Monatsarchiv: Januar 2008

Stadt mit Juden

HOLOCAUST Das rege jüdische Leben von Rudolfsheim-Fünfhaus ist
heute fast vergessen. Nun soll es ins Gedächtnis der Stadt
zurückkehren.
JOSEPH GEPP

Als Judith Pühringer und Michael Kofler vor drei Jahren gemeinsam
in den 15. Bezirk zogen und in der Herklotzgasse 21 eine
Bürogemeinschaft gründeten, ahnten sie nicht, wo sie da gelandet
waren. Ein hübsch eingerichteter Arbeitsplatz sollte es sein,
großräumig, parkettbodenbelegt und nicht allzu teuer. Doch dann las
Judith Pühringer, 32, ein Buch, und der Ort wurde zum Programm. Es
waren die Kindheitserinnerungen von Inge Rowhani-Ennemoser, einer
österreichischen Jüdin. Als „Zentrum jüdischen Lebens“ beschrieb sie
darin die Herklotzgasse 21, als Sitz jüdischer Hilfsvereine,
Treffpunkt des Viertels und Heimstatt des jüdischen Sportklubs
Makabi, dem die Turnhalle im Hof der ehemaligen Schule zu
Trainingszwecken diente. Pühringer war angetan. Gemeinsam mit Michael
Kofler, 41, und dem Historiker Georg Traska, 39, begann sie, die
Geschichte des Hauses zu erforschen.

Was dabei herauskam, reicht weit über das gründerzeitliche Gebäude
hinaus. Zwischen zwei Synagogen, die nicht mehr existieren, und dem
Haus in der Herklotzgasse hatte sich im frühen 20. Jahrhundert ein
vitales, heute fast vergessenes jüdisches Grätzl entwickelt. Hier
lebte und wirkte vorwiegend die Arbeiterklasse unter jenen zehn
Prozent Wienern, die bis zur NS-Zeit jüdisch waren. Im nahe gelegenen
Storchentempel in der gleichnamigen Gasse berichteten israelische
Emigranten vom selbstverwalteten Leben in den neugegründeten
Kibbuzim. In der Herklotzgasse selbst wurden Versehrte des Ersten
Weltkriegs behandelt, nicht weitab stand ein jüdisches Waisenhaus.
Dann kam der 9. November 1938. In einer einzigen verhängnisvollen
Nacht wurden die beiden Synagogen niedergebrannt, dann das Haus in
der Herklotzgasse arisiert. Trotz späterer Restitution an die
Israelitische Kultusgemeinde existierte das jüdische Leben des 15.
Bezirks fortan nur noch in der Erinnerung einiger alternder, über
alle Welt verstreuter Menschen.

„Wir wollten die jüdische Vergangenheit des Bezirks aus dem
Vergessen holen und in das Gedächtnis der Stadt integrieren“, sagt
Michael Kofler. Es sei eine Quelle der Geschichten, Erinnerungen und
Anekdoten, die er – selbst ohne jüdischen Hintergrund – angebohrt
habe. „Das war ein kleines Netzwerk von Personen und Vereinen hier im
Viertel. Die Leute kannten sich alle gegenseitig.“ Und kennen
einander bis heute: Ein paar alte Damen in Tel Aviv würden sich
regelmäßig treffen und austauschen, erzählt Kofler. Sie alle hätten
denselben jüdischen Kindergarten in der Herklotzgasse besucht. Im
Oktober reisten Kofler, Pühringer und Traska nach Israel, um
Zeitzeugen zu interviewen. 50 Stunden Filmmaterial kamen zusammen.
„Viele Menschen konnten stundenlang über ihre noch lebendigen
Kindheitserinnerungen reden. Das Verhältnis zu Wien war oft
ambivalent. Manche haben die Schneekugel mit dem Riesenrad zuhause,
andere sind voller Zorn auf Österreich.“

Nun setzt sich die kleine Interessengemeinschaft für die
Erinnerung an die Juden im 15. Bezirk ein. Ein Denkmal soll in jenen
winzigen Park kommen, wo sich bis zur NS-Zeit eine der beiden
Synagogen befand. Ein Buch, ein Film und eine Ausstellung soll die
Arbeit der drei Begeisterten dokumentieren. Das Geld dafür stellen
der Zukunftsfond der Republik und private Sponsoren zur Verfügung.

Als Inge Rowhani-Ennemoser im Jahr 2000, erstmals seit
Jahrzehnten, das Haus Nr. 21 betrat, entdeckte sie einen Raum, der
offenbar seit langer Zeit nicht mehr geöffnet worden war. Darin
standen etwa 800, bis unter die Decke gestapelte Kartons. Es war, wie
sich später herausstellte, ein Gutteil der Deportations- und
Auswanderungslisten, die von der jüdischen Gemeinde für das NS-Regime
angefertigt werden mussten. Im Lauf der Jahrzehnte wurde der
historische Schatz in der alten Hausmeisterwohnung einfach vergessen.
Nun wird das Material von der Kultusgemeinde gesichtet und
ausgewertet. Er werden noch viele Geschichten kommen, die die
Herklotzgasse 21 zu erzählen weiß.

www.herklotzgasse21.at

Erschienen im Falter 4/08

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien

Kein Baugarten

LEOPOLDSTADT Am Augartenspitz soll eine Konzerthalle für die
Wiener Sängerknaben entstehen. Anrainer und Grüne laufen dagegen
Sturm.
JOSEPH GEPP

Wenn die Leopoldstadt demonstriert, läuft das ziemlich zivilisiert
ab: Neunzig Menschen haben sich vor einer barocken Mauer am
südöstlichen Zipfel des Augartens versammelt. Es gibt Tee und Kekse.
Fünf kurze Reden. Eine Petition für eine vorläufige Bausperre im
Augarten. Nur zwei unauffällige Zelte neben der Menschentraube deuten
an, dass man auch zu radikaleren Maßnahmen bereit wäre. „Die haben
vorläufig nur Symbolwert“, sagt Daniela Kraus, Obfrau des Vereins
Freunde des Augartens. „Aber falls tatsächlich gebaut wird, können
wir uns im Sommer durchaus eine Besetzung des Augartenspitzes
vorstellen.“

Die Entscheidung, der diese Drohung zugrunde liegt, fiel
vergangene Woche im Wirtschaftsministerium: Auf 1200 Quadratmetern
Augartenspitz soll der „Konzertkristall“ entstehen, eine moderne
Konzerthalle mit 430 Sitzplätzen für die Wiener Sängerknaben. Das
Filmarchiv Austria dagegen, das an dieser Stelle gemeinsam mit der
Viennale ein neues Filmzentrum geplant hätte, hatte das Nachsehen
(siehe Falter 50/07). Es bekommt nun möglicherweise einen anderen
Standort auf der Donauplatte angeboten. Eine „kulturpolitische
Maßnahme aus wirtschaftspolitischen Gründen“ nennt das Wolfgang
Zinggl, Kultursprecher der Grünen. „Die Sängerknaben tragen den Ruf
Österreichs in die Welt. Aber fragen Sie einmal einen Japaner nach
dem Filmarchiv“, erklärte Burghauptmann Wolfgang Beer schon im
Frühjahr 2007 dem Falter die bevorstehende Entscheidung. Eigentümer
des Augartens ist seine Behörde, die dem Bund untersteht.

„Mitbestimmung statt Bartenstein-Häupl“ steht auf einem
handgemalten Transparent der Grünen. Martin Bartenstein bewog das
internationale Renommee und die wirtschaftliche Bedeutung der
Sängerknaben zur Entscheidung gegen das Filmarchiv. Und der Stadt
wird vorgeworfen, sich nicht ausreichend für das Alternativprojekt
Filmzentrum starkgemacht zu haben. Erst nach Fertigstellung eines
Leitbilds bis Ende 2008 hätte die Zukunft des Parks festgelegt werden
sollen. Nun entschied das Wirtschaftsministerium allerdings, ohne auf
das künftige Konzept Rücksicht zu nehmen. Die Grünen nennen das eine
„Verhöhnung der Bevölkerung“.

„Das ist ein Exempel dafür, wie Bürgerbeteiligung in Wien
funktioniert“, sagt Daniela Kraus. Die Freunde des Augartens fühlen
sich überfahren. Mit „aktionistischen und rechtlichen Aktionen“ wolle
man nun gegen das Projekt vorgehen. Im Frühjahr 2008 soll der Bau
beginnen. Auf rechtlicher Ebene wollen Grüne und Augarten-Freunde vor
allem das Denkmalamt bemühen. Aber: „Wenn die Politik will, ist
rechtlich sowieso alles möglich“, meint Grünpolitiker Zinggl. Daher
müsse man vor allem auf Bürgerbeteiligung setzen. „Ich sehe durchaus
Möglichkeiten, das Projekt noch zu verhindern. Auch wenn die
Entscheidung bereits gefallen ist.“ Die „Probebesetzung“ am
vergangenen Montag sollte der erste Schritt dazu sein.

Erschienen im Falter 51-52/07

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Friede den Hyttn

PUNKS Ein paar Jugendliche setzen durch, was sie wollen. Ein paar
Anrainer fühlen sich dabei übergangen. Und die Bezirkspolitiker
stehen dazwischen. Die Geschichte des neuen Punkhauses im 15. Bezirk.
JOSEPH GEPP

Jörg* seufzt. Schon wieder ein Interview. Gerade war der Falter
dran, jetzt kommt ATV. „Nicht das Fernsehen auch noch“, sagt er. Doch
Lili, seine Kollegin, packt ihn am Arm. „Na komm. Ich helf dir. Das
machen wir schon.“ Jörg rafft sich auf und geht ins nächste Zimmer,
wo ein Kamerateam wartet. Ein Nietengürtel schlenkert beim Gehen um
die Hüfte des 23-Jährigen. Gummiringe verschiedener Farben halten
seine verfilzten dunklen Zöpfchen zusammen. „Ich war schon Punker,
als ich noch in Wels gelebt habe“, erzählt er, „und dann, in Wien,
war ich sofort in der Szene.“ Auch wenn Jörg sich als Punk bezeichnet
– wenn der Oberösterreicher zu erzählen anfängt, findet man keinen
Menschen vor sich, der sich aus Verzweiflung am System aufgegeben hat
und jetzt die Verweigerung lebt. Jörg ist eloquent. In seinen Augen
funkelt intelligente Wachheit. Er spricht über Öffentlichkeitsarbeit
und Presseaussendungen und wirkt dabei ein wenig wie jene Vertreter
der 68-Generation, die sich von Systemverweigerern in Werbemenschen
und Wirtschaftsreibende verwandelt haben – nur dass ihm dieser Wandel
noch bevorsteht. Jörg studiert Politikwissenschaft. Wenn man ihn nach
der Gruppe von Punks fragt, die er leitet, dann hat er eine Kennzahl
aus dem Vereinsregister parat. Fragt man ihn nach seiner
Telefonnummer, präsentiert er die Nummer des Vereinshandys.
Außenstehende nennen ihn den Punk-Pressesprecher.

fresse
Foto von Heribert Corn

Jetzt kramt Jörg ein kleines Heft aus seiner Tasche. Auf dem
Titelblatt ein morscher Totenkopf mit Anarchiezeichen, dann ein
Pamphlet wider den Privatbesitz an Boden. „Menschen werden (…)
durch überhöhte Mieten ausgebeutet. Reich wird nur die
Spekulantinnensau.“ Es folgt eine Aufstellung mit der Überschrift
„Chronologie“. „Das sind alle unsere bisherigen Hausbesetzungen“,
sagt Jörg. Fein säuberlich aufgelistet finden sich darunter einige
Adressen: 21.12.06, Hausbesetzung Storchengasse 21. 23.3.07,
Hausbesetzung Sigmundsgasse 5. 18.5.07, Hausbesetzung Alser Straße
33. „Wir sind da jeweils kurz eingezogen und haben mit Transparenten
und Presseaussendungen auf uns aufmerksam gemacht.“ Und jetzt, sagt
er und lächelt triumphierend, habe seine Gruppe ihr Ziel erreicht:
ein eigenes Haus, von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellt.
Mietfrei, lediglich um den Preis der Betriebskosten. Johnstraße 45,
Rudolfsheim-Fünfhaus. Das neue Refugium der Wiener Punkszene. Die
Sozialarbeiter der Stadt Wien bezeichnen es als sozialpädagogisch
betreutes Projekt für junge Erwachsene. Jörg und seine Mitstreiter
nennen es schlicht die „Pankahyttn“.

„Wenn sie etwas wollen, dann können sie sich plötzlich sehr gut
organisieren“, sagt ein Szenekenner. Die Pankahyttn ist die
Geschichte einiger Jugendlicher, die sich durchsetzen konnten. Und
Anrainer, die sich übergangen fühlen. Und städtischer Politiker, die
zu reagieren gezwungen sind, weil ihnen zum Agieren wenig Raum
bleibt.

stiege
Foto von Heribert Corn

Um etwa 750.000 Euro hat die Gemeinde Wien das baufällige Zinshaus
in der Johnstraße gekauft. Dazu kommen die Kosten für jene neun
Sozialarbeiter, die die etwa dreißig künftigen Bewohner des Hauses
betreuen – rund 400.000 Euro pro Jahr. Anfangs werden sie rund um die
Uhr da sein, später zumindest tagsüber, wie die Betreuer erklären.
„Wie viel Personaleinsatz wir brauchen, wird sich im Lauf der Zeit
weisen“, sagt Heimo Rampetsreiter vom Fonds Soziales Wien (FSW), der
das Projekt leitet. An diesem Tag, Freitag vergangener Woche, stehen
in der zugigen Einfahrt der Johnstraße 45 flackernde Teelichter,
kleine Schälchen mit Keksen und Erdnüssen, ein dampfender Kessel mit
Tee. Ein Tag der offenen Tür soll Anrainer und Interessierte davon
überzeugen, dass ins Punkhaus nicht die Sünde einzieht. Notwendig
wurde das, nachdem Boulevardzeitungen begonnen hatten, sich auf das
Projekt einzuschießen. Es folgte die Bezirks-FPÖ: Auf dem Meiselmarkt
sammelte man Unterschriften gegen die neue Heimstätte der
Jugendlichen – etwa tausend kamen zusammen. „Die FPÖ lässt die Bürger
nicht im Stich und wird an ihrer Seite gegen das Punkerhaus kämpfen“,
verkündete der Bezirksparteiobmann Dietbert Kowarik. Wer die Bürger
im Stich lässt, ist nach FPÖ-Lesart die SPÖ: Bezirksvorsteher Walter
Braun bezog zuerst gegen das Projekt Stellung. Nach einer Rüge aus
dem Rathaus änderte er seinen Kurs und stimmte doch zu. Bei der
entscheidenden Bezirkssitzung kurz darauf fehlte er krankheitsbedingt
(und stand deswegen bis Redaktionsschluss für keine Stellungnahme
bereit). Das Punkhaus kommt, hieß es aus dem Rathaus. Schließlich
fallen seine Bewohner im 15. Bezirk weniger auf als auf der stark
frequentierten Mariahilfer Straße. Punkt. Der Bezirkschef musste sich
schmachvoll geschlagen geben.

Die Anwesenheit der umstrittenen künftigen Bewohner war bei der
Besichtigung der Pankahyttn nicht vorgesehen. „Das soll ja kein Zoo
sein“, sagt Florian Winkler, Sprecher des Fonds Soziales Wien.
Lediglich das Haus und seine Räume, nicht aber die Einziehenden seien
an diesem Tag der Öffentlichkeit zugänglich. Als Jörg und zehn
weitere Punks trotzdem auftauchen, weicht die Gruppe von Anrainern,
Bezirksbewohnern und Journalisten etwas ängstlich zur Seite. Einige
ältere Leute beginnen sich aufzuregen. „Als ich jung war, habe ich ja
auch kein Geld gehabt“, sagt eine Frau. „Na und. Dann war ich halt
bis dreißig bei meiner Mutter. Dass sich diese Jungen trauen, einfach
so ein Haus zu verlangen!“ „Woher kommen diese Leute nur?“ fragt eine
andere, „was hat sie zu dem gemacht, das sie sind?“ Sie blickt
schüchtern auf ein dickliches Punkmädchen mit starker Augenschminke
und Lippenpiercing. „Wer soll zum Beispiel in diesem Zimmer hier
wohnen? Das ist ja der größte Müllhaufen von allen“, sagt die Frau
zum Mädchen und senkt vorsorglich den Blick. „Das? Das wird mein
Zimmer“, antwortet das Mädchen aufmüpfig und genießt den Schock, den
sie damit bei der Frau auslöst.

Luxuriös ist die Pankahyttn in der Tat nicht. „Die Leute haben
geglaubt, wir würden den Punks hier ein Luxushotel zur Verfügung
stellen. Das war schlecht kommuniziert. Auch deshalb haben sich viele
aufgeregt“, sagt Martin Krieber. Der 28-jährige Kärntner ist einer
der künftigen Betreuer im Punkhaus. „Diese Veranstaltung soll den
Leuten auch zeigen, wie das Haus in Wirklichkeit ausschaut.“ Das
dreistöckige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ist abgewohnt und
heruntergekommen. Der Putz bröckelt, es riecht nach Mäusen, auf den
Wänden wächst der Schimmelpilz. „Ein paar Wohnungen sind überhaupt
auch nach unserem Einzug noch lange Zeit gesperrt. Dort herrscht
angeblich sogar Einsturzgefahr“, sagt Jörg. Vereinzelte Duschen in
Küchennischen haben die früheren Bewohner der Substandardwohnungen
zurückgelassen. Unter Postern von Blumensträußen und nackten Frauen
an der Wand zeichnen sich noch die Umrisse der einstigen Möbelstücke
ab. „Der letzte Bewohner ist vor etwa einem Monat ausgezogen. Der
Eigentümer hat es einfach verfallen lassen. Wahrscheinlich wollte er
damit spekulieren“, sagt Martin Krieber. „Jetzt hat er es vergoldet“,
sagt Hubert Ofner, der im selben Haus eine Trafik betreibt. Er sorgt
sich. Momentan könne er von seinem Geschäft einigermaßen leben, sagt
er. „Aber wenn die Punker vor meiner Tür mit dem Schnorren anfangen
und die Kunden wegbleiben, dann wird es eng.“ Ähnlich besorgt äußert
sich ein junges Pärchen, das im Nachbarhaus wohnt. Der Arzt und die
Studentin wirken nicht so, als würden sie sich sonst über Punks
aufregen. Aber: „Wir wussten nichts vom neuen Zweck des Hauses. Wir
wurden total überrumpelt“, sagt die Studentin. Kein Brief, keinen
Anruf, gar nichts hätten sie bekommen. Alles, was sie wüssten, hätten
sie aus den Medien erfahren – und von alarmierten Nachbarn. Das
Fenster des Paares liegt einige Meter über jenem Hof, in dem für die
Punks ein Veranstaltungsraum eingerichtet werden soll. „Wenn du
unbeteiligt bist, hast du überhaupt kein Problem, ein solches Projekt
zu unterstützen“, sagt der Arzt. „Wenn du aber der Nachbar bist, dann
fängst du zu überlegen an.“ Er wirkt nicht zornig, aber doch
aufgebracht. „Die Anrainer haben sich vor allem deshalb geärgert,
weil sie es so spät erfahren haben. Ich habe vor einigen Tagen im
Bezirksamt angerufen, und die haben gar nichts gesagt.“ Auch der
Trafikant hat erst aus der Kronen Zeitung erfahren, dass die neue
Heimstätte der Wiener Punks im selben Gebäude geplant ist. Danach
bestätigte ein Anruf bei der FPÖ Rudolfsheim-Fünfhaus die Richtigkeit
des Artikels. Die Bezirksverwaltung hielt sich offenbar bedeckt. „Die
hätten mir ruhig etwas sagen können.“

Der FSW gibt dazu bekannt, dass die Verhandlungen zum Kauf des
Hauses „nicht unbedingt kurzfristig“ erfolgten. „Das ist keine
Pankahyttn“, stellt Florian Winkler klar. „Das ist ein Sozialprojekt,
damit die Obdachlosen in einer Winternacht nicht unter der Brücke
schlafen müssen – und dabei möglicherweise erfrieren.“ Gespräche
zwischen Gemeinde und der von Jörg geleiteten Initiative Pankahyttn
gab es dennoch: Als kleiner Erfolg der Gemeinde Wien gilt, dass die
Nutzungsverträge mit jedem Bewohner einzeln abgeschlossen werden. Die
Initiative verlangte anfangs einen kollektiven Nutzungsvertrag – eine
Variante, die den Rausschmiss eines Einzelnen praktisch unmöglich
gemacht hätte. „Durch die jetzigen Verträge behalten wir uns
Rausschmisse vor – wenn es sein muss“, sagt Martin Krieber. Nun ist
das Projekt in eine Evaluierung eingetreten: Nach etwa einem halben
Jahr soll entschieden werden, ob das Punkhaus tatsächlich bestehen
bleibt.

Mit vielen geduldigen Erklärungen führt der Sozialarbeiter die
Interessierten durchs Haus, zeigt ihnen angeschimmelte Klotüren und
verrostete Stromkästen. Drogen werde es hier herinnen keine geben,
bei Alkohol werde man streng sein, sagt er. „Und wer zahlt das ganze
Projekt?“, fragt ein älterer Mann, dem der Sinn offenbar ein wenig
nach Streit steht. „Der Steuerzahler“, sagt Krieber ruhig. „Also
ich?“ „Genauso wie ich“, kontert Krieber. Zuspruch freut den
Sozialarbeiter, bei Widerstand bemüht er sich um Deeskalation. „Und
Sie glauben also, Sie können diese Leute heilen?“, fragt derselbe
alte Mann. „Heilen wovon? Vom Punkdasein?“, antwortet Krieber, um
gleich darauf freundlicher zu werden. „Wir tun halt unser Bestes.“

Andere schauen sich um, ohne gleich ihre Meinung zu artikulieren.
Manche wirken besorgt, andere eher aufgeschlossen. Die Stimmung sei
„misstrauisch, aber nicht ablehnend“, sagen Arzt und Studentin
unisono. „Ich wohne seit vierzig Jahren auf der anderen Straßenseite.
Ich werde hier sterben“, sagt ein alter Mann mit Regenschirm und
eleganter Jacke. Und meint damit: Komme, was wolle, er könne damit
leben. „Mehr Lärm als die Jugendlichen im Park vor meiner Haustür
können die Punker ja auch nicht machen.“

Wie ist das mit dem Lärm und dem Schnorren? Jörg schüttelt den
Kopf. Man werde sich bemühen, das nicht ausufern zu lassen. „Unser
Veranstaltungsraum kriegt eine Lärmschutzdämmung, unsere Fenster
auch. Das wird schon gehen.“ Bisher habe er bei Freunden auf der
Couch übernachtet, erzählt er, genauso wie die anderen. Im Sommer
seien sie dann in Parks oder auf der Donauinsel. Einfach unerträglich
sei das. „Aber morgen“, sagt er, „morgen werden die Punks die
Johnstraße hinunter zum Haus Nr. 45 wandern. Dann ziehen wir hier
ein. Alle gemeinsam, alle in einer Reihe.“ Eine Prozession der
Nietengürtel und gestreiften Strumpfhosen entlang der Johnstraße.
Aber jetzt muss Jörg in einen anderen Raum. Etwas weiter wartet
nämlich die Frau von der Presse mit ihrem Schreibblock.

* Namen der Punks von der Redaktion geändert.

Erschienen im Falter 51-52/07

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Behörden, Das Rote Wien, Wien

Graffiti in Zeiten der Cholera

Eine Leuchte war er nicht. Berühmt werden wollte er trotzdem. Wo
immer er auch hinkam, schmierte der kaiserliche Beamte Joseph Kyselak
seinen Namen auf Steine. Auf den Spuren eines Biedermanns auf
Taggingtour..

Text: Joseph Gepp
Fotos: Projekt Kyselak

Es war einmal ein Mann, der wollte berühmt werden. Es gab bloß
nichts, was diese Berühmtheit gerechtfertigt hätte: Er hatte keine
besondere Gabe, war nicht außergewöhnlich schön, und genug Geld, um
sich das Celebritytum zu erkaufen, hatte er auch nicht. Er tat also
etwas, das bis heute viele Menschen tun, die am selben Problem leiden
wie er: Er schrieb ein Buch. Einen Wanderführer, für den er Teile des
heutigen Österreich und Bayern durchquert hatte. Der Mann war kein
besonders talentierter Schriftsteller, daher verfasste er seinen
Reisebericht in jenem Beamtendeutsch, das ihm in seinem Beruf als
Registratur-Accessist bei der k.u.k. Privat-, Familien- und
Avitikalfondskassenoberdirektion – seine Aufgabe bestand darin, das
Privatvermögen des Kaisers zu verwalten und nach Möglichkeit zu
vermehren – gelehrt worden war. Verschraubt, trocken, ohne
Schwärmerei und oft betont desinteressiert beschreibt der Reisende
seine Route, die er über weite Strecken in Kutschen oder auf Booten
zurücklegt.

Kyselak

Einzig sein Zynismus scheint nicht der Amtsstubensozialisation,
sondern seinem Naturell zu entspringen. „Dieses aus neun Häusern
bestehende Dörfchen, so unahnsehnlich und verbogen es in einem
Waldkessel liegt, soll doch eine besondere Einwirkung auf Kranke
besitzen; ich konnte aber nicht erfahren, ob diese in wunderbarer
Hebung des Krankheitsstoffes oder baldigem Tode bestehe. Erstere möge
wenigstens dem Gebrechlichen so lange Trost seyn, bis Schwermuth als
natürliche Folge dieses quälenden Wohnortes letzteren herbeizieht“,
lautet etwa sein freundliches Urteil über den steirischen Kurort
Tobelbad nahe Graz. Das Buch interessiert heute allenfalls als
biedermeierliches Kuriosum, und es gibt wohl nicht viele, die es
freiwillig lesen würden – aber sein Autor Joseph Kyselak hat es
trotzdem geschafft, berühmt zu werden. Es war nicht das Buch
(„Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen,
Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Bayern nach Wien nebst einer
romantisch pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer
Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätscher auf dieser Wanderung,
unternommen in Jahre 1825“), das ihm zu Berühmtheit verhalf.
Reiseschriftsteller gab es erstens weit bessere als Joseph Kyselak,
zweitens entsprachen romantische Wanderungen damals der Mode der Zeit
und wurden von vielen Schriftstellern in schwärmerischer Prosa
verewigt. Der Mann, der berühmt werden wollte, erkannte bald, dass
ihm sein sperriger Reisebericht keinen bleibenden Nachruhm einbringen
würde. Eine andere Idee musste her. Sie kam angeblich eines Tages
während eines feuchtfröhlichen Abends mit Freunden im Kaffeehaus. Es
war wohl ein Rauscheinfall, der dazu führte, dass man sich bis heute
an Joseph Kyselak erinnert: Innerhalb dreier Jahre, wettete er
angeblich mit seinen Freunden, würde jeder in der
kaiserlich-königlichen Monarchie seinen Namen kennen. Mit Hilfe einer
Methode, die so ganz und gar nicht ins Denkmuster seiner Zeit passte.

Kyselak entwickelte eine Angewohnheit, die selbst im Jahr 2008
noch abstrus erscheint. In der Zeit des Biedermeiers, einer
korporatistisch-ständischen Gesellschaft, muss sie geradezu bizarr
gewesen sein: Mit Schablone und dicker Ölfarbe malte er an alle
möglichen Stellen seinen Namen – auf Gebäude, Türme, Felsen, in
unzugängliche Schluchtwände und auf Berggipfel. Versteckt oder
weithin sichtbar stand da plötzlich in krakeliger, altertümlicher
Schrift: „Kyselak“. Immer so professionell hingemalt, dass es sehr
viel Mühe erfordert hätte, das Geschmiere wieder wegzuputzen. Niemand
weiß, wie Kyselak auf sein unkonventionelles Hobby gekommen ist:
Vielleicht litt er, aufgewachsen in einer kleinbürgerlichen
Beamtenfamilie im allzu beschaulichen Wien, an einem
Aufmerksamkeitsdefizit. Vielleicht geschah es, wie Zeitgenossen nach
seinem Tod mutmaßten, infolge einer unglücklichen Liebesgeschichte –
Kyselak wollte das untreue Mädchen durch die Verbreitung seines
Namens allerorts an den immer noch Liebenden erinnern. Aber die
Mädchengeschichte passt nicht so ganz zu Joseph Kyselaks Charakter.
Eher wollte er schlicht berühmt werden – einfach um der Berühmtheit
willen. Im Vorwort seines Reisebuchs schreibt Kyselak, er habe die
Reise „nur mit dem nothwendigsten Gepäcke“ durchgeführt: einem Gewehr
„mit einem kleinen Vorrath von Pulver und Blei“, Schreibzeug,
Landkarten, einem Fernrohr, einer Feldflasche, einem seiner „treuen
Wolfshunde“ und einigem mehr. Von Farbtopf, Pinsel und Schablone
erwähnt er nichts. Dass er sie aber dabeigehabt haben muss, beweisen
die wenigen originalen Kyselak-Schriftzüge, von denen man heute weiß
und die die Zeit überdauert haben. Sie finden sich unter anderem in
Wien, bei Loiben in der Wachau, in Perchtoldsdorf und in Kilb bei St.
Pölten.

Die gesicherten Daten über sein Leben sind so dürr wie die Tiefe
seines künstlerischen Schaffens: Joseph Kyselak, Sohn von Joseph und
Josephine Kyselak, geboren vermutlich am 22. Dezember 1799 in Wien,
gestorben wahrscheinlich am 16. September 1831 ebenda. Kyselak
besucht das Piaristengymnasium in Wien-Josefstadt und studiert danach
ein Jahr Philosophie an der Universität Wien. Das Glanzvollste, das
über sein Studium zu sagen wäre, ist die Tatsache, dass er ein
Kommilitone von Johann Nepomuk Nestroy war. Ansonsten soll er weder
als Schüler noch als Student sonderlich motiviert gewesen sein.

1817 bricht er das Studium ab und wechselt als Praktikant in
besagte Privat-, Familien- und Avitikalfondskassenoberdirektion –
unterstützt von seinem Vater, der derselben Behörde dient. Dort und
in der k.k. allgemeinen Hofkammer, dem heutigen Finanzministerium,
wohin er später versetzt wird, bringt er es auf die – selbst für
heutige Verhältnisse – ansehnliche Praktikantenzeit von sieben
Jahren. Danach wird er, nach einigen vorangegangenen erfolglosen
Versuchen und angeblich eher gnadenhalber als verdientermaßen, fix
angestellt und befördert: zum regelmäßig besoldeten
Registratur-Accessisten. Kyselak ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre
alt, und sein Leben scheint gelaufen zu sein.

Doch Joseph Kyselak stellt sein Beruf nicht zufrieden. Noch vor
seiner Beförderung nimmt er drei Monate Urlaub und geht auf jene
Reise, deren Verlauf er in seinem Buch festhält. 1828 bricht er
erneut für Monate auf. Niemand weiß genau, wohin es ihn beim zweiten
Mal zog und an wie vielen Stellen er diesmal seinen Namen hinterließ.
Im Nachwort seines Reiseberichts behauptet er, „Ungarn, Italien, die
Schweiz, Wittenberg, Preussen, Sachsen, ganz Böhmen und Mähren“
bereist und dazu den Dachstein erklommen zu haben, und kündigt einen
zweiten Teil seines Reisetagebuchs an, in dem er jene Länder
beschreiben werde. Doch dazu kommt es nicht mehr: Im Jahr 1831 bricht
in Wien die Cholera aus. Kyselak weigert sich nicht nur, die Stadt zu
verlassen, er isst angeblich auch noch mit trotziger Inbrunst
Unmengen an Zwetschken, die als besonders ansteckungsgefährdend
galten. Im September 1831 stirbt Joseph Kyselak im Alter von 30
Jahren an der Cholera in seinem Haus in der heutigen Kirchberggasse
37 in Wien-Neubau. Die Wiener Zeitung druckt seinen Namen in einer
Liste mit unzähligen anderen Verstorbenen ab: „Dr. Joseph Kyselak,
Accessist der k. k. allg. Hofkammer, alt 30 Jahr, von Nr. 144 am
Spittelberg.“

Als Joseph Kyselak starb, war er längst berühmt geworden. Seine
Wettkumpane hatten ihm angeblich schon nach eineinhalb Jahren – die
Wette war auf drei Jahre angelegt – zugestanden, dass er sie
geschlagen habe, und den vereinbarten Einsatz ausbezahlt. Das
„Biographische Lexikon des Kaiserthums Oesterreich“ führte ihn unter
dem Stichwort „Sonderling“. Der deutsche Schriftsteller Joseph Victor
von Scheffel ehrte den Verstorbenen mit einem Gedicht („Schwindlig ob
des Abgrunds Schauer/ Ragt des höchsten Giebels Zack/ Und am höchsten
Saum der Mauer/ Prangt der Name KISELAK“). Als der Geschmack der
bürgerlichen Masse im späteren Verlauf des 19. Jahrhunderts immer
mehr zur Idyllisierung vergangener Epochen neigte, wurde Kyselak zum
Inbegriff des schrulligen biedermeierlichen Junggesellen, seine
Wanderungen und Malaktionen Gegenstand kitschiger Radierungen und
schwülstiger Romane.

In den Zwanzigerjahren des folgenden Jahrhunderts galt Kyselak als
romantischer einzelgängerischer Naturbursch, als konservatives
Gegenbild zum neuen Solidaritätsdenken der erstarkenden
Sozialdemokratie. In den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts
schließlich rief man ihn zum Urvater der Graffiti-Bewegung aus –
sozusagen als allerersten Sprayer, der die Beweggründe der
rebellischen schwarzen Jugend New Yorks schon so früh vorempfunden
hatte. „Mangelnde Bindung an alte Konventionen paart sich häufig mit
einem untrüglichen Gefühl für publicityträchtige
Repräsentationsformen, um ihren Namen im öffentlichen Bewusstsein zu
verankern“, zitiert der User Decibel Royal aus einem
Forschungsprojekt in einem Internetforum zum Thema HipHop, um gleich
darüber zu schreiben: „Ich bin der Meinung, er [Kyselak] gehört
genauso zur, history of graffiti-writing‘ wie Taki 183 oder Phase 2!“
Ein anderer User antwortet mit dem Satz: „Respect & R.I.P. Kyselak!“
Eine Berühmtheit kann viele Gesichter haben.

Mit dem Mythos kamen die Legenden. Als der preußische Gelehrte
Alexander von Humboldt bei seiner Forschungsreise nach Südamerika den
Andengipfel Chimborazo im heutigen Ecuador bestieg, soll er dort den
Schriftzug „Kyselak 1837“ vorgefunden haben. Das ist aus mehreren
Gründen unmöglich: Zum einen war Joseph Kyselak 1837 seit sechs
Jahren tot, zum anderen hielt sich Humboldt schon im Jänner 1802 im
damals spanischen Ecuador auf, als Kyselak gerade erst drei Jahre alt
war. Abgesehen davon hat nicht einmal Joseph Kyselak von sich selbst
behauptet, jemals in Südamerika gewesen zu sein. Die Legende hielt
sich trotzdem und fehlt heute in keiner Beschreibung des verwegenen
Einzelgängers.

Eine zweite, noch bekanntere Anekdote liegt eher im Bereich des
Möglichen: Nachdem er sich auf einer Säule im Schwarzenbergpark im
Wiener Stadtteil Neuwaldegg verewigt hatte, wurde Joseph Kyselak zu
einer Audienz in die allerhöchsten Amtsräume von Kaiser Franz I. in
der Wiener Hofburg zitiert. Der Kaiser bat ihn, er möge sich künftig
seiner Malaktionen enthalten. Kyselak gelobte Besserung. Als sein
Beamter das Zimmer verlassen hatte, entdeckte der Kaiser den leidigen
Namen und das Datum – auf dem kaiserlich-königlichen Aktendeckel, der
auf dem Schreibtisch gelegen war. Franz‘ Reaktion ist nicht
überliefert.

Um im Reich der biedermeierlichen Legenden zu bleiben:
Wahrscheinlich hat der Kaiser es nach kurzem Ärger nicht für wert
befunden, sich weiter über die Causa aufzuregen, und seinen
sonderlichen Accessisten – lächelnd über die Sturheit, mit der dieser
seiner merkwürdigen Obsession folgte – seiner Wege gehen lassen. „Es
ist durchaus möglich, dass der Kaiser wegen so einer Sache einen
subalternen Beamten zu einer Audienz bittet“, beschreibt Margarete
Grandner vom Institut für Geschichte der Universität Wien die
Anekdote. „Kyselak war als Bediensteter der
Avitikalfondskassenoberdirektion quasi ein Privatbeamter des Kaisers.
Im Fonds war das Vermögen deponiert, das Franz Stephan von Lothringen
bis zu seinem Tod 1765 angesammelt hatte.“ Ein solcher Beamter könnte
dem Kaiser schon eine Audienz wert gewesen sein: Der
geschäftstüchtige Lothringer und Ehemann Maria Theresias hatte bis zu
seinem Tod so viel Vermögen akkumuliert wie kaum ein Habsburger vor
und nach ihm – angesichts seines Wissens darum konnte da selbst ein
kleiner Beamter mit egozentrischen Anwandlungen Schaden anrichten.
„Der Kaiser gab täglich Unmengen von Audienzen“, bestätigt Gabriele
Goffriller, die seit eineinhalb Jahren ein Forschungsprojekt zu
Joseph Kyselak leitet. „Es ist schon möglich, dass Kyselak nach
seiner Malaktion im Schwarzenbergpark zum Kaiser zitiert wurde.“ Dass
sich das Ende der Anekdote, die Geschichte vom beschmierten
Aktendeckel – nach anderer Überlieferung war es sogar die
Schreibtischplatte selbst -, ebenfalls in der beschriebenen Weise
abgespielt hat, zweifeln allerdings beide an.

Perchtoldsdorf

Aber wenn es um Joseph Kyselak geht, wird die Frage nach Wahrheit
oder Unwahrheit solcher Anekdoten ohnehin unwichtig. Das
Aussagekräftigste an ihnen ist wohl das Bedürfnis, sie
weiterzuerzählen. Es sind weder die Einzelheiten seiner Biografie
noch sein Wanderführer noch die schrulligen Details seines Lebens,
die an Joseph Kyselak faszinieren. Jene kamen ohnehin erst mit dem
Mythos um seine Person – einem Mythos, der heute vielleicht sogar
leichter nachempfunden werden kann als damals. Denn Joseph Kyselak
hat viele Erben gefunden: Das „Gefühl für publicityträchtige
Repräsentationsformen“ bleibt dasselbe, auch wenn es heute eher
Bilder als Schriftzüge sind, die von Hauswänden, Fernsehschirmen und
Zeitungstitelblättern prangen. Die ganze Welt hört hin, wenn Paris
Hilton wegen Alkohol am Steuer für 45 Tage ins Gefängnis muss. Ganz
Österreich schaut zu, wenn sich Peter Licht beim
Bachmann-Lesewettbewerb weigert, sein Gesicht zu zeigen, um das
öffentliche Interesse auf sich zu lenken. Joseph Kyselak hat seiner
Zeit mit unzeitgemäßen Methoden seinen Stempel aufgedrückt und damit
vielleicht mehr bewirkt als jemand, der sie bloß durch künstlerische
Reflexion widerspiegelt.

Erschienen im Datum 1/08

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Eingeordnet unter Kurioses, Stadtgeschichte, Wien