Die Spur eines Verwirrten

TERRORISMUS Als Asim Ç. die US-Botschaft in Wien mit zwei Handgranaten betreten wollte, trug er ein Buch bei sich. Wer es aufschlägt, gerät in ein islamistisches Netzwerk, das von Riad über
Sarajevo bis nach Wien reicht.
STEFAN APFL und JOSEPH GEPP

Wäre da nicht das Buch, der Fall erschiene glasklar. Der gebürtige
Bosnier Asim Ç., 42, betritt am 1. Oktober um 11.30 Uhr den
Checkpoint vor der Wiener US-Botschaft. Der Metalldetektor schlägt
Alarm. Ç. trägt zwei Handgranaten, Sprengstoff und etwa hundert
Schrauben, die die Schwere des Anschlags noch um ein Vielfaches
vergrößert hätten, in seinem Rucksack. Er flüchtet und wird vier
Straßen weiter von der Polizei gefasst. Später wird man bei Ç.
zuhause noch ein halbes Kilo Plastiksprengstoff exjugoslawischer
Provenienz sicherstellen.

Bei der Einvernahme stellt sich heraus: Der in Tulln wohnhafte Ç.
ist alkoholkrank, tablettenabhängig, psychisch krank und aufgrund
einer Kriegsverletzung in Frühpension. Er stammelt offenbar wirres
Zeug und beschuldigt den ebenfalls in Tulln lebenden Bosnier Mehmed D., 34, ihm den Rucksack und den Auftrag zur Tat gegeben zu haben. D., der umgehend verhaftet wird, bestreitet die Vorwürfe.

„Wir warten noch auf das psychologische Gutachten“, sagt Gerhard
Jarosch, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft. „Dann überlegen wir, ob wir ihn für unzurechnungsfähig erklären.“ Ist Ç. bloß ein Verrückter, der seinen innerlichen Kampf mit den Vereinigten Staaten auf neutralem Wiener Boden austragen wollte? Hatte der offensichtlich psychisch labile Mann „einfach einen Pascher“, wie es ein leitender Ermittler salopp ausdrückt? Vieles deutet darauf hin. Wäre da nicht das Buch in seinem Rucksack.

„Alles, was ich zum Buch sagen kann, ist, dass mindestens einmal
das Wort Islam darin vorkommt“, sagt Doris Edelbacher vom Wiener
Landesamt für Verfassungsschutz. „Was im Buch steht, wissen wir
derzeit überhaupt nicht“, sagt Gerhard Jarosch . Einen islamistischen
Hintergrund könne man aber wohl ausschließen, so Jarosch.

Die Lektüre des Buches unterstützt diese Einschätzung nicht. Das
212 Seiten dicke, in stark arabisiertem Serbokroatisch verfasste Werk
trägt den Titel „Namaz u Islamu“. Zu Deutsch etwa: „Das Gebet im
Islam“. Es ist ein praktischer Leitfaden, wie der fromme Muslim zu
beten hat – angereichert mit Ideologie der bedenklichsten Sorte:
„Dank sei dem allmächtigen Allah, der alles mit Maß und Ziel richtet
und den Ungläubigen eine schmerzhafte Strafe zuführen wird“, lautet
der erste Satz. Wenige Zeilen weiter: „Der Grundpfeiler des Islam ist
der reine und aufrichtige Glaube, der sich erst im Märtyrertod
vollendet.“

Die Autoren dieser Sätze sitzen nicht etwa in einer afghanischen
Talibanhöhle oder einer saudischen Koranschule. Sie sitzen in Wien.
Als Herausgeber scheint der bosnisch-muslimische „Verein zur
Förderung der islamischen Kultur in Österreich“ im Impressum auf.
Adresse laut Vereinsregister: Murlingengasse 61, Wien-Meidling.

Es ist ein zweistöckiges Gründerzeithaus unweit des Meidlinger
Hauptbahnhofs, in dem der islamische Fundamentalismus seine Wiener Dependance haben soll. Keine Klingel, kein Türschild deuten auf die Existenz des Vereins hin. Laut Grundbuch gehört das Haus Muslima Moustefai-Thiba, einer Konvertitin. Das Haustor ist unverschlossen, durch die dunkle Einfahrt hindurch lässt sich ein Gebetsraum erkennen. Davor ziehen sich ältere Männer mit Vollbärten und wallenden braunen Gewändern die Schuhe aus. In wenigen Minuten beginnt die Predigt.

„Ja, Asim Ç. war hin und wieder hier. Einige Leute haben ihn
gesehen“, sagt ein 32-jähriger muslimischer Bosnier, der seinen Namen nicht nennen will. Er trägt einen langen schwarzen Überwurf, sein Vollbart wächst noch heran. Die Muslime aus Tulln kämen gewöhnlich samstags mit dem Bus zum Gebet, erzählt der Mann. Auf einem Tisch in der Hauseinfahrt liegen Bücher, deren Umschläge Minarette und Halbmonde zieren, daneben Honig aus der Herzegowina und Audiokassetten mit Predigten. „Über die Art und Weise des Kampfes gegen die Muslime“ steht auf einer. In einem versperrten Glaskasten werden vier Exemplare von „Namaz u Islamu“ angeboten. Verkäuflich ist es momentan nicht, sagt der junge Bosnier, der Mann mit dem Schlüssel sei nicht da.

Ç. hatte also Kontakt mit dem Verein. Der „Verein zur Förderung
der islamischen Kultur in Österreich“ ist berüchtigt. Spätestens seit
Reis-ul-Ulema Mustafa Ceric, Oberhaupt der bosnischen Muslime in
Sarajevo, ihn in einer Rede im Februar dieses Jahres erwähnt hat.
Seitdem soll das Haus auf der Observierungsliste des Bundesamts für
Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung stehen. Die Auskunft der Behörde: Man könne dazu keine Auskunft geben.

Ceric, ein moderater Muslim und Vorzeigeprediger eines
Euro-Islams, hatte vor dem Verein als Hort des Wahhabismus, der in
Bosnien für Probleme sorgt, gewarnt. Die Wahhabiten, strenggläubige
Moslems aus Saudi-Arabien, leben nach einer puristischen Auslegung
des Korans. Sie würden in Wien „rekrutiert und finanziert“,
behauptete Ceric. Das saudische Geld fließe über Wien nach Sarajevo.
Wegen des Ramadans ist er derzeit zu keinem Gespräch bereit. Anfang
2007 konkretisierte Ceric im Interview mit der bosnisch-serbischen
Tageszeitung Nezavisne seine Vorwürfe: In Bosnien-Herzegowina gebe es
Menschen, die für Scharia und Gottesstaat kämpfen würden. Die
österreichischen Behörden seien aufgefordert, endlich etwas gegen die radikalislamische Bedrohung zu unternehmen. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin News sagte Ceric: „Diese Gruppen sind bei euch groß geworden, sie sind in eurer Umwelt zu dem geworden, was sie heute sind.“ Er sprach von „Parallelgesellschaften“, die „außer
Kontrolle“ seien.

Diesen besorgniserregenden Aussagen liegt ein Machtkampf in
Bosnien zwischen Wahhabiten und moderaten Muslimen um die wahre Auslegung des Islam zugrunde. Die Gründe, warum das Kampfgebiet bis nach Wien reicht, liegen in der Geschichte Jugoslawiens. Einst, zu Titos Zeiten, galt der bosnische Islam als Vorzeigemodell eines gemäßigten und oft propagierten Euro-Islam. Der Bosnienkrieg öffnete
ab 1992 das Einfallstor für religiösen Fanatismus. Unter die
bosnischen Soldaten mischten sich Mudschaheddin, Gotteskrieger aus
dem arabischen Raum, die an der Seite ihrer Glaubensbrüder gegen die christliche Bedrohung kämpften. Mit sich brachten sie ihre strenge
Ideologie. Hatten sie noch vor kurzem aus afghanischen Höhlen auf
sowjetische Panzer geschossen, standen sie nun vor Sarajevo.

Islamische Länder wie Saudi-Arabien und der Iran unterstützten den
Glaubenskrieg mit „ungeheuren Summen“, wie Samuel Huntington in
seinem vielzitierten Werk „Clash of Civilisations“ schreibt. Allein
Saudi-Arabien pumpte offiziell mehrere hundert Millionen Euro nach
Bosnien – nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, das Land in Richtung
Gottesstaat zu trimmen.

Die Nachwirkungen des ungebetenen Engagements spürt Bosnien nach wie vor: Den puristischen Wahhabiten ist die bosnische Lesart des Korans als profane Weichspülvariante verhasst. Mit „Taschengeld für Kopftuch“ lässt sich die Taktik in einem Satz zusammenfassen. Neue Moscheen werden gebaut und Eltern dafür bezahlt, ihre Kinder der Obhut wahhabitischer Tagesheime anzuvertrauen – mit saudischem Ölgeld.

Und das fließt über Wien. Insidern aus der islamischen Szene
zufolge werden die Transfers der saudischen Millionen als
Spendengelder getarnt und über Hilfsorganisationen abgewickelt.
Fernab von Terrorismusängsten und hoher Weltpolitik wurde das stille
Wien in den Neunzigern zur idealen Basis, um solche Aktivitäten zu
koordinieren. Ceric spricht aus, was seit langem als offenes
Geheimnis gilt. Es sind Aktivitäten, die das Bundesamt für
Verfassungsschutz so beschreibt: „Innerhalb der in Österreich
ansässigen bosnischen Diaspora konnten (…) Gruppierungen
festgestellt werden, die einer neofundamentalistischen Interpretation
des Wahhabismus anhängen“. Deren wichtigster Proponent sei, so der
Verfassungsschutzbericht, die offiziell aufgelöste „Aktive Islamische
Jugend“ (AIO): Laut Verfassungsschutz wurde die Organisation von
„ehemaligen Kämpfern der bosnischen Mudschaheddin-Brigaden aus der
Taufe gehoben“ und macht sich für die „Errichtung eines islamischen
Staates“ in Bosnien stark. „Die Rekrutierung erfolgt primär in der
Zielgruppe junger Musliminnen und Muslime der zweiten Generation, die
im Westen aufgewachsen sind.“ Die FPÖ veranlassten diese
Feststellungen am 5. Juni zu einer parlamentarischen Anfrage an den
Innenminister über die „wahhabitischen Umtriebe“ in Wien. Die Antwort
führt zurück in die Murlingengasse: „Die Moschee in Meidling wird als
Anlaufstelle von Angehörigen der AIO genützt.“

Ceric benannte schon des Öfteren den Hintermann der wahhabitischen Aktivitäten in Wien: Muhammed Porca. „Porca ist eine wichtige Figur in der islamistischen Szene von Bosnien-Herzegowina“, sagt Dragan
Ricevic, der sich als Journalist bei Nezavisne seit langem mit dem
Wahhabismus in seinem Land beschäftigt. Auf bosnischen
Islamisten-Websites finden sich Predigten Porcas, in denen er davon
spricht, seine „Feinde dann anzugreifen, wenn sie es am wenigsten
erwarten“.

Bevor Muhammed Porca 1993 nach Wien kam, wurde der Bosnier dem Vernehmen nach in Saudi-Arabien zum Prediger ausgebildet. Heute steht er der Moschee in der Murlingengasse 61 als Imam vor. Sein Name taucht auch im Impressum von „Namaz u Islamu“ auf. Dort steht: „Redigiert nach den Regeln der Scharia: Hfz.mr.Muhammed Fadil Porca.“

Auch heute predigt er. Während die letzten Gläubigen im Gebetsraum verschwinden, mustert Porca den Gast vom Türrahmen aus. Wie die
anderen trägt er einen langen braunen Überwurf, gepflegten Vollbart
und kurzgeschorenes Haar. Er schaut durchdringend, aber nicht
unfreundlich, obgleich ihm der unangekündigte Besuch offenbar
unangenehm ist. Ob er Asim Ç. kennt? Er scheint kein Deutsch zu
sprechen und lässt von einem Bosnier übersetzen: „Hier kommen viele
Leute her. Ich weiß nicht, ob Asim Ç. hier gewesen ist.“ Wie er zu
den Vorwürfen Cerics stehe? „Ich habe keine Zeit mehr, gleich beginnt
die Predigt“, sagt der Dolmetsch. Porca verspricht, in 15 Minuten
zurück zu sein, und verschwindet hinter dem Vorhang des Gebetsraums,
aus dem arabischer Gesang erklingt. Dreißig Minuten vergehen, aber
der Imam taucht nicht auf. Zu einem weiteren Treffen kommt es nicht.
Auch Nazif Bilajbegovic, offizieller Chef des Vereins, ist nicht
erreichbar.

Der junge Muslim, der noch immer in der Hauseinfahrt steht, ist
gesprächiger: Bilajbegovic halte sich gerade in Bosnien auf.
„Wahhabiten“, sagt er, „nennen uns nur unsere Feinde.“ Das
„Schlechte“ sei eigentlich der klassische bosnische Islam moderater
Prägung: „Was diese Leute machen, ist nicht islamisch. Nur dem Namen
nach. Sie sind noch schlimmer als die Ungläubigen.“ Ähnlich starke
Worte finden sich auch in „Namaz u Islamu“: „Diese Moslems denken
immer noch, dass es reicht, als Moslem geboren worden zu sein. Sie
haben kein Wissen, keinen Glauben und sind Allah nicht ergeben.
Deshalb ist heute eine allgemeine Besinnung auf das wahre Moslemsein
notwendig. Der Glaube muss jede Pore unseres Lebens durchdringen –
solange, bis Allahs Wort als letzte Instanz gilt und die Vorschriften
des Islams auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens umgesetzt
sind.“

Doch welche Positionen nehmen der mutmaßliche Attentäter Ç. und
sein angeblicher Auftraggeber D. im Netzwerk der Wiener Wahhabiten ein? War Ç. nur ein unauffälliger Gast in der Murlingengasse? Eine labile Psyche, die sich selbst, mit islamistischen Parolen aufgeheizt, zum Handeln zwang? Roland Friis, der Anwalt von Ç., behauptet, sein Mandant hätte den Rucksack, den er „von einem Mann“ bekommen habe, nur bei der Botschaft abgeben wollen.

Und D.? Ein Bericht von Nezavisne wirft zumindest ein Licht auf
den vermeintlichen Auftraggeber: Er soll im Mai 2007 am Begräbnis des hochrangigen Wahhabiten Jusuf Barcic im bosnischen Tuzla teilgenommen haben. Barcic, der bei einem Autounfall ums Leben kam, war von moderaten Muslimen immer wieder Verhetzung und religiöser Fanatismus vorgeworfen worden. Nezavisne trieb einige Jugendfreunde D.s aus Tuzla auf: „Er ist schon eine Zeitlang Wahhabit und trägt mittlerweile den langen Bart, der für die Wahhabiten typisch ist“, zitiert sie die Zeitung. Zwei andere prominente Besucher des
Begräbnisses: Abu Hamza, Kommandant der Mudschaheddin während des Bosnienkrieges – und Muhammed Porca. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen Bosniens, das einiges an religiösem Fundamentalismus gewohnt ist, beschrieb die Stimmung beim Begräbnis mit „Szenen wie im Irak oder Afghanistan“. Auch die österreichische Staatsanwaltschaft räumt Verbindungen D.s zur wahhabitischen Szene in Bosnien ein.

Was bleibt also, wenn man einen Schritt zurücktritt und die
Verflechtungen Revue passieren lässt? Zunächst offene Fragen: Welches Interesse könnten die Hintermänner des „Vereins zur Förderung der Islamischen Kultur in Österreich“ überhaupt an einem Anschlag haben?
Wenn es stimmt, dass sie das stille Wien als Operationsbasis für die
saudisch geförderte Islamisierung Bosniens nutzen – sollten sie nicht
viel mehr daran interessiert sein, den neugierigen Fragen der
Öffentlichkeit zu entgehen?

Was mit Sicherheit gilt: Selbst wenn es sich bei dem
Anschlagsversuch auf die US-Botschaft um die Tat eines Verrückten
gehandelt haben sollte; selbst wenn Ç. nur zufällig in Kontakt mit
wahhabitischen Kreisen in Wien stand; und selbst wenn das Buch im
Rucksack nicht als Botschaft gedacht war: Es bleibt das unangenehme
Gefühl, dass da mehr ist als bloß ein Buch, in dem das Wort „Islam“
geschrieben steht.

Erschienen im Falter 41/07

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Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Religion

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