Kunst des Schimpfens

SPRACHE Eine ukrainische Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Wiener Schimpfwortschatz. Oksana Havryliv über fantasievolle Schimpfwörter, wienerische Eigenheiten und Rückschlüsse auf die Gesellschaft. Joseph Gepp

Es war ein Scherz auf einer Studentenparty, der Oksana Havryliv vor 15 Jahren zu ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit den bösen Wörtern der Wiener inspirierte: „Ich überlegte gerade, worüber ich meine Dissertation schreiben sollte“, erzählt die 36-Jährige, „und zur Wiener Umgangssprache und zum Dialekt gab es schon so viele Arbeiten. Also sagte eine Kollegin: Schreib doch über den Schimpfwortschatz! Das war eigentlich als Scherz gedacht.“ Aus dem Scherz wurde Ernst, als die Germanistin in ihrer Heimatstadt Lemberg (Lviv) in der westlichen Ukraine mit ihrem Doktorvater über das Dissertationsthema sprach. Er war von der Idee begeistert – und Havryliv ist seitdem bei den Wiener Schimpfwörtern hängen geblieben. Sie studierte an der Iwan-Franko-Universität in Lemberg und lebt mittlerweile dank eines Stipendiums des „Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung“ (FWF) mit Ehemann und Kind in Wien, wo sie sich schon seit den Neunzigerjahren immer wieder aufgehalten hat. Für das Germanistikinstitut der Universität Wien befragt sie momentan die Stadtbewohner zu ihrem vulgären Sprachgebrauch. Im Jahr 2005 hat Havryliv ein ukrainisch-österreichisches Schimpfwortbuch herausgegeben, ein zweites mit den Resultaten ihrer Interviews soll demnächst folgen. Mit dem Falter sprach die Wissenschaftlerin über ihr Lieblingsthema, über kulturelle Unterschiede zwischen Schimpfenden und die Rückschlüsse auf die Gesellschaft, die sich dadurch offenbaren.

Falter: Frau Havryliv, warum haben Sie sich ausgerechnet den Wiener Schimpfwortschatz ausgesucht? In Berlin und München schimpft man ja auch.

Oksana Havryliv: Ich habe in den vergangenen 15 Jahren viel Zeit in Wien verbracht und schon als Studentin moderne österreichische Literatur gelesen. H. C. Artmann oder Elfriede Jelinek zum Beispiel. Dort finden sich Unmengen an Schimpfwörtern. Irgendwann habe ich begonnen, mich intensiver damit zu beschäftigen. Dann bin ich auf immer mehr interessantes Material gestoßen. Denken Sie nur an „Heiteres Bezirksgericht“ in der Kronen Zeitung – das ist ein wahrer Fundus. Mit meiner Dissertation hat dann die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema begonnen.

Wie haben Sie die Wiener Schimpfwörter erforscht?

Ich habe jeweils dreißig Wienerinnen und Wiener aus drei verschiedenen Milieus zu ihrem Schimpfwortschatz befragt. Das waren Leute ohne Matura, mit Matura und mit abgeschlossenem Studium.

Sind die Leute nicht befangen, wenn sie einer Wissenschaftlerin gegenübersitzen und schimpfen müssen?

Eigentlich nicht. Ein bisschen war das vielleicht bei der ersten Gruppe der Fall, den Leuten ohne Matura. Das war die gehemmteste Gruppe, obwohl ich das absolut nicht erwartet habe. Die Gruppe der Menschen mit Matura, darunter viele Studenten, war dagegen viel schimpffreudiger. Und am Überraschendsten war das Ergebnis bei den Menschen mit abgeschlossenem Studium: Das waren oft gesetztere Herrschaften, unter anderen hohe Beamte der Ministerien. Ich dachte, die würden gar nicht schimpfen. Aber Gruppe drei erkannte sofort, dass es sich um ein Projekt für die Wissenschaft handelt. Das Resultat war: Nachdem ich ihnen Anonymität zugesichert hatte, kamen wahre Schimpftiraden.

Wie äußerten sich die Unterschiede zwischen den Gruppen?

Der Wortschatz ist bei allen Gruppen ziemlich gleich, die Unterschiede zeigen sich eher an den Situationen, in denen die Menschen verschiedener Milieus schimpfen. Zum Beispiel gebraucht die Gruppe ohne Matura das Schimpfen oft für den frontalen verbalen Angriff, also den Streit. Aber diese direkte Aggression sinkt mit dem sozialen Status: Gruppe drei bevorzugt den indirekten Angriff, beispielsweise das Lästern hinter dem Rücken. Und bei den Studenten in der zweiten Gruppe ist der scherzhafte Schimpfgebrauch sehr verbreitet.

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Foto von Heribert Corn

Was ist scherzhafter Schimpfgebrauch?

Das ist zum Beispiel, wenn Sie zu Ihrem Freund scherzhaft sagen: „Hallo, du alter Sack“.

Was ist das Besondere am Wiener Schimpfwortschatz? Gibt es irgendein Spezifikum?

Es gibt zwei Spezifika: Einerseits die Häufigkeit von sogenannten „brutalen Aufforderungen“: Das sind Ausdrücke wie beispielsweise „Schleich dich“ und „Geh scheißen“. In Deutschland gibt es das kaum. Die Wiener erreichen beim Erfinden brutaler Aufforderungen eine beeindruckende Ausdruckskraft: Das geht bis zu „Bohr dir ein Loch ins Knie und schieb dir ein Gurkerl rein“, wie einer meiner Interview-partner einmal sagte. Das zweite Spezifikum sind die sogenannten zusammengesetzten Schimpfwörter: Zwei abwertende Wörter werden zu einem kombiniert. Ein Klassiker ist „Drecksau“. In der Literatur findet man solche zusammengesetzten Schimpfwörter bei Werner Schwab oder H. C. Artmann.

Halten Sie den Wiener Schimpfwortschatz für kreativer als andernorts?

Wenn man in die Tiefe geht, ja. Meine Interviewpartner begannen mit ganz banalen Schimpfwörtern wie „Depp“ oder „Trottel“. Aber bald waren sie im ausgefeilteren Stadium. Das Vokabular wird dann sehr kreativ. Ich habe Dinge gehört von „Hirnederl“ bis „Du sollst Warzen am Arsch bekommen und zu kurze Hände zum Kratzen“. Flüche, die mit „Du sollst …“ beginnen, bezeichnet die Schimpfwortwissenschaft als „Verwünschungen“. Diese Verwünschungen sind in Österreich eher selten. Seltener jedenfalls als in der Ukraine.

Warum?

Es hängt damit zusammen, dass die Ukrainer viel abergläubischer und religiöser sind als Österreicher. Im Westen des Landes gibt es bei diesen Verwünschungen sogar Schimpfwortgermanismen, die noch aus der k.u.k. Zeit stammen.

Welche zum Beispiel?

Angepasst an die ukrainische Grammatik, gibt es in der Westukraine beispielsweise „Schlak by tebe trafyv“. Das ist ukrainisiert und heißt „Der Schlag soll dich treffen“. Oder „Ban’kart“ für „Bankert“. Interessant ist auch der Bedeutungswandel von Schimpfworten: „Schickse“, ukrainisch „Syksa“, stammt eigentlich aus dem Jiddischen und war die Bezeichnung für ein christliches Mädchen.

Gibt es beim Schimpfen nationale Unterschiede?

Definitiv. Es gibt zwei verschiedene Schimpfwortgruppen: Österreicher, Deutsche, Tschechen und Ukrainer beispielsweise sind analfixierte Schimpfer. Das heißt, sie verwenden hauptsächlich Schimpfworte aus dem fäkalen Bereich wie „Scheiße“ oder „Arschloch“. Amerikaner, Russen und Serben zum Beispiel sind dagegen sexualfixierte Schimpfer. Die Amerikaner sagen oft „Fuck off“ oder „Fuck you“.

Lässt sich daraus irgendetwas auf die Gesellschaft schließen?

Das anal- und sexualfixierte Schimpfen ist eine gesellschaftliche Eigenheit, deren genauer Ursprung noch unklar ist. Andere Bereiche lassen sehr vieles auf die Gesellschaft schließen. Anhand von Schimpfwörtern kann man sich über die schwachen Stellen von Gemeinschaften informieren: In der Ukraine, einem Land mit vergleichsweise hoher Korruption, gibt es beispielsweise vier Ausdrücke für einen korrupten Menschen. In Österreich gibt es keinen einzigen. Dafür finden sich in der deutschen Sprache mehrere Schimpfwörter, die einen Pedanten bezeichnen – „Mäusemelker“, „Nudeldrucker, „Erbsenzähler“ oder „I-Tüpferl-Reiter“ zum Beispiel. In der Ukraine gibt es davon wiederum kein einziges. Pedanterie scheint also in der Ukraine, Korruption in Österreich keine weit verbreitete Eigenschaft zu sein. Ein anderes Beispiel: Wenn Sie in die tiefkatholischen Länder Südeuropas – Spanien, Portugal oder Italien – fahren, dann werden Ihnen besonders viele blasphemische Schimpfwörter begegnen.

Gesellschaftliche Werthaltungen fließen also in den Schimpfwortschatz sein?

Ja. Fast immer. Während eines Interviews hat mir ein alter Mann beispielsweise erzählt, dass ihn sein Vater immer „du Welser“ geschimpft und sich dabei von hinten am Kopf gekratzt hat. Das hängt damit zusammen, dass in Wels die Leute sehr arm waren und sich von hinten am Kopf kratzten, damit die Läuse nicht in den Ärmel fallen. Ein anderes Beispiel: Ich habe Exjugoslawen und Türken, die in Österreich leben, zu den Schimpfwörtern gefragt, die sie verwenden. Hier fiel sehr oft: „Ich fick deine Mutter.“ Das ist typisch für traditionelle Gesellschaften, wo die familiäre Gemeinschaft noch eine wichtige Rolle spielt. Dort sind sogenannte „Ahnenschmähungen“ viel weiter verbreitet als in Österreich oder Deutschland. Besonders fiel mir in diesem Zusammenhang auf, dass österreichische Schüler, die mit Türken oder Exjugoslawen in dieselbe Schulklasse gehen, solche Ausdrücke übernehmen. Ähnliches ist auch in der Ukraine passiert: Vor 1939, als die Russen – wie gesagt sexualfixierte Schimpfer – die Westukraine okkupierten, war „Ich fick deine Mutter“ hierzulande völlig unbekannt. Heute ist es gang und gäbe.

Sie sprechen von nationalen Unterschieden. Spiegelt sich auch die Bewertung des Unterschieds zwischen den Geschlechtern im Schimpfen wider?

Ja, in der deutschen Sprache gibt es beispielsweise etwa 500 abwertende Ausdrücke für eine Frau mit abwechslungsreichem Liebesleben. Beim Mann sind es weit weniger. Außerdem sind diese Ausdrücke beim Mann nicht so abwertend und oft sogar mit einer gewissen Bewunderung verbunden, wie bei „Filou“ oder „Casanova“ zum Beispiel. Wie tief diese unterschiedliche Bewertung reicht, zeigte mir ein Vorfall während eines Interviews: Ich befragte die Menschen, für wie schlimm sie das Wort „Sauluder“ halten. Für Frauen war es unisono eine sehr abwertende Bezeichnung für eine Frau, die beispielsweise ihren Mann betrügt. Für Männer dagegen war „Sauluder“ eher ambivalent: Das sei eine gutaussehende Frau in attraktiver Kleidung, wurde mir zum Beispiel erklärt.

Was ist das Kreativste, das Ihnen untergekommen ist?

Vor allem ältere Menschen haben einen unglaublich kreativen Schimpfwortschatz. Bei den Interviews kamen zum Beispiel „Alle Huren sollen ins Feuer brunzen“ oder „Ich reiß dich in der Mitte auseinander, dann laufen zwei Kurze herum“. Das ist schon fast poetisch.

Können Sie nach all diesen Schimpfwörtern selber noch unbefangen schimpfen?

Das geht schon noch!

Haben Sie ein Lieblingsschimpfwort?

Ich stehe zum guten alten „Scheiße“.

Erschienen im Falter 44/07

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