Monatsarchiv: Oktober 2007

Falscher Alarm?

TERROR Der Anschlag auf die US-Botschaft war gar keiner. Sagt das FBI. Die Rolle der Wiener Wahhabiten ist damit jedoch nicht geklärt. Stefan Apfl und Joseph Gepp

Haben sich die Vorwürfe rund um den mutmaßlichen Anschlag auf die US-Botschaft in Luft aufgelöst? Es scheint so. Vergangene Woche schloss FBI-Spezialagent Paul Caldwell, der an den Ermittlungen beteiligt ist, einen terroristischen Hintergrund aus: „Wir sind der Meinung, dass es kein Anschlag war.“ Die Staatsanwaltschaft will dies nicht bestätigen. Sie verlautbarte unterdessen, dass die beiden Handgranaten und der Sprengstoff im Rucksack von Asim Ç. nicht sprengfähig waren. Mehmed D., sein angeblicher Auftraggeber, wurde bereits aus der U-Haft entlassen.

Die Hintergründe der Tat stellen sich laut Akt so dar: Ende September ruft Ç. mehrmals bei der US-Botschaft an, um den Sicherheitsleuten „wichtige Informationen“ mitzuteilen. Es wird ein Treffen für den 3. Oktober am Wiener Franz-Josefs-Bahnhof vereinbart. Ç. allerdings irrt sich um zwei Tage und wird in der Folge per Handy zur Botschaft gelotst – von der er in Panik flieht, als der Detektor Alarm schlägt.

Ç. will den Rucksack von einem „radikalen Islamisten“ erhalten haben. Ebenso wie das halbe Kilogramm Sprengstoff, das die Polizei bei ihm zuhause fand, und das Buch „Namaz u Islamu“ („Das Gebet im Islam“), das er in seinem Rucksack trug. In dem Werk wird dem „Märtyrertod“ als Vollendung des Islam gehuldigt – die Staatsanwaltschaft bezeichnete derartige Inhalte bloß als „sehr konservativ“.

War es falscher Alarm? Und was bedeuten die Kontakte, die Ç. zur wahhabitischen Szene in Wien hatte (der Falter 41/07 berichtete)? Angeblich besuchte er mehrmals die bosnische Moschee in der Murlingengasse 61, Wien-Meidling. Der dahinter stehende Verein, der auch „Namaz u Islamu“ herausgegeben hat, gilt als eine Basis radikaler Muslime in Österreich und wird angeblich vom Verfassungsschutz observiert. Der Imam, Muhammed Porca, steht unter dem Verdacht, wahhabitische Aktivitäten zwischen Wien und Sarajevo zu koordinieren.

Roland Friis, Ç.s Anwalt, weiß nichts von den Kontakten. Und auch die Staatsanwaltschaft gibt an, nicht in Richtung Wahhabiten zu ermitteln. Neue Indizien aus Bosnien-Herzegowina, wo der Fall Asim Ç. aufmerksam verfolgt wird, deuten jedoch sehr wohl auf eine Verbindung hin: „Ç. war in Barcici, um sich von wahhabitischen Klerikern durch den Koran von seiner psychischen Krankheit kurieren zu lassen“, behauptet Anes Alic, Direktor von ISA, einem Think-Tank mit Sitz in Sarajevo und Tel Aviv. Das Dorf Barcici nahe Tuzla, das als wahhabitische Hochburg gilt, ist Geburtsort des verstorbenen Wahhabitenführers Jusuf Barcic.

Ich verstehe nicht, warum die österreichischen Behörden den Fall so herunterspielen“, sagt Alic. Und erzählt Überraschendes: „Mindestens einer der drei Jugendlichen, die im September in Wien festgenommen worden waren, war regelmäßiger Gast bei den Predigten Porcas. Das habe ich von bosnischen Ermittlern erfahren.“ Die drei mutmaßlichen El-Kaida-Anhänger hatten im März ein Video online gestellt, in dem sie mit Anschlägen gedroht hatten, sollte Österreich nicht seine Soldaten aus Afghanistan abziehen.

In Österreich bezieht niemand zu diesen Informationen Stellung. Anrufe in der Murlingengasse bleiben unbeantwortet. Die Staatsanwaltschaft will nichts davon gehört haben. Rechtsanwalt Friis, der auch Mohammed M., den Anführer der terrorverdächtigen Jugendlichen, vertritt, kann die Verbindung M.s zu Porca nicht bestätigen und bezeichnet Ç. außerdem als „nicht strenggläubig“. Lediglich ein Anhänger Porcas nahm vor wenigen Tagen in der bosnisch-serbischen Tageszeitung Nezavisne Stellung: „Die österreichischen Behörden haben ihre Arbeit professionell gemacht. Wir hatten keine Unannehmlichkeiten. Wir sind ihnen sehr dankbar dafür.“

Erschienen im Falter 43/07

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Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Religion

Kunst des Schimpfens

SPRACHE Eine ukrainische Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Wiener Schimpfwortschatz. Oksana Havryliv über fantasievolle Schimpfwörter, wienerische Eigenheiten und Rückschlüsse auf die Gesellschaft. Joseph Gepp

Es war ein Scherz auf einer Studentenparty, der Oksana Havryliv vor 15 Jahren zu ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit den bösen Wörtern der Wiener inspirierte: „Ich überlegte gerade, worüber ich meine Dissertation schreiben sollte“, erzählt die 36-Jährige, „und zur Wiener Umgangssprache und zum Dialekt gab es schon so viele Arbeiten. Also sagte eine Kollegin: Schreib doch über den Schimpfwortschatz! Das war eigentlich als Scherz gedacht.“ Aus dem Scherz wurde Ernst, als die Germanistin in ihrer Heimatstadt Lemberg (Lviv) in der westlichen Ukraine mit ihrem Doktorvater über das Dissertationsthema sprach. Er war von der Idee begeistert – und Havryliv ist seitdem bei den Wiener Schimpfwörtern hängen geblieben. Sie studierte an der Iwan-Franko-Universität in Lemberg und lebt mittlerweile dank eines Stipendiums des „Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung“ (FWF) mit Ehemann und Kind in Wien, wo sie sich schon seit den Neunzigerjahren immer wieder aufgehalten hat. Für das Germanistikinstitut der Universität Wien befragt sie momentan die Stadtbewohner zu ihrem vulgären Sprachgebrauch. Im Jahr 2005 hat Havryliv ein ukrainisch-österreichisches Schimpfwortbuch herausgegeben, ein zweites mit den Resultaten ihrer Interviews soll demnächst folgen. Mit dem Falter sprach die Wissenschaftlerin über ihr Lieblingsthema, über kulturelle Unterschiede zwischen Schimpfenden und die Rückschlüsse auf die Gesellschaft, die sich dadurch offenbaren.

Falter: Frau Havryliv, warum haben Sie sich ausgerechnet den Wiener Schimpfwortschatz ausgesucht? In Berlin und München schimpft man ja auch.

Oksana Havryliv: Ich habe in den vergangenen 15 Jahren viel Zeit in Wien verbracht und schon als Studentin moderne österreichische Literatur gelesen. H. C. Artmann oder Elfriede Jelinek zum Beispiel. Dort finden sich Unmengen an Schimpfwörtern. Irgendwann habe ich begonnen, mich intensiver damit zu beschäftigen. Dann bin ich auf immer mehr interessantes Material gestoßen. Denken Sie nur an „Heiteres Bezirksgericht“ in der Kronen Zeitung – das ist ein wahrer Fundus. Mit meiner Dissertation hat dann die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema begonnen.

Wie haben Sie die Wiener Schimpfwörter erforscht?

Ich habe jeweils dreißig Wienerinnen und Wiener aus drei verschiedenen Milieus zu ihrem Schimpfwortschatz befragt. Das waren Leute ohne Matura, mit Matura und mit abgeschlossenem Studium.

Sind die Leute nicht befangen, wenn sie einer Wissenschaftlerin gegenübersitzen und schimpfen müssen?

Eigentlich nicht. Ein bisschen war das vielleicht bei der ersten Gruppe der Fall, den Leuten ohne Matura. Das war die gehemmteste Gruppe, obwohl ich das absolut nicht erwartet habe. Die Gruppe der Menschen mit Matura, darunter viele Studenten, war dagegen viel schimpffreudiger. Und am Überraschendsten war das Ergebnis bei den Menschen mit abgeschlossenem Studium: Das waren oft gesetztere Herrschaften, unter anderen hohe Beamte der Ministerien. Ich dachte, die würden gar nicht schimpfen. Aber Gruppe drei erkannte sofort, dass es sich um ein Projekt für die Wissenschaft handelt. Das Resultat war: Nachdem ich ihnen Anonymität zugesichert hatte, kamen wahre Schimpftiraden.

Wie äußerten sich die Unterschiede zwischen den Gruppen?

Der Wortschatz ist bei allen Gruppen ziemlich gleich, die Unterschiede zeigen sich eher an den Situationen, in denen die Menschen verschiedener Milieus schimpfen. Zum Beispiel gebraucht die Gruppe ohne Matura das Schimpfen oft für den frontalen verbalen Angriff, also den Streit. Aber diese direkte Aggression sinkt mit dem sozialen Status: Gruppe drei bevorzugt den indirekten Angriff, beispielsweise das Lästern hinter dem Rücken. Und bei den Studenten in der zweiten Gruppe ist der scherzhafte Schimpfgebrauch sehr verbreitet.

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Foto von Heribert Corn

Was ist scherzhafter Schimpfgebrauch?

Das ist zum Beispiel, wenn Sie zu Ihrem Freund scherzhaft sagen: „Hallo, du alter Sack“.

Was ist das Besondere am Wiener Schimpfwortschatz? Gibt es irgendein Spezifikum?

Es gibt zwei Spezifika: Einerseits die Häufigkeit von sogenannten „brutalen Aufforderungen“: Das sind Ausdrücke wie beispielsweise „Schleich dich“ und „Geh scheißen“. In Deutschland gibt es das kaum. Die Wiener erreichen beim Erfinden brutaler Aufforderungen eine beeindruckende Ausdruckskraft: Das geht bis zu „Bohr dir ein Loch ins Knie und schieb dir ein Gurkerl rein“, wie einer meiner Interview-partner einmal sagte. Das zweite Spezifikum sind die sogenannten zusammengesetzten Schimpfwörter: Zwei abwertende Wörter werden zu einem kombiniert. Ein Klassiker ist „Drecksau“. In der Literatur findet man solche zusammengesetzten Schimpfwörter bei Werner Schwab oder H. C. Artmann.

Halten Sie den Wiener Schimpfwortschatz für kreativer als andernorts?

Wenn man in die Tiefe geht, ja. Meine Interviewpartner begannen mit ganz banalen Schimpfwörtern wie „Depp“ oder „Trottel“. Aber bald waren sie im ausgefeilteren Stadium. Das Vokabular wird dann sehr kreativ. Ich habe Dinge gehört von „Hirnederl“ bis „Du sollst Warzen am Arsch bekommen und zu kurze Hände zum Kratzen“. Flüche, die mit „Du sollst …“ beginnen, bezeichnet die Schimpfwortwissenschaft als „Verwünschungen“. Diese Verwünschungen sind in Österreich eher selten. Seltener jedenfalls als in der Ukraine.

Warum?

Es hängt damit zusammen, dass die Ukrainer viel abergläubischer und religiöser sind als Österreicher. Im Westen des Landes gibt es bei diesen Verwünschungen sogar Schimpfwortgermanismen, die noch aus der k.u.k. Zeit stammen.

Welche zum Beispiel?

Angepasst an die ukrainische Grammatik, gibt es in der Westukraine beispielsweise „Schlak by tebe trafyv“. Das ist ukrainisiert und heißt „Der Schlag soll dich treffen“. Oder „Ban’kart“ für „Bankert“. Interessant ist auch der Bedeutungswandel von Schimpfworten: „Schickse“, ukrainisch „Syksa“, stammt eigentlich aus dem Jiddischen und war die Bezeichnung für ein christliches Mädchen.

Gibt es beim Schimpfen nationale Unterschiede?

Definitiv. Es gibt zwei verschiedene Schimpfwortgruppen: Österreicher, Deutsche, Tschechen und Ukrainer beispielsweise sind analfixierte Schimpfer. Das heißt, sie verwenden hauptsächlich Schimpfworte aus dem fäkalen Bereich wie „Scheiße“ oder „Arschloch“. Amerikaner, Russen und Serben zum Beispiel sind dagegen sexualfixierte Schimpfer. Die Amerikaner sagen oft „Fuck off“ oder „Fuck you“.

Lässt sich daraus irgendetwas auf die Gesellschaft schließen?

Das anal- und sexualfixierte Schimpfen ist eine gesellschaftliche Eigenheit, deren genauer Ursprung noch unklar ist. Andere Bereiche lassen sehr vieles auf die Gesellschaft schließen. Anhand von Schimpfwörtern kann man sich über die schwachen Stellen von Gemeinschaften informieren: In der Ukraine, einem Land mit vergleichsweise hoher Korruption, gibt es beispielsweise vier Ausdrücke für einen korrupten Menschen. In Österreich gibt es keinen einzigen. Dafür finden sich in der deutschen Sprache mehrere Schimpfwörter, die einen Pedanten bezeichnen – „Mäusemelker“, „Nudeldrucker, „Erbsenzähler“ oder „I-Tüpferl-Reiter“ zum Beispiel. In der Ukraine gibt es davon wiederum kein einziges. Pedanterie scheint also in der Ukraine, Korruption in Österreich keine weit verbreitete Eigenschaft zu sein. Ein anderes Beispiel: Wenn Sie in die tiefkatholischen Länder Südeuropas – Spanien, Portugal oder Italien – fahren, dann werden Ihnen besonders viele blasphemische Schimpfwörter begegnen.

Gesellschaftliche Werthaltungen fließen also in den Schimpfwortschatz sein?

Ja. Fast immer. Während eines Interviews hat mir ein alter Mann beispielsweise erzählt, dass ihn sein Vater immer „du Welser“ geschimpft und sich dabei von hinten am Kopf gekratzt hat. Das hängt damit zusammen, dass in Wels die Leute sehr arm waren und sich von hinten am Kopf kratzten, damit die Läuse nicht in den Ärmel fallen. Ein anderes Beispiel: Ich habe Exjugoslawen und Türken, die in Österreich leben, zu den Schimpfwörtern gefragt, die sie verwenden. Hier fiel sehr oft: „Ich fick deine Mutter.“ Das ist typisch für traditionelle Gesellschaften, wo die familiäre Gemeinschaft noch eine wichtige Rolle spielt. Dort sind sogenannte „Ahnenschmähungen“ viel weiter verbreitet als in Österreich oder Deutschland. Besonders fiel mir in diesem Zusammenhang auf, dass österreichische Schüler, die mit Türken oder Exjugoslawen in dieselbe Schulklasse gehen, solche Ausdrücke übernehmen. Ähnliches ist auch in der Ukraine passiert: Vor 1939, als die Russen – wie gesagt sexualfixierte Schimpfer – die Westukraine okkupierten, war „Ich fick deine Mutter“ hierzulande völlig unbekannt. Heute ist es gang und gäbe.

Sie sprechen von nationalen Unterschieden. Spiegelt sich auch die Bewertung des Unterschieds zwischen den Geschlechtern im Schimpfen wider?

Ja, in der deutschen Sprache gibt es beispielsweise etwa 500 abwertende Ausdrücke für eine Frau mit abwechslungsreichem Liebesleben. Beim Mann sind es weit weniger. Außerdem sind diese Ausdrücke beim Mann nicht so abwertend und oft sogar mit einer gewissen Bewunderung verbunden, wie bei „Filou“ oder „Casanova“ zum Beispiel. Wie tief diese unterschiedliche Bewertung reicht, zeigte mir ein Vorfall während eines Interviews: Ich befragte die Menschen, für wie schlimm sie das Wort „Sauluder“ halten. Für Frauen war es unisono eine sehr abwertende Bezeichnung für eine Frau, die beispielsweise ihren Mann betrügt. Für Männer dagegen war „Sauluder“ eher ambivalent: Das sei eine gutaussehende Frau in attraktiver Kleidung, wurde mir zum Beispiel erklärt.

Was ist das Kreativste, das Ihnen untergekommen ist?

Vor allem ältere Menschen haben einen unglaublich kreativen Schimpfwortschatz. Bei den Interviews kamen zum Beispiel „Alle Huren sollen ins Feuer brunzen“ oder „Ich reiß dich in der Mitte auseinander, dann laufen zwei Kurze herum“. Das ist schon fast poetisch.

Können Sie nach all diesen Schimpfwörtern selber noch unbefangen schimpfen?

Das geht schon noch!

Haben Sie ein Lieblingsschimpfwort?

Ich stehe zum guten alten „Scheiße“.

Erschienen im Falter 44/07

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Arm und sexy

20 Jahre Fahrradboten Das ist Mitos. Er ist der schnellste Bote Österreichs. Nur deshalb verdient er gut. Eine Tour durch die kultige und prekäre Welt der Wiener Radboten. JOSEPH GEPP

Statt eines Einstellungsgesprächs hatte Róbert Mitosinka, 25,
eine Irrsinnsfahrt durch Wien zu bewältigen. „Es war mein erster Tag
in der Firma“, erzählt der Slowake, „und der Chef sagte: In der
Jasomirgottstraße im ersten Bezirk wartet eine Lieferung auf dich.
Jetzt wirst du zeigen, was du kannst.“ Mitosinka – am Funkgerät
heißt er „Mitos“ – zeigte, was er kann: Er raste los. Von der
Zentrale des Fahrradbotendienstes Go in Rudolfsheim-Fünfhaus über die äußere und innere Mariahilfer Straße, Gumpendorfer Straße („Da sind weniger Ampeln als auf der Mariahilfer Straße“), Ring und Kärntner Straße („Bis halb elf sind dort auch Fahrräder erlaubt“) bis zur Jasomirgottstraße beim Stephansplatz. Zwölf Minuten brauchte er bis ans Ziel. Mitos, nach den Ergebnissen der österreichischen Fahrradbotenmeisterschaft der schnellste Bote des Landes, hatte den
Eignungstest bravourös bestanden. Er war von nun an fixer Bestandteil des Go-Teams.

So fix, wie man bei Go und allen anderen Fahrradbotendiensten eben arbeiten kann. Mitos ist freier Dienstnehmer. Die soziale
Absicherung ist minimal, bezahlt wird pro Auftrag. Eine Fahrt
innerhalb des ersten Bezirks kostet den Kunden beispielsweise 7,20
Euro. Von den sechs Euro, die nach Abzug der Steuer bleiben, erhält
der Fahrer etwa die Hälfte. In der Regel gilt: Beträgt die Strecke
weniger als fünf Kilometer, dann kommen Fahrräder im Stadtgebiet um dreißig Prozent schneller voran als Autos. Eine Rechnung, in der eine Marktlücke schlummert. Das witterte der Salzburger Paul Brandstätter vor zwanzig Jahren – und gründete im November 1987 nach US-amerikanischem Vorbild Veloce, Wiens ersten Fahrradbotendienst und seitdem Marktführer. Die Rechnung zahlt sich für potenzielle Kunden aber nur dann aus, wenn sich die dreißig Prozent Schnelligkeitsgewinn
auch im Preisvorteil widerspiegeln: In den Neunzigerjahren folgten
zahlreiche andere Botendienste dem Erfolgsrezept Brandstätters – und als 1994 Go gegründet wurde, war das gegenseitige Unterbieten schon voll entbrannt: „Bwin, einer unserer Großkunden, verlangte eine Preisreduktion von fünfzig Cent pro Auftrag“, erzählt ein Kenner der Härten des Botengeschäfts, „und wir mussten nachgeben. Bei der derzeitigen Konkurrenzsituation können wir nicht einfach Nein sagen.“

Die jungen Flitzer mit ihren verschwitzten Gesichtern,
isolierbandumwickelten Funkgeräten und leuchtgelben Taschen aus
zusammengeschweißten Lkw-Planen, die später stilprägend für eine
ganze Generation Stadtmenschen wurden, gelten als Speerspitze der
postmodernen Beweglichkeit. Ihre fantasievollen Funknamen – eine Idee von Paul Brandstätter, der seine Fahrer nicht in Taximanier mit
bloßen Nummern ansprechen wollte – wurden zum Ausdruck einer
zeitgeistigen Individualität, wie sie die etwa 200 Wiener
Fahrradboten als Standesethos vor sich her tragen. Aber der
Preiskampf machte das Geschäft härter, und so kann sich heute hinter dem Mythos vom pfeilschnellen Cola-Light-Mann, der mit seinem unkonventionellen Auftreten ein bisschen Anarchie in wohlgeordnete Amtsstuben bringt, so manche triste Einkommenssituation verbergen.

Das gilt nicht für alle: Schnelle Radler mit entsprechend vielen
Aufträgen können gutes Geld verdienen. Mitos beispielsweise ist ein
Profi. Ehe er vor zwei Jahren nach Österreich kam, war er Mitglied
des slowakischen U 23-Fahrrad-Nationalteams. Er arbeitet Vollzeit,
fünf Tage pro Woche. An einem durchschnittlichen Arbeitstag legt er
etwa hundert Kilometer zurück. Vergangenen September hat er damit
etwa 1400 Euro verdient. Unerfahrenen dagegen kann es passieren, dass
bei schlechter Auftragslage am Ende einer Neuneinhalbstundenschicht
nicht mehr als dreißig bis vierzig Euro übrig bleiben. Carola Mayer,
31, Funkname „Leela“, ist eine solche Unerfahrene: Sie studiert
Erziehungswissenschaften und arbeitet seit April zweimal pro Woche
nebenher als Fahrradbotin. „Die Gasserln des ersten Bezirks sind mir
nach wie vor ein Rätsel“, sagt die Niederösterreicherin, „da muss ich
auf den Stadtplan zurückgreifen.“ An guten Tagen bleiben ihr etwa 65
Euro. Trotzdem: „Es ist ein schöner Job. Manchmal komme ich in ein
Büro, sehe die Angestellten in ihren Anzügen und Kostümen und denke
mir: Ihr habt ja gar keine Ahnung, was es sonst noch alles gibt.“
Leela gerät ins Schwärmen. Vor ihrer Zeit als Fahrradbotin hat sie
zehn Jahre lang in diversen Büros gearbeitet: „Das Fahrradbotendasein
ist irgendwie outlawmäßig. Du tänzelst um Hindernisse und erregst die
Aufmerksamkeit der Fußgänger, wenn du an ihnen vorbeizischst. Man
fühlt sich frei und unabhängig – ferngesteuert von der Zentrale und
doch allein auf der Straße.“ Psychologen bezeichnen das, was Leela so
fasziniert, als den „Flow-Effekt“: Angeregt durch übermäßigen
Endorphinausstoß stellt sich bei starker Konzentration auf eine
Tätigkeit das Gefühl des völligen Aufgehens in derselben ein – etwa
bei längerem Joggen, Meditieren oder auch Radfahren. Leela seufzt und
streicht ihre roten Haare aus dem Gesicht: „Aber reich wirst du halt
nicht damit.“

Ich fühle mich definitiv unterbezahlt“, sagt auch der 42-jährige
Johann Palko, Funkname „Wildheart“, der mit seinem Gehalt eine
Familie versorgen und ein Haus im niederösterreichischen Pressbaum
erhalten muss. Sollte ihn eine längere Krankheit oder ein
Spitalsaufenthalt einmal vom Botendienst abhalten, dann könnte Palkos
finanzielle Situation schnell kritisch werden: Sein Arbeitgeber,
ebenfalls Go, trägt zwar die Unfallversicherung – da die Entlohnung
jedoch ausschließlich auftragsbasiert erfolgt, fällt die
Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall weg. „Ich mag meinen Job. Er
vermittelt mir ein Gefühl von Freiheit. Aber eine Lösung für den Rest
meines Lebens kann er nicht sein“, sagt er.

Im Jahr 2004 formierten sich die Fahrradboten erstmals zum
Widerstand gegen ihre unregulierten Arbeitsverhältnisse: Bei Veloce
stand eine Preiserhöhung beim Kunden an. Die Lohnerhöhung bei den
Boten, die darauf folgen sollte, blieb allerdings aus. Daraufhin trat
die Belegschaft fast geschlossen in den Streik. „Die ganze Situation
hat sich damals sehr aufgeschaukelt“, erzählt „Fortuna“, ein
langjähriger Mitarbeiter von Veloce. „Die Führung hat ziemlich
kopflos agiert. Unser Chef hat uns nicht einmal empfangen.“ Den
Radlern wurde zu diesem Zeitpunkt sogar der Einblick in ihre eigenen
Versicherungsverträge verwehrt, die Veloce-Chef Brandstätter für sie
abgeschlossen hatte – und die mit allerhand ominösen Zusatzklauseln
versehen waren. Als der Streik begann, verweigerte Brandstätter das
Gespräch. Als er sich ausweitete, kündigte er die gesamte Belegschaft
– um sie gleich darauf wieder einzustellen. Als die zornigen
Beschäftigten danach einen Betriebsrat wählen wollten, riss er den
Aushang mit der Kandidatenliste von der Wand. Mit Transparenten, auf
denen „Schluss mit der Ausbeutung der Atypischen“ stand, fuhren die
Radler daraufhin demonstrierend über die Ringstraße. Zwei Wochen lang
standen die Räder still. Dann gab Brandstätter nach, legte die
Verträge offen und strich einige Nebenkosten, beispielsweise eine
„Bearbeitungsgebühr“ für das Ausstellen von Honorarnoten. Eine Art
Betriebsrat, die „Fahrervertretung“, setzt sich seitdem für die
Belange der Veloce-Radler ein. Das Ergebnis des wochenlangen
Konflikts war eine kleine Lohnerhöhung – ohne dass sich an der
Gesamtsituation etwas änderte: Sozialstaatliche Errungenschaften wie
Abfertigung, Krankengeld, 13. und 14. Monatsgehalt oder
Arbeitslosenhilfe waren für die Fahrradboten weiterhin undenkbar. „Es
gibt eben nur zwei Extreme“, resümiert Fortuna, „einerseits das fixe
Arbeiter-oder Angestelltenverhältnis. Das ist bei der Flexibilität
und freien Zeiteinteilung eines Fahrradbotenjobs nicht durchführbar.
Andererseits die Anstellung als freier Dienstnehmer. Hier wiederum
fehlt weitgehend die soziale Sicherheit.“

Einen Mittelweg versucht der kleine Botendienst Hermes im dritten
Bezirk. Hermes zahlt seine Fahrer nicht pro Auftrag, sondern pro
Arbeitsstunde – 7,30 Euro, unabhängig davon, wie viele Aufträge sie
verrichten. Die etwa zwanzig Hermes-Boten gelten als die radelnde
Elite, die Warteliste für potenzielle Mitarbeiter ist länger als bei
allen anderen Diensten. Hermes ist als gemeinnütziger Verein
organisiert, Besitzer ist das Kollektiv seiner Boten, das die
Einkünfte unter sich aufteilt und mit dem, was übrig bleibt, die
Betriebskosten finanziert. „Michi“, 31, seit acht Jahren bei Hermes,
verrät ebenfalls nur seinen Funknamen. Er zögert nicht, die anderen
Botendienste als „Ausbeuterfirmen“ zu bezeichnen: „Wir sind als
basisdemokratisches System organisiert. Bei uns wird alles im Konsens
entschieden.“ Dass es keinen „großen anonymen Chef“ gebe, steigere
die Motivation der Fahrer, meint er. Aber warum soll sich ein Fahrer
überhaupt bemühen, wenn er weiß, dass dem Schnellsten dieselbe
stundenweise Bezahlung zusteht wie dem Langsamsten? „Es stimmt, dass
wir damit zu kämpfen haben“, sagt Michi. Sollte sich jemand nicht
bemühen, dann stimmt das Kollektiv über seinen Rauswurf ab. „Das
kommt schon hin und wieder vor.“ Wie oft, will er nicht sagen – er
sei ja noch nicht so lange in der Firma, die mittlerweile seit knapp
15 Jahren existiert. „Nichtsdestotrotz: Insgesamt sind wir alle
hochmotiviert.“

Die Go-Fahrer widersprechen. „Ich will einfach mehr verdienen,
wenn ich Vollgas gebe“, sagt Leela. „Die Bezahlung könnte besser
sein, aber ich ziehe das Leistungssystem trotzdem vor“, sagt auch
Johann Palko. Und beginnt zu erklären, was einen guten Fahrradboten
ausmacht: „Hazen allein hat keinen Sinn. Man muss die Schleichwege
kennen. Durchhäuser und Innenhöfe bringen viel an Zeitersparnis. Und
man muss wissen, wo man anläutet.“ Dass derartige Erfahrung auch
honoriert sein will, zeigt ein Experiment, das zwei Wissenschaftler
der Universität Zürich im Jahr 2002 durchführten: Vier Wochen lang
teilten sie den Zürcher Botendienst Veloblitz in zwei Gruppen und
zahlten einer Gruppe 25 Prozent mehr Lohn als der anderen. Das
überraschende Ergebnis war, dass die Besserbezahlten nicht mehr,
sondern geringfügig weniger arbeiteten als die andere Gruppe. Die
Wirtschaftswissenschafter erklärten das mit einem Ziellohn, den sich
der ungebundene Fahrradbote jeden Tag setzt: Ist der Ziellohn
schneller erreicht, dann wird eben etwas weniger gearbeitet. „Im
Prinzip ist das System schon gut so, wie es ist“, sagt Johann Palko,
„aber eine Gewerkschaft würde ich mir trotzdem wünschen.“

Erschienen im Falter 40/07

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Stadtleben, Wien

Im ukrainischen Macondo

OSTWÄRTS Juri Andruchowytsch, der bekannteste Schriftsteller der Ukraine, wollte für sein Land eine neue Identität finden. Er
scheiterte an seinem ersten Besuch in Wien. JOSEPH GEPP

Hinter dem überdimensionierten Blatt der Alocasiapflanze versteckt sich das Dachfenster, und dahinter liegt Iwano-Frankiwsk, die Heimatstadt von Juri Andruchowytsch. Auf der rechten Straßenseite steht ein Plattenbau nach sowjetischer Bauart, heruntergekommen bis an die Grenze zum Verfall, mit Fernsehantennen auf dem Dach und Wäscheleinen auf den Balkonen, deren Schutzgeländer mit Wellblechplatten verstärkt sind. Das ist, wenn man will, Russland. Links steht ein gründerzeitliches Haus aus dem 19. Jahrhundert, ebenfalls heruntergekommen, mit ziegelsteinernen Rauchfängen und von dunklen alten Holzrahmen in etliche kleine Rechtecke geteilten Fenstern. Das ist die Ukraine. Neben Russland nimmt sich die Ukraine wie ein kleiner Anbau aus.

blog

Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch hat eine Schwäche für
drastische Formulierungen. Was die beiden gegensätzlichen Häuser für ihn bedeuten, nennt er den „kulturellen Schatten Russlands über der Ukraine“. Dieser sei schuld daran, dass sein Land wohl für immer im Wartezimmer zum Wartezimmer der EU-Mitgliedschaft bleiben wird. Dass kaum jemand aus dem Westen Polen oder die Slowakei, viele jedoch die Ukraine mit Russland assoziieren. Dass die ukrainische Sprache gegenüber der russischen nach und nach an Bedeutung verliert. Abseits von Politik und Wirtschaft zeigt sich der kulturelle Schatten in Tausenden Einzelheiten, die den ukrainischen Alltag prägen: „Wenn ich von der Slowakei in die Ukraine fahre, komme ich in eine völlig andere Welt. In der Slowakei hört man Madonna. In der Ukraine ist die Unterhaltungskultur ausschließlich russisch“, sagt Andruchowytsch. Die blinkenden kyrillischen Leuchtschriften auf den Hausfassaden, der
dröhnende Techno in den Bars, die Trainingsanzüge im Russenmafialook, die die Jugendlichen tragen – all das haben Russland und die Ukrainegemeinsam. „Wir sind hier ein paar tausend Kilometer von Moskau entfernt, aber der russische Einfluss überstrahlt alles“, sagt Andruchowytsch. In seinen frühen Büchern hat der Schriftsteller die Symptome des „kulturellen Schattens“ immer wieder geschildert und sich süffisant über die Obrigkeitshörigkeit und die historisch
bedingte Lethargie der Menschen lustig gemacht. In seinen späteren
Essays suchte er nach Möglichkeiten, der Ukraine eine eigene
nationale Identität zu geben. Denn Russland, das ist, wie er in einem
seiner Essays schreibt, die „destruktive Kraft aus dem Osten, die
schon immer unsere mitteleuropäische Welt vernichten wollten“ – und die Ukraine, zumindest ihr Westen, ist Mitteleuropa. Was ist
Mitteleuropa? „Das liegt tief im Unterbewusstsein dieser Region.“
Juri Andruchowytsch nennt die österreichisch-ungarische Literatur der Jahrhundertwende, die fruchtbare Symbiose von Deutschsprachigen, Juden und Slawen, die die Region früher prägte, die verwinkelte Gründerzeitarchitektur. Das sei ein Erbe, auf das man sich berufen, auf das man stolz sein könne. Heute dagegen teilt die Ukraine die postsowjetische Einheitlichkeit mit Moskau und den Steppen Zentralasiens. In kultureller Hinsicht hat die Sowjetunion nie zu bestehen aufgehört. Diesem Problem hat der 47-Jährige sein
literarisches Leben gewidmet.

Es ist ein literarisches Leben, das ihm einiges an Erfolg
eingebracht hat: Juri Andruchowytsch gilt als bekanntester
Schriftsteller seines Landes und wichtigste Stimme der ukrainischen
Kulturschaffenden im Westen. Seine Bücher – vier Romane, zwei
Essaysammlungen, einige Gedichtbände und eine soeben publizierte
Autobiografie, die im Herbst 2008 in deutscher Übersetzung erscheinen
soll – findet man in der Ukraine in jeder besseren Trafik. In
Deutschland werden sie vom Suhrkamp-Verlag herausgegeben. Das
Arbeitszimmer mit Blick auf die ukrainische Zerrissenheit, wo all
diese Bücher entstanden, umfasst nicht einmal zehn Quadratmeter und
ist voll eigener und fremder Bücher in deutscher, englischer,
russischer und ukrainischer Sprache, dazwischen stehen Bilder, für
die an den Wänden kein Platz mehr ist.

Ende der Achtzigerjahre, als das Sowjetimperium in seinen letzten
Zügen lag, ging Juri Andruchowytsch nach Moskau und beschrieb den
absurden Alltag in der Stadt in seinem Roman „Moscoviada“. Damals
mobilisierte das morsche Reich noch seine letzten Kräfte, um
Oppositionelle in Schach zu halten; Andruchowytsch, der davor schon
mit seinen kritischen Gedichten aufgefallen war, wurde vom KGB
observiert und zu Gesprächen vorgeladen, um zur Kooperation gezwungen
zu werden. „Die Leute vom KGB setzten mich unter Druck, damit ich sie
mit Informationen beliefere. Aber die Perestroika hatte schon
begonnen, und so konnte ich Zeit gewinnen. Jeder Tag brachte uns
damals der Freiheit näher. Bald brauchte ich mich vor dem KGB nicht
mehr zu fürchten.“ „Moscoviada“ erschien kurz nach der Wende, und die
radikale Offenheit, mit der Andruchowytsch die Unabhängigkeit der
Ukraine unterstützte und voll Sarkasmus die Apathie des
Sowjetmenschen beschrieb, schockierte die Menschen, die selbst erst
kürzlich von Sowjets zu Ukrainern geworden waren. „Darin besteht ja
die Tragik des Imperiums: dass es beschlossen hat, das Unvereinbare
zu vereinen – Esten und Turkmenen. Und wir, die Ukrainer, wo befinden
wir uns auf dieser Skala? Irgendwo in der Mitte? Das ist ein geringer
Trost“, lässt er seinen Helden in „Moscoviada“ räsonieren. Die Frage
nach der nationalen Identität war nach der plötzlichen Implosion der
Sowjetunion und der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 akut geworden.
Ihrer Suche hat sich Juri Andruchowytsch verschrieben. Sie führte ihn
nach Westen – in die Hauptstadt eines Landes, dessen Bestandteil die
Westukraine einmal war. In einem Interview im März 2007 hatte er Wien
„kalt und provinziell“ genannt: „Möglicherweise habe ich in meinen
Romanen die österreichischen Protagonisten umkommen lassen, um damit
gewissermaßen den Österreicher in mir umzubringen. Österreich ist
heute zur tiefsten Provinz verkommen“, erzählte er damals der Neuen
Zürcher Zeitung. Er scheint das, was er in Österreich gesucht hat,
nicht gefunden zu haben.

Wird er darauf angesprochen, bemerkt man, wie genau er seine Worte
abzuwägen beginnt. Er will nicht unhöflich sein. Er streicht über
seinen Bart und lächelt breit, um die Subjektivität seiner Sichtweise
zu betonen und seine Worte so ein wenig zu relativieren. Das „kalt
und provinziell“ sei von der Zeitung aus dem Zusammenhang gerissen
worden, behauptet er, aber: „Ich habe in Wien kein Verständnis
gefunden. Ich war auf negative Weise überrascht. Die Westukraine ist
als ehemaliger Teil der Donaumonarchie sehr stark vom
österreichisch-ungarischen Erbe geprägt. Die Wiener aber kennen sie
nicht einmal. Oder sie assoziieren sie bestenfalls mit Russland.“ Ein
Literaturstipendium ermöglichte Andruchowytsch 1997 einen
zweimonatigen Aufenthalt in Wien. Er perfektionierte seine
Sprachkenntnisse und wohnte in der Laxenburger Straße, in einer WG
mit zwei anderen osteuropäischen Schriftstellern. „Man ging an einem
Billa vorbei, durch einen Hof in den zweiten Stock, dort lebten wir
zu dritt.“ Nach zwei Monaten war er froh, wieder nach Iwano-Frankiwsk
zurückzukehren. „Wien hat eine merkwürdig depressive Grundstimmung“,
meint er, „es hängt eine gewisse Verwirrtheit und psychologische
Komplexität über dieser Stadt. Das wirkt sich auf die Stimmung aus.
Ich kann nicht behaupten, ein intimes Verhältnis zu Wien aufgebaut zu
haben.“ Er klingt so, als würde er sich gleich für seine Worte
entschuldigen – und erzählt, wie er in Wien Journalisten und
Schriftsteller traf, um ihnen von Lemberg zu erzählen. Lemberg,
ukrainisch Lwiw, etwa hundert Kilometer von Iwano-Frankiwsk entfernt,
ist die einstige Hauptstadt des österreichisch-ungarischen Kronlandes
Galizien-Lodomerien und heute eine der größten Städte der westlichen
Ukraine: „Ich dachte, jeder würde Lemberg kennen. Diese Stadt ist so
sehr von der Wiener Kultur und Architektur geprägt. In Wien kennt sie
allerdings niemand, und ich erntete nur verständnislose Blicke, wenn
ich davon zu erzählen anfing.“

Um die Strecke zwischen Iwano-Frankiwsk und Lemberg zurückzulegen,
braucht man mit dem Auto mehr als zwei Stunden. Sie führt durch die
grünen Hügel der nördlichen Karpatenausläufer, durch Bauerndörfer, in
denen vor jedem Haus ein christlich-orthodoxer Schrein aus Holz steht
und alte Frauen am Straßenrand Kühe grasen lassen. Von Wien liegt
diese Region gerade so weit weg wie in der Gegenrichtung Vorarlberg.
Andruchowytsch hatte seine Studienjahre in Lemberg verbracht und war
dann nach Iwano-Frankiwsk zurückgekehrt. „Moscoviada“ ermöglichte ihm
ein Leben als freier Schriftsteller, dessen Standard heute weit über
dem ukrainischen Durchschnitt liegt – und dennoch für westliche
Verhältnisse ziemlich bescheiden ist. In den Neunzigerjahren entstand
rund um Andruchowytsch eine Szene von ukrainischen Schriftstellern,
die sich in Iwano-Frankiwsk ansiedelten oder die Stadt besuchten.
Damals etwas über dreißig Jahre alt, war er bereits zum alten Herrn
der jungen ukrainischen Literatur geworden. Er band die Szene an sich
und protegierte junge Autoren, bei denen er Talent festzustellen
glaubte.

In einem seiner Essays bezeichnet Andruchowytsch seine Stadt –
nach dem García-Márquez’schen Fantasieort in „Hundert Jahre
Einsamkeit“ – als „ukrainisches Macondo“. Zu den etwa 200.000
Einwohnern der Kreishauptstadt kamen immer mehr Künstler und
Intellektuelle, die das liberale Klima, das kreative Umfeld und ihr
Doyen Andruchowytsch anzog. „Nach der Wende entstand eine besondere
Aufbruchsstimmung in Iwano-Frankiwsk. Wir lasen Romane von Joseph
Roth, Bruno Schulz und Leopold von Sacher-Masoch und sprachen
darüber, wie wir das Erbe der Donaumonarchie wiederaufleben lassen
könnten.“ In den Lacken der rissigen Pflasterstraßen von
Iwano-Frankiwsk spiegeln sich immer noch Fassaden aus der k. u. k.
Zeit, wie man sie in jeder österreichischen Bezirkshauptstadt findet.
Vom neubarocken Bahnhof der Stadt fuhren früher die Züge nach Wien,
heute fahren sie nach Kiew und Odessa. Die großen Kasernen aus der
Kaiserzeit haben sich heute in Verwaltungsgebäude verwandelt, der
einstige Doppeladler wurde erst von Hammer und Sichel und dann vom
gelben Dreizack, dem ukrainischen Nationalsymbol, abgelöst. Dagegen
hat die sowjetische Zeit mit ihren Platten- und schlichten
Verwaltungsbauten ein vergleichsweise unauffälliges Erbe
hinterlassen. Andruchowytsch schließt daraus, dass es die Westukraine
in ihrer heutigen Form „ohne das alte Österreich nicht gegeben
hätte“. Selbst die Tatsache, dass die ukrainische Sprache noch
existiert, führt er auf Österreich-Ungarn, das „leichtsinnigste aller
Imperien“, zurück: Wäre die ganze Ukraine dem zaristischen Russland
unterstanden – tatsächlich war es im Gegensatz zum österreichischen
Westen nur die Zentral- und Ostukraine – dann hätte das Russische
längst das Ukrainische aufgesogen, schreibt er. „Kaum zu glauben,
dass es Zeiten gab, da meine Stadt Teil eines staatlichen Organismus
war, zu dem nicht Tambow und Taschkent, sondern Venedig und Wien
gehörten.“

Andruchowytsch musste erst nach Wien gehen, um zu sehen, was
tatsächlich von der Donaumonarchie geblieben war – jenseits seiner
Träume von einer neuen ukrainischen Identität in Mitteleuropa. „Das
war das Ende meiner privaten Utopie“, meint er heute. Er überlegt
kurz. „In Wahrheit ist Österreich für die Einwohner von Galizien
genauso weit entfernt wie jedes andere Land in Europa auch.“

Zur Person

Juri Andruchowytsch

Seit seinem Roman „Moscoviada“ aus dem Jahr 1993 gilt Juri
Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk, als bekanntester
Autor der Ukraine. Andruchowytsch begann in der
Untergrund-Literaturszene der Achtzigerjahre und wurde nach der Wende
zu einer Art kulturellen Botschafter seines Landes in Westeuropa.
Sein zuletzt auf Deutsch erschienener Roman „Zwölf Ringe“ handelt vom
Leben und Sterben des österreichischen Fotografen Karl-Joseph
Zumbrunnen im westukrainischen Galizien.

Erschienen im Falter 38/07

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Ein Kommentar

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