Wohlstand in den Norden

STADTTEIL Die schummrigen Beisln und Wettcafés der Leopoldstadt
gehören bald der Vergangenheit an. Angesichts der bevorstehenden EM verändert sich der Bezirk rasant.
JOSEPH GEPP

Eine zerbeulte Emailtafel am
Praterstern kündet vom zweiten Bezirk, wie er noch vor wenigen Jahren
war. In ihr schimmerndes Blech hat man einen Straßenplan und die
Adressen einiger längst geschlossener Geschäfte eingestanzt. Sie
steht direkt vor der Glasfront des neuen Nordbahnhofs, die etwas zu
modern für den ansonsten eher heruntergekommenen Praterstern
daherkommt. Die wuchtigen Gemeindebauten an der Nordbahnstraße, die
kupfergrüne Tegetthoff-Säule, die betongrauen
Fußgänger-Unterführungen – noch vor kurzem wirkte der Platz ein wenig
so, als läge er in Bukarest. Weit weg von der Wiener Innenstadt, die
in Wahrheit nicht einmal einen Kilometer weiter südwestlich beginnt.
Heute erinnert er ein bisschen an Berlin. Vor allem wegen der vielen
Baustellen.

Der Bezirk befindet sich im Aufschwung. Nicht nur wegen der
Fußball-EM im Juni nächsten Jahres. Aber die drittgrößte
Sportveranstaltung weltweit fungiert als eine Art „Turbo“, wie es
Gerhard Kubik, SPÖ-Bezirksvorsteher, ausdrückt. „Der U-Bahn-Bau wurde
aufgrund der EM vorgezogen. Das hat eine Dynamik geschaffen, von der
jetzt der ganze Bezirk profitiert.“ Ab 8. Mai 2008 führt die U2 vom
Karlsplatz über den Praterstern bis zum Ernst-Happel-Stadion. Nun
werden eine Reihe von Großprojekten in der Leopoldstadt verwirklicht:
Nordbahnhof, historisierender Pratereingang und Stadion-Center sind
nur die augenscheinlichsten. Unweit des Stadions entsteht zudem ein
ganzes Geschäftsviertel, mit neuer Wirtschaftsuniversität und
OMV-Zentrale. Am Handelskai soll die Bürostadt Marina-City gebaut
werden. „Kurzfristig werden vor allem Gastronomie und Hotellerie
einen Aufschwung erleben“, schätzt Kubik. „Langfristig wird die
U-Bahn den ganzen Bezirk aufwerten.“

Dabei begann das langsame Erwachen der Leopoldstadt schon vor etwa
zehn Jahren. Damals entdeckte die junge kaufkräftige Mittelschicht
die Vorzüge des zentrumsnahen Karmeliterviertels beim Donaukanal.
Heute gilt es als eine der schicksten Adressen Wiens. Der neue
Wohlstand dünnt sich allerdings nach Norden hin aus: Je näher beim
Praterstern, desto mehr dominieren Wettcafés, schummrige Beisln und
bröckelnde Fassaden das Straßenbild. Was oberhalb des Pratersterns
liegt, ist in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt nur noch mit
Kleinkriminalität und illegaler Prostitution verbunden:
Stuwerviertel, Lasallestraße, Mexikoplatz – diese Problemviertel soll
die Fußball-EM und die damit verbundene U-Bahn nun aufwerten.

Das Stuwerviertel beispielsweise besteht weitgehend aus billigen
Mietwohnungen, die von Migranten bewohnt werden. Eine
Genossenschaftswohnanlage auf dem Gelände der ehemaligen
Wilhelm-Kaserne soll nun den Anstoß zur Aufwertung des Grätzls geben.
Kehrseite ist die „soziale Verdrängung“ der finanzschwachen
Migrantenfamilien, wie Bezirkschef Kubik einräumt: „Die Preise ziehen
an. Es gibt beispielsweise deutlich mehr Dachausbauten im
Stuwerviertel. Irgendwann kommen die ärmeren Leute da nicht mehr
mit.“ Wohin sollen die Verdrängten? „In andere durchgängig verbaute
Altbauviertel. Aber in der Leopoldstadt sehe ich diese kaum noch.“
Solche Tendenzen registriert auch Hannes Guschelbauer von der
Leopoldstädter Gebietsbetreuung. Zentrumsnähe, bessere
Verkehrsanbindungen und Grünflächen würden den Wert des Viertels
steigern, sagt er. „Oft rufen Leute an und suchen dezidiert eine
Wohnung im zweiten Bezirk. Die Bevölkerungsstruktur verändert sich – und mit ihr die Immobilienpreise.“

Dabei hat das schummrige Grätzeltum der Leopoldstadt auch seine
sympathischen Seiten: Wohl nirgends sonst in Wien finden sich so
viele kleine, billige Beisln, dazu türkische Greißler und
Marktstände, wie rund um den Volkertplatz nahe beim Praterstern.
Etwas weiter südlich haben sich die Beisln schon in Edelbeisln
verwandelt und die Greißler in kleine Designerläden. Noch weiter
südlich liegen die Ringstraße und der mondäne erste Bezirk. Bald
werden sich die Insignien des Wohlstands auch im Volkertviertel
breitmachen.

Erschienen im Falter 49/07

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung, Wien

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