Abgängig mitten im ersten Bezirk

Aus dem FALTER 45/2012

Vor fünf Jahren verschwand Aeryn Gillern aus einer Schwulensauna. Seine Mutter kämpft bis heute um Aufklärung

Update: Joseph Gepp
Foto: Hans Hochstöger

Am Abend des 29. Oktober 2007, es war kühl und regnerisch draußen, kam ein nackter Mann aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl gelaufen. Er rannte durch die Gassen der Innenstadt und wurde beim Stubentor zum letzten Mal gesehen. Seitdem fehlt jede Spur von Aeryn Gillern.

Der Fall des US-Amerikaners und Uno-Mitarbeiters, damals 34, ist einer der rätselhaftesten der vergangenen Jahre. Die Polizei behauptet steif und fest, er habe durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen. Kathy Gilleran, die Mutter des Verschwundenen, wirft den Beamten vor, Hinweise auf ein mögliches Verbrechen übergangen zu haben. Selbst eine pensionierte Polizistin, kämpft Gilleran (die ihren Namen in der irischen Urform noch immer mit “a“ schreibt) für Aufklärung. Die heimischen Beamten hätten “homophob, ignorant und desinteressiert“ gehandelt, sagt die Mutter.

Vergangene Woche reiste Gilleran wie jedes Jahr aus dem US-Bundesstaat New Jersey nach Wien. Am 29. Oktober, dem fünften Jahrestag des Verschwindens ihres Sohnes, stand sie samt Kerze und Foto des Verschwundenen vor dem Kaiserbründl. Diesmal gesellten sich so viele Unterstützer wie nie zuvor zu Kathy Gilleran. Denn nach fünf Jahren hat die rätselhafte Geschichte einen neuen Schub an Aufmerksamkeit erhalten.

Mahnwache vor der Sauna: Mutter Kathy und ein Freund des
Verschwundenen (Foto: Hans Hochstöger)

Ein Dokumentarfilm entfachte das Interesse am Fall. “Gone“, ein Werk der US-Amerikaner John und Gretchen Morning, lief vergangenes Jahr im US-Fernsehen und später in Wiener Kinos, etwa im Rahmen der Viennale. Im Sommer dieses Jahres legte der ORF mit einer umfassenden TV- Doku nach.

Während das allgemeine Interesse solcherart steigt, ist die behördliche Ermittlung des Falls jedoch an einem toten Punkt angelangt: Die Polizei weist alle Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft Korneuburg stellte die Prüfung der Anschuldigungen aus Mangel an Beweisen 2009 ein. Eine parlamentarische Anfrage der Grünen im selben Jahr lieferte ebenfalls kaum neue Erkenntnisse – obwohl bis heute zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten des Falls nicht aufgeklärt werden konnten.

Zum Beispiel der Umstand, dass es unmittelbar vor dem Verschwinden laut Polizei einen “Streit mit einem anderen Saunagast“ gab – doch mit Gillerns Abgängigkeit soll dieser Streit nichts zu tun haben. Oder die Frage, warum die Polizei behauptet hatte, es gebe keine Zeugen für Gillerns abendlichen Lauf durch die Innenstadt. Als jedoch der Falter 2008 über die Causa berichtete, meldeten sich prompt zwei Studenten, die ihre einstige Sichtung auch der Polizei gemeldet hatten.

Was geschah 2007 wirklich in der diskreten Schwulensauna? Hat die Polizei Hinweise auf ein Verbrechen tatsächlich übergangen? Kathy Gilleran erhofft sich nun als letzten Ausweg von der Volksanwaltschaft Antworten auf diese Fragen. Diese könnte den Fall nochmals aufrollen – etwa indem sie von der Polizei die Herausgabe relevanter Informationen zum ominösen Streit im Kaiserbründl fordert.

Diese finden sich zwar im polizeilichen Ermittlungsakt – doch der ist geheim. Mutter Kathy hat mehrmals beantragt, das Dokument einsehen zu dürfen. Die Beamten jedoch lehnten ab.

Begründung: Es könnte ja möglich sein, dass Sohn Aeryn noch lebt. Und dann würde es seine Privatsphäre gefährden, wenn die Mutter Einsicht in die Ermittlungen nehmen würde.

Mehr zum Fall Aeryn Gillern?
Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
“Einen total perplexen, verfolgten Eindruck” (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)
Vier Jahre ohne Spur (November 2011)

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Aeryn Gillern, Wien

3 Antworten zu “Abgängig mitten im ersten Bezirk

  1. colleen Rea

    why can’t the US embassy help her with this investigation?

  2. Pingback: Sechs Jahre ohne Spur: Eine Mutter trauert um den verschollenen Sohn | Geppbloggt

  3. Pingback: Fall Aeryn Gillern: Die Polizei rollt die Causa neu auf | Geppbloggt

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