„Ein bissl einen Schutz wird der Segen schon bringen“

Gottesfürchtig und tierlieb: Am Montag trafen sich Zweibeiner und Vierbeiner zur Haustiersegnung am Stephansplatz

Reportage: Joseph Gepp

Was sie auch macht, sie macht es nicht richtig, die katholische Kirche. Zieht sie sich hinter dicke alte Mauern zurück und übt sich dort in Einkehr und Mystizismus, dann reden die Leute etwas von wegen radikal und vermuten schlimmste Dinge, die hinter den Mauern geschehen. Geht die Kirche aber in die Welt hinaus, öffnet sie sich dem Volk, hebt sie freudig ihre Arme zum Segen aller – dann verlangen die Leute Spiritualität, Wahrheit, Einkehr, und das kirchliche Verhalten scheint ihnen indifferent und sich dem gottlosen Mainstream anbiedernd.

Gemessenen Schritts gehen sie in Richtung Bühne und flüstern einander noch letzte joviale Scherze zu, bevor der gestrenge Hauptteil des Abends beginnt. Da ist Toni Faber, Wiener Dom- und Society-Pfarrer, sozusagen der Lugner unter den Priestern. Da ist daneben Maggie Entenfellner, Tierbeauftragte der Kronen Zeitung, eines Blattes, dem man ziemlich alles vorwerfen kann außer mangelnde Tierliebe. Der verstorbene Chef, der seinen Hund bekanntlich lieber streichelte, als Macht auszuüben, hätte seine Freude gehabt an diesem Abend. Heute steht am Stephansplatz eine Haustiersegnung an.

Es ist später Montagnachmittag, 4. Oktober, es regnet, Tag des heiligen Franz von Assisi, Schutzpatron der Tiere. Es kommt erwartungsgemäß exakt jene Gesellschaftsschicht, die sich in solcher Rein-form vielleicht nur in Österreich findet: Menschen, die bestenfalls zu einem konservativen, gemeinhin aber zu einem beharrend-ängstlichen bis intoleranten Weltbild neigen – aus dem nur eine kompromisslose Natur- und Tierliebe als unerklärliche Eigenart hervorsticht.

Und sie bringen ihre Tiere. Zum Großteil sind es Hunde aller Größen und Rassen. Aber auch Katzen sind da, ein Dutzend Fiakerpferde vor ihren Kutschen, einige Meerschweinchen. Ein Mann im Lodenjanker trägt zwei winzige Hunde im Arm und zieht eine Ziege im Schlepptau hinter sich her. Alle paar Minuten büxt ein Hund in der Menge aus, dann entsteht ein kurzer Tumult, bis der Ausreißer vom Besitzer und einigen herbeispringenden Helfern niedergerungen und mit Spaßgeschimpfe wieder auf den Halterarm gehievt wird. Sogar ein paar Kampfhundebesitzer sind gekommen, ihre Tiere tragen jene beschrifteten Kunststoffgeschirre, die man derzeit so häufig sieht. „Betriebsrat“ steht auf einem, und daneben: „Die tut nix“.

meerschweinchen
Poldi und Diego heißen diese beiden gesegneten Nagetiere aus
Rudolfsheim-Fünfhaus
(Foto: Heribert Corn)

Warum kommen Menschen hierher? Schaden kann’s ja nicht, antworten einige. „Ein bissl einen Schutz wird der Segen schon bringen“, sagt eine ältere Frau, die ihren Pekinesen in einem Kinderwagen herumführt. Die kleine Celina habe sie in Ungarn aus der Tötungsbatterie für Straßenhunde gerettet – einen Tierschutz wie bei uns gebe es dort ja nicht, sagt sie. Dann nähert sich eine zweite Pekinesenbesitzerin und lässt die zerknautschte Schnauze ihres Kleinen zum Kennenlernen in den Kinderwagen schnüffeln. Dessen Besitzerin freut sich über die Aufmerksamkeit. „Er ist halt kein Läufer“, erklärt sie danach das Gefährt. „Wenn er nicht mehr will, dann legt der sich hin und steht einfach nicht mehr auf. Deshalb habe ich den Wagen gekauft.“

Unterdessen erschallen auf der Bühne zwei Salutschüsse. Das markiert einerseits den Übergang von einer Hundeleistungsschau des Bundesheers zur Segnung und verschreckt andererseits die kleinen Hunde so sehr, dass sie sich zitternd an die Jackenkrägen ihrer Besitzer krallen.

Die bilden nun ein Spalier, durch das Entenfellner, Faber und seine Entourage die Bühne betreten. Anton Faber erzählt danach von Franz von Assisi, Maggie Entenfellner spricht das Wort des lebendigen Gottes. Faber tunkt ein Stück Strauchwerk in geweihtes Wasser und verspritzt es.

Eins der Fiakerpferde beginnt zu scheuen, als die Nässe auf seine Nüstern trifft. Kleine Hund ragen nun ebenso in die Luft wie Meerschweinchen. Möglichst jeder will etwas vom heiligen Nass abbekommen. „Der Segen umgebe die Tiere wie ein Schutzwall und bewahre sie von allem Unheil“, sagt Anton Faber. Amen.

Erschienen im Falter 40/2010

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