Friede den Hyttn

PUNKS Ein paar Jugendliche setzen durch, was sie wollen. Ein paar
Anrainer fühlen sich dabei übergangen. Und die Bezirkspolitiker
stehen dazwischen. Die Geschichte des neuen Punkhauses im 15. Bezirk.
JOSEPH GEPP

Jörg* seufzt. Schon wieder ein Interview. Gerade war der Falter
dran, jetzt kommt ATV. „Nicht das Fernsehen auch noch“, sagt er. Doch
Lili, seine Kollegin, packt ihn am Arm. „Na komm. Ich helf dir. Das
machen wir schon.“ Jörg rafft sich auf und geht ins nächste Zimmer,
wo ein Kamerateam wartet. Ein Nietengürtel schlenkert beim Gehen um
die Hüfte des 23-Jährigen. Gummiringe verschiedener Farben halten
seine verfilzten dunklen Zöpfchen zusammen. „Ich war schon Punker,
als ich noch in Wels gelebt habe“, erzählt er, „und dann, in Wien,
war ich sofort in der Szene.“ Auch wenn Jörg sich als Punk bezeichnet
– wenn der Oberösterreicher zu erzählen anfängt, findet man keinen
Menschen vor sich, der sich aus Verzweiflung am System aufgegeben hat
und jetzt die Verweigerung lebt. Jörg ist eloquent. In seinen Augen
funkelt intelligente Wachheit. Er spricht über Öffentlichkeitsarbeit
und Presseaussendungen und wirkt dabei ein wenig wie jene Vertreter
der 68-Generation, die sich von Systemverweigerern in Werbemenschen
und Wirtschaftsreibende verwandelt haben – nur dass ihm dieser Wandel
noch bevorsteht. Jörg studiert Politikwissenschaft. Wenn man ihn nach
der Gruppe von Punks fragt, die er leitet, dann hat er eine Kennzahl
aus dem Vereinsregister parat. Fragt man ihn nach seiner
Telefonnummer, präsentiert er die Nummer des Vereinshandys.
Außenstehende nennen ihn den Punk-Pressesprecher.

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Foto von Heribert Corn

Jetzt kramt Jörg ein kleines Heft aus seiner Tasche. Auf dem
Titelblatt ein morscher Totenkopf mit Anarchiezeichen, dann ein
Pamphlet wider den Privatbesitz an Boden. „Menschen werden (…)
durch überhöhte Mieten ausgebeutet. Reich wird nur die
Spekulantinnensau.“ Es folgt eine Aufstellung mit der Überschrift
„Chronologie“. „Das sind alle unsere bisherigen Hausbesetzungen“,
sagt Jörg. Fein säuberlich aufgelistet finden sich darunter einige
Adressen: 21.12.06, Hausbesetzung Storchengasse 21. 23.3.07,
Hausbesetzung Sigmundsgasse 5. 18.5.07, Hausbesetzung Alser Straße
33. „Wir sind da jeweils kurz eingezogen und haben mit Transparenten
und Presseaussendungen auf uns aufmerksam gemacht.“ Und jetzt, sagt
er und lächelt triumphierend, habe seine Gruppe ihr Ziel erreicht:
ein eigenes Haus, von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellt.
Mietfrei, lediglich um den Preis der Betriebskosten. Johnstraße 45,
Rudolfsheim-Fünfhaus. Das neue Refugium der Wiener Punkszene. Die
Sozialarbeiter der Stadt Wien bezeichnen es als sozialpädagogisch
betreutes Projekt für junge Erwachsene. Jörg und seine Mitstreiter
nennen es schlicht die „Pankahyttn“.

„Wenn sie etwas wollen, dann können sie sich plötzlich sehr gut
organisieren“, sagt ein Szenekenner. Die Pankahyttn ist die
Geschichte einiger Jugendlicher, die sich durchsetzen konnten. Und
Anrainer, die sich übergangen fühlen. Und städtischer Politiker, die
zu reagieren gezwungen sind, weil ihnen zum Agieren wenig Raum
bleibt.

stiege
Foto von Heribert Corn

Um etwa 750.000 Euro hat die Gemeinde Wien das baufällige Zinshaus
in der Johnstraße gekauft. Dazu kommen die Kosten für jene neun
Sozialarbeiter, die die etwa dreißig künftigen Bewohner des Hauses
betreuen – rund 400.000 Euro pro Jahr. Anfangs werden sie rund um die
Uhr da sein, später zumindest tagsüber, wie die Betreuer erklären.
„Wie viel Personaleinsatz wir brauchen, wird sich im Lauf der Zeit
weisen“, sagt Heimo Rampetsreiter vom Fonds Soziales Wien (FSW), der
das Projekt leitet. An diesem Tag, Freitag vergangener Woche, stehen
in der zugigen Einfahrt der Johnstraße 45 flackernde Teelichter,
kleine Schälchen mit Keksen und Erdnüssen, ein dampfender Kessel mit
Tee. Ein Tag der offenen Tür soll Anrainer und Interessierte davon
überzeugen, dass ins Punkhaus nicht die Sünde einzieht. Notwendig
wurde das, nachdem Boulevardzeitungen begonnen hatten, sich auf das
Projekt einzuschießen. Es folgte die Bezirks-FPÖ: Auf dem Meiselmarkt
sammelte man Unterschriften gegen die neue Heimstätte der
Jugendlichen – etwa tausend kamen zusammen. „Die FPÖ lässt die Bürger
nicht im Stich und wird an ihrer Seite gegen das Punkerhaus kämpfen“,
verkündete der Bezirksparteiobmann Dietbert Kowarik. Wer die Bürger
im Stich lässt, ist nach FPÖ-Lesart die SPÖ: Bezirksvorsteher Walter
Braun bezog zuerst gegen das Projekt Stellung. Nach einer Rüge aus
dem Rathaus änderte er seinen Kurs und stimmte doch zu. Bei der
entscheidenden Bezirkssitzung kurz darauf fehlte er krankheitsbedingt
(und stand deswegen bis Redaktionsschluss für keine Stellungnahme
bereit). Das Punkhaus kommt, hieß es aus dem Rathaus. Schließlich
fallen seine Bewohner im 15. Bezirk weniger auf als auf der stark
frequentierten Mariahilfer Straße. Punkt. Der Bezirkschef musste sich
schmachvoll geschlagen geben.

Die Anwesenheit der umstrittenen künftigen Bewohner war bei der
Besichtigung der Pankahyttn nicht vorgesehen. „Das soll ja kein Zoo
sein“, sagt Florian Winkler, Sprecher des Fonds Soziales Wien.
Lediglich das Haus und seine Räume, nicht aber die Einziehenden seien
an diesem Tag der Öffentlichkeit zugänglich. Als Jörg und zehn
weitere Punks trotzdem auftauchen, weicht die Gruppe von Anrainern,
Bezirksbewohnern und Journalisten etwas ängstlich zur Seite. Einige
ältere Leute beginnen sich aufzuregen. „Als ich jung war, habe ich ja
auch kein Geld gehabt“, sagt eine Frau. „Na und. Dann war ich halt
bis dreißig bei meiner Mutter. Dass sich diese Jungen trauen, einfach
so ein Haus zu verlangen!“ „Woher kommen diese Leute nur?“ fragt eine
andere, „was hat sie zu dem gemacht, das sie sind?“ Sie blickt
schüchtern auf ein dickliches Punkmädchen mit starker Augenschminke
und Lippenpiercing. „Wer soll zum Beispiel in diesem Zimmer hier
wohnen? Das ist ja der größte Müllhaufen von allen“, sagt die Frau
zum Mädchen und senkt vorsorglich den Blick. „Das? Das wird mein
Zimmer“, antwortet das Mädchen aufmüpfig und genießt den Schock, den
sie damit bei der Frau auslöst.

Luxuriös ist die Pankahyttn in der Tat nicht. „Die Leute haben
geglaubt, wir würden den Punks hier ein Luxushotel zur Verfügung
stellen. Das war schlecht kommuniziert. Auch deshalb haben sich viele
aufgeregt“, sagt Martin Krieber. Der 28-jährige Kärntner ist einer
der künftigen Betreuer im Punkhaus. „Diese Veranstaltung soll den
Leuten auch zeigen, wie das Haus in Wirklichkeit ausschaut.“ Das
dreistöckige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ist abgewohnt und
heruntergekommen. Der Putz bröckelt, es riecht nach Mäusen, auf den
Wänden wächst der Schimmelpilz. „Ein paar Wohnungen sind überhaupt
auch nach unserem Einzug noch lange Zeit gesperrt. Dort herrscht
angeblich sogar Einsturzgefahr“, sagt Jörg. Vereinzelte Duschen in
Küchennischen haben die früheren Bewohner der Substandardwohnungen
zurückgelassen. Unter Postern von Blumensträußen und nackten Frauen
an der Wand zeichnen sich noch die Umrisse der einstigen Möbelstücke
ab. „Der letzte Bewohner ist vor etwa einem Monat ausgezogen. Der
Eigentümer hat es einfach verfallen lassen. Wahrscheinlich wollte er
damit spekulieren“, sagt Martin Krieber. „Jetzt hat er es vergoldet“,
sagt Hubert Ofner, der im selben Haus eine Trafik betreibt. Er sorgt
sich. Momentan könne er von seinem Geschäft einigermaßen leben, sagt
er. „Aber wenn die Punker vor meiner Tür mit dem Schnorren anfangen
und die Kunden wegbleiben, dann wird es eng.“ Ähnlich besorgt äußert
sich ein junges Pärchen, das im Nachbarhaus wohnt. Der Arzt und die
Studentin wirken nicht so, als würden sie sich sonst über Punks
aufregen. Aber: „Wir wussten nichts vom neuen Zweck des Hauses. Wir
wurden total überrumpelt“, sagt die Studentin. Kein Brief, keinen
Anruf, gar nichts hätten sie bekommen. Alles, was sie wüssten, hätten
sie aus den Medien erfahren – und von alarmierten Nachbarn. Das
Fenster des Paares liegt einige Meter über jenem Hof, in dem für die
Punks ein Veranstaltungsraum eingerichtet werden soll. „Wenn du
unbeteiligt bist, hast du überhaupt kein Problem, ein solches Projekt
zu unterstützen“, sagt der Arzt. „Wenn du aber der Nachbar bist, dann
fängst du zu überlegen an.“ Er wirkt nicht zornig, aber doch
aufgebracht. „Die Anrainer haben sich vor allem deshalb geärgert,
weil sie es so spät erfahren haben. Ich habe vor einigen Tagen im
Bezirksamt angerufen, und die haben gar nichts gesagt.“ Auch der
Trafikant hat erst aus der Kronen Zeitung erfahren, dass die neue
Heimstätte der Wiener Punks im selben Gebäude geplant ist. Danach
bestätigte ein Anruf bei der FPÖ Rudolfsheim-Fünfhaus die Richtigkeit
des Artikels. Die Bezirksverwaltung hielt sich offenbar bedeckt. „Die
hätten mir ruhig etwas sagen können.“

Der FSW gibt dazu bekannt, dass die Verhandlungen zum Kauf des
Hauses „nicht unbedingt kurzfristig“ erfolgten. „Das ist keine
Pankahyttn“, stellt Florian Winkler klar. „Das ist ein Sozialprojekt,
damit die Obdachlosen in einer Winternacht nicht unter der Brücke
schlafen müssen – und dabei möglicherweise erfrieren.“ Gespräche
zwischen Gemeinde und der von Jörg geleiteten Initiative Pankahyttn
gab es dennoch: Als kleiner Erfolg der Gemeinde Wien gilt, dass die
Nutzungsverträge mit jedem Bewohner einzeln abgeschlossen werden. Die
Initiative verlangte anfangs einen kollektiven Nutzungsvertrag – eine
Variante, die den Rausschmiss eines Einzelnen praktisch unmöglich
gemacht hätte. „Durch die jetzigen Verträge behalten wir uns
Rausschmisse vor – wenn es sein muss“, sagt Martin Krieber. Nun ist
das Projekt in eine Evaluierung eingetreten: Nach etwa einem halben
Jahr soll entschieden werden, ob das Punkhaus tatsächlich bestehen
bleibt.

Mit vielen geduldigen Erklärungen führt der Sozialarbeiter die
Interessierten durchs Haus, zeigt ihnen angeschimmelte Klotüren und
verrostete Stromkästen. Drogen werde es hier herinnen keine geben,
bei Alkohol werde man streng sein, sagt er. „Und wer zahlt das ganze
Projekt?“, fragt ein älterer Mann, dem der Sinn offenbar ein wenig
nach Streit steht. „Der Steuerzahler“, sagt Krieber ruhig. „Also
ich?“ „Genauso wie ich“, kontert Krieber. Zuspruch freut den
Sozialarbeiter, bei Widerstand bemüht er sich um Deeskalation. „Und
Sie glauben also, Sie können diese Leute heilen?“, fragt derselbe
alte Mann. „Heilen wovon? Vom Punkdasein?“, antwortet Krieber, um
gleich darauf freundlicher zu werden. „Wir tun halt unser Bestes.“

Andere schauen sich um, ohne gleich ihre Meinung zu artikulieren.
Manche wirken besorgt, andere eher aufgeschlossen. Die Stimmung sei
„misstrauisch, aber nicht ablehnend“, sagen Arzt und Studentin
unisono. „Ich wohne seit vierzig Jahren auf der anderen Straßenseite.
Ich werde hier sterben“, sagt ein alter Mann mit Regenschirm und
eleganter Jacke. Und meint damit: Komme, was wolle, er könne damit
leben. „Mehr Lärm als die Jugendlichen im Park vor meiner Haustür
können die Punker ja auch nicht machen.“

Wie ist das mit dem Lärm und dem Schnorren? Jörg schüttelt den
Kopf. Man werde sich bemühen, das nicht ausufern zu lassen. „Unser
Veranstaltungsraum kriegt eine Lärmschutzdämmung, unsere Fenster
auch. Das wird schon gehen.“ Bisher habe er bei Freunden auf der
Couch übernachtet, erzählt er, genauso wie die anderen. Im Sommer
seien sie dann in Parks oder auf der Donauinsel. Einfach unerträglich
sei das. „Aber morgen“, sagt er, „morgen werden die Punks die
Johnstraße hinunter zum Haus Nr. 45 wandern. Dann ziehen wir hier
ein. Alle gemeinsam, alle in einer Reihe.“ Eine Prozession der
Nietengürtel und gestreiften Strumpfhosen entlang der Johnstraße.
Aber jetzt muss Jörg in einen anderen Raum. Etwas weiter wartet
nämlich die Frau von der Presse mit ihrem Schreibblock.

* Namen der Punks von der Redaktion geändert.

Erschienen im Falter 51-52/07

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Behörden, Das Rote Wien, Wien

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