz sollte es sein,
großräumig, parkettbodenbelegt und nicht allzu teuer. Doch dann las
Judith Pühringer, 32, ein Buch, und der Ort wurde zum Programm. Es
waren die Kindheitserinnerungen von Inge Rowhani-Ennemoser, einer
österreichischen Jüdin. Als „Zentrum jüdischen Lebens“ beschrieb sie
darin die Herklotzgasse 21, als Sitz jüdischer Hilfsvereine,
Treffpunkt des Viertels und Heimstatt des jüdischen Sportklubs
Makabi, dem die Turnhalle im Hof der ehemaligen Schule zu
Trainingszwecken diente. Pühringer war angetan. Gemeinsam mit Michael
Kofler, 41, und dem Historiker Georg Traska, 39, begann sie, die
Geschichte des Hauses zu erforschen.

Was dabei herauskam, reicht weit über das gründerzeitliche Gebäude
hinaus. Zwischen zwei Synagogen, die nicht mehr existieren, und dem
Haus in der Herklotzgasse hatte sich im frühen 20. Jahrhundert ein
vitales, heute fast vergessenes jüdisches Grätzl entwickelt. Hier
lebte und wirkte vorwiegend die Arbeiterklasse unter jenen zehn
Prozent Wienern, die bis zur NS-Zeit jüdisch waren. Im nahe gelegenen
Storchentempel in der gleichnamigen Gasse berichteten israelische
Emigranten vom selbstverwalteten Leben in den neugegründeten
Kibbuzim. In der Herklotzgasse selbst wurden Versehrte des Ersten
Weltkriegs behandelt, nicht weitab stand ein jüdisches Waisenhaus.
Dann kam der 9. November 1938. In einer einzigen verhängnisvollen
Nacht wurden die beiden Synagogen niedergebrannt, dann das Haus in
der Herklotzgasse arisiert. Trotz späterer Restitution an die
Israelitische Kultusgemeinde existierte das jüdische Leben des 15.
Bezirks fortan nur noch in der Erinnerung einiger alternder, über
alle Welt verstreuter Menschen.

„Wir wollten die jüdische Vergangenheit des Bezirks aus dem
Vergessen holen und in das Gedächtnis der Stadt integrieren“, sagt
Michael Kofler. Es sei eine Quelle der Geschichten, Erinnerungen und
Anekdoten, die er – selbst ohne jüdischen Hintergrund – angebohrt
habe. „Das war ein kleines Netzwerk von Personen und Vereinen hier im
Viertel. Die Leute kannten sich alle gegenseitig.“ Und kennen
einander bis heute: Ein paar alte Damen in Tel Aviv würden sich
regelmäßig treffen und austauschen, erzählt Kofler. Sie alle hätten
denselben jüdischen Kindergarten in der Herklotzgasse besucht. Im
Oktober reisten Kofler, Pühringer und Traska nach Israel, um
Zeitzeugen zu interviewen. 50 Stunden Filmmaterial kamen zusammen.
„Viele Menschen konnten stundenlang über ihre noch lebendigen
Kindheitserinnerungen reden. Das Verhältnis zu Wien war oft
ambivalent. Manche haben die Schneekugel mit dem Riesenrad zuhause,
andere sind voller Zorn auf Österreich.“

Nun setzt sich die kleine Interessengemeinschaft für die
Erinnerung an die Juden im 15. Bezirk ein. Ein Denkmal soll in jenen
winzigen Park kommen, wo sich bis zur NS-Zeit eine der beiden
Synagogen befand. Ein Buch, ein Film und eine Ausstellung soll die
Arbeit der drei Begeisterten dokumentieren. Das Geld dafür stellen
der Zukunftsfond der Republik und private Sponsoren zur Verfügung.

Als Inge Rowhani-Ennemoser im Jahr 2000, erstmals seit
Jahrzehnten, das Haus Nr. 21 betrat, entdeckte sie einen Raum, der
offenbar seit langer Zeit nicht mehr geöffnet worden war. Darin
standen etwa 800, bis unter die Decke gestapelte Kartons. Es war, wie
sich später herausstellte, ein Gutteil der Deportations- und
Auswanderungslisten, die von der jüdischen Gemeinde für das NS-Regime
angefertigt werden mussten. Im Lauf der Jahrzehnte wurde der
historische Schatz in der alten Hausmeisterwohnung einfach vergessen.
Nun wird das Material von der Kultusgemeinde gesichtet und
ausgewertet. Er werden noch viele Geschichten kommen, die die
Herklotzgasse 21 zu erzählen weiß.

www.herklotzgasse21.at

Erschienen im Falter 4/08

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien

Eine Antwort zu “Stadt mit Juden

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