Monatsarchiv: August 2007

Brutalität in Simmering

Ein „Krone“-Leser fotografiert von seinem Fenster aus eine Massenschlägerei unter Afrikanern. Seither gibt’s laufend Wickel am Geiselberg. Ein Konflikt mit unklaren Fronten.

Text von Joseph Gepp
Fotos von Martin Fuchs

Andreas Zenker hat schon angenehmere Abende erlebt. „So!“, sagt der Sprecher des Roten Kreuzes in die Runde, hebt den Arm und will bestimmt klingen, „jetzt sollten wir alle kurz still sein. Und dann probieren wir, wie erwachsene Menschen miteinanderzureden.“ Das Geschrei legt sich kurz, um gleich danach umso heftiger zu werden. „Seids ihr alle blind? Sehts ihr nicht, was da passiert im Viertel?“, sagt einer der zwanzig Simmeringer, die ihm gegenübersitzen, „ich muss mir das jeden Tag anschauen: Ein Schwarzer steigt aus dem Bus, gibt einem andern das Drogenpackerl, steigt wieder ein, und weg ist er.“ Andreas Zenker, dessen Organisation das Asylwerberheim Haus Jupiter betreibt, meint, das müssten nicht zwingend die Asylwerber aus dem Heim sein. Und überhaupt, wieso werde das nicht sofort bei der Polizei angezeigt? „Was soll ich denn machen?“, rechtfertigt sich der wütende Simmeringer, „das dauert eine halbe Minute. Weniger, zehn Sekunden. Solange die Bustür halt offen ist.“ „Ich will meine Frau nicht mehr allein auf die Straße lassen“, sagt ein anderer.

Zenkers rot-weiße Uniform soll in diesem feindlich gesinnten Umfeld an die anderen Seiten des Roten Kreuzes abseits der Asylwerberbetreuung erinnern: Blutspenden, Katastropheneinsätze, Entwicklungshilfe in fernen Ländern. Wenn die fernen Länder allerdings nach Simmering kommen, dann ist es vorbei mit der Ruhe. Vor allem in der Geiselbergstraße, wo man sich nach Meinung vieler Grätzelbewohner nicht mehr sicher fühlen kann. „Am Geiselberg werden junge Mädchen belästigt, alte Männer mit Bierflaschen beworfen, und aus Autofenstern heraus wird mit Drogen gedealt“, erzählt der 67-jährige Pensionist und Hobbyfotograf Helmut B., der seit 25 Jahren direkt an der Straße wohnt. Insofern sei das, was vor drei Wochen geschehen ist, fast positiv. Damit die Leute erkennen, dass irgendetwas aus dem Ruder läuft am Geiselberg.

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Haus Jupiter

Die Ereignisse des 22. Juli haben dem Grätzel hinter dem Arsenal den Ruf als neues Wiener Problemviertel eingebracht: Gegen 19.15 Uhr kommt es vor einem Lokal, das überwiegend von Afrikanern frequentiert wurde, zu einer Schlägerei. Es soll wegen einer Frau angefangen haben. Zwischen vierzig und sechzig Schwarze waren laut Polizei darin verwickelt. Als der Tumult nach etwa einer Stunde beendet war, hatte Helmut B. vom gegenüberliegenden Fenster seiner Wohnung schon ein paar Dutzend Bilder vom Geschehen geknipst. Bilder, die tatsächlich den Eindruck vermitteln, als herrsche der Ausnahmezustand im 11. Bezirk. Die Kronen Zeitung schrieb von „Szenen wie im Bürgerkrieg“ in Wien-Simmering, wo Schwarze „hochaggressiv und in Schlägerlaune“ aufeinander losgehen würden. Das „Afrikanerlokal“ überlebte den Vorfall nur einige Tage, es wurde vom Gewerbeamt geschlossen und versiegelt. Wie Anrainer und Kronen Zeitung einhellig behaupteten, kamen die Unruhestifter vom Haus Jupiter und seien auch bisher immer von dort gekommen. „Woher sonst? Das Heim liegt gleich an der nächsten Ecke“, sagt der Fernfahrer Franz Wolf im Geiereck, einem durch und durch österreichischen Beisl auf der Geiselbergstraße, um gleich im Anschluss zu erzählen, wie er von zwei „Nega“ beim nächtlichen Zigarettenkauf angestänkert worden sei. Eine klärende Diskussion, die das Rote Kreuz vergangene Woche in einem Zelt vor dem Asylheim veranstalte, geriet zum Forum empörter Simmeringer: Rotkreuz-, Polizei- und Bezirksvertreter stießen durchwegs auf Unverständnis, als sie den Bezirksbewohnern den Unterschied zwischen Schub- und Strafhaft, objektiver Sicherheitslage und subjektivem Sicherheitsempfinden erklären wollten. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass nur noch ein Funke ausreicht, damit das Fass explodiert“, sagt die rote Bezirksvorsteherin Renate Angerer. Die Kronen Zeitung berichtete über eine Bürgerinitiative der Simmeringer, die sich nun für eine Schließung des Heims stark mache. Und Tage später vermeldete sie triumphierend: Das Rote Kreuz suche nun, nach allem, was vorgefallen war, eine Alternative zum Haus Jupiter.

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Helmut B., aufgewachsen in Wien-Leopoldstadt, war Beamter im Unterrichtsministerium, lebt seit 25 Jahren in Simmering

In der Geiselbergstraße verliert sich die gründerzeitliche Einheitsverbauung der Stadt allmählich, geht über in ein- und zweistöckige Vorstadthäuser, mit Gemeindebauten, Industrieanlagen und Brachflächen. Daneben verläuft die Schnellbahn, darüber spannt sich die Trasse der Südosttangente, auf der Straße selbst rattert der Sechser und der Autoverkehr. „Es ist ein Ausfallstor, eine laute Gegend“, sagt Andrea Breitfuß von der Simmeringer Gebietsbetreuung, „und dementsprechend günstig sind die Wohnpreise im Vergleich zum Wiener Schnitt. So etwas wirkt sich natürlich auf die Bevölkerungsstruktur aus.“ Die billigen Altbauwohnungen ziehen vor allem Migranten an. Dazu kommen viele Menschen mit vergleichsweise wenig Einkommen und niedrigem Bildungsstand. Das hat Simmering mit den anderen einstigen Wiener Arbeiterbezirken gemeinsam: Wo früher die Arbeiterklasse lebte, stand bald billiger Wohnraum frei. Den bezog das neue Proletariat aus Arbeitsmigranten und (später) Flüchtlingen. So entstanden innerhalb der letzten zwanzig Jahre ganze Straßenzüge mit verändertem, fremdländisch geprägtem Gesicht – und einer Schicht von Österreichern, die sich von der Umwälzung überfordert fühlt. „Man braucht sich nur die Geiselbergstraße anschauen“, sagt Helmut B. im Geiereck. Er deutet aus dem Fenster auf die andere Straßenseite und sein Finger wandert Haus für Haus von rechts nach links: „Ein arabisches Handygeschäft an der Ecke, daneben das zugesperrte Afrikanerlokal, ein türkisches Kaffeehaus, noch ein Afrikanerbeisl und ein türkischer Schlosser.“ Und früher? „An der Ecke war eine kleine Trafik, dann ein Imbissstandl, ein Greißler, eine kleine Schlosserei und ein Tapezierermeister. Alles österreichisch.“

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Kinder vor dem Haus Jupiter

Das Haus Jupiter – hundert Meter vom türkischen Schlosser, der früher mal ein österreichischer Tapezierer war – ist ein heruntergekommener Blockbau aus den 1920er-Jahren. 2003, als die Stadt dringend Plätze für Asylwerber brauchte, wurde er in aller Eile adaptiert. Davor war er ein Quartier für Obdachlose. Ein Aushang am Eingang verkündet, dass alle, die zwischen 22 und sechs Uhr ins Heim kommen, ein Strafgeld von zwei Euro zahlen müssen, um die Nachtruhe zu wahren.

„Die ganze Sache hat uns ziemlich überrascht“, sagt die 34-jährige Heimleiterin Cecilia Heiss, „vor allem, dass das Heim mit dem Lokal in Zusammenhang gebracht wurde.“ Die zierliche Dunkelhaarige leitet das Heim seit einem Jahr. Sie habe sofort nach dem Vorfall unter den 41 afrikanischen Asylwerbern des Heims gefragt, ob jemand an der Rauferei beteiligt gewesen sei. Die Antwort: nein. Auf ihrem Schreibtisch liegen die Krone-Artikel der letzten Wochen in Klarsichthüllen. Es sei insgesamt ein friedliches Asylheim, sagt Heiss: „Dafür, dass hier so viele Kulturen unter einem Dach zusammenleben, gibt es eigentlich relativ wenig Probleme.“ Und trotzdem: „Natürlich sind die Asylwerber verunsichert“, meint sie, „ihre Flucht hat völlig verschiedene Hintergründe.“ Eine Frau aus Süd-Nigeria beispielsweise sei geflohen, weil in ihrer Dorfgemeinschaft ihre Beschneidung anstand. Ein Mann aus Angola sei politisch tätig gewesen, gefoltert worden und deshalb geflohen. Die Nigerianer kämen meistens per Flugzeug nach Österreich, für etwa 6000 Euro für Flug und Schlepper, aber selbst das könne man nicht verallgemeinern – es hätte eben jeder Asylwerber seine ganz eigene Geschichte.

Neben ihr sitzt Philip M., ein 26-jähriger schwarzer Asylwerber aus Nigeria, der seit drei Jahren im Jupiter-Haus lebt. Auf die Frage, ob er jemanden auf den Fotos in der Kronen Zeitung wiedererkenne, zögert M. kurz, schaut fragend zu Heiss und sagt schließlich leise: „Ja.“ Dann bittet er Heiss um ein kurzes Gespräch unter vier Augen. Die beiden verschwinden für eine halbe Minute und kommen dann wieder. „Dieser Mann hier“, sagt M. und deutet auf einen Mann, der neben den Raufenden steht, „wohnt bei uns im Heim.“ Der breite Mann auf dem Foto trägt ein rotes Sportdress und legt die Hand auf den Rücken eines der Raufenden.

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Laban F., kommt aus Kamerun, war Ladenbesitzer, lebt seit drei Jahren im Haus Jupiter

Der Mann vom Foto sitzt im Konferenzzimmer des Heims. Aggressiv wirkt George S. (Name der Redaktion bekannt), 33, ursprünglich von der Elfenbeinküste, nicht. Nur wütend. „Ich war der Einzige aus dem Heim, der an diesem Abend dabei war“, sagt er auf Englisch, „aber ich habe nicht mitgerauft. Aus irgendeinem Grund sind die Leute durchgedreht.“ Einige Asylwerber haben sich im Zimmer versammelt: Zwei Tschetschenen, zwei Rumänen, drei Nigerianer, zwei Syrer und George S. sitzen am runden Tisch. Sie verstehen die plötzliche Aufmerksamkeit nicht, sind verunsichert und fürchten die Schließung des Heims. „Wir führen hier ein ruhiges Leben, die meisten schon seit Jahren. Warum sollen wir schuld sein, wenn eine Straße weiter die Leute ausrasten?“, sagt ein Nigerianer. Die sanfte Autorität, mit der Heiss im Asylheim über 137 verunsicherte Flüchtlinge wacht, wird einhellig gelobt. „Mir ist es noch nirgends in Österreich so gut gegangen wie hier“, sagt ein hagerer 35-jähriger Tschetschene, der so alt aussieht, dass man sich fragt, was einem Menschen passieren muss, um mit 35 so auszusehen. Wer sonst sind die Leute, die Schlägereien verursachen, Simmeringer anstänkern und aus Autos mit Drogen dealen – wenn niemand aus dem Asylheim? „Die gibt es schon“, sagt George S., „einen kenne ich.“ Es sei einer seiner schwarzen Bekannten, erzählt er, der schon lange einen positiven Asylbescheid habe und „irgendwo privat in einer Wohnung“ lebe. Inzwischen beginnen sich die Menschen zu beschweren, und die Runde wird sukzessive lauter: Es gebe immer Gute und Böse, aber alles werde immer „den Schwarzen“ in die Schuhe geschoben, sagt eine Nigerianerin mit lauter Stimme und exaltierter Gestik. Eine Syrerin, die sich bisher still verhalten hat, hebt plötzlich zweimal die Hände, einmal mit zehn und einmal mit zwei Fingern in der Höhe: Zwölf Jahre sei sie jetzt hier. Zwölf Jahre ohne Asylbescheid in irgendwelchen Heimen. Darüber sollte man mal schreiben.

Bleibt die einhellige Meinung der Simmeringer, dass das Übel am Geiselberg aus dem nahe gelegenen Asylheim komme. „Anrainer gegen Flüchtlingsheim!“ schreibt die Krone am 27. Juli über die angebliche Bürgerinitiative, die mittels Schließung des Heims „für Ruhe und Frieden im Bezirk kämpfen“ möchte. Der Haken: Eine solche Bürgerinitiative existiert nicht. Der in der Zeitung genannte Verein Arsenal setzt sich für Mieterbelange und Flächenwidmungsfragen ein. Zum Haus Jupiter hat er sich nie geäußert. „Es hat weder Beschwerden an uns wegen des Heims noch jemals irgendeine Stellungnahme unsererseits gegeben“, sagt der Vereinsobmann Werner Grishofer.

Und auch eine zweite Nachricht kann getrost als Ente bezeichnet werden: Zwei Tage später meldet die Krone, „nach dem Wirbel in Wien-Simmering“ werde „jetzt“ ein neuer Standort für das Flüchtlingsheim gesucht. Es stimmt, dass das Haus Jupiter geschlossen werden soll – allerdings besteht diese Absicht schon seit einem Dreivierteljahr.

Erschienen im Falter 33/07

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Eingeordnet unter Migranten, Reportagen, Soziales, Wien

Kabale und Diebe

Affäre. Ein vertraulicher Bericht von „Transparency International“ prangert massive Korruption bei kirchlichen Entwicklungshilfeprojekten an – und wird von den bitteren Erfahrungen eines österreichischen Arztes in Tansania bestätigt.

Von Joseph Gepp

Wenn Rainer Brandl auf den 17. April 2006 zu sprechen kommt, dann sieht er aus, als sei er um seinen Glauben an die Menschheit gebracht worden. Wie jeden Tag hatte sich der 43jährige Arzt frühmorgens auf den Weg zur Aids-Klinik der Kleinstadt Bulongwa, Südwesttansania, Ostafrika gemacht. Die Station, die der Österreicher leitete, war mit Hilfe der österreichischen Entwicklungshilfeorganisation EAWM („Evangelischer Arbeitskreis für Weltmission“) im Dezember 2004 eröffnet worden und hatte sich rasch zur einer wichtigen medizinischen Einrichtung entwickelt.
Doch an diesem Morgen war alles anders als sonst: Am Eingang des Krankenhauses warteten keine Patienten, sondern dreißig mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte einer Sondereinheit der tansanischen Polizei – und hinderten Brandl und seine Kollegen unter Androhung von Gewalt daran, das Gebäude zu betreten.
Nach einigen Verhandlungen durfte der Arzt noch Laptop und Kleidung aus dem Büro holen, das teure medizinische Gerät wurde beschlagnahmt. Dann blieb ihm nicht viel mehr, als den nächsten Flug zurück nach Wien zu nehmen: „Ich habe Tansania zu meiner eigenen Sicherheit verlassen. Ich wurde von hohen Mitgliedern der tansanischen Kirche bedroht“, sagt er.
Rainer Brandl hat sich in Tansania offenbar mit den falschen Leuten angelegt. Grund: Er hatte aufgedeckt, dass in der Region Spendengelder aus Europa in sechsstelliger Höhe abgezweigt wurden – und dem zuständigen Diözesanbischof massive Korruption vorgeworfen.

Dass Korruption in der kirchlichen Entwicklungshilfe offenbar nicht nur in Bulongwa eher Regel als Ausnahme ist, zeigt ein aktueller, unter Verschluss gehaltener Rohbericht der deutschen Anti-Korruptions-NGO „Transparency International“, der profil von einem Experten aus Deutschland zugespielt wurde.
In der Berliner Zentrale von Transparency will man von dem Papier, das den Vermerk „vertraulich“ trägt, auf Anfrage von profil zunächst gar nichts wissen. Inzwischen räumt die NGO immerhin die Existenz des Berichtes ein: Allerdings müsse vor einer Veröffentlichung „noch Monate daran gearbeitet“ werden. Transparency fürchtet, dass der Report der Kirche schaden könnte. Zitat aus einem Sitzungsprotokoll vom 2. Juli 2007: „Die Gefahr sei groß, dass das Papier unkontrolliert an die Öffentlichkeit komme und dann von unfreundlichen Journalisten zu kirchenfeindlichen Veröffentlichungen missbraucht werden könnte.“ Der Bericht selbst nennt keine Namen und Institutionen, liest aber wie der erklärende Begleittext zu den Ereignissen in Bulongwa: „Die (westlichen) Hilfswerke haben in vielen Fällen nicht überprüft, ob der Partner zu geregelter Buchführung und Finanzmonitoring willens und in der Lage ist“, heißt es dort, außerdem sei oft „keine ordnungsgemäße Abrechnung verlangt“ und „bei festgestellten Unregelmäßigkeiten keine Sanktion ausgesprochen“ worden. Die Konsequenz: „Gehälter werden für fiktive Personen, Reisespesen für nicht angetretene Dienstreisen gezahlt“, „Belege werden verfälscht“, „bei Materialkäufen werden überhöhte Preise vereinbart, die Differenz teilen sich Auftraggeber und Auftragnehmer“.

Umoralisch. Transparency schlägt zur Gegensteuerung „strikte Regeln für die Verwendung und Verwaltung der Projektmittel“ und die Einführung bindender Ethikcodices mit Sanktionsmöglichkeit vor. Denn, wie es im Bericht heißt: „Der christliche Glaube per se schützt nicht vor unmoralischem und ungesetzlichem Verhalten von Menschen.“

Das musste Rainer Brandl am eigenen Leib erfahren. Die Südzentral-Diözese in der Distrikthauptstadt Makete, die der evangelischen Kirche Tansanias untersteht, reagierte nicht erfreut, als er sich 2004 mit einer Selbsthilfegruppe von AIDS-Patienten solidarisierte, die den Nepotismus anprangerte und die Absetzung des zuständigen Bischofs, Shadrack Manyiewa, verlangte. Der Wiener EAWM unterstützte die Gruppe und trieb in der weit entfernten Großstadt Dar-es-Salaam einen unabhängigen Wirtschaftstreuhänder auf, der die Finanzgebarung der Diözese analysierte – bisher war die Buchprüfung immer intern, von Angestellten der evangelischen Kirche, erledigt worden. Was der Buchprüfer nach monatelanger Recherche ans Tageslicht brachte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen: Allein in den Geschäftsjahren 2003 und 2004 waren etwa 300.000 Euro an Spendengeldern unterschlagen worden –hauptsächlich Geld aus Deutschland. Davon waren allein 70.000 Euro in die Taschen der Kirchenleute geflossen. Doppelt ausbezahlte Löhne scheinen im Bericht auf, Gehälter an Verstorbene, Beträge, die abgezweigt wurden, um Schulden für frühere Entwicklungshilfeprojekte zu begleichen. Ein neuer Toyota Landcruiser für den Bischof belief sich auf etwa 60.000 Euro, der Erlös aus dem Verkauf des vorigen – fünf Jahren zuvor gekauft und noch völlig funktionstüchtig – verschwand in seiner Privatschatulle.

„Bald hieß es, der Österreicher würde die Leute gegen ihre eigenen Kirchenoberen aufhetzen“, erzählt Rainer Brandl, „beispielsweise sagte der Bischof zu mir, ich solle ihn sicherheitshalber über alle meine Schritte informieren. Ich fragte, was denn hier so gefährlich sei. Er antwortete: ‚You know, al Qa’ida is everywhere.‘ Damals habe ich noch gelacht.“ Das Lachen verging ihm, als ihn die Diözese mit Unterstützung der Polizei wenig später aus der eigenen Klinik werfen ließ.

Nach der Aussperrung wurde das Spital weitergeführt – ohne die Fachkräfte, die um die Wartung der komplizierten Geräte, die genaue Dosierung der Medikamente und die Nebenwirkungen der Therapie wussten. Der Distrikt Makete ist eine der ärmsten Regionen Tansanias, die vielen abgelegenen Bauerndörfer sind nur per Jeep erreichbar, da es kaum asphaltierte Straßen gibt. Die AIDS-Rate liegt bei etwa fünfzig Prozent, die durchschnittliche Lebenserwartung bei fünfzig Jahren. Die Inkompetenz im ohnehin problematischen Umfeld hatte tödliche Konsequenzen, wie der kanadische Entwicklungshilfeexperte Royal Orr, der selbst lange Zeit in Tansania weilte, vorrechnet – am Beispiel der Nachbarklinik Ikonda, die laut Orr mit denselben Test- und Behandlungsmethoden ungefähr dieselbe Anzahl an Patienten behandelt wie in Bulongwa: Von Jänner bis Juni 2007 seien in Ikonda durchschnittlich 1,8 Patienten pro Monat gestorben, erklärt Orr. In Bulongwa waren es 3,9. Seit der Aussperrung Brandls im April 2006 waren insgesamt 54 Todesfälle verzeichnen. „Die Sterberate lag damit fast zehnmal so hoch wie sie hätte sein sollen – würden in Bulongwa dieselben Standards wie in Ikonda herrschen.“ Trotz der desaströsen Zustände floss weiter Spendengeld an die Südzentraldiözese in Tansania.

Vernachlässigt. Der externe Prüfbericht für 2003 und 2004 blieb ein Einzelfall: Nach dem Rauswurf Brandls wurde die Buchprüfung wieder zu einer innerkirchlichen Angelegenheit. Der EAWM zog die Konsequenzen und kündigte der Südzentraldiözese jegliche Zusammenarbeit auf. In einem Schreiben an einige deutsche Entwicklungshilfeorganisationen der evanglischen Kirche, die nach wie vor Geld nach Tansania überweisen, forderte der EAWM eindringlich, „auf personelle und rechtliche Konsequenzen zu bestehen“. Und weiter: „Es erscheint dringend geboten, auch für das Rechnungsjahr 2005 eine unabhängige, externe Wirtschaftsprüfung zu verlangen.“ Wie viel Geld seit 2005 verschwunden ist, ist durch die fehlende Buchprüfung unklar. Rainer Brandl und EAWM-Geschäftsführer Gottfried Mernyi werfen den deutschen Missionswerken vor, das Geld zu schicken, ohne korrekte Abrechnungen zu verlangen – und damit die Korruption zu unterstützen. „Sie vernachlässigen ihre Aufsichtspflicht völlig“, meint Brandl.

Einer der Verantwortlichen dafür sitzt in bayrischen Neuendettelsau – die „Mission – Eine Welt“ der bayrischen evangelischen Kirche. Manfred Scheckenbach ist seit 2002 Tansania-Beauftragter der Organisation. „Wir kennen diese Probleme natürlich und sind uns auch bewusst, dass es dort Korruption gibt“, sagt er, „aber hier muss die Kirche vor Ort Aufklärung leisten. Wir können hier von außen nicht eingreifen – man kann nicht von einem anderen Land aus etwas machen, das der Kirche schadet.“ Es werde keine weiteren externen Buchprüfer geben, denn „eine interne Angelegenheit wird von internen Prüfern erledigt“. Immerhin werde seit 2004 „kein Pfennig mehr“ an die Südzentraldiözese überwiesen. Allerdings: Das Geld geht in die Stadt Arusha an die Zentrale der Evangelischen Kirche Tansania.
Und die verteilt es weiter – auch an die Südzentraldiözese.

Hintergrund
Sauberes Spenden

Der „Evangelische Arbeitskreis für Weltmission“ (EAWM) leistet seit 1951 kirchliche Entwicklungshilfe und unterstützt derzeit Projekte in Ghana, Kamerun, Sudan und Tansania. Die Aids-Klinik in Bulongwa wurde 2004 aufgebaut, das Geld dafür – 220.000 Euro zwischen 2004 und 2006 – kam von österreichischen Spendern. Dass davon nichts abgezweigt wurde, ist sichergestellt: Die Summe wurde direkt, also ohne Umweg über die Zentralverwaltung der Diözese in Makete, an die Klinik überwiesen. Heute unterstützt EAWM jene Selbsthilfegruppe von Aids-Patienten, die gegen die korrupte Kirche auftritt.

Erschienen im Profil 34/2007

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Coming Home To Mantakia

IN A VILLAGE IN EASTERN SLOVAKIA LIVE 500 ETHNIC GERMANS – THE LAST STRONGHOLD OF A DYING CULTURE. AMONG THE LAST OF ITS KIND IS A FORMER PRESIDENT, WHO NEVER MANAGED TO LEAVE HIS HOMELAND BEHIND.

Words by Joseph Gepp

Just so the tires don’t squeak, the Chauffeur of a black Audi limousine brakes hard from 120 to zero – a tad too fast within a local area. In every other town old women would peep through the flower stick samples of their curtains on to the road and would ask themselves, who the important guest might be, as the Chauffeur opens the car-door in such an official manner. Not here in Metzenseifen, where one knows Rudolf Schuster well: He is a former president.
He visits now and then, lately more often. He originates from here – from this last road, of Medzev, which was called: Metzenseifen. Rudolf Schuster is the most famous person in this place. He managed to get out, what the old Ladies would call – the far world. He was mayor of the district town Kosice, then Slovakian ambassador in Canada and finally the state president to Bratislava. Today he returns to his village to visit his old parental home. After they died he furnished it into a small private museum. It is a reminiscence to everything he experienced during his 73 years of life. A photo encountering George W. Bush in the Oval Office during his time as Slovakian president. A Red Army Second World War movie camera presented from the Ex-Ukrainian president Leonid Kuchma. A rich Metzenseifner’s carriage, which he once and strictly forbidden rode along with at the back as a child. For doing so he collected a damn heavy slap in his face. Now this carriage is safe in his hutch. Agitated in the midst of all these memories and realising, that his career only became possible by a set of lucky coincidences. Coincidences, what led to the fact that he was not driven away into the West at the end of the Second World War in 1945. Not like nearly all other ethnic Germans. He was one of 600 people of Metzenseifen, who managed stay.
Today approximately five hundred and twenty ethnic Germans live in Metzenseifen. The elderly speak „Mantakien“, an old German dialect. Metzenseifen has the highest ethnic German population in Slovakia, although still only a minority within the 3,500 inhabitants of this parish.
Once the place was entirely of German descent. In 1945 Metzenseifen became Medzev, and the ethnic Germans culture to an extent history. In 1880 13 percent of the inhabitants of today’s Slovakia had been Carpathian Germans, in 1947 there were about half percent left. During the last census in the year 2001, only 0.1 per cent admitted themselves to their origin – 5,500 people in entire Slovakia. The largest ethnic German town Metzenseifen lies completely in the southeast of the country, close to the Ukrainian and Hungarian border and about thirty kilometres away from the second largest Slovakian city, Kosice. The city Rudolf Schuster had been the mayor of, until his election to the Slovakian president in 1999.
Rudolf Schuster was one person, who remained, due to three lucky coincidences. „The soldiers tried three times to drag me and my family away”, he says. Three times they narrowly escaped their dreadful doom. The first time during 1944, when the Nazis came to call home the ethnic German Metzenseifner’s into the Third Reich. „With seventy trucks the German’s closed in our village“, Schuster explains, „Then the soldiers went from house to house forcing each inhabitant onto the loading area“. Schuster escaped because his mother fled in-time with him to their Hungarian aunt. Meanwhile his father hid himself in the shovel of a mill-wheel. After the Nazis moved-off, the Soviets came in. „They had a list of those for deportation to Siberia. So these selected people where gathered together at the main square of the village. The Soviets pretended they were destined for work service”. Most of them never returned. The second time Rudolf Schuster was in luck again. His name was not on the list. „My brother supported the communist partisans during the war and enjoyed thereby the protection of the Red Army”, he comments.
Finally, the Czechoslovakian army arrived to execute the Benes decrees. After all the atrocities committed by the national socialists in the occupied Czechoslovakia, president Edvard Benes decided to completely expel all German minorities from the new Czechoslovakia after the end of the war in 1945. So all houses in Metzenseifen were sealed and their inhabitants had to appear for evacuation in the school building. Each person could only take along 25 Kilos of their belongings! The Schuster’s needed not leave. Schuster’s mother spoke perfect Hungarian and consequently she obtained a certificate from a Hungarian physician, declaring her cardiac defect and thus certifying the inability of her transportation.
Some time later the Czechoslovakian army withdrew again and the family Schuster remained. The family had collided three times with world-history and they resisted the all driving-out attempts. Now they became Czechoslovakian – tolerated by the communist regime on the condition they would not display their German roots. Best, if they completely forgot their origin, but they did not forget: They arranged themselves with new Czechoslovakia and became communists and patriots.

Whenever Schuster goes through his parents‘ house today, in melancholic and proudly thoughts of his childhood and youth, he notices, how important to him his origin is: A farmhouse of the 19. Century, one of many, which stands threaded-up like many others along the main street, renovated only somewhat more beautifully than the others. Metzenseifen looks alike nearly each small, rural municipality between the eastern edge of the Alps and the Urals. It lies elongate and narrow between two ridges. Low farmhouses in line, each with an entrance gate and tiny windows, seeming to get simpler and smaller, the further one departs from the centre. It also seams to be the second important road of the whole village as the route is branching off from the main street.
A small stream seamed by herbage backyards and flowerbeds divides the main road into two parallel carriage lanes, thus, as often seen in eastern Austrian villages. Passing the main square and the catholic church the roads lead to the shabby outskirts of town and only here one notices that one is in the former Eastern Bloc and not in Austrian regions like Burgenland or Marchfeld. On the side of concrete slabs constructed buildings and a few shut down factories, the Roma of Metzenseifen live in ramshackle houses and corrugated sheet huts. Now and then they come into town on their horse-drawn carriages, which are loaded with scrap metal. That’s when two worlds meet one another, and all vibrations of the Eastern European societies in the year 18 after the fall of the iron curtain become obvious, when the scruffy full blood horses canter past the western cars and the pretty farmhouses. On the main square in front of the church a plague column stands tall – only the head of one baroque statues is missing.

Roma in Metzenseifen
Roma in Metzenseifen

The ethnic German community in Metzenseifen is a vanishing group, dedicating much time in memory care. The old, still talk Mantakien, but the young speak and think only in Slovak. Perhaps the powerful consciousness of their own culture is delaying their approaching fall, but at least conserve the memory. The isolation of the remaining, entails an exaggerated interest in the own identity – thus, that each German inhabitant of Metzenseifen becomes a homeland researcher nearly perforce. Just like Rudolf Schuster or the seventy seven year old Walter Bistika. He presides over the „Karpathian Germans place for encounters” – the club premises of the ethnic Germans, also a farmhouse, directly next to Schuster’s house. There the ethnic Germans meet each Sunday noon after celebrating mass. Today five gentlemen, all far beyond the age of sixty, are playing billiard and drinking Slivovica out of plastic jiggers, followed by plenty of laughter, since they have a lot to tell each other. You can see Bistika standing aside, a tall guy and a trace more civically distinguished than the others. Before retiring, he worked as an accountant, but always kept true to his native soil: Metzenseifen.
Bistika reveals some history: In the late Middle Age two waves of German settlements took place – here in so-called Spis region of Slovakia. The immigrants came from the over-populated regions of West Germany and with them the dialect Mantakien – a mixture of West German linguistic idioms, with Slovakian and Hungarian influences.
Mantakien language is from the high German language so far away, that one hardly understands it. The language sounds, as if a Swiss German would try to speak Flemish – trying not to hide his strong Swiss accent. „The name of the language resulted actually from a misunderstanding“, tells Bistika. „The people of Metzenseifen sold their products on Hungarian markets and many could not speak Hungarian. During the discussion with their Hungarian customers, they always asked each other: ‚Was moant A?‘ (What does he mean?) The Hungarian heard this phrase so often, until they omitted the ‚Was‘ and they called their suppliers in a modification of this sentence ‚Mantakians‘. Later the Mantakians took over this foreign term“.

Others speak Potokien, and that only eight kilometers further away in the next village called “Stoß”, another place with a strong German minority. Far northern in Spis region they speak Unsrien, Bistika explains, as if it is the most normal thing in the world, that each community of some hundred humans speak their own language. „Here in Metzenseifen we say for example: ‚Wart a bissl!‘ (Wait a bit!). In Stoß they say: ‚ Hart a bissl!‘ Due to the long time isolation of the remaining German linguistics, each area has kept its local characteristics“, Rudolf Schuster approves, during a walk in the back of his garden aiming towards the yard. There is also a small wooden pavilion and a biotope with gold fish. In this pavilion, Schuster invited foreign state guests during his time as a president, where he offered local meals, and drinks – today this seems so far away: He spies his neighbour on the other side of the garden fence and starts off a friendly chat in Mantakien. You can see two old men who know each other for a long time. If the fence between them would not exist, they probably would pat themselves on their shoulders. The change from the public official to the owner of this house, who holds affable conversations with his neighbour, occurs by Rudolf Schuster nearly too fast to comprehend. In this garden the appearance of the political leader, melts to a common human being. The Audi has disappeared for a long time. Rudolf Schuster indulges in his surrounding, evolving completely to an inhabitant of Metzenseifen.

Rudolf Schuster
Rudolf Schuster

But then again: his expensive suit, his long black coat, his carefully bound tie, finally the bodyguard, who stands ten meters far away measuring the scene with distrust, folding his hands at his back, reminds at Schusters’ background beyond Metzenseifen.

The longer Rudolf Schuster stays in his garden, the more locals join in. Word has spread, that the Audi is standing at the front door. Schuster still chats with all in a normal and polite manner. He points to the biotope mentioning, that the gold fish have hatchlings. „People of Metzenseifen had their homeland here“, he says about those who had to leave 1945, „and even though they came from Germany centuries ago, does not mean that they wanted to go away again“. For him it would have been hard to leave this place at that time. Rudolf Schuster adores Metzenseifen. He explains the rhythmic sound of the forging hammers, when striking on the anvils. Up to the beginning of the communist period, the steel production was the most important industry of Metzenseifen; this tune was the sound of Metzenseifen, when the ex-president was youngster.

„We lost two generations“, says Walter Bistika and one realises this fact makes him feel quite sad, „the first generation through expulsion, the second by communist suppression of the Germans.” There are hardly any young people in Metzenseifen, who speak Mantakien anymore. Bistika estimates one- or two hundred. Even though German is a subject at school again, it is a recognized minority by the Slovak state and the Karpathian Germans, both groups provide financial support. Many youngsters leave or are simply not interested in their Mantakian idendity. “Some learn German simply because they might use it“, Bistika says – but hardly anybody is interested in Mantakien anymore. „It could well be that the Mantakien language and identity will cease by 2050“, he remarks and puts the blame on the globalization. „It forms all of us to become equal and robs our cultural characteristics“. Perhaps Bistika really hits the point with his diagnosis.

Garten

It is nearly impossible to find Mantakians, who are younger than sixty years or some, who are young and would call themselves Mantakians. Close to the main square, in a small inn, a couple of men sit together, some ethnical Slovaks and some ethnic Germans, drinking Czech beer and borrowing some money from the barkeeper to play on the slot machine. Some talk Slovakien, some broken German, but nobody talks Mantakien. What the treasure for the old Metzenseifners is – is for these men only a foreign language. Nobody is particularly interested in a Mantikian identity. The barman, Gedeon Silorad, a blond older man, who still speaks Mantakien, points towards the table, excuses himself by twitching his shoulders, as if to say: „That’s how the lads round here are like nowadays.”
The gap between the generations is deep in this small community. It seems, as if the last sixty years have cut every cultural connection between the old and the young, more compared to Austria or Western Europe. Nobody embodies that better than Rudolf Schuster, who completely has absorbed his memories of his youth. His museum could be a monument, dedicated for him and the old people of Metzenseifen. Nevertheless, now his holiday has ended: He again sits in the rear of the limousine, which takes him back to Kosice. The friendly and easily sentimental host becomes the statesman again. Contemplative he looks out of the window, jumping from topic to topic and commentating whatever the Audi passes. Here in this former Slovakian steel factory, he worked a long time on the management floor, he points on an enormous factory area on the right hand side and on which today the nameplate „U.S. Steel“ hangs. After privatisation a third of the staff was rationalized, Schuster explains with bitterness and jumps to the next topic, whereby he interprets this time the left: on Lunik IX, one the largest Sinti and Romanies estates of Slovakia. When he was the mayor of Kosice, he had to put up with much criticism, because he forced the emigration of Romanies from the Kosic town centre to the Lunik IX during communistic times. „However that had to be done“, he confirms. „The Romanies left everything to forfeit. The building structure would have otherwise been completely damaged“. Thank God he decided this during the communist time, when such decisions were comparatively easy, he quickly adds. Slovakia operates under other rules.

Thirty kilometres lie between Metzenseifen and Kosice. They reveal – that modern life, 16 years after the turn, has not entirely reached east Slovakia. You notice a people-mixture, which in former times was the rule in Central Eastern Europe, but today only in certain regions present. The ethnic Germans are only one part of this mixture: After Medzev, Jasov – a place with a minority of Hungarians follows. Further south down the Hungarian border, live Rusyns, an east Slavic ethnic group. The Ethnologists still cannot say clearly whether one can rank them among the Ukrainian or not. In-between are purely Slovakian villages and the Romanises estates – which are clearly more run-down than the rest. Concrete slabs estates, in which the Romanies during communistic times were forced to emigrate. The doors and even the door frames of these buildings are missing, instead you find holes in the brick walls, gapes which still remain due to their demolition. A Romanies girl stretches her fist upwards and sticks her tongue out, as the Audi passes.
The Karpathian Germans are the smallest of all ethnic groups. The only one, which is threatened to extinct. The ex-president had meanwhile arrived for a long time in Kosice one begins preparations for the Palm Sunday in Metzenseifen, where in the catholic church a Mass will take place in German and Slovakian language. The next day Walter Bistika, who also manages the Metzenseifen singing association, will stand on the gallery and sing together with others the church song. „My God, my God, why have you left me?“ He will sing in German. The intercession will follow in Slovakian. After the Mass Bistika comments on the singing association, that it suffers obsolescence and the average age is meanwhile 66 years.

Silorad Gedeon did not attend the Mass. He is waiting for his customers behind the bar. They will visit his inn after the Mass. He is drinking Slivovica and tells an anecdote during his time in Vienna, working as a painter. He sat at the Gürtel close to the Westbahnhof in a cab and with him a colleague. They were chatting in Mantakien, when all of a sudden the cab driver asks: „Are you from Holland?“ The Mantakians answered they were not from Holland. „From Belgium?“ Again: no. „From where are you then?“ Gedeon explaines, they are from eastern Slovakia. The cab driver did not believe them and says: „From Slovakia? But only Russians live there!“ Gedeon smiles about his anecdote, drinks the last sip Slivovica and summarises: „The Viennese. What rotten folk“.

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„Kosovo ist ihr Problem, nicht meins“

Er regiert einen Staat, den es gar nicht gibt. Milorad Dodik ist der Prototyp des balkanischen Politikers des 21. Jahrhunderts. Ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten der bosnischen Serbenrepublik Republika Srpska.

Milorad Dodik

Interview: Joseph Gepp
Fotografie: Privat

Es gibt zwei Generationen von Politikern auf dem Balkan: Die ältere führte das einstige Jugoslawien in den Krieg. Die jüngere müht sich, die Folgen des Krieges durch ständiges Lavieren entlang ethnischer und sozialer Grenzen zu mildern – auch wenn ihre Rhetorik für westliche Ohren mitunter radikal klingt. In jenen Staaten, die zu den Verlierern der Ereignisse der jüngeren Gegenwart zählen – hauptsächlich Serbien, der von Serbien faktisch unabhängige Kosovo und Bosnien-Herzegowina –, fällt dieser Generationswechsel schwerer als am restlichen Balkan, der vom Zerfall Jugoslawiens mehr oder weniger profitiert hat.

Milorad Dodik gehört der zweiten Generation an und regiert in einem der Verliererländer: Er ist Premierminister der „Republika Srpska“, der bosnischen Serbenrepublik, die 1995 im Friedensabkommen von Dayton als eine von zwei bosnisch-herzegowinischen „Entitäten“ (Teilstaaten) konstituiert wurde. Dodik hatte sein Amt zwischen 1998 und 2001 und erneut seit 2005 inne. Er ist Vorsitzender der „Savez Nezavisnih Socijaldemokrata“ (Allianz der unabhängigen Sozialdemokraten, SNSD).

Der 48-Jährige stammt aus Laktasi nahe Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska. Er studierte Politikwissenschaft in Belgrad und war unter Tito in der kommunistischen Jugendorganisation tätig. Im Frühjahr 1992 baute er mit Radovan Karadzic, der heute auf der Fahndungsliste des Kriegsverbrechertribunals von Den Haag steht, das erste Parlament der bosnischen Serben in Pale bei Sarajevo auf. 1994 überwarf er sich mit Karadzic und lief auf die Seite des inzwischen verstorbenen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic über, der im Gegensatz zu Karadzic den aussichtslos gewordenen Bosnienkrieg durch eine Verhandlungslösung beenden wollte – zu dieser Zeit hatte er schon zwei Jahre gedauert.

Gleichzeitig mit seiner politischen Karriere betrieb Dodik in seiner Heimatstadt Laktasi eine lukrative Möbelfabrik und schuf sich während des Krieges – angeblich durch illegalen Benzin- und Zigarettenimport – ein Vermögen. 1995 gründete Dodik seine eigene Partei. Die Mehrheit ihrer Anhänger lebt in Nordbosnien rund um Banja Luka.

Herr Dodik, die US-Regierung will gemeinsam mit einigen europäischen Staaten offenbar um jeden Preis die Unabhängigkeit des Kosovo durchsetzen. Was passiert mit der Republika Srpska, wenn der Kosovo unabhängig wird?

Der Kosovo ist ein schmerzvolles Thema – für alle Serben, egal ob sie in Serbien, der Republika Srpska, den USA oder in Österreich leben. Es gibt keinen einzigen Serben auf der Welt, der den Kosovo nicht als integralen Bestandteil Serbiens begreift. Der Kosovo ist aufgrund seiner Geschichte viel mehr als nur eine serbische Region. Wir schauen uns aus zwei Gründen sehr genau an, was im Kosovo geschieht: Der erste Grund ist emotionaler Natur, und das ist sehr typisch für die serbische Nation. Der zweite ist geopolitischer Natur: Für mich persönlich und für die Regierung der Republika Srpska sollte die Kosovofrage im Rahmen eines Kompromisses zwischen den Serben in Belgrad und den Albanern in Pristina (Hauptstadt des Kosovo, Anm.) gelöst werden, der dann von der UNO abgesegnet wird.

Im Moment sieht es nach allem anderen als einer gütlichen Einigung aus …
Jeder unilaterale Alleingang bedeutet eine langfristige Destabilisierung der Region. Wenn Sie sich den Balkan anschauen, werden Sie feststellen, dass nur wenige Staaten ihre Probleme im Alleingang und ausschließlich innerhalb ihrer staatlichen Grenzen gelöst haben – unter anderem spreche ich von Bosnien-Herzegowina. Sollte der Kosovo daher unabhängig werden, werden sich die bosnischen Serben natürlich fragen: Wenn die Albaner unabhängig werden und ihren Teil Serbiens – den Kosovo – einfach „mitnehmen“, warum dürfen dann die bosnischen Serben nicht auch unabhängig werden? Trotzdem: Wenn die internationale Gemeinschaft eine Unabhängigkeit des Kosovo zulässt und anerkennt, muss die Regierung der Republika Srpska eine solche Entscheidung akzeptieren.

Laut einer Umfrage des Angus Reid Institute, eines kanadischen Think-Tanks, wollten im Juli vergangenen Jahres 62 Prozent der bosnischen Serben die Unabhängigkeit der Republika Srpska, wenn der Kosovo unabhängig wird. Sie werden dieser Forderung eines Großteils ihrer Bürger demnach nicht entsprechen?

Das hängt davon ab, wie sich die Realverfassung von Bosnien-Herzegowina entwickelt: Wenn die Republika Srpska weiterhin als teilunabhängige Entität innerhalb Bosniens bestehen bleibt, werden wir auch keine Loslösung vom Gesamtstaat betreiben. Sollte der Vertrag von Dayton jedoch in Richtung eines starken Gesamtstaats revidiert werden, dann fühlen wir uns auch nicht mehr an diesen Vertrag gebunden – in diesem Fall ist alles möglich, sogar ein Kampf für die Unabhängigkeit. Ich glaube aber, dass die Republika Srpska und ihre Unabhängigkeit als Entität innerhalb Bosniens auch künftig akzeptiert werden wird, und entsprechend werden wir dem bosnischen Gesamtstaat auch antworten.

In Ihrem Wahlkampf vor zwei Jahren haben Sie sich noch radikaler angehört. Sie sagten, im Fall einer Unabhängigkeit des Kosovo würden Sie auch für die Unabhängigkeit der bosnischen Serben eintreten – und eine Volksabstimmung abhalten lassen. Gilt dieses Versprechen nicht mehr?

Ob absichtlich oder nicht, die Medien haben manche Aussagen meiner Wahlkampagne falsch interpretiert: Ich habe eine Volksabstimmung in der Republika Srpska zur Loslösung von Bosnien angekündigt, weil ein radikaler muslimischer Politiker namens Haris Silajdzic davor in seinem Wahlkampf dasselbe getan hat. Diese Aussage von mir sollte allerdings nur für den Fall der Entwicklung eines starken bosnisch- herzegowinischen Gesamtstaats gelten. In diesem Fall kann niemand den Serben vorschreiben, in welchem Staat sie leben wollen – übrigens genauso wenig wie den Kroaten und den (muslimischen, Anm.) Bosniaken. Abgesehen davon hat eine derartige Wahlkampfrhetorik recht wenig mit dem Thema Kosovo zu tun: Dass manche Leute in Bosnien immer die mögliche Unabhängigkeit des Kosovo mit der Gefahr einer Destabilisierung unseres Landes verbinden, ist ihr Problem – und nicht meins.

Sollte der Fall einer Trennung der Republika Srpska von Bosnien-Herzegowina tatsächlich eintreten – wird sie gänzlich unabhängig oder ein Teil Serbiens?

Über dieses Problem denke ich nach, falls es tatsächlich so weit kommen sollte. Momentan tendiere ich eher zu einer unabhängigen Republika Srpska.

Könnte eine unabhängige Republika Srpska der EU beitreten?

Eine unabhängige Republika Srpska kann es nur unter zwei Voraussetzungen geben: Erstens muss der freie Willen des Volkes die Unabhängigkeit befürworten, zweitens muss die internationale Gemeinschaft die Unabhängigkeit anerkennen. Sind diese beiden Voraussetzungen erfüllt, könnte eine unabhängige Republika Srpska natürlich auch der EU beitreten.

Kommen wir zur bosnisch-herzegowinischen Gegenwart: Das letzte Wort bei fast allen Entscheidungen in Bosnien-Herzegowina hat nach wie vor die internationale Gemeinschaft – in Person des Deutschen Christian Schwarz-Schilling, des Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina mit Sitz in Sarajevo. Was halten Sie von ihm?

Grundsätzlich ist Christian Schwarz-Schilling ein fähiger, gerechter und vernünftiger Mann. Im Unterschied zu seinen Vorgängern (darunter der Österreicher Wolfgang Petritsch, heute UNO-Botschafter in Genf, Anm.) legt er ein gewisses Verständnis dafür an den Tag, wie die Dinge in Bosnien-Herzegowina ablaufen. Lokale Politiker dürfen beispielsweise untereinander eigenmächtige Verhandlungen führen. Manche werfen Schwarz-Schilling zwar vor, er sei nicht rigide genug und nutze die Macht, die ihm die Internationale Gemeinschaft verleiht, nicht im vollen Maß aus. Ich finde, gerade das macht die Qualität Schwarz-Schillings aus. Er versteht, was seine Vorgänger nicht verstehen konnten oder wollten: Die sanfte, unerzwungene Annäherung der Volksgruppen kann als Einziges die funktionelle Basis dieses komplizierten Staates sein.

In Zukunft wird der Posten des Hohen Repräsentanten von einem Vertreter der Europäischen Union eingenommen werden. Bedeutet das weniger Einfluss der Internationalen Gemeinschaft auf die Entwicklung in Bosnien-Herzegowina?

Zumindest bedeutet das, dass die Staaten der EU Bosnien-Herzegowina eher als Partner ansehen werden. Momentan ist Bosnien-Herzegowina de facto ein Protektorat der Internationalen Gemeinschaft, der Hohe Repräsentant darf sogar Wahlergebnisse abändern. Sie müssen zugeben, dass das alles andere als demokratisch ist. Trotzdem haben die Hohen Repräsentanten viele gute Dinge in Bosnien getan, insbesondere in den ersten Jahren nach Kriegsende. Auf der anderen Seite gab es weitgehende und unnötige Eingriffe in den Volkswillen, deren negative Konsequenzen wir bis heute spüren. Ich glaube, dass fünfzehn Jahre nach Kriegsende die Zeit gekommen ist, die Verantwortung zu den lokalen, bosnisch-herzegowinischen Politikern zu transferieren. Jedes ausverhandelte Ergebnis unter Lokalpolitikern ist wertvoller als eine oktroyierte Entscheidung der Internationalen Gemeinschaft.

Bosnien-Herzegowina ist als Staat zweigeteilt und praktisch funktionsunfähig. Als westlicher Beobachter hat man den Eindruck, dass jede Entwicklung in Bosnien nur durch den Druck der Internationalen Gemeinschaft zustande kommt. Warum funktioniert das System in Bosnien nicht?

Bosnien-Herzegowina hat eine sehr komplizierte Realverfassung. Sie funktioniert nicht, weil diese Struktur zu komplex und die Verhältnisse der Volksgruppen untereinander historisch zu belastet sind. Schauen Sie sich die beiden Entitäten an: Die kroatisch-muslimische Föderation hat zehn Kantone mit jeweils einer Regierung und Dutzenden von Ministern. Das ist eine komplizierte, teuere und funktionsunfähige Struktur. Auf der anderen Seite gibt es die Republika Srpska ohne Kantonsregierungen und mit nur sechzehn Ministerien. Wäre die Föderation auf dieselbe Art organisiert wie die Serbenrepublik, hätten wir weniger Probleme. Unabhängig davon bin ich ein Pragmatiker, in der Politik wie im Privatleben: Ich würde gerne in einem anderen Bosnien-Herzegowina leben, aber das ist derzeit nicht möglich.

In andere multinationalen Staaten, in denen zwei oder mehr Volksgruppen die Mehrheit bilden, funktioniert es – schauen Sie sich die Schweiz oder Belgien an. Was ist der Unterschied zwischen diesen Staaten und Bosnien-Herzegowina?

Genau eine Struktur wie in der Schweiz habe ich vorgeschlagen, als wir vor fünfzehn Jahren mit den anderen Volksgruppen die Nachkriegsordnung für Bosnien verhandelten. Bei unseren Partnern in Sarajevo ist dieser Vorschlag allerdings nicht durchgegangen. Ein Beispiel ist die Polizeireform, die für die EU eine Voraussetzung für ein mögliches Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen mit Bosnien-Herzegowina ist. Das Ziel war eine Gesamtpolizei für beide Entitäten – aber in der Schweiz beispielsweise hat jeder Kanton seine eigene Polizei. Ich sehe nicht ein, warum die Republika Srpska als eigene Entität keine eigene Polizei haben soll. In anderen multi-nationalen und demnach komplex strukturieren europäischen Staaten sind solche Probleme ganz anders angegangen worden als in Bosnien. Ich glaube, dass die EU und die USA unsere Gründe verstehen werden, weil andere – funktionierende – Staaten eben jenen Weg gegangen sind, den wir auch gehen wollen – der Weg, der aus der Einsicht resultiert, dass sich Zentralismus in Bosnien nicht durchsetzen lässt.

Im Februar 2007 hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag entschieden, dass das Massaker von Srebrenica völkerrechtlich als Genozid gilt. Im Juli 1995 haben serbische Freischärler in Srebrenica tausende Bosniaken umgebracht. Srebrenica liegt heute in der Republika Srpska, die zurückgekehrten muslimischen Einwohner der Stadt wollen aber direkt dem bosnisch-herzegowinischen Gesamtstaat unterstellt werden. Halten Sie diese Forderung für gerechtfertigt?

Srebrenica ist eine große Tragödie, die uns auf traurige und quälende Weise in die Pflicht nimmt. Die Republika Srpska akzeptiert die Entscheidung des Gerichtshofs und wir reagieren darauf, indem wir uns bemühen, die wirtschaftliche und soziale Vorkriegsstruktur in Srebrenica wieder herzustellen. Was wir tun jetzt können, ist nur, den einstigen Opfern ein besseres Leben zur Verfügung zu stellen. Aber was man wissen sollte: In Srebrenica und seiner Umgebung wurden auch 3.000 Serben umgebracht, der bosniakische Kommandant der Verbrechen stand deshalb vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (Es handelt sich dabei um Naser Oric. Vor der Eroberung der Stadt durch die Serben war er Kommandant der bosniakischen Streitkräfte und hat in dieser Funktion laut Haager Staatsanwaltschaft Angriffe auf mindestens fünfzig umliegende serbische Dörfer befohlen. Er wurde 2003 von SFOR-Soldaten verhaftet und unter anderem wegen mehrfachen Mordes und grausamer Behandlung zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, Anm.) Unglücklicherweise kam diese Nachricht in den internationalen Medien kaum vor. Ich will mit dieser Bemerkung nichts rechtfertigen, denn jemanden umzubringen ist das schlimmste Verbrechen der Welt – aber ich will sagen, dass alle Seiten Verbrechen begingen, und die Leute, die heute nach ihrer Flucht nach Srebrenica zurückkehren, gehören allen Volksgruppen an.

Aber was tut ihre Regierung konkret für den Wiederaufbau und die Menschen in Srebrenica?

Die Regierung der Republika Srpska wird mit Jahresende 2007 sechzehn Millionen Konvertible Mark (8,1 Millionen Euro) in Srebrenica investieren, hauptsächlich für Infrastrukturprojekte. Wir wollen außerdem ein Zentrum für gewaltfreie Kommunikation gründen und gezielt Bosniaken in die Polizei der Republika Srpska aufnehmen.
Allerdings: Was gewisse Politiker in Srebrenica zur Rückkehr unter die direkte Autorität des bosnischen Gesamtstaats sagen, beruht auf Manipulation aus Sarajevo. Das ist Manipulation der übelsten Sorte, denn diese Menschen haben schon genug gelitten. Sie sollten wissen, dass in den vergangenen Jahren hunderte Millionen Konvertible Mark an Spenden- und Steuergeldern in Srebrenica investiert wurden. Wenn sie allerdings nach Srebrenica fahren, dann werden Sie bemerken, dass die Stadt ausschaut, als wäre kein einziger Pfennig investiert worden. Wir fragen uns, was mit dem Geld passiert ist. Warum leben die bosniakischen Lokalpolitiker, die in Srebrenica regieren, nicht selbst in Srebrenica, sondern kommen zur Arbeit aus anderen Städten – und das übrigens nicht einmal täglich?
Um zum Ausgangspunkt Ihrer Frage zurückzukommen: Srebrenica bleibt Teil der Republika Srpska.

Die beiden prominentesten bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher allerdings, Radovan Karadzic und Ratko Mladic, sind nach wie vor flüchtig. Es wird auch immer wieder darüber spekuliert, dass sie sich in der bosnischen Serbenrepublik aufhalten…

Ich bin unbedingt dafür, dass Kriegsverbrecher – egal, wie sie heißen und welcher Volksgruppe sie angehören –vor Gericht gestellt werden sollten, in Den Haag oder anderswo. Das war schon immer und ist bis heute meine Meinung. Es frustriert mich, dass die schlimmsten Kriegsverbrecher noch immer nicht in Haft sind. Ich sage immer, dass ich– wenn ich wüsste, wo sie sich aufhalten – sie persönlich einsperren würde. Unglücklicherweise wissen weder ich noch die Polizei der Republika Srpska noch die Zentralregierung in Sarajevo noch die EUFOR-Einheit („European Force“, ein etwa 6.000-Mann-starkes Kontingent an EU-Soldaten in Bosnien-Herzegowina, Anm.), wo sie sind.

Wird Bosnien-Herzegowina jemals der EU beitreten?

Ginge es nach mir, dann muss Bosnien niemals der EU beitreten. Aber ich will, dass die europäischen Standards und Werte auch von Bosnien-Herzegowina übernommen werden.

Erschienen im DATUM 7-8/2007

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Gulaschfaschisten

Ungarn. Die Gründung der rechtsextremen „Ungarischen Garde“ sorgt international für Aufsehen – im Land selbst wird sie von manchen etablierten Politikern begrüßt.

Von Joseph Gepp, Budapest

Einen Volkstribun stellt man sich eigentlich anders vor: Mit seinen kurz geschnittenen, leicht gegelten Haaren und den unauffälligen Streifen am Hemd wirkt der 29-jährige Gábor Vona wie ein Wirtschafts-Student im letzten Semester. Der Gründer jener rechtsextremen „Ungarischen Garde“, die seit Ende August für internationales Aufsehen sorgt, spricht fast schüchtern, und mit den Ausdrücken, die er normalerweise in seinen Reden und Pamphleten verwendet – beispielsweise „Ungartum“, „Selbstverteidigung“ und „nationales Erwachen“ – hält er sich im profil-Interview zurück.
„Wir lehnen den Rechtsstaat nicht ab, aber wir wollen eine wahre Demokratie errichten“, sagt er – denn das sei Ungarn auch 17 Jahre nach der Wende noch nicht. Die kleine Zentrale von Vonas Jobbik-Partei („Bewegung für ein besseres Ungarn“) liegt in Neu-Buda, dem größten Bezirk Budapests. Einzig die pompöse Fahne des mittelalterlichen ungarischen Königreichs, die in der Ecke des voll gestellten Raums steht, zeugt von der ideologischen Ausrichtung der Partei. Gabór Vona ist sichtlich um Deeskalation bemüht. „Die Ungarischen Garde ist harmlos“, meint er, die aktuelle Kontroverse wäre von den Medien aufgeblasen und entstellt worden: „Wir sind eine zivile Organisation. Wir wollen in erster Linie alte Denkmäler pflegen und das ungarische Kulturerbe pflegen.“ Warum dann die militärische Anmutung, die Uniformen, das Marschieren in Reih und Glied und die gestreiften Wappen auf den Käppis? „Das dient in erster Linie dazu, die Jugend zu begeistern.“

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Jobbik-Parteizentrale in Neu-Buda

Am Samstag, 25. August, als die Garde auf der Budaer Burg vereidigt wurde, sah die ganze Sache nicht so harmlos aus. Denkmalpflege hatten wohl die wenigsten der etwa 3.000 rechtsextremen Zuschauer im Sinn, die „Hungaria“ skandierten und die Nationalfahne schwangen. Die ersten 56 Gardisten – ihre Anzahl sollte an 1956, das Jahr des antikommunistischen Volksaufstands, erinnern – waren angetreten, um „das völkische Erbe zu bewahren und das Land im Ernstfall zu verteidigen“.

Paramilitärische Einheit. Die Bilder der Marschierenden lösten im In- und Ausland heftige Reaktionen aus. Von der Gründung einer „paramilitärischen Einheit“, die „antisemitisch“ und „neo-faschistisch“ sei, schrieb etwa die Online-Ausgabe des „Spiegel“. Gábor Vona stand auf dem Podest und hielt eine Brandrede, deren Diktion sich von den Aussagen im profil-Interview deutlich unterschied: „Wie viele Lügen, Hass, bolschewistische Tricks und Hürden mussten wir überwinden, um nun gemeinsam hier zu stehen“, sagte er: „Wer die Garde bespuckt, bespuckt ganz Ungarn.“
Die Gardisten tragen schwarze Gilets über weißen Hemden, schwarze Käppis, schwarze Hosen und lederne Stiefel. Ihre Aufmachung weckt so manche böse Erinnerung: Der linke Philosoph Gáspár Miklós Tamás spricht gar von einer „ungarischen SS“: „Die Ungarische Garde ist die paramilitärische Organisation einer faschistoiden Partei“, meint er. Andere stört das Wappen auf Kappenschirmen und Gilets: Das rot-weiß-gestreifte Symbol wurde zwischen 1937 und 1945 in ähnlicher Form auch von den Pfeilkreuzlern, den ungarischen Nationalsozialisten, verwendet. „Ein alter Mann, der vielleicht noch den Holocaust miterlebt hat, merkt nicht den Unterschied zwischen einem Pfeilkreuzler und einem Mitglied der Ungarischen Garde, wenn er heute einen Gardisten auf der Straße sieht“, sagt ein junger Aktivist der Allianz der freien Demokraten, der liberalen Regierungspartei. Ungarische Juden, die den Holocaust überlebt haben, schüchtert das Auftreten der Garde nun ein. Der Jüdische Weltkongress hat bereits in einem Brief an den sozialistischen Premierminister Ferenc Gyurcsány seine Sorge geäußert.

Schießübungen fürs Volk. Im Gespräch mit profil versuchen sich die Speerspitzen der Garde harmlos zu geben. Man wolle beispielsweise ehrenamtlich Kinderspielplätze renovieren und Pflanzen ausrotten, deren Pollen den Ungarn Allergien bereiten würden, sagt András Bencsik, Herausgeber und Chefredakteur eines Wochenmagazins namens „Magyar Demokrata“, das er selbst als „temperamentvoll rechts“ bezeichnet. Bencsik entwarf die Uniformen und ist einer der Mitbegründer der Garde. „Die Ungarische Garde ist definitiv keine paramilitärische Organisation.“ Warum sollen – bei all diesen friedlichen Absichten – die Gardisten, wie kolportiert, auch Schießübungen durchführen? „Die offizielle ungarische Armee ist sehr schlecht ausgestattet. Sollte es wirklich einmal zum Kriegsfall kommen, dann wird ihr die Garde zur Seite stehen“, erklärt Bencsik. Aber die Vaterlandsverteidigung sei nur ein sekundäres Ziel: „Hauptsächlich wollen wir der ungarischen Jugend durch lauteren Lebenswandel ein Vorbild sein.“ Zum Beispiel mit gemeinsamen Blutspende-Aktionen, denn: „Unsere Krankenhäuser haben zu wenig Blut.“

Und moralisch verlottert sei es obendrein. „Unser Premierminister hat mit Lügen die Wahl gewonnen und ist in der kommunistischen Parteijugend groß geworden“, erregt sich Bencsik: „In Ungarn hat nie eine wirkliche Wende stattgefunden. Es ist Zeit für einen Wechsel an der Staatsspitze.“

Die Gründung der Garde ist der bislang letzte Schritt in der Entwicklung einer ungarischen Rechten, die sich im Aufwind befindet, seitdem Ferenc Gyurcsány im September 2006 in einer an die Öffentlichkeit gelangten parteiinternen Rede eingestanden hatte, „das Volk belogen“ zu haben und statt der versprochenen erhöhten Sozialleistungen einen rigiden Sparkurs ankündigte. Die folgenden gewaltsamen Anti-Regierungs-Proteste schufen eine radikale Stimmung, die von der großen rechtskonservativen Oppositionspartei Fidesz zusätzlich angeheizt wurde. Seitdem führt Fidesz in allen Umfragen – und kokettiert durchaus auch mit Jobbik und dem radikaleren Teil des rechten Spektrums.

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Gábor Vona

Nähe zu Fidesz. Gábor Vona selbst begann seine Karriere in einer Fidesz-nahen Jugendorganisation. „Jobbik wäre durchaus bereit, mit Fidesz eine Koalition zu bilden – sofern wir in einer solchen nicht untergehen“, sagt er. Viktor Orbán, Fidesz-Vorsitzender und Ex-Premierminister (1998 bis 2002), lässt das Angebot jedoch zurückweisen: „Die Ungarische Garde spielt nur unseren Gegnern in die Hände. Wir lehnen sie ab“, sagt Fidesz-Pressesprecher Peter Szijjarto.

Allerdings: Fidesz und Jobbik haben mehr gemeinsam, als Szijjarto eingestehen will. Beide Parteien teilen die radikale Diktion im Kampf gegen die Sozialisten. Orbán verkündete nach Gyurcsánys „Lügenrede“, er wolle den Premier und sein Kabinett „verjagen“ – ähnliche Töne hört man auch aus der kleinen Jobbik-Parteizentrale in Neu-Buda. In Leopoldstadt, dem fünften Budapester Bezirk, bilden Fidesz und Jobbik bereits seit einem Jahr eine Koalition im Bezirksrat. Einer Umfrage zufolge können sich fünfzehn Prozent der Ungarn mit den Zielen der Garde identifizieren – diese Salonfähigkeit der Rechtsextremen macht sich auch Fidesz zunutze: Bei der Angelobung der Ungarischen Garde am 25. August stand Maria Wittner – als, wie sie selbst sagt, „Fahnenmutter“ – am Podest. Die 70-Jährige war nach dem Volksaufstand 1956 nur knapp der Hinrichtung entkommen und sitzt heute für die Fidesz-Fraktion im Parlament.

Geschichte

Trauma von Trianon

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ungarn gedrittelt

„Seit der Teilung Polens sind die Großmächte mit keinem Staat Europas so unbarmherzig und ungerecht umgegangen wie mit dem historischen Ungarn.“ Dieser Satz stammt von jemanden, dem man wahrlich keinen nationalen Chauvinismus unterstellen kann: Paul Lendvai. Der Frieden von Trianon raubte Ungarn im Jahr 1920 zwei Drittel seiner Fläche und Einwohner, die Grenze verlief mitten durch geschlossen ungarisches Siedlungsgebiet. Millionen ethnischer Ungarn wurden zu Staatsbürgern Rumäniens und der damaligen Staaten Jugoslawien und Tschechoslowakei. Sogar ein anderer Verliererstaat des Ersten Weltkriegs bekam ein Stück vom ungarischen Kuchen: Österreich, dem das kleine Burgenland (ohne Ödenburg) zufiel. Der Frust über Trianon bildete die politische Grundlage der Pfeilkreuzler, der ungarischen Nazis, und ist bis heute das Trauma Ungarns – vor allem der Rechten, die das Wahlrecht und die Staatsbürgerschaft für die Auslandsungarn fordert und den Vertrag von Trianon für Propagandazwecke instrumentalisiert.

Erschienen im Profil 36/2007

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Heimkehr nach Mantakien

IN EINEM DORF IN DER ÖSTLICHEN SLOWAKEI LEBEN BIS HEUTE 500 DEUTSCHSTÄMMIGE – DIE LETZTE HOCHBURG EINER STERBENDEN KULTUR. UNTER DEN LETZTEN IHRER ART FINDET SICH EIN FRÜHERER STAATSPRÄSIDENT, DER ES NIE GANZ GESCHAFFT HAT, VON SEINER HEIMAT LOSZUKOMMEN.

Von Joseph Gepp

Gerade so, dass die Reifen nicht quietschen, bremst der Chauffeur die schwarze Audi-Limousine von 120 auf Null hinunter. Ziemlich schnell und mitten im Ortsgebiet. In jedem anderen Dorf würden jetzt die alten Frauen des Dorfes durch die Blumenstickmuster ihrer Vorhänge auf die Straße lugen und sich fragen, wer denn der hohe Gast sei, dem der Chauffeur da gerade so dienstbeflissen die Tür aufmacht. Aber nicht hier, in Metzenseifen, wo man Rudolf Schuster kennt: Er ist der ehemalige Präsident des Landes. Er kommt hin und wieder vorbei, in letzter Zeit mehr als früher, denn er stammt von hier – aus dieser letzten Straße, in der das Dorf Medzev noch bei seinem alten deutschen Namen genannt wird: Metzenseifen.

Rudolf Schuster ist der berühmte Sohn des Ortes. Der, der es hinaus geschafft hat, in das, was die alten Metzenseifnerinnen die weite Welt nennen: zuerst in die Kreisstadt Košice als Bürgermeister, dann nach Kanada als slowakischer Botschafter, schließlich nach Bratislava als Staatspräsident. Heute ist er in sein Heimatdorf zurückgekehrt, um das alte Haus seiner Eltern zu besuchen, in dem er sich nach deren Tod ein kleines Privatmuseum eingerichtet hat. Es ist eine Reminiszenz an alles, was er in seinen 73 Lebensjahren an Erinnerungswertem erfahren hat: ein Foto von seinem Besuch bei George W. Bush im Oval Office während seiner Zeit als slowakischer Staatspräsident; eine Handfilmkamera der Roten Armee aus dem Zweiten Weltkrieg, die er einmal vom ehemaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma geschenkt bekommen hat; die Kutsche eines reichen Metzenseifner Bürgers, in der er als Kind einmal verbotenerweise hinten mitgefahren ist – und dafür eine saftige Watschen vom Kutscher kassiert hat. Jetzt steht er im Stadl des elterlichen Bauernhauses, gerührt inmitten all seiner Erinnerungen, und meint, dass seine Karriere eigentlich nur durch eine Reihe von glücklichen Zufällen möglich wurde. Zufälle, die dazu führten, dass er am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 nicht in den Westen vertrieben wurde wie fast alle anderen, die deutschstämmig waren. Dass er einer von damals etwa 600 Metzenseifnern war, die bleiben konnten.

Rudolf Schuster
Rudolf Schuster

Heute leben noch ungefähr fünfhundertzwanzig Deutschstämmige in Metzenseifen. Sie sprechen Mantakisch, einen alten deutschen Dialekt. Zumindest die Alten. Metzenseifen ist die Gemeinde mit der höchsten Anzahl an Deutschstämmigen in der Slowakei, obwohl sie unter den etwa 3.500 Einwohnern der Gemeinde, hauptsächlich Slowaken, nur eine Minderheit stellen. Früher war der Ort zur Gänze deutschstämmig. Bis 1945 aus Metzenseifen Medzev wurde, und aus der deutschstämmigen Kultur in der Slowakei weitgehend Geschichte. Im Jahr 1880 waren noch dreizehn Prozent der Bewohner der heutigen Slowakei Karpatendeutsche gewesen, 1947 war es dann etwas mehr als ein halbes Prozent. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2001 bekannten sich nur noch 0,1 Prozent zu ihrer Herkunft – 5.500 Personen in der gesamten Slowakei. Der größte deutsche Ort, Metzenseifen, liegt ganz im Südosten des Landes, nahe der ukrainischen und ungarischen Grenze, etwa dreißig Kilometer von der zweitgrößten slowakischen Stadt, Košice, entfernt. Jener Stadt, der Rudolf Schuster lange Zeit als Bürgermeister vorstand, bevor er 1999 slowakischer Staatspräsident wurde.

Er war einer von denen, die bleiben durften. Es war es eine Reihe von drei glücklichen Zufällen, der er das zu verdanken hat. „Dreimal sind die Soldaten gekommen, um mich und meine Familie wegzuschleppen“, sagt er. Dreimal entwischten die Schusters. Das erste Mal im Jahr 1944, als die Nazis kamen, um die deutschstämmigen Metzenseifner ins Reich heimzuholen. „Mit siebzig Lastwägen haben die Deutschen den Ort umstellt“, erzählt Schuster, „und dann gingen die Soldaten von Haus zu Haus und zwangen jeden Bewohner auf die Ladeflächen.“ Er entkam, weil seine Mutter rechtzeitig mit ihm zur ungarischen Tante geflohen war. Der Vater versteckte sich währenddessen in der Schaufel eines Mühlrads. Und dann, als die Nazis abgezogen waren, kamen die Sowjets. „Sie brachten eine Liste von Personen, die zur Deportation nach Sibirien vorgesehen waren. Die mussten sich am Hauptplatz zusammenfinden, wurden vorgeblich zum Arbeitsdienst eingezogen.“ Die meisten von ihnen kamen nie mehr zurück. Doch Rudolf Schuster hatte auch beim zweiten Mal Glück, denn sein Name fand sich nicht auf der Liste: „Mein Bruder hat im Krieg die kommunistischen Partisanen unterstützt und genoss dadurch die Protektion der Roten Armee“, sagt er. Schlussendlich kam dann die tschechoslowakische Armee, um die Beneš-Dekrete zu exekutieren. Nach allen Gräueln, die die Nationalsozialisten im besetzten Tschechien verübt hatten, beschloss Staatspräsident Edvard Beneš nach Kriegsende 1945 die vollständige Vertreibung der deutschen Minderheit aus der neuen Tschechoslowakei. Die Häuser der Metzenseifner wurden plombiert; ihre Bewohner mussten sich in der Dorfschule zum Abtransport sammeln. 25 Kilo Gepäck pro Person waren erlaubt. Die Familie Schuster brauchte aber nicht mitzugehen, weil die Mutter perfekt Ungarisch sprach und bei einem ungarischen Arzt in Košice ein Attest erwirken konnte, das ihr wegen ihres Herzfehlers Transportunfähigkeit bescheinigte.

Irgendwann zog auch die tschechoslowakische Armee wieder ab, die Familie Schuster war geblieben. Dreimal war sie in die Läufte der Weltgeschichte geraten, dreimal hatte sie den Vertreibungsversuchen widerstanden. Nun waren sie zu Tschechoslowaken geworden – geduldet vom kommunistischen Regime unter der stillschweigenden Bedingung, dass sie ihre deutschen Wurzeln nicht offensiv an den Tag legten. Am Besten sollten sie ganz auf ihre Herkunft vergessen.

Doch sie vergaßen nicht: Sie arrangierten sich mit der neuen Tschechoslowakei, wurden Kommunisten und Patrioten. Aber wenn Schuster heute durch die Räume seines Elternhauses geht, sich wehmütig und stolz immer wieder in den Details seiner Kindheit und Jugend verliert, dann merkt man, wie wichtig ihm seine Herkunft ist. Ein Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert, eines von vielen, die aufgefädelt entlang der Hauptstraße stehen, nur etwas schöner renoviert als die anderen.

Metzenseifen
Grundstraße

Metzenseifen sieht aus wie fast jede kleine, ländliche Gemeinde zwischen dem östlichen Rand der Alpen und dem Ural: Langgestreckt und schmal liegt sie zwischen zwei Hügelketten. Niedrige, aneinandergereihte Bauernhäuser, die mit jeweils einem Eingangstor und einigen kleinen Fenstern versehen sind und einfacher und kleiner werden, je weiter man sich vom Zentrum entfernt. Sie säumen auch die von der Hauptstraße abzweigende zweite wichtige Straße es Ortes, die Grundstraße. Ein kleiner, von Kräutergärtchen und Blumenbeeten gesäumter Bach teilt die Grundstraße in zwei parallele Fahrstreifen, so, wie es auch in vielen ostösterreichischen Ortschaften zu sehen ist. Vorbei am schmiedegitterumstandenen Hauptplatz und der katholischen Kirche führen die Straßen zum heruntergekommenen Stadtrand, und erst hier bemerkt man, dass man sich im ehemaligen Ostblock und nicht etwa im Burgenland oder Marchfeld befindet. Neben ein paar kleinen Plattenbausiedlungen und stillgelegten Fabriken leben die Roma des Ortes in baufälligen Häusern und Wellblechhütten. Hin und wieder kommen sie mit ihren pferdebespannten, altmetallbeladenen Leiterwägen in den Ortskern. Zwei Welten treffen dann aufeinander und viele Zerrissenheiten der osteuropäischen Gesellschaft im Jahr 18 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werden deutlich, wenn die ungepflegten Vollblutpferde an den westlichen Autos und den hübschen Bauernhäusern der Deutschstämmigen vorbeitrotten. Eine Pestsäule steht am Hauptplatz vor der Kirche, der Kopf einer ihrer barocken Statuen fehlt.

Die deutschstämmigen Metzenseifner gehören einer langsam aussterbenden Gemeinschaft an. Die Jungen sprechen und denken immer mehr Slowakisch. Die Alten, die noch Mantakisch sprechen, widmen sich hauptsächlich der Gedächtnispflege. Vielleicht soll das übermächtige Bewusstsein der eigenen Kultur deren nahenden Untergang hinauszögern, in Zukunft zumindest die Erinnerung konservieren. Die Isolation vom restlichen deutschen Sprachraum hat ein übersteigertes Interesse an der eigenen Identität zur Folge – und so wird jeder Metzenseifner fast notgedrungen zum Heimatforscher. So wie Rudolf Schuster. Oder der 77-jährige Walter Bistika. Er steht der „Karpatendeutschen Begegnungsstätte“ vor: das Vereinslokal der Deutschstämmigen, ein Bauernhaus, direkt neben jenem von Schusters verstorbenen Eltern gelegen. Dort treffen sich die Deutschstämmigen jeden Sonntagmittag nach der Messe. Heute sind es fünf Herren, alle weit jenseits der sechzig, die beisammenstehen und Billard spielen, eine halbe Flasche Slivovica aus Plastikstamperlgläsern trinken und in der Folge viel lachen, weil sie sich mittlerweile doch recht viel zu erzählen haben. Daneben steht Bistika, hochgewachsen und eine Spur bürgerlich-distinguierter als der Rest der Gesellschaft. Bevor er in Pension ging, war er Buchhalter, doch sein wahres Interesse galt immer seiner Metzenseifner Heimat.

Er erzählt aus der Geschichte des Ortes: Zwei Wellen deutsche Besiedlung hätte es hier, in der Zipser Region, wo Metzenseifen liegt, gegeben, beide im Spätmittelalter. Die Einwanderer seien vor allem aus den überbevölkerten Regionen Westdeutschlands gekommen, und dementsprechend sei der Dialekt der Metzenseifner – das Mantakische – auch eine Mischung einiger westdeutscher Idiome, mit ein paar slawischen und ungarischen Einflüssen. Mantakisch ist vom Hochdeutschen gefühlsmäßig so weit weg, dass man es kaum noch versteht. Die Sprache klingt so, als würde ein Schweizerdeutscher versuchen, Flämisch zu sprechen – ohne seinen starken Schweizer Akzent verbergen zu können. „Der Name der Sprache, ist eigentlich durch ein Missverständnis entstanden“, erzählt Bistika. „Die Metzenseifner sind immer auf ungarische Märkte gefahren, um dort die Erzeugnisse des Dorfes zu verkaufen. Viele haben nicht gut Ungarisch gesprochen, und beim Gespräch mit ihren ungarischen Kunden haben sie sich immer gegenseitig gefragt: ‚Wås moant a?’ Die Ungarn haben das gehört, und diese Phrase ist so oft gefallen, bis die Ungarn das ‚wås’ weggelassen und ihre Lieferanten in einer Abwandlung dieses Satzes als ‚Mantaken’ bezeichnet haben. Später haben die Mantaken diese Fremdbezeichnung übernommen.“ Acht Kilometer weiter, in Stoß, dem nächsten Ort mit einer starken deutschen Minderheit, spreche man übrigens Potokisch, weiter im Norden der Zips dann Unsrisch, sagt Bistika. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass jede Gemeinschaft von einigen hundert Menschen ihre eigene Sprache spricht.

„Hier in Metzenseifen sagen wir beispielsweise: ‚Wårt a bissl!’ In Stoß sagen die Deutschsprachigen ‚Hårt a bissl!’. Durch die jahrhundertelange Isolation vom restlichen deutschen Sprachraum hat sich jede lokale Besonderheit erhalten“, sagt auch Rudolf Schuster, während er durch den Garten spaziert, der sich hinten an den Stadl des elterlichen Hauses anschließt. Ein kleiner Holzpavillon steht dort, daneben ein Biotop mit Goldfischen. In den Pavillon pflegte Schuster während seiner Zeit als Präsident ausländische Staatsgäste einzuladen und ihnen dort mit Essen und Trinken aufzuwarten. Heute scheint das weit weg: Er erspäht seinen Nachbarn auf der anderen Seite des Gartenzauns, beginnt mit ihm einen freundschaftlichen Plausch auf Mantakisch. Zwei alte Herren, die sich seit langem kennen; wäre nicht Gartenzaun zwischen ihnen, würden sie sich wahrscheinlich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Der Wechsel vom Staatsmann zum Hausbesitzer, der joviale Gespräche mit seinem Nachbarn führt, erfolgt bei Rudolf Schuster fast zu schnell, um ihn nachvollziehen zu können. In diesem Garten schwindet die Aura des Staatsmanns, die Distanz zu anderen Menschen fällt. Der Audi vor dem Tor ist weit weg. Rudolf Schuster geht in diesem Umfeld auf, wird ganz Metzenseifner. Und irgendwie auch nicht: Sein teurer Anzug, der lange schwarze Mantel, der sorgfältig gebundene Krawattenknoten, schließlich der Leibwächter, der zehn Meter entfernt steht, und, die Hände am Rücken verschränkt, misstrauisch auf die Szene blickt, erinnern immerzu an die Rolle Schusters außerhalb Metzenseifens. Im Rest der Welt.

Je länger sich Rudolf Schuster in seinem Garten aufhält, desto mehr deutschstämmige Metzenseifner kommen. Der Audi scheint sich herumgesprochen zu haben. Schuster unterhält sich mit allen auf dieselbe Art. Er deutet auf das Biotop und erzählt, dass die Goldfische Junge bekommen hätten. „Ihre Heimat hatten die Metzenseifner hier“, sagt er über die Leute, die 1945 weg mussten, „und dass sie vor Jahrhunderten einmal aus Deutschland kamen, bedeutete noch lange nicht, dass sie weg wollten.“ Ihm wäre es damals schwer gefallen, diesen Ort zu verlassen. Rudolf Schuster hängt an Metzenseifen. Er spricht vom rhythmischen Ton der Schmiedehämmer, die auf ihre Ambosse schlugen. Die Eisenwarenerzeugung war Metzenseifens wichtigster Wirtschaftszweig, bis zum Beginn der kommunistischen Periode. Ihr Klang war der Klang von Metzenseifen, als der Ex-Präsident noch ein Kind war.

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„Wir haben zwei Generationen verloren“, sagt Walter Bistika, und man sieht ihm an, dass ihn diese Erkenntnis traurig macht. „Die erste durch die Vertreibung, die zweite durch die Unterdrückung der Deutschen im Kommunismus.“ Es gibt jetzt kaum noch junge Leute in Metzenseifen, die Mantakisch sprechen. Vielleicht ein- oder zweihundert, schätzt Bistika. Nun gebe es zwar wieder einige Stunden deutschsprachigen Unterricht pro Woche in der Schule und die deutsche Minderheit sei rechtlich anerkannt und werde vom slowakischen Staat und der Karpatendeutschen Landsmannschaft in Deutschland finanziell unterstützt. Aber viele Junge ziehen weg oder interessieren sich schlicht nicht für ihre mantakische Identität. „Manche lernen zwar wieder Deutsch, weil sie das eben brauchen können“, sagt Walter Bistika – Mantakisch aber interessiere kaum noch jemanden. „Es könnte sein, dass die mantakische Sprache und Identität im Jahr 2050 ausgestorben ist“, sagt er und gibt der Globalisierung die Schuld: „Sie macht uns alle gleich, raubt uns unsere kulturelle Eigenart“, sagt Bistika. Vielleicht trifft Bistika mit dieser Diagnose den Punkt.

Walter Bistika
Walter Bistika

Es ist tatsächlich fast unmöglich, Mantaken in Metzenseifen aufzutreiben, die ihr sechzigstes Lebensjahres noch nicht überschritten haben – oder zumindest solche, die jung sind und sich selbst als Mantaken nennen würden. In einem kleinen Gasthaus in der Nähe des Hauptplatzes sitzt eine Runde beisammen, einige ethnische Slowaken und einige Deutschstämmige. Sie trinken tschechisches Bier und borgen vom Barmann Geld für den Spielautomaten. Manche von ihnen sprechen nur noch Slowakisch, manche gebrochenes Deutsch, keiner Mantakisch. Was den alten Metzenseifnern die Welt bedeutet, ist ihnen eine Fremdsprache. Keiner zeigt besonderes Interesse an der mantakischen Identität. Der Barmann, Gedeon Silorad, ein blonder älterer Mann, der noch Mantakisch spricht, deutet in die Richtung der Tischrunde und zuckt entschuldigend mit den Schultern, als wollte er sagen: „So sind die Jungen bei uns halt.“

Die Kluft zwischen den Generationen ist tief in der kleinen deutschstämmigen Gemeinschaft Metzenseifens. Es scheint, als hätten die letzten sechzig Jahre jede kulturelle Verbindung zwischen den Alten und den Jungen gekappt, mehr noch als in Österreich und Westeuropa.

Keiner verkörpert das besser als Rudolf Schuster, hier völlig in den Erinnerungen seiner Jugend aufgeht. Sein Museum könnte das Denkmal sein, das er sich und dem Rest der alten Metzenseifner gesetzt hat. Doch nun ist die Feier des Halbentschwundenen zu Ende: Er sitzt wieder im Fonds der Limousine, die ihn zurück nach Košice bringt, wo er wohnt. Der freundliche, leicht sentimentale Hausherr wird wieder zum Staatsmann. Er blickt nachdenklich aus dem Fenster und kommentiert, von Thema zu Thema springend, woran der Audi gerade vorbeizieht: Hier in den ehemaligen Ostslowakischen Eisenwerken habe er lange Zeit in der Führungsetage gearbeitet, sagt er und deutet auf ein riesiges Fabrikareal auf der rechten Seite, auf dem heute der Schriftzug „U.S. Steel“ prangt. Ein Drittel der Belegschaft hätten sie nach der Privatisierung wegrationalisiert, sagt Schuster verbittert und springt zum nächsten Thema, wobei er diesmal auf die linke Seite deutet: Das hier sei Luník IX, eine der größten Romasiedlungen der Slowakei. Als Bürgermeister von Košice hätte er viel Kritik einstecken müssen, weil er die Roma in kommunistischer Zeit vom Košicer Stadtzentrum nach Luník IX zwangsumsiedeln habe lassen. „Aber das hat einfach sein müssen“, sagt er, „die Roma haben alles verfallen lassen, die Bausubstanz wäre völlig vor die Hunde gegangen.“ Gott sei Dank habe er das noch rechtzeitig zu kommunistischer Zeit gemacht, als das noch „vergleichsweise problemlos“ möglich war, fügt er noch schnell hinzu. Die Slowakei funktioniert eben nach anderen Regeln.

Dreißig Kilometer liegen zwischen Metzenseifen und Košice. Sie offenbaren auch – bei aller Modernität, die sechzehn Jahre nach der Wende auch in der Ostslowakei angekommen ist – den Blick auf ein Völkergemisch, das früher in Ostmitteleuropa die Regel war und heute nur noch in bestimmten Regionen überlebt hat. Die Deutschstämmigen sind nur ein Teil dieser Mischung: Auf Medzev folgt Jasov, ein mehrheitlich ungarisch besiedelter Ort. Weiter südlich, an der ungarischen Grenze, leben Rusinen, eine ostslawische Ethnie, von der die Ethnologie nicht ganz klar sagen kann, ob man sie nun zu den Ukrainern zählen kann oder nicht. Dazwischen liegen immer wieder rein slowakische Dörfer und, deutlich heruntergekommener als der Rest, Romasiedlungen. Plattenbauten, in denen man die Roma zu kommunistischer Zeit zwangseinquartierte. Die Türen und selbst Türstöcke dieser Bauten fehlen, stattdessen klaffen dort, wo sie einmal waren, Löcher in der Ziegelmauer, halb von jenen Gesteinsbrocken verstellt, die noch von der Stemmarbeit übrig geblieben sind. Ein Rommächen reckt die Faust nach oben und streckt die Zunge heraus, als der Audi eine der Siedlungen passiert.

Die Karpatendeutschen sind die kleinste aller dieser Ethnien. Die einzige, die akut vom Aussterben bedroht ist. Als der Ex-Präsident schon lange wieder in Košice ist, beginnt man sich in Metzenseifen den morgigen Palmsonntag vorzubereiten, an dem in der katholischen Kirche eine verlängerte Messe auf Deutsch und Slowakisch stattfinden soll. Am nächsten Tag steht Walter Bistika, der auch dem Metzenseifner Gesangsverein vorsteht, auf der Empore und singt gemeinsam mit einigen anderen älteren Herrschaften deutschsprachige Kirchenlieder. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, singen sie auf Deutsch, die Fürbitten folgen auf Slowakisch. Nach der Messe meint Bistika, dass der Gesangsverein an Überalterung leide, das Durchschnittsalter betrage mittlerweile sechsundsechzig Jahre.

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Silorad Gedeon war nicht in der Messe, er steht derweil hinter der Bar und wartet auf seine Kundschaft, die im Anschluss an die Messe ins Lokal kommen wird. Er trinkt Slivovica und erzählt eine Anekdote aus seiner Zeit in Wien, wo er eine Zeitlang als Maler und Anstreicher gearbeitet hat: Er sei am Gürtel beim Westbahnhof im Taxi gesessen und habe sich mit seinem Kollegen auf Mantakisch unterhalten, bis sich der erstaunt zuhörende Taxler einschaltete: „Kommen Sie aus Holland?“, fragte er. Die Mantaken verneinten. „Aus Belgien?“ Wiederum nein. „Woher kommen Sie denn dann?“ Gedeon erklärte, sie kämen aus der östlichen Slowakei. Der Taxler glaubte das nicht gleich und sagte: „Aus der Slowakei? Aber da leben nur doch Russen!“ Gedeon lächelt über die Anekdote, trinkt den letzten Schluck Slivovica und sagt: „Die Wiener. Was für ein verrottetes Volk.“

Frage an die Maus

Wie kamen die Deutschen in den Osten?

Seit dem frühen Mittelalter zogen Deutsche, unregelmäßig und aus verschiedenen Gründen, in den Osten Europas. Im Fall Metzenseifens warben die ungarischen Könige gezielt Fachkräfte – meistens Bergleute oder Schmiede – aus den dicht besiedelten Regionen Deutschlands an. In anderen Fällen flohen die Deutschen vor Kriegen oder religiöser Verfolgung, oder die Migration ging mit militärischer Expansion einher – so im Fall der Donaumonarchie, in der die Habsburger zur Absicherung ihres Reiches eine deutschsprachige Beamten- und Militärelite in den Städten des Ostens installierten.
Auf diese Art entstanden im Laufe der Jahrhunderte große deutsche Minderheiten im heutigen Tschechien, der Slowakei, Polen, Russland, dem Baltikum, Rumänien, der Ukraine, Ungarn, Slowenien, Kroatien und dem nördlichen Serbien. In Tschechien nannte man die deutsche Minderheit „Sudeten-“, in der Slowakei „Karpatendeutsche“.
Am Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu schwerwiegenden Problemen: Die aufkommenden Nationalbewegungen sahen ethnisch homogene Staaten in Osteuropa vor, in denen für große Minderheiten kein Platz mehr war; zudem identifizierten sich immer mehr Deutsche mit radikalen politischen Strömungen, aus denen später auch der Nationalsozialismus hervorgehen sollte. Die Nazis unterschieden später zwischen „Reichs-“ und „Volksdeutschen“: Als „Volksdeutsche“ wurden jene verstanden, die außerhalb der politischen Grenzen des Dritten Reichs lebten, viele wurden umgesiedelt („Heim ins Reich“).
Als die stalinistische Sowjetunion im April 1945 Mitteleuropa bis Berlin erobert hatte, bedeutete das das Ende für den Großteil der deutschen Minderheiten in Osteuropa: Mit sowjetischer Unterstützung vertrieben die Regierungen der späteren Warschauer-Pakt-Staaten die Deutschen – sofern sie nicht zuvor ohnehin schon geflohen waren. Heute existieren in den meisten osteuropäischen Staaten kleine Restbestände dieser deutschen Minderheiten, ihre Anzahl geht aber in den meisten Fällen nicht über einige Tausend hinaus.

Erschienen im DATUM 6/2007

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Minderheiten, Osteuropa, Reportagen

Machtlose Transitländer

Wien – Eine vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) organisierte Podiumsdiskussion am Mittwoch brachte Erhellendes zur russischen Energiepolitik: Der Gasprom-Konzern, im russischen Inland weit gehend Monopolist, versucht auf internationaler Ebene seine Gastransitrouten auf mehrere Staaten zu verteilen – um zu verhindern, dass die Transitländer im Krisenfall über das Erdgas verfügen. Wie schon einmal passiert im Gasstreit mit der Ukraine im Winter 2005: Um eine Erhöhung des Preises zu erzwingen, wurde der Ukraine kurzerhand der Gashahn zugedreht.

Das Erdgas in den Westen floss allerdings weiter fast ausschließlich durch ukrainische Pipelines – die Ukrainer zapften einfach das für den Westen gedachte Gas an, worauf in den westeuropäischen Pipelines der Druck sank und Russland plötzlich als unzuverlässiger Lieferant dastand.

Lehrbeispiel

Es handle sich, wie Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck erklärte, dabei um ein Lehrbeispiel, wie Politik und Wirtschaft in Russland zusammenspielen: Die Strategie der Diversifikation im Anschluss an den Gasstreit stärkte in wirtschaftlicher Hinsicht den Gasprom-Konzern und sorgte in politischer Hinsicht dafür, dass derartige Unpässlichkeiten nicht mehr vorkommen. Bis 1999 floss das gesamte russische Erdgas über ukrainisches Territorium in den Westen, heute sind es nur noch zirka zwei Drittel.

Zwischenzeitlich wurden zwei neue Pipelines über Weißrussland und die Türkei errichtet, zwei weitere Seerouten sind in Bau. Die Gefahr, dass das Transitland Ukraine noch einmal nach Gutdünken über russisches Gas verfügt, dürfte damit gebannt sein. (Joseph Gepp, DER STANDARD, Printausgabe 6.7.2007)

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