Schollen zu Shops

STADTENTWICKLUNG Die Stadt Wien plant auf den Feldern Rothneusiedls ein Einkaufszentrum mit U-Bahn-Anschluss. Bauen soll es Frank Stronach. Gibt es dafür wirklich Bedarf? JOSEPH GEPP

Auf dem Feldweg nähert sich ein Lieferwagen. Erich Guzmits sieht
ihn schon von weitem. Der Wagen und ein Feldhase, der von ihm
aufgeschreckt wird, sind das Einzige, was sich an diesem nasskalten
Novembermorgen auf den Feldern Rothneusiedls bewegt. Guzmits erkennt
den „Porr“-Schriftzug auf der Motorhaube und stoppt das Auto. Ein
Bauarbeiter öffnet das Seitenfenster. „Was ist das dort drüben?“,
fragt Guzmits und deutet auf einen kleinen gelben Kran, der etwas
entfernt auf einem Acker steht. Der Fahrer bestätigt, was der
Spaziergänger ohnehin schon zu wissen glaubt: „Das sind die
Probebohrungen für die neue U1.“ Sein Arm beschreibt einen weiten
Kreis um die Stelle, wo der Kran steht: „Das alles wird die
Endstation Rothneusiedl.“ Er sei mit dieser Arbeit betraut, erklärt
er. „Bis Freitag noch, dann bin ich hoffentlich fertig. Dann geht das
Material zu den Geologen und die schauen, wie stabil der Boden ist.“
Guzmits‘ Miene wirkt unverfänglich interessiert, solange er mit dem
Bauarbeiter spricht. Aber dann, als der Wagen wegfährt, verfinstert
sie sich. „Sie fangen schon an.“ Das Herz von Erich Guzmits hängt an
diesen paar Feldern am südlichsten Zipfel Wiens.

Nicht nur seines. Bis zum Jahr 2011 soll in Rothneusiedl ein
Stadion samt Einkaufszentrum entstehen. Mehrere Protagonisten stehen
sich im Kampf um das Projekt gegenüber: Da ist Erich Guzmits, 43, der
im Namen der Anrainer und Bauern vor sechs Monaten die Initiative
„Stopp Megacity“ gegründet hat. Frank Stronach, milliardenschwerer
Chef der Magna GmbH, der für sein Einkaufszentrum bereit ist, der
Stadt als Draufgabe ein neues Austria-Stadion zu schenken. Wiens
mächtiger Bürgermeister Michael Häupl, deklarierter Austria-Fan, der
die Kassen der Stadt schon klingeln hört. Und eine Handvoll Experten,
die nur hinter vorgehaltener Hand sagen, was sie wirklich vom Projekt
halten. Inzwischen ist der Streit so heftig geworden, dass es
vergangene Woche erstmals einen Rückzieher gab. „Die ständige
Thematisierung in den Medien führte dazu, dass die Felder inzwischen
soviel wert sind wie Innenstadtflächen“, sagt Planungsstadtrat Rudolf
Schicker zum Falter. „Vielleicht wird sich das Projekt verzögern.“

guzmits
Weit hinten beginnt die Stadt. Erich Guzmits auf den Äckern Rothneusiedls.
Foto von Heribert Corn

Der gelbe Kran steht auf einem langgezogenen flachen Acker in
einer Reihe von vielen. Hinter einer Baumreihe liegt ein
ziegelsteinerner Gutshof aus dem 19. Jahrhundert. Am Ende des
Feldwegs steht eine barocke Kapelle. Fieberkapelle heiße sie, erklärt
Guzmits, gestiftet 1709 von einem Reisenden, der hier mit seiner
Kutsche fast verunglückte. Daneben eine kleine zerzauste Fichte. „Die
haben wir hier gepflanzt“, sagt er, „mit dem Pfarrer von Oberlaa. Zum
Schutz der Landschaft.“ Einen knappen Kilometer entfernt lebt
Guzmits, mit Frau und 14-jährigem Sohn, in einem vorstädtischen
Häuschen unweit der künftigen U-Bahn-Trasse und des Stadionkomplexes.
„Warum bitte brauchen wir hier eine U-Bahn?“, fragt er. In einer
Streusiedlung von etwa 3000 Einwohnern, zu der sie pro gebautem
Kilometer rund sieben Millionen Euro kosten würde. Guzmits antwortet
sich selbst: „Das ist ein Geschenk des Herrn Häupl an den Herrn
Stronach. Damit der hier investieren kann und eine schöne Anbindung
hat.“

Ein Blick auf den Stadtplan scheint diese These zu bestätigen: Die
U1 endet derzeit am Reumannplatz in Wien-Favoriten. Von dort fährt
der 67er weiter in den Süden. Bis zur Albin-Hansson-Siedlung, wo
Tausende Menschen leben, wäre eine U-Bahn sinnvoll. Südlich davon
lockert sich die Bebauung, um sich am Stadtrand ganz in
Einfamilienhäusern und verstreuten Feldern zu verlieren. Es gäbe
Wichtigeres in Wien, als bis hierher eine U-Bahn zu bauen.

Ein Blick in den Stadtentwicklungsplan 2005 (STEP), wo sich die
baulichen Vorhaben der Stadt der nächsten Jahrzehnte finden, könnte
Guzmits‘ These jedoch widerlegen: Dort ist Rothneusiedl als
städtisches „Zielgebiet“ definiert. Die nahegelegene Schnellstraße S1
und die Pottendorfer Linie der ÖBB schaffen eine
„Entwicklungsdynamik“, schreiben die städtischen Planer. Fazit:
„Sportanlagen für publikumsträchtige Sportarten sind denkbar. Die
Errichtung eines Einkaufszentrums wird als vertretbar angesehen.“

Neben Rothneusiedl sind zwölf weitere Bereiche per STEP zu
Zielgebieten erklärt worden. Mit einer Ausnahme („Liesing Mitte“)
liegen sie allesamt näher beim Stadtzentrum als Rothneusiedl. Viele
von ihnen, beispielsweise der Prater-Messe-Bereich oder das Areal um
den Südbahnhof, verfügen bereits über U-Bahn-Anbindungen. Für
großflächige Bahntrassen und Industrieanlagen in Zentrumsnähe hat die
Dienstleistungsgesellschaft keinen Bedarf mehr – also harren sie nun
ihrer Erschließung mit Wohnungen, Büros und Geschäftslokalen. Warum
aber auch das weitab liegende Rothneusiedl? Exakt 9,228 Kilometer
Luftlinie ist es vom Stephansdom entfernt. Mitte der Neunziger haben
es dieselben Planer, die sich nun für den STEP verantwortlich zeigen,
noch als erhaltenswerten Teil des Grüngürtels rund um Wien definiert.

Im Büro von Schicker verweist man auf den STEP und will sonst zu
diesen Fragen nichts sagen. Das Thema sei sensibel, heißt es, die
Stimmung ohnehin aufgeheizt. Ein dem Stadtrat unterstellter Planer
der MA 18 redet allerdings – wenn auch nur anonym. „Rothneusiedl war
nie unser Herzenswunsch“, sagt er. „Die planerische Maxime war immer:
Stadterneuerung vor Stadterweiterung. Rothneusiedl ist definitiv
Letzteres. Und außerdem ist das Projekt ein Einschnitt in den
Grüngürtel.“ Warum fand es dann Eingang in den STEP? Die
Voraussetzungen hätten sich eben geändert, sagt der Planer. Welche
Voraussetzungen? Innerhalb der nächsten zehn Jahre werde die
Stadtbevölkerung um etwa 100.000 Menschen wachsen, im Jahr 2050 sei
dann die Zweimillionengrenze überschritten. Das erfordere stärkere
Erschließungsmaßnahmen als ursprünglich angenommen.

Diese Informationen zur Bevölkerungsentwicklung stammen aus einer
kürzlich veröffentlichten Prognose der Statistik Austria. Allerdings:
Erstens wurde sie von der MA 18 selbst in Auftrag gegeben. Zweitens
fand sich Rothneusiedl schon lange vor ihrer Veröffentlichung im
Stadtentwicklungsplan. Und selbst wenn man das außer Acht lässt: Es
bleiben die großen innerstädtischen Flächen, die zu erschließen
wären. Und so gesteht der Planer ein: „Letztlich handelt es sich um
politische Entscheidungen. Wenn ein großer Investor anklopft, kann
man nicht so einfach Nein sagen. Die Frage lautet: Ist es politisch
verkraftbar, die Türe zuzuknallen? Auch solche Überlegungen spielen
eine Rolle.“

Auch der unabhängige Planungsexperte Reinhard Seiß ist der
Ansicht, dass es sich bei Rothneusiedl um ein fachlich strittiges
Vorhaben handelt. Durch die Verankerung im STEP sei es aber gelungen,
es praktisch außer Diskussion zu stellen. „Die SPÖ will das Projekt.
Darum ist es ein Hot Spot der Stadtentwicklung.“ Bürgermeister Häupl
dagegen argumentiert: Einerseits brauche die Austria, deren
Kuratoriumschef er ist, eine Spielstätte anstelle des baufälligen
Horr-Stadions. Andererseits werde in Niederösterreich massiv gebaut.
Stichwort: Shopping City Süd. Die Kommunalsteuern, die all dieser
Kommerz einbringt, fließen nach St. Pölten statt nach Wien. In der
SCS beispielsweise arbeiten 4000 der 6500 Vösendorfer Beschäftigten.
Zusammen zahlen sie laut Gemeinde pro Jahr rund drei Millionen Euro
Steuern – mehr als die Hälfte des Vösendorfer
Kommunalsteueraufkommens. Früher einmal war die Gemeinde eine der
ärmsten in Österreich. Je nach Größe des geplanten Projekts lassen
sich in Rothneusiedl ähnliche Summen erwarten. Und so zieht der
Bürgermeister die Konsequenz. „Ich will das Stadion, Frank Stronach
auch“, sagte Häupl – gegenüber dem Falter zu keiner Stellungnahme
bereit – zur Tageszeitung Österreich. „Es kann ja nicht sein, dass
die Bauern auf Wiener Seite Felder bestellen und auf
niederösterreichischer Seite Betriebe angesiedelt werden.“

„Stadtentwicklung und Regionalplanung sind in Österreich
traditionell kein Hort von Demokratie und Transparenz“, begann die
FAZ im Sommer einen Artikel zu Rothneusiedl. Häupl selbst räumt ein,
dass er die Realisierung des Projekts mit Stronach „per Handschlag“
vereinbart habe. Dass Umweltverträglichkeitsprüfung und
Flächenwidmung ausständig sind, scheint das Gentlemen’s Agreement
nicht behindert zu haben. Projektleiter auf Magna-Seite ist der
ehemalige Wiener Polizeigeneral Franz Schnabl, der über gute Kontakte
ins Rathaus verfügt. Im März 2007 trug die Lobbyarbeit Früchte: Per
Gemeinderatsbeschluss erteilten SPÖ und FPÖ Magna eine „Option zum
Erwerb von jenen Flächen (…), die im Eigentum der Stadt Wien stehen
und (…) noch konkret definiert werden“. Am Kauf jener Flächen, die
sich noch im Privatbesitz befinden, arbeitet man derzeit fieberhaft.
„Gerüchteweise haben zwei von zehn Eigentümern bereits verkauft“,
sagt der Landwirt Rudolf Wieselthaler, dem einige der begehrten
Felder gehören. Der, abgesehen von der Gemeinde, größte Grundbesitzer
in Rothneusiedl ist die Stiftung einiger Ärzte, die von einer
Notariatskanzlei im achten Bezirk verwaltet wird. Dort möchte man „zu
laufenden Verkaufsgesprächen gar nichts sagen“. Aber: „Grundsätzlich
sind wir am Verkauf interessiert.“ Wieselthaler selbst will, obwohl
ihm das von Österreich unterstellt wurde, nicht verkaufen. Was ihn
teuer zu stehen kommen könnte: Sollte er nämlich der Letzte sein, der
sich widersetzt, dann bestände die gesetzliche Möglichkeit, ihn zu
enteignen. Irgendwo muss die neue U-Bahn-Trasse ja hinkommen. „Das
Eisenbahn-Enteignungsgesetz wird als Druckmittel eingesetzt, um den
Widerstand zu brechen“, sagt ÖVP-Mandatar Günter Kenesei, ein
Kritiker des Projekts.

Er bezeichnet das Vorhaben als „nicht besonders toll“ und
vergleicht Rothneusiedl mit einer anderen Magna-Investition, die sich
mittlerweile als Flop herausgestellt hat: das „Magna Racino“ im
niederösterreichischen Ebreichsdorf. Was in Ebreichsdorf die
(gescheiterte) „Wunderwelt“-Kugel war, ist Kritikern zufolge in
Rothneusiedl das Stadion – eine prestigereiche Rechtfertigung vor dem
eigentlichen Projekt Trabrennbahn bzw. Einkaufszentrum. In
Niederösterreich wurde eine eigene A3-Abfahrt für Ebreichsdorf
errichtet, in Wien kommt die U-Bahn-Verlängerung. In Niederösterreich
warf die EU der Landesregierung laxen Umgang mit Umwelt- und
Wasserrecht in Ebreichsdorf vor – in Wien fürchtet Erich Guzmits
Ähnliches. „Das ganz Projekt ist ein Lehrbeispiel dafür, wie die
Stadt Wien mit ihren Bürgern umgeht“, sagt er und holt zornig einen
Packen Zettel aus der Tasche. Es sind einige Briefe, die er als
Sprecher seiner Initiative an Häupl geschrieben hat. Er bittet darin
um die Einbeziehung der Bürger von Rothneusiedl in den
Entscheidungsfindungsprozess. Der Bürgermeister ließ mittels MA 18
antworten: Die Klärung der „Grundeigentumsfrage“ sei „wesentliche
Voraussetzung für die Einbeziehung von Außenstehenden“. Mit anderen
Worten: Weiterreden könne man erst, wenn die Grundstücke verkauft
sind. Dann allerdings ist die Entscheidungsfindung bereits obsolet:
Der per Optionsvertrag bestimmte Käufer ist Magna. Guzmits betrachtet
das als Frotzelei.

Dabei weiß gerade die MA 18 um den zweifelhaften Wert des
Projekts. Das beweisen nicht nur die Aussagen des Planers, sondern
auch ein internes Besprechungsprotokoll vom Jänner 2007, das an die
Öffentlichkeit gelangte. „Es gibt keinen Bedarf für ein
Einkaufszentrum der untersuchten Größenordnung“, steht in dem
14-seitigen Dokument. Es würde die „Geschäftsstraßen im Nahbereich
schwächen“. Es sei außerdem „darauf hinzuweisen, dass der
Zentralbereich Favoriten (…) einen deutlichen Funktions- und
Umsatzverlust aufweisen würde“. Fazit: Die „Wünsche des Investors“
widersprechen den „raumplanerischen Zielen der Stadt Wien. Das
Vorhaben erscheint derzeit nicht genehmigungsfähig.“

Christoph Chorherr von den Wiener Grünen war es, der das Protokoll
an die Öffentlichkeit brachte. „Für die Nahversorgung des Bezirks
wäre das Einkaufszentrum eine Katastrophe“, sagt er. Und rechnet vor,
dass die im Protokoll geplanten 120.000 Quadratmeter
Nettoverkaufsfläche der Kaufkraft der ganzen Stadt Salzburg
entsprechen würde. Oder den Verkaufsflächen von Favoritenstraße,
Meidlinger Hauptstraße und Simmeringer Hauptstraße zusammen. Damit
wäre das Einkaufszentrum Rothneusiedl das zweitgrößte in Europa.
Gleich hinter der SCS, dem größten, das vier Kilometer entfernt
liegt.

Erschienen im Falter 48/07

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Das Rote Wien, Stadtplanung

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