Heimkehr nach Mantakien

IN EINEM DORF IN DER ÖSTLICHEN SLOWAKEI LEBEN BIS HEUTE 500 DEUTSCHSTÄMMIGE – DIE LETZTE HOCHBURG EINER STERBENDEN KULTUR. UNTER DEN LETZTEN IHRER ART FINDET SICH EIN FRÜHERER STAATSPRÄSIDENT, DER ES NIE GANZ GESCHAFFT HAT, VON SEINER HEIMAT LOSZUKOMMEN.

Von Joseph Gepp

Gerade so, dass die Reifen nicht quietschen, bremst der Chauffeur die schwarze Audi-Limousine von 120 auf Null hinunter. Ziemlich schnell und mitten im Ortsgebiet. In jedem anderen Dorf würden jetzt die alten Frauen des Dorfes durch die Blumenstickmuster ihrer Vorhänge auf die Straße lugen und sich fragen, wer denn der hohe Gast sei, dem der Chauffeur da gerade so dienstbeflissen die Tür aufmacht. Aber nicht hier, in Metzenseifen, wo man Rudolf Schuster kennt: Er ist der ehemalige Präsident des Landes. Er kommt hin und wieder vorbei, in letzter Zeit mehr als früher, denn er stammt von hier – aus dieser letzten Straße, in der das Dorf Medzev noch bei seinem alten deutschen Namen genannt wird: Metzenseifen.

Rudolf Schuster ist der berühmte Sohn des Ortes. Der, der es hinaus geschafft hat, in das, was die alten Metzenseifnerinnen die weite Welt nennen: zuerst in die Kreisstadt Košice als Bürgermeister, dann nach Kanada als slowakischer Botschafter, schließlich nach Bratislava als Staatspräsident. Heute ist er in sein Heimatdorf zurückgekehrt, um das alte Haus seiner Eltern zu besuchen, in dem er sich nach deren Tod ein kleines Privatmuseum eingerichtet hat. Es ist eine Reminiszenz an alles, was er in seinen 73 Lebensjahren an Erinnerungswertem erfahren hat: ein Foto von seinem Besuch bei George W. Bush im Oval Office während seiner Zeit als slowakischer Staatspräsident; eine Handfilmkamera der Roten Armee aus dem Zweiten Weltkrieg, die er einmal vom ehemaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma geschenkt bekommen hat; die Kutsche eines reichen Metzenseifner Bürgers, in der er als Kind einmal verbotenerweise hinten mitgefahren ist – und dafür eine saftige Watschen vom Kutscher kassiert hat. Jetzt steht er im Stadl des elterlichen Bauernhauses, gerührt inmitten all seiner Erinnerungen, und meint, dass seine Karriere eigentlich nur durch eine Reihe von glücklichen Zufällen möglich wurde. Zufälle, die dazu führten, dass er am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 nicht in den Westen vertrieben wurde wie fast alle anderen, die deutschstämmig waren. Dass er einer von damals etwa 600 Metzenseifnern war, die bleiben konnten.

Rudolf Schuster
Rudolf Schuster

Heute leben noch ungefähr fünfhundertzwanzig Deutschstämmige in Metzenseifen. Sie sprechen Mantakisch, einen alten deutschen Dialekt. Zumindest die Alten. Metzenseifen ist die Gemeinde mit der höchsten Anzahl an Deutschstämmigen in der Slowakei, obwohl sie unter den etwa 3.500 Einwohnern der Gemeinde, hauptsächlich Slowaken, nur eine Minderheit stellen. Früher war der Ort zur Gänze deutschstämmig. Bis 1945 aus Metzenseifen Medzev wurde, und aus der deutschstämmigen Kultur in der Slowakei weitgehend Geschichte. Im Jahr 1880 waren noch dreizehn Prozent der Bewohner der heutigen Slowakei Karpatendeutsche gewesen, 1947 war es dann etwas mehr als ein halbes Prozent. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2001 bekannten sich nur noch 0,1 Prozent zu ihrer Herkunft – 5.500 Personen in der gesamten Slowakei. Der größte deutsche Ort, Metzenseifen, liegt ganz im Südosten des Landes, nahe der ukrainischen und ungarischen Grenze, etwa dreißig Kilometer von der zweitgrößten slowakischen Stadt, Košice, entfernt. Jener Stadt, der Rudolf Schuster lange Zeit als Bürgermeister vorstand, bevor er 1999 slowakischer Staatspräsident wurde.

Er war einer von denen, die bleiben durften. Es war es eine Reihe von drei glücklichen Zufällen, der er das zu verdanken hat. „Dreimal sind die Soldaten gekommen, um mich und meine Familie wegzuschleppen“, sagt er. Dreimal entwischten die Schusters. Das erste Mal im Jahr 1944, als die Nazis kamen, um die deutschstämmigen Metzenseifner ins Reich heimzuholen. „Mit siebzig Lastwägen haben die Deutschen den Ort umstellt“, erzählt Schuster, „und dann gingen die Soldaten von Haus zu Haus und zwangen jeden Bewohner auf die Ladeflächen.“ Er entkam, weil seine Mutter rechtzeitig mit ihm zur ungarischen Tante geflohen war. Der Vater versteckte sich währenddessen in der Schaufel eines Mühlrads. Und dann, als die Nazis abgezogen waren, kamen die Sowjets. „Sie brachten eine Liste von Personen, die zur Deportation nach Sibirien vorgesehen waren. Die mussten sich am Hauptplatz zusammenfinden, wurden vorgeblich zum Arbeitsdienst eingezogen.“ Die meisten von ihnen kamen nie mehr zurück. Doch Rudolf Schuster hatte auch beim zweiten Mal Glück, denn sein Name fand sich nicht auf der Liste: „Mein Bruder hat im Krieg die kommunistischen Partisanen unterstützt und genoss dadurch die Protektion der Roten Armee“, sagt er. Schlussendlich kam dann die tschechoslowakische Armee, um die Beneš-Dekrete zu exekutieren. Nach allen Gräueln, die die Nationalsozialisten im besetzten Tschechien verübt hatten, beschloss Staatspräsident Edvard Beneš nach Kriegsende 1945 die vollständige Vertreibung der deutschen Minderheit aus der neuen Tschechoslowakei. Die Häuser der Metzenseifner wurden plombiert; ihre Bewohner mussten sich in der Dorfschule zum Abtransport sammeln. 25 Kilo Gepäck pro Person waren erlaubt. Die Familie Schuster brauchte aber nicht mitzugehen, weil die Mutter perfekt Ungarisch sprach und bei einem ungarischen Arzt in Košice ein Attest erwirken konnte, das ihr wegen ihres Herzfehlers Transportunfähigkeit bescheinigte.

Irgendwann zog auch die tschechoslowakische Armee wieder ab, die Familie Schuster war geblieben. Dreimal war sie in die Läufte der Weltgeschichte geraten, dreimal hatte sie den Vertreibungsversuchen widerstanden. Nun waren sie zu Tschechoslowaken geworden – geduldet vom kommunistischen Regime unter der stillschweigenden Bedingung, dass sie ihre deutschen Wurzeln nicht offensiv an den Tag legten. Am Besten sollten sie ganz auf ihre Herkunft vergessen.

Doch sie vergaßen nicht: Sie arrangierten sich mit der neuen Tschechoslowakei, wurden Kommunisten und Patrioten. Aber wenn Schuster heute durch die Räume seines Elternhauses geht, sich wehmütig und stolz immer wieder in den Details seiner Kindheit und Jugend verliert, dann merkt man, wie wichtig ihm seine Herkunft ist. Ein Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert, eines von vielen, die aufgefädelt entlang der Hauptstraße stehen, nur etwas schöner renoviert als die anderen.

Metzenseifen
Grundstraße

Metzenseifen sieht aus wie fast jede kleine, ländliche Gemeinde zwischen dem östlichen Rand der Alpen und dem Ural: Langgestreckt und schmal liegt sie zwischen zwei Hügelketten. Niedrige, aneinandergereihte Bauernhäuser, die mit jeweils einem Eingangstor und einigen kleinen Fenstern versehen sind und einfacher und kleiner werden, je weiter man sich vom Zentrum entfernt. Sie säumen auch die von der Hauptstraße abzweigende zweite wichtige Straße es Ortes, die Grundstraße. Ein kleiner, von Kräutergärtchen und Blumenbeeten gesäumter Bach teilt die Grundstraße in zwei parallele Fahrstreifen, so, wie es auch in vielen ostösterreichischen Ortschaften zu sehen ist. Vorbei am schmiedegitterumstandenen Hauptplatz und der katholischen Kirche führen die Straßen zum heruntergekommenen Stadtrand, und erst hier bemerkt man, dass man sich im ehemaligen Ostblock und nicht etwa im Burgenland oder Marchfeld befindet. Neben ein paar kleinen Plattenbausiedlungen und stillgelegten Fabriken leben die Roma des Ortes in baufälligen Häusern und Wellblechhütten. Hin und wieder kommen sie mit ihren pferdebespannten, altmetallbeladenen Leiterwägen in den Ortskern. Zwei Welten treffen dann aufeinander und viele Zerrissenheiten der osteuropäischen Gesellschaft im Jahr 18 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werden deutlich, wenn die ungepflegten Vollblutpferde an den westlichen Autos und den hübschen Bauernhäusern der Deutschstämmigen vorbeitrotten. Eine Pestsäule steht am Hauptplatz vor der Kirche, der Kopf einer ihrer barocken Statuen fehlt.

Die deutschstämmigen Metzenseifner gehören einer langsam aussterbenden Gemeinschaft an. Die Jungen sprechen und denken immer mehr Slowakisch. Die Alten, die noch Mantakisch sprechen, widmen sich hauptsächlich der Gedächtnispflege. Vielleicht soll das übermächtige Bewusstsein der eigenen Kultur deren nahenden Untergang hinauszögern, in Zukunft zumindest die Erinnerung konservieren. Die Isolation vom restlichen deutschen Sprachraum hat ein übersteigertes Interesse an der eigenen Identität zur Folge – und so wird jeder Metzenseifner fast notgedrungen zum Heimatforscher. So wie Rudolf Schuster. Oder der 77-jährige Walter Bistika. Er steht der „Karpatendeutschen Begegnungsstätte“ vor: das Vereinslokal der Deutschstämmigen, ein Bauernhaus, direkt neben jenem von Schusters verstorbenen Eltern gelegen. Dort treffen sich die Deutschstämmigen jeden Sonntagmittag nach der Messe. Heute sind es fünf Herren, alle weit jenseits der sechzig, die beisammenstehen und Billard spielen, eine halbe Flasche Slivovica aus Plastikstamperlgläsern trinken und in der Folge viel lachen, weil sie sich mittlerweile doch recht viel zu erzählen haben. Daneben steht Bistika, hochgewachsen und eine Spur bürgerlich-distinguierter als der Rest der Gesellschaft. Bevor er in Pension ging, war er Buchhalter, doch sein wahres Interesse galt immer seiner Metzenseifner Heimat.

Er erzählt aus der Geschichte des Ortes: Zwei Wellen deutsche Besiedlung hätte es hier, in der Zipser Region, wo Metzenseifen liegt, gegeben, beide im Spätmittelalter. Die Einwanderer seien vor allem aus den überbevölkerten Regionen Westdeutschlands gekommen, und dementsprechend sei der Dialekt der Metzenseifner – das Mantakische – auch eine Mischung einiger westdeutscher Idiome, mit ein paar slawischen und ungarischen Einflüssen. Mantakisch ist vom Hochdeutschen gefühlsmäßig so weit weg, dass man es kaum noch versteht. Die Sprache klingt so, als würde ein Schweizerdeutscher versuchen, Flämisch zu sprechen – ohne seinen starken Schweizer Akzent verbergen zu können. „Der Name der Sprache, ist eigentlich durch ein Missverständnis entstanden“, erzählt Bistika. „Die Metzenseifner sind immer auf ungarische Märkte gefahren, um dort die Erzeugnisse des Dorfes zu verkaufen. Viele haben nicht gut Ungarisch gesprochen, und beim Gespräch mit ihren ungarischen Kunden haben sie sich immer gegenseitig gefragt: ‚Wås moant a?’ Die Ungarn haben das gehört, und diese Phrase ist so oft gefallen, bis die Ungarn das ‚wås’ weggelassen und ihre Lieferanten in einer Abwandlung dieses Satzes als ‚Mantaken’ bezeichnet haben. Später haben die Mantaken diese Fremdbezeichnung übernommen.“ Acht Kilometer weiter, in Stoß, dem nächsten Ort mit einer starken deutschen Minderheit, spreche man übrigens Potokisch, weiter im Norden der Zips dann Unsrisch, sagt Bistika. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass jede Gemeinschaft von einigen hundert Menschen ihre eigene Sprache spricht.

„Hier in Metzenseifen sagen wir beispielsweise: ‚Wårt a bissl!’ In Stoß sagen die Deutschsprachigen ‚Hårt a bissl!’. Durch die jahrhundertelange Isolation vom restlichen deutschen Sprachraum hat sich jede lokale Besonderheit erhalten“, sagt auch Rudolf Schuster, während er durch den Garten spaziert, der sich hinten an den Stadl des elterlichen Hauses anschließt. Ein kleiner Holzpavillon steht dort, daneben ein Biotop mit Goldfischen. In den Pavillon pflegte Schuster während seiner Zeit als Präsident ausländische Staatsgäste einzuladen und ihnen dort mit Essen und Trinken aufzuwarten. Heute scheint das weit weg: Er erspäht seinen Nachbarn auf der anderen Seite des Gartenzauns, beginnt mit ihm einen freundschaftlichen Plausch auf Mantakisch. Zwei alte Herren, die sich seit langem kennen; wäre nicht Gartenzaun zwischen ihnen, würden sie sich wahrscheinlich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Der Wechsel vom Staatsmann zum Hausbesitzer, der joviale Gespräche mit seinem Nachbarn führt, erfolgt bei Rudolf Schuster fast zu schnell, um ihn nachvollziehen zu können. In diesem Garten schwindet die Aura des Staatsmanns, die Distanz zu anderen Menschen fällt. Der Audi vor dem Tor ist weit weg. Rudolf Schuster geht in diesem Umfeld auf, wird ganz Metzenseifner. Und irgendwie auch nicht: Sein teurer Anzug, der lange schwarze Mantel, der sorgfältig gebundene Krawattenknoten, schließlich der Leibwächter, der zehn Meter entfernt steht, und, die Hände am Rücken verschränkt, misstrauisch auf die Szene blickt, erinnern immerzu an die Rolle Schusters außerhalb Metzenseifens. Im Rest der Welt.

Je länger sich Rudolf Schuster in seinem Garten aufhält, desto mehr deutschstämmige Metzenseifner kommen. Der Audi scheint sich herumgesprochen zu haben. Schuster unterhält sich mit allen auf dieselbe Art. Er deutet auf das Biotop und erzählt, dass die Goldfische Junge bekommen hätten. „Ihre Heimat hatten die Metzenseifner hier“, sagt er über die Leute, die 1945 weg mussten, „und dass sie vor Jahrhunderten einmal aus Deutschland kamen, bedeutete noch lange nicht, dass sie weg wollten.“ Ihm wäre es damals schwer gefallen, diesen Ort zu verlassen. Rudolf Schuster hängt an Metzenseifen. Er spricht vom rhythmischen Ton der Schmiedehämmer, die auf ihre Ambosse schlugen. Die Eisenwarenerzeugung war Metzenseifens wichtigster Wirtschaftszweig, bis zum Beginn der kommunistischen Periode. Ihr Klang war der Klang von Metzenseifen, als der Ex-Präsident noch ein Kind war.

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„Wir haben zwei Generationen verloren“, sagt Walter Bistika, und man sieht ihm an, dass ihn diese Erkenntnis traurig macht. „Die erste durch die Vertreibung, die zweite durch die Unterdrückung der Deutschen im Kommunismus.“ Es gibt jetzt kaum noch junge Leute in Metzenseifen, die Mantakisch sprechen. Vielleicht ein- oder zweihundert, schätzt Bistika. Nun gebe es zwar wieder einige Stunden deutschsprachigen Unterricht pro Woche in der Schule und die deutsche Minderheit sei rechtlich anerkannt und werde vom slowakischen Staat und der Karpatendeutschen Landsmannschaft in Deutschland finanziell unterstützt. Aber viele Junge ziehen weg oder interessieren sich schlicht nicht für ihre mantakische Identität. „Manche lernen zwar wieder Deutsch, weil sie das eben brauchen können“, sagt Walter Bistika – Mantakisch aber interessiere kaum noch jemanden. „Es könnte sein, dass die mantakische Sprache und Identität im Jahr 2050 ausgestorben ist“, sagt er und gibt der Globalisierung die Schuld: „Sie macht uns alle gleich, raubt uns unsere kulturelle Eigenart“, sagt Bistika. Vielleicht trifft Bistika mit dieser Diagnose den Punkt.

Walter Bistika
Walter Bistika

Es ist tatsächlich fast unmöglich, Mantaken in Metzenseifen aufzutreiben, die ihr sechzigstes Lebensjahres noch nicht überschritten haben – oder zumindest solche, die jung sind und sich selbst als Mantaken nennen würden. In einem kleinen Gasthaus in der Nähe des Hauptplatzes sitzt eine Runde beisammen, einige ethnische Slowaken und einige Deutschstämmige. Sie trinken tschechisches Bier und borgen vom Barmann Geld für den Spielautomaten. Manche von ihnen sprechen nur noch Slowakisch, manche gebrochenes Deutsch, keiner Mantakisch. Was den alten Metzenseifnern die Welt bedeutet, ist ihnen eine Fremdsprache. Keiner zeigt besonderes Interesse an der mantakischen Identität. Der Barmann, Gedeon Silorad, ein blonder älterer Mann, der noch Mantakisch spricht, deutet in die Richtung der Tischrunde und zuckt entschuldigend mit den Schultern, als wollte er sagen: „So sind die Jungen bei uns halt.“

Die Kluft zwischen den Generationen ist tief in der kleinen deutschstämmigen Gemeinschaft Metzenseifens. Es scheint, als hätten die letzten sechzig Jahre jede kulturelle Verbindung zwischen den Alten und den Jungen gekappt, mehr noch als in Österreich und Westeuropa.

Keiner verkörpert das besser als Rudolf Schuster, hier völlig in den Erinnerungen seiner Jugend aufgeht. Sein Museum könnte das Denkmal sein, das er sich und dem Rest der alten Metzenseifner gesetzt hat. Doch nun ist die Feier des Halbentschwundenen zu Ende: Er sitzt wieder im Fonds der Limousine, die ihn zurück nach Košice bringt, wo er wohnt. Der freundliche, leicht sentimentale Hausherr wird wieder zum Staatsmann. Er blickt nachdenklich aus dem Fenster und kommentiert, von Thema zu Thema springend, woran der Audi gerade vorbeizieht: Hier in den ehemaligen Ostslowakischen Eisenwerken habe er lange Zeit in der Führungsetage gearbeitet, sagt er und deutet auf ein riesiges Fabrikareal auf der rechten Seite, auf dem heute der Schriftzug „U.S. Steel“ prangt. Ein Drittel der Belegschaft hätten sie nach der Privatisierung wegrationalisiert, sagt Schuster verbittert und springt zum nächsten Thema, wobei er diesmal auf die linke Seite deutet: Das hier sei Luník IX, eine der größten Romasiedlungen der Slowakei. Als Bürgermeister von Košice hätte er viel Kritik einstecken müssen, weil er die Roma in kommunistischer Zeit vom Košicer Stadtzentrum nach Luník IX zwangsumsiedeln habe lassen. „Aber das hat einfach sein müssen“, sagt er, „die Roma haben alles verfallen lassen, die Bausubstanz wäre völlig vor die Hunde gegangen.“ Gott sei Dank habe er das noch rechtzeitig zu kommunistischer Zeit gemacht, als das noch „vergleichsweise problemlos“ möglich war, fügt er noch schnell hinzu. Die Slowakei funktioniert eben nach anderen Regeln.

Dreißig Kilometer liegen zwischen Metzenseifen und Košice. Sie offenbaren auch – bei aller Modernität, die sechzehn Jahre nach der Wende auch in der Ostslowakei angekommen ist – den Blick auf ein Völkergemisch, das früher in Ostmitteleuropa die Regel war und heute nur noch in bestimmten Regionen überlebt hat. Die Deutschstämmigen sind nur ein Teil dieser Mischung: Auf Medzev folgt Jasov, ein mehrheitlich ungarisch besiedelter Ort. Weiter südlich, an der ungarischen Grenze, leben Rusinen, eine ostslawische Ethnie, von der die Ethnologie nicht ganz klar sagen kann, ob man sie nun zu den Ukrainern zählen kann oder nicht. Dazwischen liegen immer wieder rein slowakische Dörfer und, deutlich heruntergekommener als der Rest, Romasiedlungen. Plattenbauten, in denen man die Roma zu kommunistischer Zeit zwangseinquartierte. Die Türen und selbst Türstöcke dieser Bauten fehlen, stattdessen klaffen dort, wo sie einmal waren, Löcher in der Ziegelmauer, halb von jenen Gesteinsbrocken verstellt, die noch von der Stemmarbeit übrig geblieben sind. Ein Rommächen reckt die Faust nach oben und streckt die Zunge heraus, als der Audi eine der Siedlungen passiert.

Die Karpatendeutschen sind die kleinste aller dieser Ethnien. Die einzige, die akut vom Aussterben bedroht ist. Als der Ex-Präsident schon lange wieder in Košice ist, beginnt man sich in Metzenseifen den morgigen Palmsonntag vorzubereiten, an dem in der katholischen Kirche eine verlängerte Messe auf Deutsch und Slowakisch stattfinden soll. Am nächsten Tag steht Walter Bistika, der auch dem Metzenseifner Gesangsverein vorsteht, auf der Empore und singt gemeinsam mit einigen anderen älteren Herrschaften deutschsprachige Kirchenlieder. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, singen sie auf Deutsch, die Fürbitten folgen auf Slowakisch. Nach der Messe meint Bistika, dass der Gesangsverein an Überalterung leide, das Durchschnittsalter betrage mittlerweile sechsundsechzig Jahre.

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Silorad Gedeon war nicht in der Messe, er steht derweil hinter der Bar und wartet auf seine Kundschaft, die im Anschluss an die Messe ins Lokal kommen wird. Er trinkt Slivovica und erzählt eine Anekdote aus seiner Zeit in Wien, wo er eine Zeitlang als Maler und Anstreicher gearbeitet hat: Er sei am Gürtel beim Westbahnhof im Taxi gesessen und habe sich mit seinem Kollegen auf Mantakisch unterhalten, bis sich der erstaunt zuhörende Taxler einschaltete: „Kommen Sie aus Holland?“, fragte er. Die Mantaken verneinten. „Aus Belgien?“ Wiederum nein. „Woher kommen Sie denn dann?“ Gedeon erklärte, sie kämen aus der östlichen Slowakei. Der Taxler glaubte das nicht gleich und sagte: „Aus der Slowakei? Aber da leben nur doch Russen!“ Gedeon lächelt über die Anekdote, trinkt den letzten Schluck Slivovica und sagt: „Die Wiener. Was für ein verrottetes Volk.“

Frage an die Maus

Wie kamen die Deutschen in den Osten?

Seit dem frühen Mittelalter zogen Deutsche, unregelmäßig und aus verschiedenen Gründen, in den Osten Europas. Im Fall Metzenseifens warben die ungarischen Könige gezielt Fachkräfte – meistens Bergleute oder Schmiede – aus den dicht besiedelten Regionen Deutschlands an. In anderen Fällen flohen die Deutschen vor Kriegen oder religiöser Verfolgung, oder die Migration ging mit militärischer Expansion einher – so im Fall der Donaumonarchie, in der die Habsburger zur Absicherung ihres Reiches eine deutschsprachige Beamten- und Militärelite in den Städten des Ostens installierten.
Auf diese Art entstanden im Laufe der Jahrhunderte große deutsche Minderheiten im heutigen Tschechien, der Slowakei, Polen, Russland, dem Baltikum, Rumänien, der Ukraine, Ungarn, Slowenien, Kroatien und dem nördlichen Serbien. In Tschechien nannte man die deutsche Minderheit „Sudeten-“, in der Slowakei „Karpatendeutsche“.
Am Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu schwerwiegenden Problemen: Die aufkommenden Nationalbewegungen sahen ethnisch homogene Staaten in Osteuropa vor, in denen für große Minderheiten kein Platz mehr war; zudem identifizierten sich immer mehr Deutsche mit radikalen politischen Strömungen, aus denen später auch der Nationalsozialismus hervorgehen sollte. Die Nazis unterschieden später zwischen „Reichs-“ und „Volksdeutschen“: Als „Volksdeutsche“ wurden jene verstanden, die außerhalb der politischen Grenzen des Dritten Reichs lebten, viele wurden umgesiedelt („Heim ins Reich“).
Als die stalinistische Sowjetunion im April 1945 Mitteleuropa bis Berlin erobert hatte, bedeutete das das Ende für den Großteil der deutschen Minderheiten in Osteuropa: Mit sowjetischer Unterstützung vertrieben die Regierungen der späteren Warschauer-Pakt-Staaten die Deutschen – sofern sie nicht zuvor ohnehin schon geflohen waren. Heute existieren in den meisten osteuropäischen Staaten kleine Restbestände dieser deutschen Minderheiten, ihre Anzahl geht aber in den meisten Fällen nicht über einige Tausend hinaus.

Erschienen im DATUM 6/2007

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Minderheiten, Osteuropa, Reportagen

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