Monatsarchiv: November 2007

Schollen zu Shops

STADTENTWICKLUNG Die Stadt Wien plant auf den Feldern Rothneusiedls ein Einkaufszentrum mit U-Bahn-Anschluss. Bauen soll es Frank Stronach. Gibt es dafür wirklich Bedarf? JOSEPH GEPP

Auf dem Feldweg nähert sich ein Lieferwagen. Erich Guzmits sieht
ihn schon von weitem. Der Wagen und ein Feldhase, der von ihm
aufgeschreckt wird, sind das Einzige, was sich an diesem nasskalten
Novembermorgen auf den Feldern Rothneusiedls bewegt. Guzmits erkennt
den „Porr“-Schriftzug auf der Motorhaube und stoppt das Auto. Ein
Bauarbeiter öffnet das Seitenfenster. „Was ist das dort drüben?“,
fragt Guzmits und deutet auf einen kleinen gelben Kran, der etwas
entfernt auf einem Acker steht. Der Fahrer bestätigt, was der
Spaziergänger ohnehin schon zu wissen glaubt: „Das sind die
Probebohrungen für die neue U1.“ Sein Arm beschreibt einen weiten
Kreis um die Stelle, wo der Kran steht: „Das alles wird die
Endstation Rothneusiedl.“ Er sei mit dieser Arbeit betraut, erklärt
er. „Bis Freitag noch, dann bin ich hoffentlich fertig. Dann geht das
Material zu den Geologen und die schauen, wie stabil der Boden ist.“
Guzmits‘ Miene wirkt unverfänglich interessiert, solange er mit dem
Bauarbeiter spricht. Aber dann, als der Wagen wegfährt, verfinstert
sie sich. „Sie fangen schon an.“ Das Herz von Erich Guzmits hängt an
diesen paar Feldern am südlichsten Zipfel Wiens.

Nicht nur seines. Bis zum Jahr 2011 soll in Rothneusiedl ein
Stadion samt Einkaufszentrum entstehen. Mehrere Protagonisten stehen
sich im Kampf um das Projekt gegenüber: Da ist Erich Guzmits, 43, der
im Namen der Anrainer und Bauern vor sechs Monaten die Initiative
„Stopp Megacity“ gegründet hat. Frank Stronach, milliardenschwerer
Chef der Magna GmbH, der für sein Einkaufszentrum bereit ist, der
Stadt als Draufgabe ein neues Austria-Stadion zu schenken. Wiens
mächtiger Bürgermeister Michael Häupl, deklarierter Austria-Fan, der
die Kassen der Stadt schon klingeln hört. Und eine Handvoll Experten,
die nur hinter vorgehaltener Hand sagen, was sie wirklich vom Projekt
halten. Inzwischen ist der Streit so heftig geworden, dass es
vergangene Woche erstmals einen Rückzieher gab. „Die ständige
Thematisierung in den Medien führte dazu, dass die Felder inzwischen
soviel wert sind wie Innenstadtflächen“, sagt Planungsstadtrat Rudolf
Schicker zum Falter. „Vielleicht wird sich das Projekt verzögern.“

guzmits
Weit hinten beginnt die Stadt. Erich Guzmits auf den Äckern Rothneusiedls.
Foto von Heribert Corn

Der gelbe Kran steht auf einem langgezogenen flachen Acker in
einer Reihe von vielen. Hinter einer Baumreihe liegt ein
ziegelsteinerner Gutshof aus dem 19. Jahrhundert. Am Ende des
Feldwegs steht eine barocke Kapelle. Fieberkapelle heiße sie, erklärt
Guzmits, gestiftet 1709 von einem Reisenden, der hier mit seiner
Kutsche fast verunglückte. Daneben eine kleine zerzauste Fichte. „Die
haben wir hier gepflanzt“, sagt er, „mit dem Pfarrer von Oberlaa. Zum
Schutz der Landschaft.“ Einen knappen Kilometer entfernt lebt
Guzmits, mit Frau und 14-jährigem Sohn, in einem vorstädtischen
Häuschen unweit der künftigen U-Bahn-Trasse und des Stadionkomplexes.
„Warum bitte brauchen wir hier eine U-Bahn?“, fragt er. In einer
Streusiedlung von etwa 3000 Einwohnern, zu der sie pro gebautem
Kilometer rund sieben Millionen Euro kosten würde. Guzmits antwortet
sich selbst: „Das ist ein Geschenk des Herrn Häupl an den Herrn
Stronach. Damit der hier investieren kann und eine schöne Anbindung
hat.“

Ein Blick auf den Stadtplan scheint diese These zu bestätigen: Die
U1 endet derzeit am Reumannplatz in Wien-Favoriten. Von dort fährt
der 67er weiter in den Süden. Bis zur Albin-Hansson-Siedlung, wo
Tausende Menschen leben, wäre eine U-Bahn sinnvoll. Südlich davon
lockert sich die Bebauung, um sich am Stadtrand ganz in
Einfamilienhäusern und verstreuten Feldern zu verlieren. Es gäbe
Wichtigeres in Wien, als bis hierher eine U-Bahn zu bauen.

Ein Blick in den Stadtentwicklungsplan 2005 (STEP), wo sich die
baulichen Vorhaben der Stadt der nächsten Jahrzehnte finden, könnte
Guzmits‘ These jedoch widerlegen: Dort ist Rothneusiedl als
städtisches „Zielgebiet“ definiert. Die nahegelegene Schnellstraße S1
und die Pottendorfer Linie der ÖBB schaffen eine
„Entwicklungsdynamik“, schreiben die städtischen Planer. Fazit:
„Sportanlagen für publikumsträchtige Sportarten sind denkbar. Die
Errichtung eines Einkaufszentrums wird als vertretbar angesehen.“

Neben Rothneusiedl sind zwölf weitere Bereiche per STEP zu
Zielgebieten erklärt worden. Mit einer Ausnahme („Liesing Mitte“)
liegen sie allesamt näher beim Stadtzentrum als Rothneusiedl. Viele
von ihnen, beispielsweise der Prater-Messe-Bereich oder das Areal um
den Südbahnhof, verfügen bereits über U-Bahn-Anbindungen. Für
großflächige Bahntrassen und Industrieanlagen in Zentrumsnähe hat die
Dienstleistungsgesellschaft keinen Bedarf mehr – also harren sie nun
ihrer Erschließung mit Wohnungen, Büros und Geschäftslokalen. Warum
aber auch das weitab liegende Rothneusiedl? Exakt 9,228 Kilometer
Luftlinie ist es vom Stephansdom entfernt. Mitte der Neunziger haben
es dieselben Planer, die sich nun für den STEP verantwortlich zeigen,
noch als erhaltenswerten Teil des Grüngürtels rund um Wien definiert.

Im Büro von Schicker verweist man auf den STEP und will sonst zu
diesen Fragen nichts sagen. Das Thema sei sensibel, heißt es, die
Stimmung ohnehin aufgeheizt. Ein dem Stadtrat unterstellter Planer
der MA 18 redet allerdings – wenn auch nur anonym. „Rothneusiedl war
nie unser Herzenswunsch“, sagt er. „Die planerische Maxime war immer:
Stadterneuerung vor Stadterweiterung. Rothneusiedl ist definitiv
Letzteres. Und außerdem ist das Projekt ein Einschnitt in den
Grüngürtel.“ Warum fand es dann Eingang in den STEP? Die
Voraussetzungen hätten sich eben geändert, sagt der Planer. Welche
Voraussetzungen? Innerhalb der nächsten zehn Jahre werde die
Stadtbevölkerung um etwa 100.000 Menschen wachsen, im Jahr 2050 sei
dann die Zweimillionengrenze überschritten. Das erfordere stärkere
Erschließungsmaßnahmen als ursprünglich angenommen.

Diese Informationen zur Bevölkerungsentwicklung stammen aus einer
kürzlich veröffentlichten Prognose der Statistik Austria. Allerdings:
Erstens wurde sie von der MA 18 selbst in Auftrag gegeben. Zweitens
fand sich Rothneusiedl schon lange vor ihrer Veröffentlichung im
Stadtentwicklungsplan. Und selbst wenn man das außer Acht lässt: Es
bleiben die großen innerstädtischen Flächen, die zu erschließen
wären. Und so gesteht der Planer ein: „Letztlich handelt es sich um
politische Entscheidungen. Wenn ein großer Investor anklopft, kann
man nicht so einfach Nein sagen. Die Frage lautet: Ist es politisch
verkraftbar, die Türe zuzuknallen? Auch solche Überlegungen spielen
eine Rolle.“

Auch der unabhängige Planungsexperte Reinhard Seiß ist der
Ansicht, dass es sich bei Rothneusiedl um ein fachlich strittiges
Vorhaben handelt. Durch die Verankerung im STEP sei es aber gelungen,
es praktisch außer Diskussion zu stellen. „Die SPÖ will das Projekt.
Darum ist es ein Hot Spot der Stadtentwicklung.“ Bürgermeister Häupl
dagegen argumentiert: Einerseits brauche die Austria, deren
Kuratoriumschef er ist, eine Spielstätte anstelle des baufälligen
Horr-Stadions. Andererseits werde in Niederösterreich massiv gebaut.
Stichwort: Shopping City Süd. Die Kommunalsteuern, die all dieser
Kommerz einbringt, fließen nach St. Pölten statt nach Wien. In der
SCS beispielsweise arbeiten 4000 der 6500 Vösendorfer Beschäftigten.
Zusammen zahlen sie laut Gemeinde pro Jahr rund drei Millionen Euro
Steuern – mehr als die Hälfte des Vösendorfer
Kommunalsteueraufkommens. Früher einmal war die Gemeinde eine der
ärmsten in Österreich. Je nach Größe des geplanten Projekts lassen
sich in Rothneusiedl ähnliche Summen erwarten. Und so zieht der
Bürgermeister die Konsequenz. „Ich will das Stadion, Frank Stronach
auch“, sagte Häupl – gegenüber dem Falter zu keiner Stellungnahme
bereit – zur Tageszeitung Österreich. „Es kann ja nicht sein, dass
die Bauern auf Wiener Seite Felder bestellen und auf
niederösterreichischer Seite Betriebe angesiedelt werden.“

„Stadtentwicklung und Regionalplanung sind in Österreich
traditionell kein Hort von Demokratie und Transparenz“, begann die
FAZ im Sommer einen Artikel zu Rothneusiedl. Häupl selbst räumt ein,
dass er die Realisierung des Projekts mit Stronach „per Handschlag“
vereinbart habe. Dass Umweltverträglichkeitsprüfung und
Flächenwidmung ausständig sind, scheint das Gentlemen’s Agreement
nicht behindert zu haben. Projektleiter auf Magna-Seite ist der
ehemalige Wiener Polizeigeneral Franz Schnabl, der über gute Kontakte
ins Rathaus verfügt. Im März 2007 trug die Lobbyarbeit Früchte: Per
Gemeinderatsbeschluss erteilten SPÖ und FPÖ Magna eine „Option zum
Erwerb von jenen Flächen (…), die im Eigentum der Stadt Wien stehen
und (…) noch konkret definiert werden“. Am Kauf jener Flächen, die
sich noch im Privatbesitz befinden, arbeitet man derzeit fieberhaft.
„Gerüchteweise haben zwei von zehn Eigentümern bereits verkauft“,
sagt der Landwirt Rudolf Wieselthaler, dem einige der begehrten
Felder gehören. Der, abgesehen von der Gemeinde, größte Grundbesitzer
in Rothneusiedl ist die Stiftung einiger Ärzte, die von einer
Notariatskanzlei im achten Bezirk verwaltet wird. Dort möchte man „zu
laufenden Verkaufsgesprächen gar nichts sagen“. Aber: „Grundsätzlich
sind wir am Verkauf interessiert.“ Wieselthaler selbst will, obwohl
ihm das von Österreich unterstellt wurde, nicht verkaufen. Was ihn
teuer zu stehen kommen könnte: Sollte er nämlich der Letzte sein, der
sich widersetzt, dann bestände die gesetzliche Möglichkeit, ihn zu
enteignen. Irgendwo muss die neue U-Bahn-Trasse ja hinkommen. „Das
Eisenbahn-Enteignungsgesetz wird als Druckmittel eingesetzt, um den
Widerstand zu brechen“, sagt ÖVP-Mandatar Günter Kenesei, ein
Kritiker des Projekts.

Er bezeichnet das Vorhaben als „nicht besonders toll“ und
vergleicht Rothneusiedl mit einer anderen Magna-Investition, die sich
mittlerweile als Flop herausgestellt hat: das „Magna Racino“ im
niederösterreichischen Ebreichsdorf. Was in Ebreichsdorf die
(gescheiterte) „Wunderwelt“-Kugel war, ist Kritikern zufolge in
Rothneusiedl das Stadion – eine prestigereiche Rechtfertigung vor dem
eigentlichen Projekt Trabrennbahn bzw. Einkaufszentrum. In
Niederösterreich wurde eine eigene A3-Abfahrt für Ebreichsdorf
errichtet, in Wien kommt die U-Bahn-Verlängerung. In Niederösterreich
warf die EU der Landesregierung laxen Umgang mit Umwelt- und
Wasserrecht in Ebreichsdorf vor – in Wien fürchtet Erich Guzmits
Ähnliches. „Das ganz Projekt ist ein Lehrbeispiel dafür, wie die
Stadt Wien mit ihren Bürgern umgeht“, sagt er und holt zornig einen
Packen Zettel aus der Tasche. Es sind einige Briefe, die er als
Sprecher seiner Initiative an Häupl geschrieben hat. Er bittet darin
um die Einbeziehung der Bürger von Rothneusiedl in den
Entscheidungsfindungsprozess. Der Bürgermeister ließ mittels MA 18
antworten: Die Klärung der „Grundeigentumsfrage“ sei „wesentliche
Voraussetzung für die Einbeziehung von Außenstehenden“. Mit anderen
Worten: Weiterreden könne man erst, wenn die Grundstücke verkauft
sind. Dann allerdings ist die Entscheidungsfindung bereits obsolet:
Der per Optionsvertrag bestimmte Käufer ist Magna. Guzmits betrachtet
das als Frotzelei.

Dabei weiß gerade die MA 18 um den zweifelhaften Wert des
Projekts. Das beweisen nicht nur die Aussagen des Planers, sondern
auch ein internes Besprechungsprotokoll vom Jänner 2007, das an die
Öffentlichkeit gelangte. „Es gibt keinen Bedarf für ein
Einkaufszentrum der untersuchten Größenordnung“, steht in dem
14-seitigen Dokument. Es würde die „Geschäftsstraßen im Nahbereich
schwächen“. Es sei außerdem „darauf hinzuweisen, dass der
Zentralbereich Favoriten (…) einen deutlichen Funktions- und
Umsatzverlust aufweisen würde“. Fazit: Die „Wünsche des Investors“
widersprechen den „raumplanerischen Zielen der Stadt Wien. Das
Vorhaben erscheint derzeit nicht genehmigungsfähig.“

Christoph Chorherr von den Wiener Grünen war es, der das Protokoll
an die Öffentlichkeit brachte. „Für die Nahversorgung des Bezirks
wäre das Einkaufszentrum eine Katastrophe“, sagt er. Und rechnet vor,
dass die im Protokoll geplanten 120.000 Quadratmeter
Nettoverkaufsfläche der Kaufkraft der ganzen Stadt Salzburg
entsprechen würde. Oder den Verkaufsflächen von Favoritenstraße,
Meidlinger Hauptstraße und Simmeringer Hauptstraße zusammen. Damit
wäre das Einkaufszentrum Rothneusiedl das zweitgrößte in Europa.
Gleich hinter der SCS, dem größten, das vier Kilometer entfernt
liegt.

Erschienen im Falter 48/07

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Das Rote Wien, Stadtplanung

Generation Jiri

Er wartete mit der Flucht solange, bis er es nicht mehr aushielt.
Jirí Chmel, 53, Besitzer des Kellerlokals „Nachtasyl“ in
Wien-Mariahilf, nippt an seinem kleinen Pilsner und erzählt vom
tschechoslowakischen Staatsicherheitsdienst StB: „Sie haben mir
meinen Reisepass weggenommen, meinen Freunden die Führerscheine
entzogen und die Telefone abgedreht. Meiner Schwiegermutter, einer
Schauspielerin, haben sie Auftrittsverbot auferlegt. Dann haben sie
gesagt, dass sie mich ins Gefängnis stecken werden, wenn ich nicht
kooperiere.“ Das war im Jahr 1979. Zwei Jahre zuvor hatte Chmel als
einer von wenigen Hundert die Charta 77 unterzeichnet, die berühmte
Petition tschechoslowakischer Oppositioneller gegen die
Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes. Von da an
wurde er immer wieder verhört, bedroht und eingesperrt. „Zu meinen
Prozessen durfte ich nur zwei Zuschauer mitbringen. Ich wählte immer
meine Frau und jeweils einen anderen Freund, zum Beispiel Václav
Havel und Jirí Nemec. Trotzdem war der Gerichtssaal immer voller
Menschen, die ich nicht kannte. Das waren Leute von der StB, die die
Sitze besetzten, damit für niemand anderen Platz war.“ Fünf Jahre,
davon eineinhalb im Gefängnis, harrte er nach 1977 noch in der
damaligen Tschechoslowakei aus. Dann floh er nach Wien. Fünf weitere
Jahre vergingen bis zur Eröffnung des Nachtasyls in der Stumpergasse.
Es existiert heuer seit zwanzig Jahren.

chmel
Foto von Heribert Corn

Dabei hat es seinen eigentlichen Zweck schon zwei Jahre nach der
Gründung verloren: Das Nachtasyl sollte vor allem Wiener
Exil-Tschechen als Treffpunkt dienen. Jirí Chmel organisierte
tschechischsprachige Dichterlesungen, holte oppositionelle
Liedermacher aus Prag in sein Lokal und hängte tschechoslowakische
Kunst an seine Wände. Jene, die wie er zur Flucht gezwungen waren,
sollten in dem schummrigen ziegelsteinernen Kellerlokal, in das man
auch noch spätnachts gehen kann, eine neue Heimstatt finden. Doch
1989 kam die Wende in der Tschechoslowakei. „Ich hätte niemals
geglaubt, dass ich noch einmal in meinem Leben tschechischen Boden
betrete“, erzählt Chmel, „niemand von uns hätte das gedacht. Selbst
die größten Optimisten nicht.“ Heute sei es nicht mehr so notwendig
wie früher, dass sich die Tschechen hier im Nachtasyl treffen, sagt
er. Der gemeinsame Feind auf der anderen Seite der Grenze existiere
nicht mehr – und die Kundschaft seines Lokals sei heute zu achtzig
Prozent österreichisch.

Der einstige Dissident sieht aus wie ein alternder Rockstar. Jirí
Chmel trägt schwarze Kleidung, Vollbart, langes ergrautes Haar. Wenn
er seine schwierige Geschichte erzählt, klingt er erst ungerührt,
dann milder, schließlich halb verbittert und halb verzeihend. Wie
fühlt es sich an, als kleines Dissidentengrüppchen einer riesigen
Masse an Opportunisten gegenüberzustehen? „Ich habe das verstanden“,
sagt er, „als Dissident verzichtet man auf das bisschen sogenannte
Freiheit, das sie einem lassen. Manche können das akzeptieren, andere
nicht.“ Niemals, niemals hätte er die Tschechoslowakei verlassen
wollen. Aber die Drohungen der StB und die allwöchentlichen
48-Stunden-Verhöre zermürbten ihn schließlich. Im April 1982 zog er
die Konsequenz: Dreißig Freunde waren zu seinem Abschied auf den
Prager Bahnhof gekommen. „Im Hintergrund standen die Spitzel, um zu
sehen, wen sie als Nächstes vertreiben sollen.“ Die österreichische
Regierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky nahm die Emigranten
bereitwillig auf. „Damals habe ich das als große Geste empfunden.
Heute sehe ich es mit gemischten Gefühlen: Natürlich kam Kreisky
damit dem Regime, das uns ja vertreiben wollte, gewissermaßen
entgegen.“

Von der Stumpergasse aus sorgte Jirí Chmel für die
tschechoslowakische Exilgemeinschaft, gewährte den Dissidenten
Unterschlupf und vermittelte den Kontakt zu anderen Oppositionellen.
Selbst nach seiner Flucht nach Österreich stand er deswegen noch im
Visier der Geheimpolizei, die ihre Verbindungsleute auch ins
Nachtasyl schickte: Der oppositionelle Liedermacher Jaromír Nohavica
beispielsweise, der in den Achtzigerjahren immer wieder im Nachtasyl
auftrat, wurde kürzlich von tschechischen Medien als Spitzel
enttarnt. „Wenn man weiß, wie viel Kraft die Menschen aus den Werken
dieser Liedermacher schöpften“, sagt Jirí Chmel, „dann versteht man,
wieso dieses Thema heute so emotional besetzt ist.“

Nach 1989 schlug die Sternstunde der Generation Jirí Chmel. Seine
alten Mitstreiter gehörten plötzlich der Staatsspitze an – nur um
gleich darauf von einer pragmatischeren Politikergeneration abgelöst
zu werden. „Vor zwei Wochen war ich noch mit Václav Havel und Karl
Schwarzenberg in einer Prager Kneipe Bier trinken“, sagt Jirí Chmel
und lacht. Er selbst verbringe mehr und mehr Zeit in seinem
Landhäuschen im mährischen Dorf JevisÇovice bei Znaim. Nach seiner
Pensionierung wolle er ganz nach JevisÇovice ziehen, sagt er.
Irgendwann sei es schließlich an der Zeit, nach Tschechien
zurückzukehren.

Erschienen im Falter 47/07

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Drei Russen in Wien

90 JAHRE OKTOBERREVOLUTION Lenin, Stalin, Trotzki. Alle drei hielten sich in Wien auf, um die Revolution in Russland vorzubereiten. Eine Spurensuche. Joseph Gepp

Siebenter November 1917, 9 Uhr 45 Uhr. Exakt neunzig Jahre ist es
her, dass ein Schuss aus der Bordkanone des Panzerkreuzers „Aurora“
im Hafen von St. Petersburg das Signal zum Sturm auf das Winterpalais gab. Kein voller Tag vergeht, und es steht fest, wer das zerrüttete
Russland in die Zukunft führen wird: Wladimir Iljitsch Uljanow,
genannt Lenin, verkündet die Errichtung einer Regierung aus
Volkskommissaren und ruft den ersten sozialistischen Staat der Welt
aus. Es ist ein gesellschaftspolitisches Experiment, das die nächsten
siebzig Jahre halten und dem 20. Jahrhundert wie kein anderes seinen
Stempel aufdrücken wird.

Als in Wien tags darauf die Nachricht von der Oktoberrevolution
eintrifft (in Russland schreibt man aufgrund des julianischen
Kalenders immer noch Oktober), wird sie von so manchem mit Unglauben
aufgenommen: „Gehen S‘! Wer soll denn in Russland Revolution machen?
Vielleicht der Herr Bronstein vom Café Central?“, hat angeblich ein
Beamter des Außenministeriums zu einem anderen gesagt. Eine schwere
Fehleinschätzung, denn Lew Dawidowitsch Bronstein, während seiner
Wiener Zeit schachspielender Stammgast in dem Kaffeehaus in der
Herrengasse, war nach seiner Rückkehr in Russland ein wesentlicher
Protagonist der Revolution. In die Geschichte ging der russische
Außenminister und Gründer der Roten Armee unter seinem Nom de Guerre
ein: Leo Trotzki. Die Anekdote erzählte Exbundeskanzler Bruno Kreisky
während einer Pressekonferenz in den Siebzigerjahren; sein Vater, in
den Jahren des Ersten Weltkriegs selbst Stammgast im Café Central,
will sie mit eigenen Ohren gehört haben.

roter_wuerstelstand

Nicht nur Trotzki hielt sich – auf der Flucht vor den Repressionen
des Zaren, der bis Februar 1917 in St. Petersburg herrschte – in Wien
auf. Iossif Dschugaschwili, genannt Stalin, verbrachte Wochen bei
einer russischen Familie in Wien-Meidling und ließ sich von den
Zuständen der k. u. k. Monarchie sogar zum Essay „Marxismus und
nationale Frage“ inspirieren, einem Buch, das in den Jahren seiner
Herrschaft jedes sowjetische Schulkind lesen musste. Sogar Lenin
höchstpersönlich kam mehrmals nach Wien – einmal, um sich beim
sozialdemokratischen Parteichef Victor Adler für eine Intervention zu
bedanken, die ihm im heute polnischen Nowy Targ an der damaligen
österreichisch-russischen Grenze einen Gefängnisaufenthalt wegen
Spionageverdachts erspart hatte.

„Österreich und insbesondere Wien als politisches Exil kam den
flüchtigen Revolutionären sehr gelegen. Keine Metropole dieser Zeit
lag so nahe an Russland“, sagt Paul Kutos, Historiker und Autor des
Buchs „Russische Revolutionäre in Wien 1900 bis 1917“. Nach nur einem
Tag Zugfahrt befand man sich in Galizien, heute in der westlichen
Ukraine, damals österreichisches Kronland nahe der russischen Grenze.
Außerdem erlaubte das vergleichsweise demokratische Klima der
Habsburgermonarchie den Emigranten, ungestört ihren agitatorischen
Aktivitäten nachzugehen. Geschwächt vom Gezänk der verschiedenen
Nationalitäten, wäre ein repressives Regime wie in Russland in
Österreich-Ungarn nicht möglich gewesen. Der Kulturessayist Egon
Friedell nannte die Donaumonarchie einmal das „leichtsinnigste aller
Imperien“. Diese Leichtsinnigkeit machten sich die Bolschewiki
zunutze, die in der Sozialdemokratischen Partei des Landes zudem
einen mächtigen Unterstützer gefunden hatten. „Abgesehen davon war es
den österreichischen Behörden sogar recht, dass hier Dissidenten
gegen den feindlichen Zaren arbeiteten“, sagt Kutos.

Und so finden sich bis heute die Spuren der drei mächtigen Russen
in Wien. Eine davon führt in die Döblinger Rodlergasse, Hausnummer
25. Im ersten Stock des gründerzeitlichen Hauses wohnte Leo Trotzki
zwischen 1911 und 1914. Ein handgeschriebener Meldezettel von 1911
ist das Letzte, das von der Existenz des Gastes zeugt: „Leo
Bronstein“, steht dort, „russischer Schriftsteller, 32 Jahre alt,
confessionslos, verheiratet“. Darunter die Namen seiner Frau und
beider Kinder – und, eilig hingeschmiert, das Abreisedatum: 12.
August 1914. 14 Tage zuvor war der Weltkrieg ausgebrochen. Trotzki,
der als Russe mit den feindlichen Serben in Zusammenhang gebracht
wurde, musste fluchtartig das Land verlassen.

„Es war eine sehr ärmlich eingerichtete Wohnung, in der die
Bronsteins wohnten“, sagt Angela Ries. Bis vor wenigen Monaten, als
sie ins Pensionistenheim übersiedelte, lebte die heute 97-Jährige in
der ehemaligen Wohnung Trotzkis – 45 Jahre lang. „Das waren nette
Leute. Meine verstorbene Nachbarin hat noch mit den beiden Söhnen im
Hof gespielt“, erzählt Frau Ries. Als sie selbst in den
Sechzigerjahren in die Wohnung zog, waren die Trotzkis schon seit
mehr als vierzig Jahren weg – und bei den Nachbarn dennoch in
deutlicher Erinnerung: „Es gab Stockbetten und ansonsten nur wenige
Möbel. Nur zu Weihnachten leisteten sich die Bronsteins einen großen
Christbaum. Das war dann immer ein schönes, heimeliges Fest. Natalia,
seine Frau, kam regelmäßig zur Mutter meiner Nachbarin, um sich
Geschirr auszuborgen.“ Als Angela Ries in die Wohnung einzog, fand
sie noch exakt die Ausmaße der Trotzki’schen Wohnung vor: Eine kleine
Küche und zwei Schlafzimmer grenzen an ein großes Eckzimmer mit
Stuckdecke und Blick auf die breite, baumbestandene Weinberggasse.
Vor diesen Fenstern lebte und arbeitete Trotzki. Seine triste
Einkommenslage hatte den freien Journalisten und Schriftsteller in
diesen damals armen Teil Wiens getrieben. Mit der
sozialdemokratischen Parteiführung Österreichs, die ihn finanziell
unterstützte, hatte er sich zu diesem Zeitpunkt bereits verkracht:
Jahrzehnte später beschreibt Trotzki in seiner Autobiografie eine
verhinderte Begegnung mit Parteichef Adler, von dem er sich Geld
leihen wollte. Er hofft, ihn in den Redaktionszimmern der
Arbeiterzeitung in der Mariahilfer Straße anzutreffen – wo ihm
allerdings statt des Parteichefs Chefredakteur Friedrich Austerlitz
entgegenkommt. Trotzki schreibt: „Ich wandte mich an ihn mit der
Frage nach Adler., Wissen Sie, was heute für ein Tag ist?‘, fragte er
mich streng. Ich wusste es nicht., Heute ist Sonntag!‘, sagte der
Herr mit Nachdruck., Das ist ganz gleich. Ich brauche Adler.‘ Da
antwortete der Herr mit einer Stimme, als würde er ein Bataillon im
Sturm befehligen:, Selbst wenn Sie die Nachricht bringen würden, Ihr
Zar sei ermordet und bei Ihnen dort habe die Revolution begonnen –
selbst dann dürften Sie die Sonntagsruhe des Doktors nicht stören!'“
Diese Episode blieb Trotzki in lebhafter Erinnerung, später schrieb
er von den „Vibrationen des Philistertums“ in den Stimmen
österreichischer Sozialdemokraten. Jene freilich hoben den
Revolutionär nachträglich in alle Höhen: So beschreibt Ernst Fischer,
Redakteur der Arbeiterzeitung, im Jahr 1927 Trotzkis Wien-Aufenthalt
mit rückblickendem Pathos: „Stundenlang debattierte er mit allerhand
Leuten über Kunst, Philosophie, Politik, für sozialistische Blätter
schrieb er Artikel über Balzac, über Weltwirtschaft, über Russland.
Es kann aus ihm, irgendwo, ein bedeutender Journalist, ein
bedeutender Agitator werden, er kann, irgendwo, im Exil zugrunde
gehen, dieser unruhige Emigrant.“

Das alles traf ein. Als sein großer Widersacher Stalin die
Oberhand gewonnen hatte, musste Trotzki neuerlich fliehen – diesmal
vor dem Regime, das er selbst erkämpft hatte. 1940 wurde er in
Coayacán, einem Nobelbezirk von Mexico City, von einem Schergen
Stalins ermordet. Trotzki war einer von Millionen, die Stalin während
seiner Herrschaft aufgrund ihrer Nationalität oder ihrer
oppositionellen Haltung deportieren oder ermorden ließ (oder beides).
Trotzki und er hatten sich zum ersten Mal in Wien getroffen. Hier
lebte Stalin bei der russischen Adelsfamilie Trojanowski in der
Schönbrunner Schlossstraße in Meidling, wo auch Lenin schon mehrmals
logiert hatte, zur Untermiete. „Ich saß neben dem Samowar in der
Wohnung von Skobelow“, schreibt Trotzki, „als sich die Tür plötzlich
nach einem Klopfen öffnete und ein unbekannter Mann eintrat. Er war
klein, dünn, Pockennarben bedeckten seine graubraune Haut. Ich sah
nicht den geringsten Anflug von Freundlichkeit in seinen Augen.“ Das
war Stalin, der sich im Jänner 1913 einige Wochen in Wien aufhielt.
Seine Zeit war, wie sich Olga Weiland, das Kindermädchen der
Trojanowskis, erinnert, „ausschließlich der nationalen Frage
gewidmet“. Stalin verbrachte Tag und Nacht über dem Manuskript
„Marxismus und nationale Frage“, das Lenin in Auftrag gegeben hatte.
Die Arbeit an der Analyse, die Lenin später als „ganz hervorragend“
bezeichnete, machte Stalin nicht so viel Freude: „Ich sitze gerade in
Wien und schreibe allerhand Blödsinn“, berichtete er seinen Genossen
in Georgien. Die politischen Zustände in Wien zeigten Stalin dennoch,
wie die Funktionsfähigkeit eines Staates an der Vielzahl nationaler
Interessen scheitern kann. Es war eine Erfahrung, die seine spätere
Politik auf grausame Weise prägte: „Das parlamentarische Leben und
die Gesetzgebung Österreichs werden häufig durch die schroffen
Zusammenstöße der nationalen Parteien völlig stillgelegt“, schreibt
er in seinem Essay und fordert eine scheinbare Autonomie der
Nationalitäten hinter einer starken politischen Zentralgewalt. Stalin
war nicht der Einzige, den die chaotischen Zustände im
multinationalen Wien prägten – auch einen anderen späteren Diktator
veranlasste seine Zeit in dieser Stadt zu drastischen Schlüssen:
Adolf Hitler, der zur selben Zeit im Männerwohnheim in der
Meldemannstraße in Wien-Brigittenau wohnte und seine Rassentheorien
entwickelte.

In der Schönbrunner Schlossstraße 30, dem ehemaligen Haus der
Trojanowskis, erinnert heute eine Gedenktafel an Stalins Aufenthalt.
Sie wurde im Jahr 1949 zum siebzigsten Geburtstag des Diktators
angebracht. Jörg Nemecky, heutiger Eigentümer des Hauses, wird nicht
gern auf den einstigen Bewohner angesprochen: In welchem Zimmer
Stalin gelebt habe, wisse man heute nicht mehr, sagt er. Ob neben der
Gedenktafel noch andere Zeugnisse Stalins existieren? „Nein“, sagt
Nemecky. Ob es ihn störe, dass eine Tafel an seiner Hauswand einen
millionenfachen Mörder ehrt? „Ich wurde nie gefragt, ob mir die Tafel
an der Wand recht ist. Das ist halt ein historisches Faktum“, sagt er
lakonisch und meint nicht nur die Stalin’schen Verbrechen selbst,
sondern auch den konzilianten nachkriegsösterreichischen Umgang mit
denselben, dessen marmorner Ausdruck an seiner Hausmauer hängt.

Ein Umgang, der durchaus handfeste Gründe hatte. Bis 1955 hielt
die Sowjetunion als einer von vier Staaten Österreich besetzt. Eine
der Bedingungen für den Abzug war die Pflicht Österreichs, alliierte
Kriegsgräber und Denkmäler zu schützen. Diese Pflicht wurde im
Staatsvertrag sogar in einem eigenen Artikel verankert. „Streng
genommen unterliegt die Meidlinger Stalin-Gedenktafel dem Artikel 19
des Staatsvertrags“, sagt Barbara Schätz vom Innenministerium, deren
Abteilung mit der Exekution des Artikels betraut ist. „Streng
genommen“ heißt jedoch: Da Stalin seit nunmehr 54 Jahren tot und die
Sowjetunion seit 15 Jahren Vergangenheit ist, würde die Abnahme der
Tafel wohl niemanden kümmern. Im Gegenteil: Schon 1991 berichtete der
Falter über einen Brief des damaligen sowjetischen Außenministers
Eduard Schewardnadse an Wiens damaligen Bürgermeister Leopold Gratz
mit der Bitte, die leidige Tafel doch abzunehmen. Außer in Wien, so
Schewardnadse, würde man höchstens noch in der albanischen Hauptstadt
Tirana und im georgischen Gori, dem Geburtsort des Diktators,
Stalin-Denkmäler finden. Gratz lehnte das Ansinnen mit dem Verweis
auf den Staatsvertrag ab. Albanien hat sich mit der demokratischen
Wende 1992 offiziell vom Stalinismus losgesagt, Georgien befindet
sich seit der Rosenrevolution von 2003 im permanenten Konflikt mit
Russland. Damit dürfte Wien der letzte Ort der Welt sein, an dem noch
immer ein Stalinbildnis von der Wand lächelt.

Illustration von Jochen Schievink
Erschienen im Falter 45/07

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Stadtgeschichte, Wien

Die Spur eines Verwirrten

TERRORISMUS Als Asim Ç. die US-Botschaft in Wien mit zwei Handgranaten betreten wollte, trug er ein Buch bei sich. Wer es aufschlägt, gerät in ein islamistisches Netzwerk, das von Riad über
Sarajevo bis nach Wien reicht.
STEFAN APFL und JOSEPH GEPP

Wäre da nicht das Buch, der Fall erschiene glasklar. Der gebürtige
Bosnier Asim Ç., 42, betritt am 1. Oktober um 11.30 Uhr den
Checkpoint vor der Wiener US-Botschaft. Der Metalldetektor schlägt
Alarm. Ç. trägt zwei Handgranaten, Sprengstoff und etwa hundert
Schrauben, die die Schwere des Anschlags noch um ein Vielfaches
vergrößert hätten, in seinem Rucksack. Er flüchtet und wird vier
Straßen weiter von der Polizei gefasst. Später wird man bei Ç.
zuhause noch ein halbes Kilo Plastiksprengstoff exjugoslawischer
Provenienz sicherstellen.

Bei der Einvernahme stellt sich heraus: Der in Tulln wohnhafte Ç.
ist alkoholkrank, tablettenabhängig, psychisch krank und aufgrund
einer Kriegsverletzung in Frühpension. Er stammelt offenbar wirres
Zeug und beschuldigt den ebenfalls in Tulln lebenden Bosnier Mehmed D., 34, ihm den Rucksack und den Auftrag zur Tat gegeben zu haben. D., der umgehend verhaftet wird, bestreitet die Vorwürfe.

„Wir warten noch auf das psychologische Gutachten“, sagt Gerhard
Jarosch, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft. „Dann überlegen wir, ob wir ihn für unzurechnungsfähig erklären.“ Ist Ç. bloß ein Verrückter, der seinen innerlichen Kampf mit den Vereinigten Staaten auf neutralem Wiener Boden austragen wollte? Hatte der offensichtlich psychisch labile Mann „einfach einen Pascher“, wie es ein leitender Ermittler salopp ausdrückt? Vieles deutet darauf hin. Wäre da nicht das Buch in seinem Rucksack.

„Alles, was ich zum Buch sagen kann, ist, dass mindestens einmal
das Wort Islam darin vorkommt“, sagt Doris Edelbacher vom Wiener
Landesamt für Verfassungsschutz. „Was im Buch steht, wissen wir
derzeit überhaupt nicht“, sagt Gerhard Jarosch . Einen islamistischen
Hintergrund könne man aber wohl ausschließen, so Jarosch.

Die Lektüre des Buches unterstützt diese Einschätzung nicht. Das
212 Seiten dicke, in stark arabisiertem Serbokroatisch verfasste Werk
trägt den Titel „Namaz u Islamu“. Zu Deutsch etwa: „Das Gebet im
Islam“. Es ist ein praktischer Leitfaden, wie der fromme Muslim zu
beten hat – angereichert mit Ideologie der bedenklichsten Sorte:
„Dank sei dem allmächtigen Allah, der alles mit Maß und Ziel richtet
und den Ungläubigen eine schmerzhafte Strafe zuführen wird“, lautet
der erste Satz. Wenige Zeilen weiter: „Der Grundpfeiler des Islam ist
der reine und aufrichtige Glaube, der sich erst im Märtyrertod
vollendet.“

Die Autoren dieser Sätze sitzen nicht etwa in einer afghanischen
Talibanhöhle oder einer saudischen Koranschule. Sie sitzen in Wien.
Als Herausgeber scheint der bosnisch-muslimische „Verein zur
Förderung der islamischen Kultur in Österreich“ im Impressum auf.
Adresse laut Vereinsregister: Murlingengasse 61, Wien-Meidling.

Es ist ein zweistöckiges Gründerzeithaus unweit des Meidlinger
Hauptbahnhofs, in dem der islamische Fundamentalismus seine Wiener Dependance haben soll. Keine Klingel, kein Türschild deuten auf die Existenz des Vereins hin. Laut Grundbuch gehört das Haus Muslima Moustefai-Thiba, einer Konvertitin. Das Haustor ist unverschlossen, durch die dunkle Einfahrt hindurch lässt sich ein Gebetsraum erkennen. Davor ziehen sich ältere Männer mit Vollbärten und wallenden braunen Gewändern die Schuhe aus. In wenigen Minuten beginnt die Predigt.

„Ja, Asim Ç. war hin und wieder hier. Einige Leute haben ihn
gesehen“, sagt ein 32-jähriger muslimischer Bosnier, der seinen Namen nicht nennen will. Er trägt einen langen schwarzen Überwurf, sein Vollbart wächst noch heran. Die Muslime aus Tulln kämen gewöhnlich samstags mit dem Bus zum Gebet, erzählt der Mann. Auf einem Tisch in der Hauseinfahrt liegen Bücher, deren Umschläge Minarette und Halbmonde zieren, daneben Honig aus der Herzegowina und Audiokassetten mit Predigten. „Über die Art und Weise des Kampfes gegen die Muslime“ steht auf einer. In einem versperrten Glaskasten werden vier Exemplare von „Namaz u Islamu“ angeboten. Verkäuflich ist es momentan nicht, sagt der junge Bosnier, der Mann mit dem Schlüssel sei nicht da.

Ç. hatte also Kontakt mit dem Verein. Der „Verein zur Förderung
der islamischen Kultur in Österreich“ ist berüchtigt. Spätestens seit
Reis-ul-Ulema Mustafa Ceric, Oberhaupt der bosnischen Muslime in
Sarajevo, ihn in einer Rede im Februar dieses Jahres erwähnt hat.
Seitdem soll das Haus auf der Observierungsliste des Bundesamts für
Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung stehen. Die Auskunft der Behörde: Man könne dazu keine Auskunft geben.

Ceric, ein moderater Muslim und Vorzeigeprediger eines
Euro-Islams, hatte vor dem Verein als Hort des Wahhabismus, der in
Bosnien für Probleme sorgt, gewarnt. Die Wahhabiten, strenggläubige
Moslems aus Saudi-Arabien, leben nach einer puristischen Auslegung
des Korans. Sie würden in Wien „rekrutiert und finanziert“,
behauptete Ceric. Das saudische Geld fließe über Wien nach Sarajevo.
Wegen des Ramadans ist er derzeit zu keinem Gespräch bereit. Anfang
2007 konkretisierte Ceric im Interview mit der bosnisch-serbischen
Tageszeitung Nezavisne seine Vorwürfe: In Bosnien-Herzegowina gebe es
Menschen, die für Scharia und Gottesstaat kämpfen würden. Die
österreichischen Behörden seien aufgefordert, endlich etwas gegen die radikalislamische Bedrohung zu unternehmen. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin News sagte Ceric: „Diese Gruppen sind bei euch groß geworden, sie sind in eurer Umwelt zu dem geworden, was sie heute sind.“ Er sprach von „Parallelgesellschaften“, die „außer
Kontrolle“ seien.

Diesen besorgniserregenden Aussagen liegt ein Machtkampf in
Bosnien zwischen Wahhabiten und moderaten Muslimen um die wahre Auslegung des Islam zugrunde. Die Gründe, warum das Kampfgebiet bis nach Wien reicht, liegen in der Geschichte Jugoslawiens. Einst, zu Titos Zeiten, galt der bosnische Islam als Vorzeigemodell eines gemäßigten und oft propagierten Euro-Islam. Der Bosnienkrieg öffnete
ab 1992 das Einfallstor für religiösen Fanatismus. Unter die
bosnischen Soldaten mischten sich Mudschaheddin, Gotteskrieger aus
dem arabischen Raum, die an der Seite ihrer Glaubensbrüder gegen die christliche Bedrohung kämpften. Mit sich brachten sie ihre strenge
Ideologie. Hatten sie noch vor kurzem aus afghanischen Höhlen auf
sowjetische Panzer geschossen, standen sie nun vor Sarajevo.

Islamische Länder wie Saudi-Arabien und der Iran unterstützten den
Glaubenskrieg mit „ungeheuren Summen“, wie Samuel Huntington in
seinem vielzitierten Werk „Clash of Civilisations“ schreibt. Allein
Saudi-Arabien pumpte offiziell mehrere hundert Millionen Euro nach
Bosnien – nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, das Land in Richtung
Gottesstaat zu trimmen.

Die Nachwirkungen des ungebetenen Engagements spürt Bosnien nach wie vor: Den puristischen Wahhabiten ist die bosnische Lesart des Korans als profane Weichspülvariante verhasst. Mit „Taschengeld für Kopftuch“ lässt sich die Taktik in einem Satz zusammenfassen. Neue Moscheen werden gebaut und Eltern dafür bezahlt, ihre Kinder der Obhut wahhabitischer Tagesheime anzuvertrauen – mit saudischem Ölgeld.

Und das fließt über Wien. Insidern aus der islamischen Szene
zufolge werden die Transfers der saudischen Millionen als
Spendengelder getarnt und über Hilfsorganisationen abgewickelt.
Fernab von Terrorismusängsten und hoher Weltpolitik wurde das stille
Wien in den Neunzigern zur idealen Basis, um solche Aktivitäten zu
koordinieren. Ceric spricht aus, was seit langem als offenes
Geheimnis gilt. Es sind Aktivitäten, die das Bundesamt für
Verfassungsschutz so beschreibt: „Innerhalb der in Österreich
ansässigen bosnischen Diaspora konnten (…) Gruppierungen
festgestellt werden, die einer neofundamentalistischen Interpretation
des Wahhabismus anhängen“. Deren wichtigster Proponent sei, so der
Verfassungsschutzbericht, die offiziell aufgelöste „Aktive Islamische
Jugend“ (AIO): Laut Verfassungsschutz wurde die Organisation von
„ehemaligen Kämpfern der bosnischen Mudschaheddin-Brigaden aus der
Taufe gehoben“ und macht sich für die „Errichtung eines islamischen
Staates“ in Bosnien stark. „Die Rekrutierung erfolgt primär in der
Zielgruppe junger Musliminnen und Muslime der zweiten Generation, die
im Westen aufgewachsen sind.“ Die FPÖ veranlassten diese
Feststellungen am 5. Juni zu einer parlamentarischen Anfrage an den
Innenminister über die „wahhabitischen Umtriebe“ in Wien. Die Antwort
führt zurück in die Murlingengasse: „Die Moschee in Meidling wird als
Anlaufstelle von Angehörigen der AIO genützt.“

Ceric benannte schon des Öfteren den Hintermann der wahhabitischen Aktivitäten in Wien: Muhammed Porca. „Porca ist eine wichtige Figur in der islamistischen Szene von Bosnien-Herzegowina“, sagt Dragan
Ricevic, der sich als Journalist bei Nezavisne seit langem mit dem
Wahhabismus in seinem Land beschäftigt. Auf bosnischen
Islamisten-Websites finden sich Predigten Porcas, in denen er davon
spricht, seine „Feinde dann anzugreifen, wenn sie es am wenigsten
erwarten“.

Bevor Muhammed Porca 1993 nach Wien kam, wurde der Bosnier dem Vernehmen nach in Saudi-Arabien zum Prediger ausgebildet. Heute steht er der Moschee in der Murlingengasse 61 als Imam vor. Sein Name taucht auch im Impressum von „Namaz u Islamu“ auf. Dort steht: „Redigiert nach den Regeln der Scharia: Hfz.mr.Muhammed Fadil Porca.“

Auch heute predigt er. Während die letzten Gläubigen im Gebetsraum verschwinden, mustert Porca den Gast vom Türrahmen aus. Wie die
anderen trägt er einen langen braunen Überwurf, gepflegten Vollbart
und kurzgeschorenes Haar. Er schaut durchdringend, aber nicht
unfreundlich, obgleich ihm der unangekündigte Besuch offenbar
unangenehm ist. Ob er Asim Ç. kennt? Er scheint kein Deutsch zu
sprechen und lässt von einem Bosnier übersetzen: „Hier kommen viele
Leute her. Ich weiß nicht, ob Asim Ç. hier gewesen ist.“ Wie er zu
den Vorwürfen Cerics stehe? „Ich habe keine Zeit mehr, gleich beginnt
die Predigt“, sagt der Dolmetsch. Porca verspricht, in 15 Minuten
zurück zu sein, und verschwindet hinter dem Vorhang des Gebetsraums,
aus dem arabischer Gesang erklingt. Dreißig Minuten vergehen, aber
der Imam taucht nicht auf. Zu einem weiteren Treffen kommt es nicht.
Auch Nazif Bilajbegovic, offizieller Chef des Vereins, ist nicht
erreichbar.

Der junge Muslim, der noch immer in der Hauseinfahrt steht, ist
gesprächiger: Bilajbegovic halte sich gerade in Bosnien auf.
„Wahhabiten“, sagt er, „nennen uns nur unsere Feinde.“ Das
„Schlechte“ sei eigentlich der klassische bosnische Islam moderater
Prägung: „Was diese Leute machen, ist nicht islamisch. Nur dem Namen
nach. Sie sind noch schlimmer als die Ungläubigen.“ Ähnlich starke
Worte finden sich auch in „Namaz u Islamu“: „Diese Moslems denken
immer noch, dass es reicht, als Moslem geboren worden zu sein. Sie
haben kein Wissen, keinen Glauben und sind Allah nicht ergeben.
Deshalb ist heute eine allgemeine Besinnung auf das wahre Moslemsein
notwendig. Der Glaube muss jede Pore unseres Lebens durchdringen –
solange, bis Allahs Wort als letzte Instanz gilt und die Vorschriften
des Islams auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens umgesetzt
sind.“

Doch welche Positionen nehmen der mutmaßliche Attentäter Ç. und
sein angeblicher Auftraggeber D. im Netzwerk der Wiener Wahhabiten ein? War Ç. nur ein unauffälliger Gast in der Murlingengasse? Eine labile Psyche, die sich selbst, mit islamistischen Parolen aufgeheizt, zum Handeln zwang? Roland Friis, der Anwalt von Ç., behauptet, sein Mandant hätte den Rucksack, den er „von einem Mann“ bekommen habe, nur bei der Botschaft abgeben wollen.

Und D.? Ein Bericht von Nezavisne wirft zumindest ein Licht auf
den vermeintlichen Auftraggeber: Er soll im Mai 2007 am Begräbnis des hochrangigen Wahhabiten Jusuf Barcic im bosnischen Tuzla teilgenommen haben. Barcic, der bei einem Autounfall ums Leben kam, war von moderaten Muslimen immer wieder Verhetzung und religiöser Fanatismus vorgeworfen worden. Nezavisne trieb einige Jugendfreunde D.s aus Tuzla auf: „Er ist schon eine Zeitlang Wahhabit und trägt mittlerweile den langen Bart, der für die Wahhabiten typisch ist“, zitiert sie die Zeitung. Zwei andere prominente Besucher des
Begräbnisses: Abu Hamza, Kommandant der Mudschaheddin während des Bosnienkrieges – und Muhammed Porca. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen Bosniens, das einiges an religiösem Fundamentalismus gewohnt ist, beschrieb die Stimmung beim Begräbnis mit „Szenen wie im Irak oder Afghanistan“. Auch die österreichische Staatsanwaltschaft räumt Verbindungen D.s zur wahhabitischen Szene in Bosnien ein.

Was bleibt also, wenn man einen Schritt zurücktritt und die
Verflechtungen Revue passieren lässt? Zunächst offene Fragen: Welches Interesse könnten die Hintermänner des „Vereins zur Förderung der Islamischen Kultur in Österreich“ überhaupt an einem Anschlag haben?
Wenn es stimmt, dass sie das stille Wien als Operationsbasis für die
saudisch geförderte Islamisierung Bosniens nutzen – sollten sie nicht
viel mehr daran interessiert sein, den neugierigen Fragen der
Öffentlichkeit zu entgehen?

Was mit Sicherheit gilt: Selbst wenn es sich bei dem
Anschlagsversuch auf die US-Botschaft um die Tat eines Verrückten
gehandelt haben sollte; selbst wenn Ç. nur zufällig in Kontakt mit
wahhabitischen Kreisen in Wien stand; und selbst wenn das Buch im
Rucksack nicht als Botschaft gedacht war: Es bleibt das unangenehme
Gefühl, dass da mehr ist als bloß ein Buch, in dem das Wort „Islam“
geschrieben steht.

Erschienen im Falter 41/07

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Zlatko unser

RELIGION Der stigmatisierte kroatische Priester Zlatko Sudac vollbringt angeblich Wunderheilungen. Am Nationalfeiertag predigte er für die kroatische Gemeinde in Wien. Joseph Gepp
Foto von Katharina Gossow

Dobrodosli dobri ljudi. Willkommen, ihr guten Leute. Zlatko Sudac hebt beide Arme, sodass die breiten Ärmel seines bodenlangen weißen Talars nach hinten rutschen und den Blick auf zwei bandagierte Handgelenke freigeben. Er lächelt breit und sanftmütig. Mehr als tausend Menschen, fast ausschließlich Wiener Kroaten, warten gespannt auf seine Worte. Übervoll ist die Franz-von-Assisi-Kirche am Mexikoplatz an diesem 26. Oktober. Die Menschen okkupieren die Sitzreihen bis auf den letzten Platz, drängen sich auf den dazwischenliegenden Gängen, verstopfen draußen mit ihren parkenden Autos die Gassen rund um den Platz. Zlatko Sudac, 36, wird Wundersames nachgesagt: Der Priester trägt Stigmata, die Wundmale Jesu. Während seiner Messen soll es immer wieder zu medizinisch unerklärlichen Heilungen gekommen sein. Heute predigt er für die kroatische Gemeinde in Wien. Und er tut es auf begnadete Art und Weise.

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Zlatko Sudac‘ Predigt ist ein reißendes Stakkato aus mildtätiger Sanftheit und wilder Anklage. Er lächelt, er schreit, er rudert wild mit den Armen, er hebt die Hand und zeigt zum Jesusbild, das an der Wand hängt. „Wenn ihr lieben wollt, müsst ihr das Kreuz lieben.“ Sein spitzes Gesicht, sein gestutzter Bart, sein schulterlanges Haar erinnern an Jesus, wie man ihn von klassischen Darstellungen kennt. Keine Sekunde der Unkontrolliertheit stört seinen Redefluss, der offensichtlich nur darauf angelegt ist, Emotionen zu schüren, die Menschen mit seinem Charisma in seinen Bann zu ziehen. Kein Mucks stört die Gewalt seiner Worte. Niemanden unter den Tausend scheint es zu geben, der Zlatko Sudac nicht jedes Wort glaubt, das er sagt. „Ich habe einen Menschen gekannt, der im Krieg gekämpft hat“, erzählt er, „er hat Tod, Mord und Zerstörung gesehen. Er war nicht mehr fähig, Emotionen zu empfinden. Freude und Leid waren ihm fremd. Sein Herz war Stein. Dann wurde er geheilt – durch dieses Lied …“ Ein Mann in Lederjacke kommt mit einer akustischen Gitarre aus der Sakristei. Sudac stellt ihn als Ivan vor. Ivan spielt ein Lied, das so klingt, als würde Roy Black seiner verflossenen Filmgeliebten nachtrauern: „Sie haben alles zerstört, sie haben sogar die Liebe zerstört, ich habe nicht geweint, ich habe mich nicht vom Fleck gerührt.“

Man könnte Zlatko Sudac Populismus vorwerfen und dem Klang seiner Predigten eine bedenkliche Nähe zu politischen Brandreden. Aber im traditionell katholischen Kroatien wurde der kleine Pfarrer von der Insel Krk mit seinem überbordenden Charisma zu einer Art geistlichem Popstar. Inzwischen reist er rund um die Welt und predigt für die Diasporen in Europa und Amerika. Dass er – nach eigener Angabe – im Mai 1999 erstmals die Stigmata empfing, steigerte seinen Ruhm noch mehr: Jeden Freitag soll die kreuzförmige Wunde auf seiner Stirn zu bluten beginnen. An diesem Freitag jedoch, dem Nationalfeiertag in Österreich, deutet nur ein vernarbter brauner Fleck auf das Stigma hin. Die vatikanische Gemelli-Klinik in Rom hat die Authentizität der Wundmale bestätigt. In einem Interview mit einer Pfarre im US-amerikanischen Chicago behauptete Sudac weiters, seit dem Auftreten der Stigmata verfüge er über paranormale Fähigkeiten: Er könne unter anderem schweben (Levitation), an mehreren Orten gleichzeitig sein (Bilokation), in die Zukunft blicken und biblische Sprachen wie Aramäisch sprechen, ohne sie jemals studiert zu haben. Allerdings, so Sudac im Gespräch mit der kroatisch-katholischen Kirche des Heiligen Hieronymus: „Ich will erst über diese Wunder sprechen, wenn etwas Zeit vergangen ist. Derzeit bin ich in Kontakt mit Experten. Erst nach ihren Befunden will ich mich äußern.“ Und über das Phänomen der Bilokation, das in der Bibel einigen Heiligen zugeschrieben wird, sagte er: „Das ist ein sehr interessantes Phänomen. Bei mir äußert es sich aber nur, wenn keine anderen Personen zugegen sind.“

Weniger Hehl macht Zlatko Sudac aus seinen politischen Ansichten. Über die kroatischen Soldaten, die im Balkankrieg kämpften, sagte er: „Ich bewundere sie. Die größte Ehre sollte ihnen zuteil werden. Damals haben wir alle Rosenkränze um den Hals getragen und Kerzen in unsere Fenster gestellt – und heute schämen wir uns dafür, Kroaten zu sein.“ Diese Sätze sollen in Kroatien gefallen sein, ein Besucher hat den umstrittenen Priester gefilmt und die Predigt auf die Internetplattform YouTube gestellt. In Wien jedoch hält sich Sudac mit nationalistischen Äußerungen zurück – und bewirbt sogar ein gewisses übernationales Verständnis von Katholizismus: „Man ist nicht automatisch Katholik, nur weil man Kroate ist. Ihr müsst euch in das Kreuz verlieben. Ich kann nur den allerersten Tropfen in euer Herz schütten.“ Bei diesen Worten beginnt ein geistig behinderter Mann, der an der Brüstung vor dem Altar lehnt, zu stöhnen und mit den Armen zu zucken. Sudac weiß, wie er bei seinem Publikum ekstatische Emotionen hervorrufen kann.

Dann kommt die Rede auf die angeblichen Wunderheilungen. „Es ist bekannt, dass es bei solchen Predigten immer wieder zu wundersamen Heilungen gekommen ist“, sagt Pater Mio, Assistent und Mentor von Zlatko Sudac, „und auch diesmal haben wir eine lange Liste Kranker, die auf Heilung hoffen. Wir haben unsere Helfer in der Kirche verteilt, sie werden die Kranken zum Altar bringen und Pater Zlatko wird versuchen, sie durch Handauflegen zu heilen.“ Solange die Predigt dauert, wird kein einziger Kranker auf die Apsis geführt. Aber Zlatko Sudac hält sich ja noch zwei weitere Tage in Wien auf.

Erschienen im Falter 44/07

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Und mir wer’n nimmer sein

SPEKULATION Nach dem Krieg gab es noch 129 Heurigen in Grinzing. Heute sind es zehn. Internationale Spekulanten und Besucherschwund bedrohen die Existenz der Wirte. Joseph Gepp

Das ist die schönste Straße Wiens“, sagt Gustav Müller-Schmidt. Er schaltet den Jeep in den zweiten Gang, um den Blick besser genießen zu können. Es ist ein steiler Feldweg, der von Grinzing auf den Kahlenberg führt. Links eine Böschung und einige Weingärten, rechts die Silhouette der Stadt, die im abendlichen Nebel versinkt. Nicht weit entfernt, hinter Schießgräben und Stacheldraht, liegt inmitten der Weinberge die Villa des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi, die Bundeskanzler Kreisky in den Siebzigerjahren errichten ließ. Ein Stück weiter das Haus des verstorbenen Nachtclubbesitzers Heinz Werner Schimanko, mit dem Piktogramm einer Pistole an der Toreinfahrt. Mitten in seinem Weingarten, am Fuß des Kahlenbergs, hat sich Georg Wailand, stellvertretender Chefredakteur der Kronen Zeitung, ein schickes hölzernes Gästehäuschen errichten lassen. „Ich versuche schon seit Jahren, ein Wirtschaftsgebäude für meinen Wein zu bauen“, sagt Müller-Schmidt, 60, Besitzer des gleichnamigen Heurigen in der Cobenzlgasse. „Aber die strenge Bauordnung lässt es nicht zu.“ Nachsatz: „Die Großen, die richten sich’s halt.“

Was der Heurigenwirt beklagt, ist auch dem renommierten Architekten Gustav Peichl, 79, aufgefallen: In der Presse sprach er kürzlich von „Gefälligkeitswidmungen“, deren bauliche Konsequenzen den legendären Weinbauort Grinzing ruinieren würden. Bei Preisen von bis zu 5000 Euro pro Quadratmeter Bauland ist die Umwandlung von alten Heurigenlokalen in teure Apartments ein gutes Geschäft. Und so verkaufen die Heurigenbesitzer ihre Lokale an Immobiliengesellschaften, die beim Umbau oft nicht zimperlich vorgehen. Die Heurigen sperren zu. Peichl, der selbst im 19. Bezirk lebt, hat schon 1973 in einem Generalplan für Grinzing vor dem „Druck kaufkräftiger Bewerber auf Weinanbauflächen und brache Grünflächen“ gewarnt. 34 Jahre später scheint sich seine Prognose zu bestätigen: In den vergangenen Monaten hätten alleine auf der Cobenzlgasse sechs Heurigen zugesperrt, sagt er. „Das ist ein Riesengeschäft. Die Änderungen werden widerrechtlich und mit Erweiterung der Bauordnung vorgenommen. Es geht vor allem darum, Quadratmeter rauszuschinden. Ein Federstrich reicht, um hundert in 300 Quadratmeter Wohnfläche umzuwidmen.“ Die Firmen hätten eben die richtigen Kontakte ins Rathaus, fügt ein Heurigenbesitzer hinzu. „Mit der Umwidmung von Grünland in Bauland werden ungeheure Möglichkeiten zum Verdienen geschaffen“, sagte Klaus Steiner, der als städtischer Beamter mit Unregelmäßigkeiten im Baubereich beschäftigt war, schon 2002 zum Falter und sprach von „privaten Interessen an der Beteiligung der Schaffung von Mehrwert“ im Rathaus.

Ein Beispiel: Der zugesperrte Hauermandl in der Cobenzlgasse. „Das war der perfekte Heurige. Millionenfach fotografiert. Die ideale Postkartenidylle“, sagt Franz Hengl, 67, Besitzer des 200 Meter weiter entfernt liegenden Bach-Hengl, des größten Heurigen Europas. Der Hauermandl wurde von einer Wohnbaufirma gekauft. Die ließ im Sommer eine Garageneinfahrt ins historische Gemäuer schlagen und das Dach entfernen, um eine Etage aufzustocken. Als „Katastrophe“ bezeichnet das der Architekt Manfred Wehdorn, der nun im Auftrag der Stadt die Bausubstanz in Grinzing inventarisiert, um solche Eingriffe künftig zu verhindern. Allerdings: Rechtlich, so der Architekt und Denkmalschützer, stimme der Eingriff mit der Bauordnung überein. Deshalb sei die Neuinventarisierung ja notwendig. Unter Grinzinger Heurigenbesitzern kursiert eine andere Version der Geschichte: Nach dem Eingriff habe die Firma etwa 5000 Euro Strafe an die Baupolizei zahlen müssen – eine verschwindend geringe Summe, verglichen mit der Millioneninvestition.

„Der Mythos Grinzing liegt im Blick über den Dorfanger zum Kirchturm“, sagt Hengl. Von der Endstation der 38er-Linie blickt man über den kleinen, leicht ansteigenden Park in Richtung Dorfkirche und Wienerwald. Die Bauweise der einstöckigen Häuser, die rundherum liegen, wurde vor einem halben Jahrtausend prototypisch für das Wiener Vorstadthaus. Der erste Pferdewagendienst, der 1837 Grinzing mit der Stadt verband, machte den Ort zum Symbol für Landpartien und Grünen Veltliner. Später, in den Sechzigerjahren, wurden Touristen busweise nach Grinzing gekarrt.

Im Massentourismus lag der Kern des Niedergangs: „Ein klassischer Heuriger funktioniert praktisch ohne Personal. Es waren die Familienmitglieder, die Tag und Nacht im Lokal arbeiteten“, erklärt Hans Schmid, 67, früher Chef der Werbeagentur GGK und heute Besitzer von Weinbergen und Lokalen in und um Grinzing (siehe Falter 25/07). „Doch als die Betriebe größer wurden, waren die Familien nicht mehr daran interessiert, gratis zu schuften.“ Zwischen Straßenbahn-Endstation und Kirchturm haben in den vergangenen Monaten drei Heurigenlokale zugesperrt. Die steigenden Personalkosten im Weinbau öffneten finanzkräftigen Käufern Tür und Tor. Käufer, die oft wenig Rücksicht auf lokale Befindlichkeiten nehmen.

Jüngstes Beispiel ist der Heurige Altes Presshaus: Laut Österreich wurde er im Juli um rund 2,6 Millionen Euro über die Liegenschaftsentwicklungsgesellschaft AMR an den Russen Grigory Kanatchikov verkauft. Bei AMR will man das nicht kommentieren und sagt nur, dass zum Heurigen in Hinkunft „drei bis vier Luxusapartments“ im Obergeschoß kommen sollen. Die Grinzinger jedoch glauben zu wissen, was sich hinter dem neuesten Anschlag der internationalen Finanzwelt verbirgt: „Ein Edelfreudenhaus“, mutmaßt Gustav Peichl. Ein anderer Grinzinger formuliert es vorsichtiger: „Wie soll ein Hotel mit vier Zimmern funktionieren? Das rentiert sich doch nur, wenn es ein Puff wird.“ Immerhin: Das Heurigenlokal im Untergeschoß des Alten Presshauses soll erhalten bleiben. Nur das Geld dafür könnte bald im oberen Stock verdient werden.

Erschienen im Falter 43/07

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