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Bergblick ohne Braunstich

Nun werden die Klettersteige mit rechtsextremen Namen umbenannt

Nachschau: Joseph Gepp

Vor drei Wochen berichtete der Falter über rechtsradikal klingende Bezeichnungen von Sportkletterrouten rund um Wien. Die Steige an der Hohen Wand oder im Rax-Schneeberg-Gebiet heißen beispielsweise „Kristalltag“, „Ewiges Reich“ oder „Besatzerfraß“ – Namen, die sich oft auf verbotene deutsche Rechtsrocktexte beziehen.

Taufpate ist nicht etwa eine Behörde oder ein Bergsteigerklub, sondern traditionell der Erstbesteiger. In diesem Fall handelt es sich um den niederösterreichischen Kletterführerpublizisten Thomas Behm. Gegenüber dem Falter sprach dieser von einer „Hexenjagd“ und distanzierte sich zugleich vom Nationalsozialismus.

Das Problem: Nicht allein er kennt seine Routennamen. Sie fließen in den allgemeinen Klettersprachgebrauch ein und finden sich auch in im regulären Buchhandel erhältlichen Reiseführern (siehe Falter 30/2010, Panoramaweg Besatzerfraß).

Jetzt aber hat die Geschichte eine erfreuliche Wendung genommen. Behm, der als Einziger das Recht dazu hat, erklärte sich zur sofortigen Änderung der Namen bereit. Selbige sollen außerdem bei jenen Kletterführern, die schon im Handel zum Verkauf aufliegen, geschwärzt werden.

Neben der Empörung vieler Kletterer haben vor allem zwei Dinge zu dieser Entscheidung beigetragen.

Zum einen sah sich der Buchhandel nach Bekanntwerden der Causa in der Bredouille. „Wir haben die Bücher zwischenzeitlich aus dem Regal genommen“, sagt etwa Gerald Radinger von Freytag & Berndt am Wiener Kohlmarkt, wo viele der Kletterführer verkauft werden. „Bei der enormen Produktvielfalt ist es uns leider nicht immer möglich, den Inhalt genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber ein weiterer Verkauf wäre jedenfalls für uns als offene und aufgeschlossene Reisebuchhandlung ohne veränderte Namen undenkbar gewesen.“

Weiters nahm der Verband alpiner Vereine Österreichs (Vavö) Stellung. Er ist ein Dachverband, der unter anderen Naturfreunde und Alpenverein umfasst. In einer Resolution auf Antrag von Naturfreunde-Chef Reinhard Dayer distanzierte sich der Vavö von den Routennamen und appellierte an den Namensgeber, sie „unverzüglich zu ändern“.

Das entschiedene Vorgehen in Österreich könnte nun sogar Auswirkungen auf Schweden haben, wo die Causa Nazirouten ihren Ausgang nahm. Dort deckte die Stockholmer Historikerin und Hobbykletterin Cordelia Hess Mitte August auf, dass Steige nahe der Hauptstadt etwa „Zyklon B“ oder „Kleiner Hitler“ heißen.

„Ich habe die österreichische Resolution an den schwedischen Kletterverband geschickt“, sagt Hess heute. „Er sollte sich ein Beispiel daran nehmen. Aber Schweden hat ein anderes Verhältnis zum Nationalsozialismus als Deutschland oder Österreich. Die Leute hier fühlen sich davon nicht betroffen. Wenn es keine Einsicht gibt, haben auch positive Beispiele wie jenes aus Österreich wenig Sinn.“

Erschienen im Falter 40/2010

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Klettern gegen Rechts

Die Naturfreunde und der Alpenverein wehren sich gegen die rechtsextreme Namensgebung und Vereinnahmung von Sportkletterrouten (siehe Panoramaweg Besatzerfraß Falter 30/10). Beide fordern eine Umbenennung der niederösterreichischen Steige. Naturfreunde-Chef Reinhard Dayer will zudem eine „einheitliche Sprachregelung aller alpinen Vereine“ anregen.

Erschienen im Falter 31/10

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Panoramaweg Besatzerfraß

Kletterrouten rund um Wien tragen rechtsextreme Bezeichnungen

Bericht: Joseph Gepp

Jedes warme Wochenende packen tausende junge Wiener ihre Siebensachen und fahren ins Umland klettern. Die Hohe Wand, das Rax-Schneeberg-Gebiet und manche Stellen im Wienerwald sind die Hot Spots in Tagesausflugsnähe zur Stadt. Die Kletterer reiben die Hände mit Kreide ein und ziehen sich Hänge hinauf. Dicke Kletterführer verzeichnen die Routen samt all ihren Tücken. In der Szene ist es Usus, dass eine Route vom jeweiligen Erstbesteiger kartografiert, mit Haken und Ösen ausgestattet und einem Namen versehen wird.

Die Frage ist nur: Wie lauten diese Namen?

Mitte August sorgte in Schweden ein Fall für Aufregung: Nahe Stockholm trugen Routen Nazi-Bezeichnungen wie „Zyklon B“, „Kristallnacht“ oder „Kleiner Hitler“. Der Herausgeber jenes Kletterführers, in dem diese Namen verzeichnet waren, sprach laut APA von „internen Scherzen“ der Kletterszene. Er selbst war der Namensgeber einiger der Routen.

Nun gibt es einen ähnlichen Fall in Österreich.

Die Routen um Wien sind nicht ganz so direkt benannt wie jene um Stockholm. Sie heißen etwa „Kristalltag“, „Swastikaar“, „Besatzerfraß“, „Heimaterde“, „Totenburg“, „Ewiges Reich“, „Riefenstahl“, „Antreten zum Verrecken“, „Nordreich“ oder „Heil der Eiche“. Manche dieser Ausdrücke versteht man nur im Kontext einer pseudonordischen Mythologie oder der Codes der Rechtsrock-Szene.

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“Ich mach heute den Kristalltag”: Kletter-Hot-Spot Höllental zwischen Rax und Schneeberg (Wikipedia)

So ist etwa „Totenburg“ eine Band aus Thüringen. Der dortige Verfassungsschutz rechnet sie der „NSBM-Musik“ („National Socialist Black Metal“) zu; der Leadsänger nennt sich Jens „Asemit“ Fröhlich. Ähnlich gelagert der Ausdruck „Besatzerfraß“: Dabei handelt es sich um einen Songtitel von „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“; der Liedtext kritisiert Fast Food mittels ständiger Wiederholung der Wortkreationen „McScheiße“ und „McZion“. „Nordreich“ ist wiederum ein Onlinespiel, bei dem unter dem Banner eines reichsadlerähnlichen Geschöpfes ein europäisches Imperium aufgebaut werden soll. Ähnliche Kontexte finden sich auch bei den anderen Routennamen.

Diese tauchen in offiziellen Führern auf, die meist von Kletterfans in Kleinverlagen publiziert werden und etwa in Bergsteigerläden oder Reisebuchhandlungen wie Freytag & Berndt am Kohlmarkt erhältlich sind. Die Namen finden sich auch in Internetforen, wo Kletterer – total apolitisch – über die Vorzüge heimischer Routen sprechen. „Wenn die Route neu ist, kennt noch niemand ihren Namen“, beschreibt ein Insider der Wiener Kletterszene die Problematik. „Aber nach und nach tröpfeln sie ins Bewusstsein der Kletterer. Sie tauschen Erfahrungen aus. Und irgendwann ist der Name der Route ebenso gebräuchlich wie irgendein Orts- oder Straßenname. Dann sagen die Kletterer halt: ‚Ich mach heute den Kristalltag.‘“ Neben Route und Routennamen verzeichnen die Kletterführer auch den Erstbesteiger – also Namensgeber. Im Fall der einschlägigen Routen handelt es sich dabei um den Niederösterreicher Thomas Behm, einen alten Hasen der Szene. Behm gilt als Pionier des ostösterreichischen Klettersports und ist Autor einiger Kletterführer. Kenner loben die liebevolle Machart der Bücher und wundern sich gleichzeitig über die Routennamen.

Knapp vor Redaktionsschluss ließ Behm dem Falter eine schriftliche Stellungnahme zukommen: „Die Namensgebung weist verschiedene Einflüsse auf“, heißt es darin, „nicht zuletzt Namen von Musikgruppen und Liedtiteln.“ Weiters: „Beschäftigung mit Mythologie, Heidentum, Heimatliebe (…) sowie Musik haben für mich jedenfalls nichts mit Nationalsozialismus zu tun – ich lehne diese Ideologie ab“, schreibt Behm. „Andere Interpretationen meiner Routennamen sind natürlich zulässig, aber nicht in meinem Sinne.“

Erschienen im Falter 30/2010

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