Vier Jahre ohne jede Spur

Aus dem FALTER 44/2011

2007 verschwand in Wien ein US-Amerikaner. Seine Mutter kämpft gegen das Vergessen

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Hans Hochstöger

Vergangenen Samstag, 29. Oktober, von 18.45 bis 20.20 Uhr, stand Kathy Gilleran wie jedes Jahr vor der Schwulensauna Kaiserbründl. Sie hielt ein Foto und eine Kerze in der Hand. Das ist für sie ein jährliches Ritual geworden. Mitte Oktober kommt die US-Amerikanerin regelmäßig aus Cortland, Bundesstaat New York, angereist, um zu fragen, was mit ihrem Sohn geschehen ist.

Vor genau vier Jahren, am 29. Oktober 2007, gegen 18.45 Uhr, rannte Aeryn Gillern, damals 34, nackt aus der Sauna in der Weihburggasse im ersten Bezirk und verschwand spurlos. Die Polizei denkt, er habe Selbstmord mittels Sprung in den Donaukanal begangen. Eine Leiche wurde aber nie gefunden. Der einzige Zeuge des angeblichen Suizids, ein Angler, änderte mehrmals die Aussage.

Kathy Gilleran wirft der Polizei Desinteresse, Schlampereien und Homophobie vor. “Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb sie 2008 an die damalige US-Senatorin Hillary Clinton. “Wenn ich sage, dass das Verhalten der Polizei an Sadismus grenzt, übertreibe ich nicht.“

Mahnwache für den Verschwundenen: Mutter Kathy Gilleran und ein Freund von Aeryn Gillern vor der Sauna Kaiserbründl (Foto: Hochstöger)

Für die angesprochene Behörde stellt sich der Fall trotzdem derart klar dar, dass die Ermittlungen, kaum begonnen, wieder eingestellt wurden: Ein Streit unter Saunagästen habe Gillern zu einer Panikattacke und der selbstmörderischen Flucht verleitet. Doch welcher Streit löst so etwas aus?

Bei kaum einem Fall der letzten Jahre bleiben so viele Fragen offen: Minuten vor seiner angeblichen Panikattacke schrieb Gillern noch eine harmlose SMS an seinen Lebenspartner: Call you then, will be home soon. Flugtickets für eine bevorstehende Reise waren gebucht, zu Hause am Küchentisch lagen Rice Krispies, die Gillern am nächsten Tag seinen Kollegen bei der Unido mitbringen wollte.

Dazu kommt eine Polizeiarbeit, die die Geschehnisse jenes Abends eher zusätzlich zu verschleiern denn aufzuklären scheint. So begründete die Polizei laut Kathy Gilleran den Selbstmord mit einer positiven Aidsdiagnose – dabei fand sich gerade unter jenen Unterlagen, die zu Ermittlungszwecken konfisziert worden waren, ein negativer HIV-Test. Außerdem behauptete die Polizei gegenüber der verzweifelten Mutter stets, es habe außer dem Angler keine Zeugen des Vorfalls gegegeben. Als jedoch der Falter 2008 über Gillern berichtet hatte, meldeten sich prompt zwei Studenten, die ihn 2007 durch die Innenstadt laufen sahen – was sie Tage danach auch bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatten.

Mittlerweile räumt Friedrich Kovar, Menschenrechtskoordinator der Wiener Polizei, Kommunikationsmängel und homophobe Anwandlungen eines inzwischen pensionierten Ermittlers ein. Doch eine polizeiinterne Untersuchung der Vorwürfe endete ergebnislos. Und auch eine parlamentarische Anfrage der Grünen an die damalige ÖVP-Innenministerin Maria Fekter brachte kaum neue Erkenntnisse.

Das liegt vor allem daran, dass niemand weiß, welche Ermittlungen im Fall Gillern eigentlich durchgeführt wurden. Sämtliche Angaben dazu – alle Einvernahmen und Abläufe – stünden zwar im Ermittlungsakt. Doch die Polizei will ihn nicht an die Mutter herausgeben. Begründung: Sollte der Sohn noch leben, würde es seine Privatsphäre beschneiden, wenn Angehörige Details aus seinem Leben erfahren würden.

Auch wenn neue Erkenntnisse ausbleiben und Gillerns Verschwinden inzwischen vier Jahre zurückliegt, zieht der Fall weite Kreise. Im Vorjahr drehte etwa das kalifornische Dokumentarfilmerpaar John und Gretchen Morning einen Film über Aeryn Gillern und seine kämpferische Mutter Kathy. Nach Aufführungen in den USA wurde der Film “Gone“ kürzlich auch im Rahmen der Viennale in Wien uraufgeführt.

Als Kathy Gilleran vergangenen Samstag wie jedes Jahr mit Kerze und Foto vor dem Kaiserbründl stand, gesellten sich erstmals einige Passanten zu ihr. Es waren Leute, die im Kino den Film gesehen hatten.

Mehr zum Fall Aeryn Gillern?
Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
“Einen total perplexen, verfolgten Eindruck” (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)

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