Monatsarchiv: Dezember 2007

STADTRAND – Synchron schlenkern

Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass die orangen Halteschlingen
an den Decken der U-Bahn-Wägen immer synchron schlenkern? Nur wenn
sich die U-Bahn-Tür öffnet und der Wind von draußen die Ordnung
stört, dann kommt die eine oder andere Unregelmäßigkeit in den
perfekt choreografierten Gleichschritt. Wenn sie dann aber schließt
und der Zug beschleunigt, beginnt die Reihe ihren wagenlangen Cancan.
Allerdings: Pro Waggon finden sich immer ein bis zwei Griffe, die
sich der Konformität widersetzen. Wenn alle nach rechts schlenkern,
schlenkern sie nach links; wenn alle den tiefstmöglichen Punkt ihrer
Bewegung erreichen, erreichen sie den höchstmöglichen. Liegt das an
der Reibung? Kleine schmieröldunkle Halterungen verbinden den Griff
mit der Decke. Werden sie nicht alle gleichermaßen eingeölt? Schwer
vorstellbar, dass die perfide Absicht eines anarchistisch veranlagten
U-Bahn-Mitarbeiters dahintersteckt. Wahrscheinlich ist es
Chaostheorie: Bei der Vielzahl der möglichen Ausgangsbedingungen
lässt sich nicht mehr sagen, wie das Ausscheren des Einzelnen
zustande kommt. J. G.

Erschienen im Falter 48/07

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STADTRAND – Stuwer Kiez

Es ist immer wieder schön, in der zweitgrößten Stadt des deutschen
Sprach-raums Parallelen zur größten Stadt desselben zu entdecken. Das
gibt einem dann das Gefühl, dass sich hinter dem aufgebrezelten
Wiener Ringstraßentum auch ein bisschen was vom so sympathischen
Berliner Grätzl-(Kiez-)Charme verbirgt, den man in Wien oft mit der
Lupe suchen muss. Also: Das Stuwerviertel erinnert frappant an den
Berliner Stadtteil Neukölln. Die Baumreihen zwischen Gehsteigen und
Straßen (sehr unwienerisch), deren gelbrote Blätter im Herbst das
ganze Viertel zuschütten. Die quer statt parallel zur Gehsteigkante
stehenden Autos (eher unwienerisch). Die schmucklosen
Arbeiterzinshausfassaden. Die fremdsprachigen Schilder vor Geschäften
und Restaurants. All das ist so neuköllnerisch! Wäre da nicht ein
Haus in der Stuwerstraße, inmitten all der Blätter und bröckelnden
Fassaden: Ein Genossenschaftswohnblock der Stadt Wien offenbar,
typische Kommunalarchitektur der Neunzigerjahre. Ein schmerzhafter
Riss in der Einheitlichkeit des ganzen Viertels. Plötzlich ist man
wieder in Wien. In Neukölln würd’s so etwas nicht geben. J. G.

Erschienen im Falter 46/07

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