Brutalität in Simmering

Ein „Krone“-Leser fotografiert von seinem Fenster aus eine Massenschlägerei unter Afrikanern. Seither gibt’s laufend Wickel am Geiselberg. Ein Konflikt mit unklaren Fronten.

Text von Joseph Gepp
Fotos von Martin Fuchs

Andreas Zenker hat schon angenehmere Abende erlebt. „So!“, sagt der Sprecher des Roten Kreuzes in die Runde, hebt den Arm und will bestimmt klingen, „jetzt sollten wir alle kurz still sein. Und dann probieren wir, wie erwachsene Menschen miteinanderzureden.“ Das Geschrei legt sich kurz, um gleich danach umso heftiger zu werden. „Seids ihr alle blind? Sehts ihr nicht, was da passiert im Viertel?“, sagt einer der zwanzig Simmeringer, die ihm gegenübersitzen, „ich muss mir das jeden Tag anschauen: Ein Schwarzer steigt aus dem Bus, gibt einem andern das Drogenpackerl, steigt wieder ein, und weg ist er.“ Andreas Zenker, dessen Organisation das Asylwerberheim Haus Jupiter betreibt, meint, das müssten nicht zwingend die Asylwerber aus dem Heim sein. Und überhaupt, wieso werde das nicht sofort bei der Polizei angezeigt? „Was soll ich denn machen?“, rechtfertigt sich der wütende Simmeringer, „das dauert eine halbe Minute. Weniger, zehn Sekunden. Solange die Bustür halt offen ist.“ „Ich will meine Frau nicht mehr allein auf die Straße lassen“, sagt ein anderer.

Zenkers rot-weiße Uniform soll in diesem feindlich gesinnten Umfeld an die anderen Seiten des Roten Kreuzes abseits der Asylwerberbetreuung erinnern: Blutspenden, Katastropheneinsätze, Entwicklungshilfe in fernen Ländern. Wenn die fernen Länder allerdings nach Simmering kommen, dann ist es vorbei mit der Ruhe. Vor allem in der Geiselbergstraße, wo man sich nach Meinung vieler Grätzelbewohner nicht mehr sicher fühlen kann. „Am Geiselberg werden junge Mädchen belästigt, alte Männer mit Bierflaschen beworfen, und aus Autofenstern heraus wird mit Drogen gedealt“, erzählt der 67-jährige Pensionist und Hobbyfotograf Helmut B., der seit 25 Jahren direkt an der Straße wohnt. Insofern sei das, was vor drei Wochen geschehen ist, fast positiv. Damit die Leute erkennen, dass irgendetwas aus dem Ruder läuft am Geiselberg.

FUM2007068H0812-0074
Haus Jupiter

Die Ereignisse des 22. Juli haben dem Grätzel hinter dem Arsenal den Ruf als neues Wiener Problemviertel eingebracht: Gegen 19.15 Uhr kommt es vor einem Lokal, das überwiegend von Afrikanern frequentiert wurde, zu einer Schlägerei. Es soll wegen einer Frau angefangen haben. Zwischen vierzig und sechzig Schwarze waren laut Polizei darin verwickelt. Als der Tumult nach etwa einer Stunde beendet war, hatte Helmut B. vom gegenüberliegenden Fenster seiner Wohnung schon ein paar Dutzend Bilder vom Geschehen geknipst. Bilder, die tatsächlich den Eindruck vermitteln, als herrsche der Ausnahmezustand im 11. Bezirk. Die Kronen Zeitung schrieb von „Szenen wie im Bürgerkrieg“ in Wien-Simmering, wo Schwarze „hochaggressiv und in Schlägerlaune“ aufeinander losgehen würden. Das „Afrikanerlokal“ überlebte den Vorfall nur einige Tage, es wurde vom Gewerbeamt geschlossen und versiegelt. Wie Anrainer und Kronen Zeitung einhellig behaupteten, kamen die Unruhestifter vom Haus Jupiter und seien auch bisher immer von dort gekommen. „Woher sonst? Das Heim liegt gleich an der nächsten Ecke“, sagt der Fernfahrer Franz Wolf im Geiereck, einem durch und durch österreichischen Beisl auf der Geiselbergstraße, um gleich im Anschluss zu erzählen, wie er von zwei „Nega“ beim nächtlichen Zigarettenkauf angestänkert worden sei. Eine klärende Diskussion, die das Rote Kreuz vergangene Woche in einem Zelt vor dem Asylheim veranstalte, geriet zum Forum empörter Simmeringer: Rotkreuz-, Polizei- und Bezirksvertreter stießen durchwegs auf Unverständnis, als sie den Bezirksbewohnern den Unterschied zwischen Schub- und Strafhaft, objektiver Sicherheitslage und subjektivem Sicherheitsempfinden erklären wollten. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass nur noch ein Funke ausreicht, damit das Fass explodiert“, sagt die rote Bezirksvorsteherin Renate Angerer. Die Kronen Zeitung berichtete über eine Bürgerinitiative der Simmeringer, die sich nun für eine Schließung des Heims stark mache. Und Tage später vermeldete sie triumphierend: Das Rote Kreuz suche nun, nach allem, was vorgefallen war, eine Alternative zum Haus Jupiter.

FUM2007068H0812-0114
Helmut B., aufgewachsen in Wien-Leopoldstadt, war Beamter im Unterrichtsministerium, lebt seit 25 Jahren in Simmering

In der Geiselbergstraße verliert sich die gründerzeitliche Einheitsverbauung der Stadt allmählich, geht über in ein- und zweistöckige Vorstadthäuser, mit Gemeindebauten, Industrieanlagen und Brachflächen. Daneben verläuft die Schnellbahn, darüber spannt sich die Trasse der Südosttangente, auf der Straße selbst rattert der Sechser und der Autoverkehr. „Es ist ein Ausfallstor, eine laute Gegend“, sagt Andrea Breitfuß von der Simmeringer Gebietsbetreuung, „und dementsprechend günstig sind die Wohnpreise im Vergleich zum Wiener Schnitt. So etwas wirkt sich natürlich auf die Bevölkerungsstruktur aus.“ Die billigen Altbauwohnungen ziehen vor allem Migranten an. Dazu kommen viele Menschen mit vergleichsweise wenig Einkommen und niedrigem Bildungsstand. Das hat Simmering mit den anderen einstigen Wiener Arbeiterbezirken gemeinsam: Wo früher die Arbeiterklasse lebte, stand bald billiger Wohnraum frei. Den bezog das neue Proletariat aus Arbeitsmigranten und (später) Flüchtlingen. So entstanden innerhalb der letzten zwanzig Jahre ganze Straßenzüge mit verändertem, fremdländisch geprägtem Gesicht – und einer Schicht von Österreichern, die sich von der Umwälzung überfordert fühlt. „Man braucht sich nur die Geiselbergstraße anschauen“, sagt Helmut B. im Geiereck. Er deutet aus dem Fenster auf die andere Straßenseite und sein Finger wandert Haus für Haus von rechts nach links: „Ein arabisches Handygeschäft an der Ecke, daneben das zugesperrte Afrikanerlokal, ein türkisches Kaffeehaus, noch ein Afrikanerbeisl und ein türkischer Schlosser.“ Und früher? „An der Ecke war eine kleine Trafik, dann ein Imbissstandl, ein Greißler, eine kleine Schlosserei und ein Tapezierermeister. Alles österreichisch.“

FUM2007068H0812-0062
Kinder vor dem Haus Jupiter

Das Haus Jupiter – hundert Meter vom türkischen Schlosser, der früher mal ein österreichischer Tapezierer war – ist ein heruntergekommener Blockbau aus den 1920er-Jahren. 2003, als die Stadt dringend Plätze für Asylwerber brauchte, wurde er in aller Eile adaptiert. Davor war er ein Quartier für Obdachlose. Ein Aushang am Eingang verkündet, dass alle, die zwischen 22 und sechs Uhr ins Heim kommen, ein Strafgeld von zwei Euro zahlen müssen, um die Nachtruhe zu wahren.

„Die ganze Sache hat uns ziemlich überrascht“, sagt die 34-jährige Heimleiterin Cecilia Heiss, „vor allem, dass das Heim mit dem Lokal in Zusammenhang gebracht wurde.“ Die zierliche Dunkelhaarige leitet das Heim seit einem Jahr. Sie habe sofort nach dem Vorfall unter den 41 afrikanischen Asylwerbern des Heims gefragt, ob jemand an der Rauferei beteiligt gewesen sei. Die Antwort: nein. Auf ihrem Schreibtisch liegen die Krone-Artikel der letzten Wochen in Klarsichthüllen. Es sei insgesamt ein friedliches Asylheim, sagt Heiss: „Dafür, dass hier so viele Kulturen unter einem Dach zusammenleben, gibt es eigentlich relativ wenig Probleme.“ Und trotzdem: „Natürlich sind die Asylwerber verunsichert“, meint sie, „ihre Flucht hat völlig verschiedene Hintergründe.“ Eine Frau aus Süd-Nigeria beispielsweise sei geflohen, weil in ihrer Dorfgemeinschaft ihre Beschneidung anstand. Ein Mann aus Angola sei politisch tätig gewesen, gefoltert worden und deshalb geflohen. Die Nigerianer kämen meistens per Flugzeug nach Österreich, für etwa 6000 Euro für Flug und Schlepper, aber selbst das könne man nicht verallgemeinern – es hätte eben jeder Asylwerber seine ganz eigene Geschichte.

Neben ihr sitzt Philip M., ein 26-jähriger schwarzer Asylwerber aus Nigeria, der seit drei Jahren im Jupiter-Haus lebt. Auf die Frage, ob er jemanden auf den Fotos in der Kronen Zeitung wiedererkenne, zögert M. kurz, schaut fragend zu Heiss und sagt schließlich leise: „Ja.“ Dann bittet er Heiss um ein kurzes Gespräch unter vier Augen. Die beiden verschwinden für eine halbe Minute und kommen dann wieder. „Dieser Mann hier“, sagt M. und deutet auf einen Mann, der neben den Raufenden steht, „wohnt bei uns im Heim.“ Der breite Mann auf dem Foto trägt ein rotes Sportdress und legt die Hand auf den Rücken eines der Raufenden.

FUM2007068H0812-0001
Laban F., kommt aus Kamerun, war Ladenbesitzer, lebt seit drei Jahren im Haus Jupiter

Der Mann vom Foto sitzt im Konferenzzimmer des Heims. Aggressiv wirkt George S. (Name der Redaktion bekannt), 33, ursprünglich von der Elfenbeinküste, nicht. Nur wütend. „Ich war der Einzige aus dem Heim, der an diesem Abend dabei war“, sagt er auf Englisch, „aber ich habe nicht mitgerauft. Aus irgendeinem Grund sind die Leute durchgedreht.“ Einige Asylwerber haben sich im Zimmer versammelt: Zwei Tschetschenen, zwei Rumänen, drei Nigerianer, zwei Syrer und George S. sitzen am runden Tisch. Sie verstehen die plötzliche Aufmerksamkeit nicht, sind verunsichert und fürchten die Schließung des Heims. „Wir führen hier ein ruhiges Leben, die meisten schon seit Jahren. Warum sollen wir schuld sein, wenn eine Straße weiter die Leute ausrasten?“, sagt ein Nigerianer. Die sanfte Autorität, mit der Heiss im Asylheim über 137 verunsicherte Flüchtlinge wacht, wird einhellig gelobt. „Mir ist es noch nirgends in Österreich so gut gegangen wie hier“, sagt ein hagerer 35-jähriger Tschetschene, der so alt aussieht, dass man sich fragt, was einem Menschen passieren muss, um mit 35 so auszusehen. Wer sonst sind die Leute, die Schlägereien verursachen, Simmeringer anstänkern und aus Autos mit Drogen dealen – wenn niemand aus dem Asylheim? „Die gibt es schon“, sagt George S., „einen kenne ich.“ Es sei einer seiner schwarzen Bekannten, erzählt er, der schon lange einen positiven Asylbescheid habe und „irgendwo privat in einer Wohnung“ lebe. Inzwischen beginnen sich die Menschen zu beschweren, und die Runde wird sukzessive lauter: Es gebe immer Gute und Böse, aber alles werde immer „den Schwarzen“ in die Schuhe geschoben, sagt eine Nigerianerin mit lauter Stimme und exaltierter Gestik. Eine Syrerin, die sich bisher still verhalten hat, hebt plötzlich zweimal die Hände, einmal mit zehn und einmal mit zwei Fingern in der Höhe: Zwölf Jahre sei sie jetzt hier. Zwölf Jahre ohne Asylbescheid in irgendwelchen Heimen. Darüber sollte man mal schreiben.

Bleibt die einhellige Meinung der Simmeringer, dass das Übel am Geiselberg aus dem nahe gelegenen Asylheim komme. „Anrainer gegen Flüchtlingsheim!“ schreibt die Krone am 27. Juli über die angebliche Bürgerinitiative, die mittels Schließung des Heims „für Ruhe und Frieden im Bezirk kämpfen“ möchte. Der Haken: Eine solche Bürgerinitiative existiert nicht. Der in der Zeitung genannte Verein Arsenal setzt sich für Mieterbelange und Flächenwidmungsfragen ein. Zum Haus Jupiter hat er sich nie geäußert. „Es hat weder Beschwerden an uns wegen des Heims noch jemals irgendeine Stellungnahme unsererseits gegeben“, sagt der Vereinsobmann Werner Grishofer.

Und auch eine zweite Nachricht kann getrost als Ente bezeichnet werden: Zwei Tage später meldet die Krone, „nach dem Wirbel in Wien-Simmering“ werde „jetzt“ ein neuer Standort für das Flüchtlingsheim gesucht. Es stimmt, dass das Haus Jupiter geschlossen werden soll – allerdings besteht diese Absicht schon seit einem Dreivierteljahr.

Erschienen im Falter 33/07

kostenloser Counter

Weblog counter

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Migranten, Reportagen, Soziales, Wien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s