Drei Russen in Wien

90 JAHRE OKTOBERREVOLUTION Lenin, Stalin, Trotzki. Alle drei hielten sich in Wien auf, um die Revolution in Russland vorzubereiten. Eine Spurensuche. Joseph Gepp

Siebenter November 1917, 9 Uhr 45 Uhr. Exakt neunzig Jahre ist es
her, dass ein Schuss aus der Bordkanone des Panzerkreuzers „Aurora“
im Hafen von St. Petersburg das Signal zum Sturm auf das Winterpalais gab. Kein voller Tag vergeht, und es steht fest, wer das zerrüttete
Russland in die Zukunft führen wird: Wladimir Iljitsch Uljanow,
genannt Lenin, verkündet die Errichtung einer Regierung aus
Volkskommissaren und ruft den ersten sozialistischen Staat der Welt
aus. Es ist ein gesellschaftspolitisches Experiment, das die nächsten
siebzig Jahre halten und dem 20. Jahrhundert wie kein anderes seinen
Stempel aufdrücken wird.

Als in Wien tags darauf die Nachricht von der Oktoberrevolution
eintrifft (in Russland schreibt man aufgrund des julianischen
Kalenders immer noch Oktober), wird sie von so manchem mit Unglauben
aufgenommen: „Gehen S‘! Wer soll denn in Russland Revolution machen?
Vielleicht der Herr Bronstein vom Café Central?“, hat angeblich ein
Beamter des Außenministeriums zu einem anderen gesagt. Eine schwere
Fehleinschätzung, denn Lew Dawidowitsch Bronstein, während seiner
Wiener Zeit schachspielender Stammgast in dem Kaffeehaus in der
Herrengasse, war nach seiner Rückkehr in Russland ein wesentlicher
Protagonist der Revolution. In die Geschichte ging der russische
Außenminister und Gründer der Roten Armee unter seinem Nom de Guerre
ein: Leo Trotzki. Die Anekdote erzählte Exbundeskanzler Bruno Kreisky
während einer Pressekonferenz in den Siebzigerjahren; sein Vater, in
den Jahren des Ersten Weltkriegs selbst Stammgast im Café Central,
will sie mit eigenen Ohren gehört haben.

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Nicht nur Trotzki hielt sich – auf der Flucht vor den Repressionen
des Zaren, der bis Februar 1917 in St. Petersburg herrschte – in Wien
auf. Iossif Dschugaschwili, genannt Stalin, verbrachte Wochen bei
einer russischen Familie in Wien-Meidling und ließ sich von den
Zuständen der k. u. k. Monarchie sogar zum Essay „Marxismus und
nationale Frage“ inspirieren, einem Buch, das in den Jahren seiner
Herrschaft jedes sowjetische Schulkind lesen musste. Sogar Lenin
höchstpersönlich kam mehrmals nach Wien – einmal, um sich beim
sozialdemokratischen Parteichef Victor Adler für eine Intervention zu
bedanken, die ihm im heute polnischen Nowy Targ an der damaligen
österreichisch-russischen Grenze einen Gefängnisaufenthalt wegen
Spionageverdachts erspart hatte.

„Österreich und insbesondere Wien als politisches Exil kam den
flüchtigen Revolutionären sehr gelegen. Keine Metropole dieser Zeit
lag so nahe an Russland“, sagt Paul Kutos, Historiker und Autor des
Buchs „Russische Revolutionäre in Wien 1900 bis 1917“. Nach nur einem
Tag Zugfahrt befand man sich in Galizien, heute in der westlichen
Ukraine, damals österreichisches Kronland nahe der russischen Grenze.
Außerdem erlaubte das vergleichsweise demokratische Klima der
Habsburgermonarchie den Emigranten, ungestört ihren agitatorischen
Aktivitäten nachzugehen. Geschwächt vom Gezänk der verschiedenen
Nationalitäten, wäre ein repressives Regime wie in Russland in
Österreich-Ungarn nicht möglich gewesen. Der Kulturessayist Egon
Friedell nannte die Donaumonarchie einmal das „leichtsinnigste aller
Imperien“. Diese Leichtsinnigkeit machten sich die Bolschewiki
zunutze, die in der Sozialdemokratischen Partei des Landes zudem
einen mächtigen Unterstützer gefunden hatten. „Abgesehen davon war es
den österreichischen Behörden sogar recht, dass hier Dissidenten
gegen den feindlichen Zaren arbeiteten“, sagt Kutos.

Und so finden sich bis heute die Spuren der drei mächtigen Russen
in Wien. Eine davon führt in die Döblinger Rodlergasse, Hausnummer
25. Im ersten Stock des gründerzeitlichen Hauses wohnte Leo Trotzki
zwischen 1911 und 1914. Ein handgeschriebener Meldezettel von 1911
ist das Letzte, das von der Existenz des Gastes zeugt: „Leo
Bronstein“, steht dort, „russischer Schriftsteller, 32 Jahre alt,
confessionslos, verheiratet“. Darunter die Namen seiner Frau und
beider Kinder – und, eilig hingeschmiert, das Abreisedatum: 12.
August 1914. 14 Tage zuvor war der Weltkrieg ausgebrochen. Trotzki,
der als Russe mit den feindlichen Serben in Zusammenhang gebracht
wurde, musste fluchtartig das Land verlassen.

„Es war eine sehr ärmlich eingerichtete Wohnung, in der die
Bronsteins wohnten“, sagt Angela Ries. Bis vor wenigen Monaten, als
sie ins Pensionistenheim übersiedelte, lebte die heute 97-Jährige in
der ehemaligen Wohnung Trotzkis – 45 Jahre lang. „Das waren nette
Leute. Meine verstorbene Nachbarin hat noch mit den beiden Söhnen im
Hof gespielt“, erzählt Frau Ries. Als sie selbst in den
Sechzigerjahren in die Wohnung zog, waren die Trotzkis schon seit
mehr als vierzig Jahren weg – und bei den Nachbarn dennoch in
deutlicher Erinnerung: „Es gab Stockbetten und ansonsten nur wenige
Möbel. Nur zu Weihnachten leisteten sich die Bronsteins einen großen
Christbaum. Das war dann immer ein schönes, heimeliges Fest. Natalia,
seine Frau, kam regelmäßig zur Mutter meiner Nachbarin, um sich
Geschirr auszuborgen.“ Als Angela Ries in die Wohnung einzog, fand
sie noch exakt die Ausmaße der Trotzki’schen Wohnung vor: Eine kleine
Küche und zwei Schlafzimmer grenzen an ein großes Eckzimmer mit
Stuckdecke und Blick auf die breite, baumbestandene Weinberggasse.
Vor diesen Fenstern lebte und arbeitete Trotzki. Seine triste
Einkommenslage hatte den freien Journalisten und Schriftsteller in
diesen damals armen Teil Wiens getrieben. Mit der
sozialdemokratischen Parteiführung Österreichs, die ihn finanziell
unterstützte, hatte er sich zu diesem Zeitpunkt bereits verkracht:
Jahrzehnte später beschreibt Trotzki in seiner Autobiografie eine
verhinderte Begegnung mit Parteichef Adler, von dem er sich Geld
leihen wollte. Er hofft, ihn in den Redaktionszimmern der
Arbeiterzeitung in der Mariahilfer Straße anzutreffen – wo ihm
allerdings statt des Parteichefs Chefredakteur Friedrich Austerlitz
entgegenkommt. Trotzki schreibt: „Ich wandte mich an ihn mit der
Frage nach Adler., Wissen Sie, was heute für ein Tag ist?‘, fragte er
mich streng. Ich wusste es nicht., Heute ist Sonntag!‘, sagte der
Herr mit Nachdruck., Das ist ganz gleich. Ich brauche Adler.‘ Da
antwortete der Herr mit einer Stimme, als würde er ein Bataillon im
Sturm befehligen:, Selbst wenn Sie die Nachricht bringen würden, Ihr
Zar sei ermordet und bei Ihnen dort habe die Revolution begonnen –
selbst dann dürften Sie die Sonntagsruhe des Doktors nicht stören!'“
Diese Episode blieb Trotzki in lebhafter Erinnerung, später schrieb
er von den „Vibrationen des Philistertums“ in den Stimmen
österreichischer Sozialdemokraten. Jene freilich hoben den
Revolutionär nachträglich in alle Höhen: So beschreibt Ernst Fischer,
Redakteur der Arbeiterzeitung, im Jahr 1927 Trotzkis Wien-Aufenthalt
mit rückblickendem Pathos: „Stundenlang debattierte er mit allerhand
Leuten über Kunst, Philosophie, Politik, für sozialistische Blätter
schrieb er Artikel über Balzac, über Weltwirtschaft, über Russland.
Es kann aus ihm, irgendwo, ein bedeutender Journalist, ein
bedeutender Agitator werden, er kann, irgendwo, im Exil zugrunde
gehen, dieser unruhige Emigrant.“

Das alles traf ein. Als sein großer Widersacher Stalin die
Oberhand gewonnen hatte, musste Trotzki neuerlich fliehen – diesmal
vor dem Regime, das er selbst erkämpft hatte. 1940 wurde er in
Coayacán, einem Nobelbezirk von Mexico City, von einem Schergen
Stalins ermordet. Trotzki war einer von Millionen, die Stalin während
seiner Herrschaft aufgrund ihrer Nationalität oder ihrer
oppositionellen Haltung deportieren oder ermorden ließ (oder beides).
Trotzki und er hatten sich zum ersten Mal in Wien getroffen. Hier
lebte Stalin bei der russischen Adelsfamilie Trojanowski in der
Schönbrunner Schlossstraße in Meidling, wo auch Lenin schon mehrmals
logiert hatte, zur Untermiete. „Ich saß neben dem Samowar in der
Wohnung von Skobelow“, schreibt Trotzki, „als sich die Tür plötzlich
nach einem Klopfen öffnete und ein unbekannter Mann eintrat. Er war
klein, dünn, Pockennarben bedeckten seine graubraune Haut. Ich sah
nicht den geringsten Anflug von Freundlichkeit in seinen Augen.“ Das
war Stalin, der sich im Jänner 1913 einige Wochen in Wien aufhielt.
Seine Zeit war, wie sich Olga Weiland, das Kindermädchen der
Trojanowskis, erinnert, „ausschließlich der nationalen Frage
gewidmet“. Stalin verbrachte Tag und Nacht über dem Manuskript
„Marxismus und nationale Frage“, das Lenin in Auftrag gegeben hatte.
Die Arbeit an der Analyse, die Lenin später als „ganz hervorragend“
bezeichnete, machte Stalin nicht so viel Freude: „Ich sitze gerade in
Wien und schreibe allerhand Blödsinn“, berichtete er seinen Genossen
in Georgien. Die politischen Zustände in Wien zeigten Stalin dennoch,
wie die Funktionsfähigkeit eines Staates an der Vielzahl nationaler
Interessen scheitern kann. Es war eine Erfahrung, die seine spätere
Politik auf grausame Weise prägte: „Das parlamentarische Leben und
die Gesetzgebung Österreichs werden häufig durch die schroffen
Zusammenstöße der nationalen Parteien völlig stillgelegt“, schreibt
er in seinem Essay und fordert eine scheinbare Autonomie der
Nationalitäten hinter einer starken politischen Zentralgewalt. Stalin
war nicht der Einzige, den die chaotischen Zustände im
multinationalen Wien prägten – auch einen anderen späteren Diktator
veranlasste seine Zeit in dieser Stadt zu drastischen Schlüssen:
Adolf Hitler, der zur selben Zeit im Männerwohnheim in der
Meldemannstraße in Wien-Brigittenau wohnte und seine Rassentheorien
entwickelte.

In der Schönbrunner Schlossstraße 30, dem ehemaligen Haus der
Trojanowskis, erinnert heute eine Gedenktafel an Stalins Aufenthalt.
Sie wurde im Jahr 1949 zum siebzigsten Geburtstag des Diktators
angebracht. Jörg Nemecky, heutiger Eigentümer des Hauses, wird nicht
gern auf den einstigen Bewohner angesprochen: In welchem Zimmer
Stalin gelebt habe, wisse man heute nicht mehr, sagt er. Ob neben der
Gedenktafel noch andere Zeugnisse Stalins existieren? „Nein“, sagt
Nemecky. Ob es ihn störe, dass eine Tafel an seiner Hauswand einen
millionenfachen Mörder ehrt? „Ich wurde nie gefragt, ob mir die Tafel
an der Wand recht ist. Das ist halt ein historisches Faktum“, sagt er
lakonisch und meint nicht nur die Stalin’schen Verbrechen selbst,
sondern auch den konzilianten nachkriegsösterreichischen Umgang mit
denselben, dessen marmorner Ausdruck an seiner Hausmauer hängt.

Ein Umgang, der durchaus handfeste Gründe hatte. Bis 1955 hielt
die Sowjetunion als einer von vier Staaten Österreich besetzt. Eine
der Bedingungen für den Abzug war die Pflicht Österreichs, alliierte
Kriegsgräber und Denkmäler zu schützen. Diese Pflicht wurde im
Staatsvertrag sogar in einem eigenen Artikel verankert. „Streng
genommen unterliegt die Meidlinger Stalin-Gedenktafel dem Artikel 19
des Staatsvertrags“, sagt Barbara Schätz vom Innenministerium, deren
Abteilung mit der Exekution des Artikels betraut ist. „Streng
genommen“ heißt jedoch: Da Stalin seit nunmehr 54 Jahren tot und die
Sowjetunion seit 15 Jahren Vergangenheit ist, würde die Abnahme der
Tafel wohl niemanden kümmern. Im Gegenteil: Schon 1991 berichtete der
Falter über einen Brief des damaligen sowjetischen Außenministers
Eduard Schewardnadse an Wiens damaligen Bürgermeister Leopold Gratz
mit der Bitte, die leidige Tafel doch abzunehmen. Außer in Wien, so
Schewardnadse, würde man höchstens noch in der albanischen Hauptstadt
Tirana und im georgischen Gori, dem Geburtsort des Diktators,
Stalin-Denkmäler finden. Gratz lehnte das Ansinnen mit dem Verweis
auf den Staatsvertrag ab. Albanien hat sich mit der demokratischen
Wende 1992 offiziell vom Stalinismus losgesagt, Georgien befindet
sich seit der Rosenrevolution von 2003 im permanenten Konflikt mit
Russland. Damit dürfte Wien der letzte Ort der Welt sein, an dem noch
immer ein Stalinbildnis von der Wand lächelt.

Illustration von Jochen Schievink
Erschienen im Falter 45/07

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Stadtgeschichte, Wien

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