Generation Jiri

Er wartete mit der Flucht solange, bis er es nicht mehr aushielt.
Jirí Chmel, 53, Besitzer des Kellerlokals „Nachtasyl“ in
Wien-Mariahilf, nippt an seinem kleinen Pilsner und erzählt vom
tschechoslowakischen Staatsicherheitsdienst StB: „Sie haben mir
meinen Reisepass weggenommen, meinen Freunden die Führerscheine
entzogen und die Telefone abgedreht. Meiner Schwiegermutter, einer
Schauspielerin, haben sie Auftrittsverbot auferlegt. Dann haben sie
gesagt, dass sie mich ins Gefängnis stecken werden, wenn ich nicht
kooperiere.“ Das war im Jahr 1979. Zwei Jahre zuvor hatte Chmel als
einer von wenigen Hundert die Charta 77 unterzeichnet, die berühmte
Petition tschechoslowakischer Oppositioneller gegen die
Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes. Von da an
wurde er immer wieder verhört, bedroht und eingesperrt. „Zu meinen
Prozessen durfte ich nur zwei Zuschauer mitbringen. Ich wählte immer
meine Frau und jeweils einen anderen Freund, zum Beispiel Václav
Havel und Jirí Nemec. Trotzdem war der Gerichtssaal immer voller
Menschen, die ich nicht kannte. Das waren Leute von der StB, die die
Sitze besetzten, damit für niemand anderen Platz war.“ Fünf Jahre,
davon eineinhalb im Gefängnis, harrte er nach 1977 noch in der
damaligen Tschechoslowakei aus. Dann floh er nach Wien. Fünf weitere
Jahre vergingen bis zur Eröffnung des Nachtasyls in der Stumpergasse.
Es existiert heuer seit zwanzig Jahren.

chmel
Foto von Heribert Corn

Dabei hat es seinen eigentlichen Zweck schon zwei Jahre nach der
Gründung verloren: Das Nachtasyl sollte vor allem Wiener
Exil-Tschechen als Treffpunkt dienen. Jirí Chmel organisierte
tschechischsprachige Dichterlesungen, holte oppositionelle
Liedermacher aus Prag in sein Lokal und hängte tschechoslowakische
Kunst an seine Wände. Jene, die wie er zur Flucht gezwungen waren,
sollten in dem schummrigen ziegelsteinernen Kellerlokal, in das man
auch noch spätnachts gehen kann, eine neue Heimstatt finden. Doch
1989 kam die Wende in der Tschechoslowakei. „Ich hätte niemals
geglaubt, dass ich noch einmal in meinem Leben tschechischen Boden
betrete“, erzählt Chmel, „niemand von uns hätte das gedacht. Selbst
die größten Optimisten nicht.“ Heute sei es nicht mehr so notwendig
wie früher, dass sich die Tschechen hier im Nachtasyl treffen, sagt
er. Der gemeinsame Feind auf der anderen Seite der Grenze existiere
nicht mehr – und die Kundschaft seines Lokals sei heute zu achtzig
Prozent österreichisch.

Der einstige Dissident sieht aus wie ein alternder Rockstar. Jirí
Chmel trägt schwarze Kleidung, Vollbart, langes ergrautes Haar. Wenn
er seine schwierige Geschichte erzählt, klingt er erst ungerührt,
dann milder, schließlich halb verbittert und halb verzeihend. Wie
fühlt es sich an, als kleines Dissidentengrüppchen einer riesigen
Masse an Opportunisten gegenüberzustehen? „Ich habe das verstanden“,
sagt er, „als Dissident verzichtet man auf das bisschen sogenannte
Freiheit, das sie einem lassen. Manche können das akzeptieren, andere
nicht.“ Niemals, niemals hätte er die Tschechoslowakei verlassen
wollen. Aber die Drohungen der StB und die allwöchentlichen
48-Stunden-Verhöre zermürbten ihn schließlich. Im April 1982 zog er
die Konsequenz: Dreißig Freunde waren zu seinem Abschied auf den
Prager Bahnhof gekommen. „Im Hintergrund standen die Spitzel, um zu
sehen, wen sie als Nächstes vertreiben sollen.“ Die österreichische
Regierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky nahm die Emigranten
bereitwillig auf. „Damals habe ich das als große Geste empfunden.
Heute sehe ich es mit gemischten Gefühlen: Natürlich kam Kreisky
damit dem Regime, das uns ja vertreiben wollte, gewissermaßen
entgegen.“

Von der Stumpergasse aus sorgte Jirí Chmel für die
tschechoslowakische Exilgemeinschaft, gewährte den Dissidenten
Unterschlupf und vermittelte den Kontakt zu anderen Oppositionellen.
Selbst nach seiner Flucht nach Österreich stand er deswegen noch im
Visier der Geheimpolizei, die ihre Verbindungsleute auch ins
Nachtasyl schickte: Der oppositionelle Liedermacher Jaromír Nohavica
beispielsweise, der in den Achtzigerjahren immer wieder im Nachtasyl
auftrat, wurde kürzlich von tschechischen Medien als Spitzel
enttarnt. „Wenn man weiß, wie viel Kraft die Menschen aus den Werken
dieser Liedermacher schöpften“, sagt Jirí Chmel, „dann versteht man,
wieso dieses Thema heute so emotional besetzt ist.“

Nach 1989 schlug die Sternstunde der Generation Jirí Chmel. Seine
alten Mitstreiter gehörten plötzlich der Staatsspitze an – nur um
gleich darauf von einer pragmatischeren Politikergeneration abgelöst
zu werden. „Vor zwei Wochen war ich noch mit Václav Havel und Karl
Schwarzenberg in einer Prager Kneipe Bier trinken“, sagt Jirí Chmel
und lacht. Er selbst verbringe mehr und mehr Zeit in seinem
Landhäuschen im mährischen Dorf JevisÇovice bei Znaim. Nach seiner
Pensionierung wolle er ganz nach JevisÇovice ziehen, sagt er.
Irgendwann sei es schließlich an der Zeit, nach Tschechien
zurückzukehren.

Erschienen im Falter 47/07

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Migranten, Osteuropa

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