Archiv der Kategorie: Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Buch: Kleine Geschichte Russlands

Aus dem FALTER 26/2014

Rezension: Joseph Gepp

In einem knappen und grandiosen Büchlein aus der Beck’schen Reihe legt der Wiener Osteuropahistoriker Andreas Kappeler eine Historie Russlands vor.

Gegliedert in Epochen und Aspekte, erklärt Kappeler den mächtigen russischen Staat, die unterentwickelte städtische Kultur oder etwa die Rolle von Expansion und Extensivität.

Eine weitblickende und verständige Lektüre, die sich wiederzulesen lohnt.

Andreas Kappeler: Russische Geschichte. Beck Wissen, 112 S., € 9,20

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Buch: Bei den kleinen Völkern Europas

Aus dem FALTER 23/2014

Rund um die Jahrtausendwende reiste der Salzburger Essayist Karl-Markus Gauß, der dieser Tage 60 Jahre alt wurde, zu fünf ethnischen Minderheiten in Europa – und verfasste darüber fünf groß angelegte Reportagen.

Gauß besuchte etwa in Sarajevo sephardische Juden. Er bereiste weiters das Land der Gottscheer, Abkömmlinge deutscher Siedler in Slowenien, und jenes der Arbëreshe, süditalienischer Albaner. Schließlich schaute Gauß bei den slawischen Sorben im Osten Deutschlands vorbei und bei den Aromunen, auch genannt Vlachen, der romanischsprachigen Minderheit in Mazedonien.

Das Ergebnis all dieser Reisen ist ein über weite Strecken grandioses Reportagenbuch. Es zeigt, wie kleinräumig und vielschichtig der europäische Kontinent immer noch ist, trotz aller Vernichtung und ethnischer Flurbereinigung im Zweiten Weltkrieg. Gerade angesichts der EU-Wahlen und der Vorgänge in der Ostukraine lohnt es sich, das Buch wieder zu lesen.

Karl-Markus Gauß: Die sterbenden Europäer. Zsolnay, 2001,260 S., € 20,35

Karl-Markus Gauß: Die sterbenden Europäer. Zsolnay, 2001,260 S., € 20,35

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Europa, Minderheiten, Osteuropa

Was passiert mit Landminen im Wasser, Frau Tscheinig?

Aus dem FALTER 21/2014

Interview: Joseph Gepp

Schwere Überschwemmungen in Bosnien-Herzegowina spülen tausende Landminen aus dem Bosnienkrieg an die Oberfläche. Welche Gefahren drohen?, fragte der Falter Iwona Tscheinig von der NGO “Gemeinsam gegen Landminen“ (GGL).

Frau Tscheinig, bleibt eine Landmine aktiv, wenn sie fortgeschwemmt wird?

Leider ja – sogar wenn der Sprengstoff im Inneren feucht wird. Einige Minen sind durch die derzeitigen Überflutungen zwar explodiert, ausgelöst etwa durch Bewegung. Aber dabei handelt es sich nur um einen kleinen Teil.

Von wie vielen Minen sprechen wir überhaupt?

Schätzungen zufolge von 120.000 in ganz Bosnien-Herzegowina. Wie viele im Überschwemmungsgebiet liegen, das lässt sich noch nicht abschätzen. Jedenfalls sind nun neben Bosnien auch Kroatien und Serbien von der Gefahr betroffen, weil die Minen dort hingespült wurden.

Weiß man, wohin genau?

Eben das ist das Problem. Bisher hat man gewusst, wo in Bosnien Minen liegen. Jetzt ist die Arbeit von 15 Jahren zunichtegemacht. Viele Bereiche, die als Minengebiete galten, sind hinfällig geworden. Auch zahlreiche Minenwarntafeln wurden aus betroffenen Gebieten fortgespült.

Wie weit war die Entschärfung der Minen in Bosnien bis zur Überschwemmung schon vorangeschritten?

In Bosnien gibt es insgesamt 25 Minenräumfahrzeuge, die über dafür geeignete Gebiete fahren und Minen zur Explosion bringen. Dazu gibt es rund 100 Minensuchhunde. Zusammen mit Entminern suchen diese nach den Fahrzeugen das Gebiet nochmals ab; erst danach gilt es als sauber. Die Minenräumung in Bosnien hätte bereits vor fünf Jahren abgeschlossen sein sollen, doch fehlende Mittel haben die Räumung sehr verzögert.

Wie lange wird nun die Arbeit dauern?

Das lässt sich nicht abschätzen. Es ist aufwendig und hängt von verfügbaren finanziellen Mitteln ab. Eine Landmine zu verlegen kostet 30 Dollar – das Aufräumen 300 bis 3000 Dollar.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa

Buch: Am k. u.k. Außenposten

Erschienen im FALTER 18/2014

Einem fast vergessenen Militäreinsatz Österreichs widmet sich die Wiener Historikerin Tamara Scheer in einem neuen Buch: Im Jahr 1879 marschierte die Armee der Donaumonarchie in den Sandžak von Novipazar ein, eine Region im serbisch-montenegrinischen Grenzgebiet. Es war ein “konzilianter” Akt mit Einverständnis des Osmanischen Reiches, das zuvor Machthaber über das Gebiet war.

Mithilfe zahlreicher Originalzitate schildert Scheer drei Jahrzehnte der Besatzung – und liefert ein farbenfrohes, detailreiches Bild soldatischen Lebens im balkanischen Hinterland. Der wahre Zweck der Mission – Österreich als Großmacht dastehen zu lassen -erschloss sich den Militärs allerdings nicht. So beschäftigten sich die Österreicher etwa mit der Verschönerung von Kasernen und der Frage, ob es der lokalen Bevölkerung erlaubt sein soll, Sliwowitz und Schafwolle auszuführen. Scheer schildert den Alltag bis hin zum Garnisonstratsch, etwa über den Hund, der verjagt wurde, weil er sich gegenüber einer Brigadiersgattin “unerhört respektwidrig” benommen hatte. Insgesamt entsteht das lebendige Bild einer absurden Mission, deren einziger Zweck es war, die Illusion alter Größe zu wahren.

Joseph Gepp

Tamara Scheer: "Minimale Kosten, absolut kein Blut". Österreich-Ungarns Präsenz im Sandžak von Novipazar (1879-1908). Peter Lang, 282 S., € 56,50

Tamara Scheer: “Minimale Kosten, absolut kein Blut”. Österreich-Ungarns Präsenz im Sandžak von Novipazar (1879-1908). Peter Lang, 282 S., € 56,50

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Ukraine: Die Kunst des Maidan kommt auf den Wiener Karlsplatz

Aus dem FALTER 15/2014

Joseph Gepp

Als im November in der ukrainischen Hauptstadt Kiew die Revolution ausbrach, hat auch die Kunst die Galerien und Garagen verlassen und ist hinaus auf die Straße gegangen. Während der Proteste am Maidan “war jede nur erdenkliche künstlerische Ausdrucksweise willkommen, um der Revolution ein Gesicht zu geben“, heißt es in einer Einführungsschrift des Künstlerhauses.

Ebendort, im Künstlerhaus am Karlsplatz, findet ab kommenden Freitag eine Ausstellung statt, die die revolutionäre Kunst nach Wien holt. Dutzende Künstler stellen aus, was die Massen am Maidan in den vergangenen Monaten mehr oder weniger bewegte und motivierte. Zum Beispiel Poster im Stil der Volkskunst, die Bäuerinnen mit Totenköpfen zeigen. Oder eine Installation aus brennenden Reifen. Oder Wiktor Janukowytsch mit Clownsnase, ein einfaches Bild des Facebook-Kollektivs Strike-Poster, das wohl gerade deshalb zu einer Ikone am Maidan wurde.

Die Ausstellung “I Am a Drop in the Ocean – Art of the Ukrainian Revolution“ findet in Kooperation mit dem Mystetsky-Arsenal in Kiew statt und läuft bis 23. Mai.

Künstlerhaus, 1., Karlsplatz 5, Di-So 10-18, Do 10-21 Uhr, Eintritt € 8,50

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa

Die rätselhafte Festnahme des Dmitry F.

Aus dem FALTER 12/2014

Ein ukrainischer Oligarch mit engen Österreich-Verbindungen wird in Wien verhaft et – zu einem verdächtigen Zeitpunkt


Bericht: Joseph Gepp

Vergangenen Donnerstag veröffentlichte das Bundeskriminalamt eine knappe Bekanntmachung. Der “ukrainische Staatsbürger Dmitry F.” sei in Wien von Cobra-Polizisten verhaftet worden. Der Vorwurf lautet auf Bestechung und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Bei der Festnahme handle es sich um “Rechtshilfe für amerikanische Behörden”.

Was nüchtern klingt, ist bei genauerem Blick ein rätselhafter Fall, der Österreich ins Zentrum internationaler Ukraine-Verwicklungen rückt: F. ist nicht irgendein Ukrainer, sondern Dmitry Firtash, 48, einer der umstrittensten Oligarchen des Landes. In der Ukraine gilt Firtash als Russland-Verbinder. Sein Vermögen machte er im russisch-ukrainischen Zwischenhandel mit Erdgas.

Warum wurde er ausgerechnet jetzt verhaftet, drei Wochen nach dem Umsturz in Kiew? Darauf wollen oder können weder Polizei noch Staatsanwaltschaft antworten. Und auch Firtashs Firma selbst, die DF Group, spricht in einer dünnen Aussendung lediglich von einem “Missverständnis” – es gilt die Unschuldsvermutung.

Etwas konkreter wird die US-Botschaft. Ihr zufolge soll Firtash ein “internationales Korruptionsnetzwerk” betreiben. Das habe das FBI in jahrelangen Ermittlungen herausgefunden. Nun soll Firtash im US-Staat Illinois angeklagt werden, falls Österreich ihn ausliefert. Mit den aktuellen Umwälzungen in der Ukraine jedoch hat Firtashs Verhaftung laut Botschaft nichts zu tun.

Der Zeitpunkt ist trotzdem auffällig – zumal Firtash bis zuletzt mit dem gestürzten Regime von Viktor Janukowitsch kooperierte. Ein Stück weit hat Firtashs Engagement die Proteste auf dem Maidan ab Herbst 2013 sogar mitverursacht. Denn vergangenen Oktober bot Russland der Ukraine einen Erdgasrabatt von 30 Prozent an. Dies sollte als Anreiz dienen, das bevorstehende Assoziierungsabkommen mit der EU auszusetzen. Dass sich die Ukraine auf den Deal einließ und das EU-Abkommen aufkündigte, löste dann die Proteste aus. Offi zieller Abnehmer des verbilligten Gases hätte jedoch laut Reuters nicht der ukrainische Staat sein sollen, sondern eine Zwischenhandelsfirma namens Ostchem. Diese Ostchem gehört Firtash und ist in Wien registriert.

Überhaupt handelt es sich bei Firtash einmal mehr um einen Oligarchen mit enger Wien-Verbindung. Neben der Firma Ostchem findet sich in Wien auch die DF Group, Firtashs Dachfirma für etliche ukrainische Fabriken, Banken und TV-Kanäle. Registriert ist die DF Group in der Schwindgasse im vierten Bezirk, wo der Oligarch auch hauptgemeldet ist. Vergangenen Donnerstag wurde er in der Schwindgasse auch festgenommen, im Beisein von acht Leibwächtern.

Dmitry Firtash verdiente mit Erdgashandel zwischen Russland und der Ukraine Milliarden

Dmitry Firtash verdiente mit Erdgashandel zwischen Russland und der Ukraine Milliarden

Firtashs Verbindungen nach Wien reichen zurück bis 2004. Damals stritten die Ukraine und Russland ums Erdgas. Der Streit wurde beigelegt, indem die Staaten eine Zwischenfirma gründeten, die beiden Ländern gehört – die Rosukrenergo. Diese kaufte im Wesentlichen russisches Gas auf und verkaufte es an die Ukraine weiter. Auf diese Weise lukrierte Rosukrenergo jährlich fast eine Milliarde Dollar Gewinn. In der Ukraine wurden der Firma laut der USTransparenz-NGO Global Witness kriminelle Verbindungen vorgeworfen.

Eine Hälfte von Rosukrenergo gehörte dem russischen Staatskonzern Gazprom, die zweite mehrheitlich einem ukrainischen Geschäftsmann. Dieser jedoch blieb im Dunklen. Seine Anteile verwaltete bis 2006 treuhändisch die Raiffeisen-Investment, eine Tochter des Raiffeisen-Konzerns. Raiffeisen machte also die Mauer für Gas-Oligarchen – ein Vorgehen, das national und international hart kritisiert wurde. Erst 2006 gab die Bank auf US-Druck den Mehrheitseigentümer der Rosukrenergo-Hälfte bekannt: Dmitry Firtash.

Das Raiffeisen-Engagement befasste nicht nur den Banken-U-Ausschuss im Jahr 2007. Auch die Amerikaner beschwerten sich 2006 im Wiener Finanzministerium über das Geschäft, wie eine Wikileaks-Depesche 2010 enthüllte. Grund: Die USA verdächtigen Firtash, Kontakt zum russischen Mafiaboss Semjon Mogilewitsch zu unterhalten. Mogilewitsch, der bis heute unbehelligt in Moskau leben soll, gilt als einer der weltweit meistgesuchten Verbrecher. Firtash selbst soll 2008 Kontakte zu Mogilewitsch zugegeben haben, angeblich im Gespräch mit dem damaligen US-Botschafter in Kiew, wie eine weitere Wikileaks-Depesche 2010 enthüllte. Firtash jedoch bestreitet jeglichen Kontakt zu Mogilewitsch vehement.

Derzeit jedenfalls sitzt Firtash in der Justizanstalt Josefstadt – offiziell wegen einer Causa, die mit Mogilewitsch und dubiosen Gasgeschäften nichts zu tun hat. Das Gericht hat eine Kaution von 125 Millionen Euro für den Oligarchen festgelegt, die höchste der österreichischen Justizgeschichte. Zahlt Firtash diese Summe, kommt er vorerst frei. Zumindest so lange, bis über eine Auslieferung in die USA entschieden wird.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa, Wirtschaft

Wer hat Ihre Reise auf die Krim bezahlt, Herr Stadler?

Aus dem FALTER 12/2014

Anruf: Joseph Gepp

Ewald Stadler, EU-Abgeordneter und EU-Spitzenkandidat der Reformkonservativen (“Rekos”), war auf der Krim, um das Referendum zu beobachten – wie auch die FPÖ-Politiker Johann Gudenus und Johannes Hübner. Wer bezahlt für solche Reisen?, wollte der Falter von Stadler wissen – und bekam nicht viele Antworten.

Herr Stadler, wer hat Ihre Reise finanziert?

Ich habe mich im Rahmen einer Wahlbeobachtungsmission auf Einladung der Nichtregierungsorganisation Eurasian Observatory for Democracy & Elections, kurz EODE, auf der Krim befunden. Ich konnte mich dabei frei bewegen. Auf der gesamten Reise habe ich keinen einzigen Vertreter von Polizei oder Militär angetroffen. Meiner Ansicht nach konnten die Bürger auf der Krim frei ihre Stimmen abgeben.

Wer finanziert die NGO EODE? Russland?

Zur Finanzierung von EODE habe ich leider keine Informationen. Fix ist, dass weder die EU noch der Steuerzahler diese Reise finanzieren musste.

Ewald Stadler

Ewald Stadler

Medien zufolge wird EODE von Luc Michel betrieben, einem belgischen Rechtsaußen-Politiker. Auf seiner Homepage deklariert sich Michel als Unterstützer des sogenannten “Nationalbolschewismus” und der russischen Kommunistischen Partei. Sie selbst leiten eine christlich-konservative Partei. Wie passt das zusammen?

Auf der Krim geht es um völkerrechtliche Selbstbestimmung, wie sie in Artikel 1 der UN-Sozialcharta verankert ist. Ich war auf der Krim ein neutraler Wahlbeobachter – als einer von mehreren Abgeordneten, die eingeladen waren.

Das heißt, die Mission der Wahlbeobachtung steht für Sie über der ideologischen Ausrichtung des Organisators, die Ihrer eigenen widerspricht?

Ja, definitiv. Hier geht es um die Wahrung des Friedens. Der Kalte Krieg ist noch nicht lang vorbei – und wenn ich mir die russophobe Stimmung vieler EU-Parlamentsabgeordneter anschaue, fürchte ich, dass er sich bald wieder in einen heißen verwandeln könnte.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Kurioses, Osteuropa