Kein Baugarten

LEOPOLDSTADT Am Augartenspitz soll eine Konzerthalle für die
Wiener Sängerknaben entstehen. Anrainer und Grüne laufen dagegen
Sturm.
JOSEPH GEPP

Wenn die Leopoldstadt demonstriert, läuft das ziemlich zivilisiert
ab: Neunzig Menschen haben sich vor einer barocken Mauer am
südöstlichen Zipfel des Augartens versammelt. Es gibt Tee und Kekse.
Fünf kurze Reden. Eine Petition für eine vorläufige Bausperre im
Augarten. Nur zwei unauffällige Zelte neben der Menschentraube deuten
an, dass man auch zu radikaleren Maßnahmen bereit wäre. „Die haben
vorläufig nur Symbolwert“, sagt Daniela Kraus, Obfrau des Vereins
Freunde des Augartens. „Aber falls tatsächlich gebaut wird, können
wir uns im Sommer durchaus eine Besetzung des Augartenspitzes
vorstellen.“

Die Entscheidung, der diese Drohung zugrunde liegt, fiel
vergangene Woche im Wirtschaftsministerium: Auf 1200 Quadratmetern
Augartenspitz soll der „Konzertkristall“ entstehen, eine moderne
Konzerthalle mit 430 Sitzplätzen für die Wiener Sängerknaben. Das
Filmarchiv Austria dagegen, das an dieser Stelle gemeinsam mit der
Viennale ein neues Filmzentrum geplant hätte, hatte das Nachsehen
(siehe Falter 50/07). Es bekommt nun möglicherweise einen anderen
Standort auf der Donauplatte angeboten. Eine „kulturpolitische
Maßnahme aus wirtschaftspolitischen Gründen“ nennt das Wolfgang
Zinggl, Kultursprecher der Grünen. „Die Sängerknaben tragen den Ruf
Österreichs in die Welt. Aber fragen Sie einmal einen Japaner nach
dem Filmarchiv“, erklärte Burghauptmann Wolfgang Beer schon im
Frühjahr 2007 dem Falter die bevorstehende Entscheidung. Eigentümer
des Augartens ist seine Behörde, die dem Bund untersteht.

„Mitbestimmung statt Bartenstein-Häupl“ steht auf einem
handgemalten Transparent der Grünen. Martin Bartenstein bewog das
internationale Renommee und die wirtschaftliche Bedeutung der
Sängerknaben zur Entscheidung gegen das Filmarchiv. Und der Stadt
wird vorgeworfen, sich nicht ausreichend für das Alternativprojekt
Filmzentrum starkgemacht zu haben. Erst nach Fertigstellung eines
Leitbilds bis Ende 2008 hätte die Zukunft des Parks festgelegt werden
sollen. Nun entschied das Wirtschaftsministerium allerdings, ohne auf
das künftige Konzept Rücksicht zu nehmen. Die Grünen nennen das eine
„Verhöhnung der Bevölkerung“.

„Das ist ein Exempel dafür, wie Bürgerbeteiligung in Wien
funktioniert“, sagt Daniela Kraus. Die Freunde des Augartens fühlen
sich überfahren. Mit „aktionistischen und rechtlichen Aktionen“ wolle
man nun gegen das Projekt vorgehen. Im Frühjahr 2008 soll der Bau
beginnen. Auf rechtlicher Ebene wollen Grüne und Augarten-Freunde vor
allem das Denkmalamt bemühen. Aber: „Wenn die Politik will, ist
rechtlich sowieso alles möglich“, meint Grünpolitiker Zinggl. Daher
müsse man vor allem auf Bürgerbeteiligung setzen. „Ich sehe durchaus
Möglichkeiten, das Projekt noch zu verhindern. Auch wenn die
Entscheidung bereits gefallen ist.“ Die „Probebesetzung“ am
vergangenen Montag sollte der erste Schritt dazu sein.

Erschienen im Falter 51-52/07

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Behörden, Das Rote Wien

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