Und mir wer’n nimmer sein

SPEKULATION Nach dem Krieg gab es noch 129 Heurigen in Grinzing. Heute sind es zehn. Internationale Spekulanten und Besucherschwund bedrohen die Existenz der Wirte. Joseph Gepp

Das ist die schönste Straße Wiens“, sagt Gustav Müller-Schmidt. Er schaltet den Jeep in den zweiten Gang, um den Blick besser genießen zu können. Es ist ein steiler Feldweg, der von Grinzing auf den Kahlenberg führt. Links eine Böschung und einige Weingärten, rechts die Silhouette der Stadt, die im abendlichen Nebel versinkt. Nicht weit entfernt, hinter Schießgräben und Stacheldraht, liegt inmitten der Weinberge die Villa des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi, die Bundeskanzler Kreisky in den Siebzigerjahren errichten ließ. Ein Stück weiter das Haus des verstorbenen Nachtclubbesitzers Heinz Werner Schimanko, mit dem Piktogramm einer Pistole an der Toreinfahrt. Mitten in seinem Weingarten, am Fuß des Kahlenbergs, hat sich Georg Wailand, stellvertretender Chefredakteur der Kronen Zeitung, ein schickes hölzernes Gästehäuschen errichten lassen. „Ich versuche schon seit Jahren, ein Wirtschaftsgebäude für meinen Wein zu bauen“, sagt Müller-Schmidt, 60, Besitzer des gleichnamigen Heurigen in der Cobenzlgasse. „Aber die strenge Bauordnung lässt es nicht zu.“ Nachsatz: „Die Großen, die richten sich’s halt.“

Was der Heurigenwirt beklagt, ist auch dem renommierten Architekten Gustav Peichl, 79, aufgefallen: In der Presse sprach er kürzlich von „Gefälligkeitswidmungen“, deren bauliche Konsequenzen den legendären Weinbauort Grinzing ruinieren würden. Bei Preisen von bis zu 5000 Euro pro Quadratmeter Bauland ist die Umwandlung von alten Heurigenlokalen in teure Apartments ein gutes Geschäft. Und so verkaufen die Heurigenbesitzer ihre Lokale an Immobiliengesellschaften, die beim Umbau oft nicht zimperlich vorgehen. Die Heurigen sperren zu. Peichl, der selbst im 19. Bezirk lebt, hat schon 1973 in einem Generalplan für Grinzing vor dem „Druck kaufkräftiger Bewerber auf Weinanbauflächen und brache Grünflächen“ gewarnt. 34 Jahre später scheint sich seine Prognose zu bestätigen: In den vergangenen Monaten hätten alleine auf der Cobenzlgasse sechs Heurigen zugesperrt, sagt er. „Das ist ein Riesengeschäft. Die Änderungen werden widerrechtlich und mit Erweiterung der Bauordnung vorgenommen. Es geht vor allem darum, Quadratmeter rauszuschinden. Ein Federstrich reicht, um hundert in 300 Quadratmeter Wohnfläche umzuwidmen.“ Die Firmen hätten eben die richtigen Kontakte ins Rathaus, fügt ein Heurigenbesitzer hinzu. „Mit der Umwidmung von Grünland in Bauland werden ungeheure Möglichkeiten zum Verdienen geschaffen“, sagte Klaus Steiner, der als städtischer Beamter mit Unregelmäßigkeiten im Baubereich beschäftigt war, schon 2002 zum Falter und sprach von „privaten Interessen an der Beteiligung der Schaffung von Mehrwert“ im Rathaus.

Ein Beispiel: Der zugesperrte Hauermandl in der Cobenzlgasse. „Das war der perfekte Heurige. Millionenfach fotografiert. Die ideale Postkartenidylle“, sagt Franz Hengl, 67, Besitzer des 200 Meter weiter entfernt liegenden Bach-Hengl, des größten Heurigen Europas. Der Hauermandl wurde von einer Wohnbaufirma gekauft. Die ließ im Sommer eine Garageneinfahrt ins historische Gemäuer schlagen und das Dach entfernen, um eine Etage aufzustocken. Als „Katastrophe“ bezeichnet das der Architekt Manfred Wehdorn, der nun im Auftrag der Stadt die Bausubstanz in Grinzing inventarisiert, um solche Eingriffe künftig zu verhindern. Allerdings: Rechtlich, so der Architekt und Denkmalschützer, stimme der Eingriff mit der Bauordnung überein. Deshalb sei die Neuinventarisierung ja notwendig. Unter Grinzinger Heurigenbesitzern kursiert eine andere Version der Geschichte: Nach dem Eingriff habe die Firma etwa 5000 Euro Strafe an die Baupolizei zahlen müssen – eine verschwindend geringe Summe, verglichen mit der Millioneninvestition.

„Der Mythos Grinzing liegt im Blick über den Dorfanger zum Kirchturm“, sagt Hengl. Von der Endstation der 38er-Linie blickt man über den kleinen, leicht ansteigenden Park in Richtung Dorfkirche und Wienerwald. Die Bauweise der einstöckigen Häuser, die rundherum liegen, wurde vor einem halben Jahrtausend prototypisch für das Wiener Vorstadthaus. Der erste Pferdewagendienst, der 1837 Grinzing mit der Stadt verband, machte den Ort zum Symbol für Landpartien und Grünen Veltliner. Später, in den Sechzigerjahren, wurden Touristen busweise nach Grinzing gekarrt.

Im Massentourismus lag der Kern des Niedergangs: „Ein klassischer Heuriger funktioniert praktisch ohne Personal. Es waren die Familienmitglieder, die Tag und Nacht im Lokal arbeiteten“, erklärt Hans Schmid, 67, früher Chef der Werbeagentur GGK und heute Besitzer von Weinbergen und Lokalen in und um Grinzing (siehe Falter 25/07). „Doch als die Betriebe größer wurden, waren die Familien nicht mehr daran interessiert, gratis zu schuften.“ Zwischen Straßenbahn-Endstation und Kirchturm haben in den vergangenen Monaten drei Heurigenlokale zugesperrt. Die steigenden Personalkosten im Weinbau öffneten finanzkräftigen Käufern Tür und Tor. Käufer, die oft wenig Rücksicht auf lokale Befindlichkeiten nehmen.

Jüngstes Beispiel ist der Heurige Altes Presshaus: Laut Österreich wurde er im Juli um rund 2,6 Millionen Euro über die Liegenschaftsentwicklungsgesellschaft AMR an den Russen Grigory Kanatchikov verkauft. Bei AMR will man das nicht kommentieren und sagt nur, dass zum Heurigen in Hinkunft „drei bis vier Luxusapartments“ im Obergeschoß kommen sollen. Die Grinzinger jedoch glauben zu wissen, was sich hinter dem neuesten Anschlag der internationalen Finanzwelt verbirgt: „Ein Edelfreudenhaus“, mutmaßt Gustav Peichl. Ein anderer Grinzinger formuliert es vorsichtiger: „Wie soll ein Hotel mit vier Zimmern funktionieren? Das rentiert sich doch nur, wenn es ein Puff wird.“ Immerhin: Das Heurigenlokal im Untergeschoß des Alten Presshauses soll erhalten bleiben. Nur das Geld dafür könnte bald im oberen Stock verdient werden.

Erschienen im Falter 43/07

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